{"id":10906,"date":"2011-11-01T00:00:29","date_gmt":"2011-10-31T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10906"},"modified":"2022-07-26T14:22:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:34","slug":"geht-endlich-pleite-damit-wir-schluss-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/geht-endlich-pleite-damit-wir-schluss-machen\/","title":{"rendered":"&#8222;Geht endlich pleite damit wir Schluss machen!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>StudentInnen besetzen die Hochschulen um das neue Bildungsgesetz                 zu Fall zu bringen, die Sch\u00fclerInnen tun es ihnen in den Schulen                 gleich, und auch die LehrerInnen und ProfessorInnen legen die                 Arbeit nieder. Im \u00f6ffentlichen Nahverkehr wechseln sich die Arbeitsk\u00e4mpfe                 bei Bussen, Bahnen, Metro und Stra\u00dfenbahn ab, und um die M\u00fcllberge                 in den Gro\u00dfst\u00e4dten abzutransportieren wird der Einsatz der Armee                 diskutiert.<\/p>\n<p>Unterdessen wird in einzelnen Gegenden der Sprit knapp, da die                 Besitzer von Tanklastwagen erneut gegen die \u00d6ffnung ihrer Berufssparte                 protestieren. Aus dem gleichen Grund liefern sich Taxifahrer Stra\u00dfenschlachten                 mit den Schl\u00e4gern der MAT-Sondereinheiten der Polizei. In Nordgriechenland                 fehlt das Heiz\u00f6l, da die ZollbeamtInnen streiken und immer wieder                 fallen Fl\u00fcge aus, da einmal die Fluglotsen, ein anderes Mal das                 Bodenpersonal im Ausstand ist. <\/p>\n<p>F\u00fcr den 19. und 20. Oktober haben die Dachgewerkschaftsverb\u00e4nde                 des \u00f6ffentlichen Dienstes ADEDY und der Industriegewerkschaft                 GSEE gemeinsam mit den Basisgewerkschaften und der kommunistischen                 Pame zum zweiten Generalstreik im Oktober aufgerufen. Beim ersten                 am 6. Oktober war es sozusagen zur Begr\u00fc\u00dfung der Troika aus EU-Kommission,                 Europ\u00e4ischer Zentralbank (EZB) und Internationalem W\u00e4hrungsfond                 (IWF) erneut zu Stra\u00dfenschlachten in Athen gekommen. Zur Prozesser\u00f6ffnung                 gegen inhaftierte Mitglieder der anarchistischen Stadtguerilla                 <i>Revolution\u00e4rer Kampf<\/i> (EA) und der Mitgliedschaft beschuldigter                 AnarchistInnen demonstrierten au\u00dferdem schon am 5. Oktober mehr                 als 4.000 Menschen f\u00fcr die &#8222;sofortige Freilassung der EA-Mitglieder&#8220;                 in Athen.<\/p>\n<h3>Unerw\u00fcnscht und gejagt<\/h3>\n<p>Die Delegierten der Troika, die sich seit Anfang Oktober zum                 wiederholten Mal in Athen aufhalten, sehen sich fast t\u00e4glich Angriffen                 und Anfeindungen ausgesetzt. <\/p>\n<p>Die drei Delegationsleiter gehen nicht mehr ohne Personensch\u00fctzer                 aus dem Hotel und nehmen auch f\u00fcr kurze Wege aus Sicherheitsgr\u00fcnden                 einen Wagen. <\/p>\n<p>&#8222;Das geh\u00f6rt zu den unsch\u00f6nen Seiten meiner Arbeit und ist in                 dieser Intensit\u00e4t neu f\u00fcr mich&#8220;, betonte der d\u00e4nische Leiter der                 IWF-Delegation in Athen, Poul Mathias Thomsen gegen\u00fcber der Presse.                 Von der Einsch\u00e4tzung der Delegation machen die Euro-L\u00e4nder die                 Freigabe der n\u00e4chsten acht Milliarden Euro-Rate abh\u00e4ngig. Die                 Regierung in Athen muss strikte Auflagen f\u00fcr den Erhalt der Gelder                 erf\u00fcllen, kann aber das vereinbarte Sparziel beim Haushaltsdefizit                 in diesem Jahr trotzdem nicht einhalten. <\/p>\n<p>Diese Hiobsbotschaft aus Athen l\u00f6ste wieder einmal einen Kurssturz                 an den Aktienm\u00e4rkten aus. Der Euro fiel bis auf 1,3315 Dollar                 und damit auf den tiefsten Stand seit Mitte Januar. Die B\u00f6rsianer                 sind laut der linksliberalen Athener Tageszeitung <i>Eleftherotyp\u00eda<\/i>                 &#8222;ernsthaft besorgt, dass die Hilfszahlungen und der strikte Sparkurs                 nicht ausreichen&#8220;, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Wof\u00fcr                 es Gr\u00fcnde gibt.<\/p>\n<p>Unter anderem sehen sich die Steuerbeh\u00f6rden nach wie vor nicht                 in der Lage die herrschende Elite am Steuerhinterziehen zu hindern.                 Sogar offizielle Regierungsquellen sprechen mittlerweile von 36                 Milliarden Euro, die allein im letzten Jahr auf Schweizer Konten                 verschoben wurden, andere Quellen gehen von 60 Milliarden Euro                 aus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend kleine HausbesitzerInnen mittlerweile pro Quadratmeter                 Wohnfl\u00e4che eine &#8222;Sonderabgabe&#8220; per Stromrechnung bezahlen m\u00fcssen,                 und falls sie sich weigern oder nicht bezahlen k\u00f6nnen, einfach                 den Strom gekappt bekommen, wird der immense Besitz der orthodoxen                 Kirchen nach wie vor gar nicht besteuert. <\/p>\n<p>Zur Ankunft der Troika hatten die Ministeriumsangestellten sechs                 Ministerien besetzt um der Delegation zu verdeutlichen, dass sie                 unerw\u00fcnscht ist. Erstaunlich ist das nicht, hat doch die sozialdemokratische                 Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Gi\u00f3rgos Papandr\u00e9ou auf deren                 Druck beschlossen 30.000 MitarbeiterInnen des \u00f6ffentlichen Dienstes                 in &#8222;Reserve&#8220; zu schicken. <\/p>\n<p>Dort wird ihnen zwar noch f\u00fcr ein Jahr 60 Prozent ihres Gehalts                 ausgezahlt, wer dann jedoch keine neue Stelle im \u00f6ffentlichen                 Sektor gefunden hat, fliegt raus. Diese 30.000 Entlassungen sind                 der Troika allerdings lange nicht genug. <\/p>\n<p>Einem Bericht der konservativen Athener Tageszeitung <i>Ta N\u00e9a<\/i>                 vom 8. Oktober zufolge, sind die Vertreter der Troika besorgt,                 dass nur \u00e4ltere Staatsbedienstete, die kurz vor der Pensionierung                 stehen, in die &#8222;Personalreserve&#8220; geschickt w\u00fcrden. Das sei dann                 aber nur ein &#8222;Fr\u00fchpensionierungsprogramm, das kaum Geld sparen&#8220;                 w\u00fcrde. Zudem gibt es in der EU die Bef\u00fcrchtung, dass viele der                 laut griechischer Verfassung unk\u00fcndbaren Staatsbediensteten vor                 Gericht ziehen und dort ihre Wiedereinstellung einklagen k\u00f6nnten.               <\/p>\n<p>Die Verkleinerung des tats\u00e4chlich v\u00f6llig \u00fcberdimensionierten                 \u00f6ffentlichen Dienstes ist eine der Bedingungen, die EU, EZB und                 IWF an die Auszahlung der n\u00e4chsten Tranche von acht Milliarden                 Euro gekn\u00fcpft haben. Und Griechenland ben\u00f6tigt bis Mitte November                 dringend frisches Geld, verk\u00fcndete Wirtschaftsminister Ev\u00e1ngelos                 Veniz\u00e9los Anfang Oktober, um \u00c4ngste zu zerstreuen, der Staat k\u00f6nne                 die Oktoberl\u00f6hne nicht \u00fcberweisen &#8211; hatte es doch bislang gehei\u00dfen,                 dass das Land ohne neue Hilfsgelder schon Mitte Oktober pleite                 sei.<\/p>\n<p>Der Eurogruppen-Chef Jean-Claude Junker betonte unterdessen,                 niemand habe sich bisher daf\u00fcr ausgesprochen, Griechenland kein                 Geld mehr zu leihen und pleite gehen zu lassen. &#8222;Wir werden alles                 tun, um das zu verhindern. Niemand hat sich f\u00fcr einen Ausschluss                 Griechenlands aus der Euro-Zone ausgesprochen.&#8220; <\/p>\n<p>Doch auch in der EU wachsen die Zweifel, ob die Staatspleite                 noch zu verhindern ist. <\/p>\n<p>Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent wird trotz aller Dementis                 immer wahrscheinlicher. <\/p>\n<p>Allen brutalen Sparma\u00dfnahmen zum Trotz wird das Land auch in                 diesem Jahr mehr neue Schulden machen als mit EU und IWF urspr\u00fcnglich                 vereinbart. <\/p>\n<p>Die Defizitquote wird voraussichtlich bei 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts                 (BIP) liegen, statt wie angestrebt bei 7,6 Prozent. <\/p>\n<p>F\u00fcr 2012 rechnet die Regierung mit einem Minus von 6,8 Prozent                 statt der bisher angek\u00fcndigten 6,5 Prozent. Zudem wird die griechische                 Wirtschaft auch im n\u00e4chsten Jahr wohl erneut schrumpfen und sich                 die Arbeitslosigkeit weiter versch\u00e4rfen. (Gr\u00fcnde hierf\u00fcr siehe                 GWR 361 vom Sept.) <\/p>\n<p>Wie aus dem Anfang Oktober vorgelegten Haushaltsentwurf der Regierung                 hervorgeht, d\u00fcrfte die Wirtschaftsleistung 2012 abermals um 2,5                 Prozent zur\u00fcckgehen. <\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Jahr wird mit einem Einbruch des BIP um 5,5 Prozent                 gerechnet. Der Schuldenberg erh\u00f6ht sich dieser Einsch\u00e4tzung zufolge                 im kommenden Jahr auf 371,9 Milliarden Euro und damit auf 173                 Prozent des BIP, nach gesch\u00e4tzten 161,8 Prozent in diesem Jahr.               <\/p>\n<h3>ParlamentarierInnen in Not<\/h3>\n<p>Unterdessen gehen die seit Sommer immer wieder stattfindenden                 Attacken auf Pasok-ParlamentarierInnen und Minister weiter. Neustes                 Angriffsziel wurde Innenminister Ch\u00e1ris Kastan\u00eddis, der bei einem                 Kinobesuch am 8. Oktober in Thessalon\u00edki von StudentInnen erkannt,                 ausgebuht und mit Joghurt beworfen wurde. <\/p>\n<p>Immer wieder spannend f\u00fcr den interessierten Beobachter ist der                 Zeitpunkt, an dem sozialdemokratische Abgeordnete ihre pers\u00f6nliche                 Grenze erreichen, an dem sie den morgendlichen Blick in den Spiegel                 nicht mehr zu ertragen scheinen. Mitte Oktober waren es die Pasok-Parlamentarier                 Thom\u00e1s Romb\u00f3poulos und Odyss\u00e9as Boudo\u00faris, die der Parteif\u00fchrung                 ihre Gefolgschaft aufk\u00fcndigten. Boudo\u00faris kritisierte die durch                 die Regierung angestrebte K\u00fcrzung der L\u00f6hne in der Industrie,                 wodurch die &#8222;kollektiv ausgehandelten Tarifvertr\u00e4ge unrechtm\u00e4\u00dfig                 au\u00dfer Kraft gesetzt&#8220; w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Romb\u00f3poulos findet es unertr\u00e4glich einem &#8222;Parlament ohne Entscheidungsgewalt&#8220;                 anzugeh\u00f6ren und k\u00fcndigte zuerst an, sein Mandat am 18. Oktober                 niederlegen zu wollen, um in der Folge zu erkl\u00e4ren, nun doch als                 &#8222;unabh\u00e4ngiger Parlamentarier&#8220; weiterzumachen. <\/p>\n<p>Letztendlich stimmte einzig die Abgeordnete Louka Katseli, die                 sofort aus der Pasok-Fraktion ausgeschlossen wurde, gegen das                 von der Parteif\u00fchrung eingebrachte Gesetzespaket.<\/p>\n<p>Die heterogene anarchistische Bewegung ist das ganze Theater                 inzwischen mehr als leid und hofft auf ein baldiges Ende wobei                 jede erdenkliche &#8222;Hilfe zum Erreichen des Staatsbankrotts&#8220; angek\u00fcndigt                 wird. <\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt das Redaktionskollektiv von <i>indymedia athens: <\/i>&#8222;Seit                 mittlerweile zwei Jahren hypnotisieren sie die Bev\u00f6lkerung mit                 der drohenden Staatspleite. Mit dieser herrlich aufgebauschten                 Drohkulisse haben sie es innerhalb k\u00fcrzester Zeit geschafft, die                 Errungenschaften von zwei Jahrhunderten opferreicher K\u00e4mpfe der                 Arbeiterbewegung sprichw\u00f6rtlich in Nichts aufzul\u00f6sen. <\/p>\n<p>Sollen sie doch endlich pleite gehen, damit wir sehen was geschieht.                 Sollen ihre Banken schlie\u00dfen, ihre Fabriken, ihre Universit\u00e4ten                 dicht machen, sich ihre Armeen aufl\u00f6sen und sie endlich alle auf                 der M\u00fcllhalde der Geschichte landen. Wir sind hier, um uns das                 zur\u00fcckzuholen was uns gestohlen wurde. Wir sind hier, um dem Niedergang                 eures verrotteten Systems beizuwohnen und werden alles daf\u00fcr tun,                 damit es noch eine Stunde fr\u00fcher zusammenbricht.&#8220;<\/p>\n<h3>Nachtrag (vom 21.10.2011)<\/h3>\n<p>Am zweiten Tag des 48st\u00fcndigen Generalstreiks kam es erneut zu                 schweren Auseinandersetzungen in Athen. Erstmals seit 16 Jahren                 hatte die von der stalinistischen KKE dominierte Gewerkschaftsfront                 Pame gemeinsam mit den anderen Gewerkschaften zur Demonstration                 und Belagerung des Parlaments aufgerufen. W\u00e4hrend im Parlament                 \u00fcber das von der Troika aufoktroyierte Spardiktat abgestimmt wurde,                 \u00fcbernahm es die Pame-Schutztruppe, bestehend vor allem aus Mitgliedern                 der Bauarbeitergewerkschaft, anstelle der MAT-Schl\u00e4gereinheiten                 der griechischen Polizei das Parlamentsgebaude gegen eventuelle                 Angriffe anderer DemonstrantInnen abzuschirmen. <\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte in der Folge zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen                 der Pame-Schutztruppe und einem der antiautorit\u00e4ren Demobl\u00f6cke.<\/p>\n<p>Als Sondereinsatztruppen der Polizei beide beteiligten Gruppen                 mit Tr\u00e4nengas- und Blendschockgranaten beschossen, erlitt der                 53-j\u00e4hrige Dimitris Kotzaridis, ein arbeitsloses Mitglied der                 Bauarbeitergewerkschaft, vor dessen F\u00fcssen eine der Granaten explodierte,                 einen Atem- und Herzstillstand. <\/p>\n<p>\u00c4rzte, die vergeblich versuchten ihn wiederzubeleben, f\u00fchren                 seinen Tod auf das Einatmen des Tr\u00e4nengases zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>StudentInnen besetzen die Hochschulen um das neue Bildungsgesetz zu Fall zu bringen, die Sch\u00fclerInnen tun es ihnen in den Schulen gleich, und auch die LehrerInnen und ProfessorInnen legen die Arbeit nieder. 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