{"id":10940,"date":"2011-11-01T00:00:04","date_gmt":"2011-10-31T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10940"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"gegen-die-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/gegen-die-arbeit\/","title":{"rendered":"Gegen die Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Der antifaschistische Philosoph Benedetto Croce pr\u00e4gte den ber\u00fchmten                 Satz: &#8222;Geschichte ist immer Zeitgeschichte.&#8220; Diese Aussage l\u00e4sst                 sich durchaus auf mein Buch <i>Gegen die Arbeit<\/i> \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Es hat seine Wurzeln in den &#8222;langen Sechzigerjahren&#8220;, deren radikalste                 ProtagonistInnen eine Sozial- und Kulturkritik des Konsumkapitalismus                 entwickelten. <\/p>\n<p>Die Kulturrevolution der Sechzigerjahre erneuerte die der Arbeiterbewegung                 von jeher innewohnende Infragestellung der Lohnarbeit. Die Konzeption                 von <i>Gegen die Arbeit<\/i> war von der nach 1968 aufkommenden                 &#8222;Kritik der Arbeit&#8220;, die ich mir w\u00e4hrend meiner Zeit in Paris                 von 1979 bis 1982 aneignete, zwar beeinflusst, aber nicht vollst\u00e4ndig                 bestimmt. <\/p>\n<p>Zu jener Zeit machte ich die Bekanntschaft einiger Franz\u00f6sinnen                 und Franzosen, deren Neudefinition der k\u00fcnftigen Revolution darin                 bestand, dass nicht mehr f\u00fcr Lohn gearbeitet w\u00fcrde. Ihre Position                 erinnerte an die im neunzehnten Jahrhundert sowohl von MarxistInnen                 als auch von AnarchistInnen artikulierte Forderung nach Abschaffung                 der Lohnarbeit.<\/p>\n<p>Auf der pragmatischen Ebene \u00fcberlebten die jungen Leute dieses                 Pariser Zirkels in ihrem teuren st\u00e4dtischen Umfeld, indem sie                 gelegentlich Aushilfsjobs \u00fcbernahmen oder Arbeitslosen- und Sozialhilfe                 bezogen.<\/p>\n<p>Trinken, Rauchen und die gelegentliche Intensivierung dieser                 Gen\u00fcsse durch den Konsum weicher Drogen waren f\u00fcr dieses Milieu                 charakteristisch.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, der ich Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre                 in den USA studiert hatte, waren diese hedonistischen Aktivit\u00e4ten                 meiner Bekannten weniger schockierend als ihre arbeitsfeindliche                 Ideologie. <\/p>\n<p>Die PariserInnen machten mich mit wichtigen Texten wie der Anthologie                 <i>La fin du travail <\/i>und dem Pamphlet <i>Le refus du travail<\/i>                  ((2)) vertraut. Beide Publikationen                 vertraten die Auffassung, dass Arbeit Unterdr\u00fcckung sei, und strichen                 zugleich heraus, dass die Arbeiter Widerstand gegen sie leisteten.<\/p>\n<h3>Skeptische Sicht auf Lohnarbeit<\/h3>\n<p>Diese Skepsis gegen\u00fcber der Lohnarbeit schrieb das neu erwachte                 Interesse an einer Geschichte der Arbeit fort. Es war in den 60er-                 und 70er-Jahren in Frankreich und anderen westlichen Staaten aufgekommen,                 als erstmals Historiker die Geschichte allt\u00e4glicher Arbeitsverweigerungen                 durch die Arbeiter aufzuzeichnen begannen. ((3))               <\/p>\n<p>In jenen Jahren verfassten Michelle Perrot und Michel Foucault                 Werke zur Geschichte der Abwehr von Disziplinierungstechniken                 durch ArbeiterInnen, Frauen, Gefangene und andere. ((4))                 Diese Geschichtsschreibung von unten lie\u00df das Streben der unteren                 Klassen nach Autonomie wieder aufleben und spiegelte eine allgemeine                 Krise des <i>militantisme<\/i>. <\/p>\n<p>So formulierte Foucault Anfang der Siebzigerjahre: &#8222;Die Massen                 brauchen ihn [den Intellektuellen] nicht, um Wissen zu erlangen.                 Sie wissen vollkommen Bescheid, ohne Illusionen; sie wissen es                 besser als er und sind durchaus in der Lage, sich auszudr\u00fccken.&#8220;                  ((5)) <\/p>\n<p>AktivistInnen und Militante, die nicht selbst ArbeiterInnen waren,                 hatten nur untergeordnete Rollen zu spielen, wenn Autonomie und                 Selbstbestimmung der ArbeiterInnen das Ziel waren. Die Intellektuellen                 konnten die Bewegung ganz sicher nicht im leninistischen Sinne                 f\u00fchren oder ihr revolution\u00e4res Bewusstsein verleihen, wenn, wie                 radikale linke Kritiker des orthodoxen Marxismus postulierten,                 das Klassenbewusstsein durch den Kampf selbst &#8211; und nicht durch                 wohlmeinende Intellektuelle &#8211; gebildet wurde. <\/p>\n<h3>Wiederbelebung libert\u00e4rer Traditionen <\/h3>\n<p>Die von Perrot, Foucault und anderen verfassten Werke zur Arbeits-                 und Sozialgeschichte dokumentierten &#8211; und erweckten &#8211; den Wunsch,                 libert\u00e4re Traditionen wiederzubeleben.<\/p>\n<p>Viele meiner Freunde und Bekannten im Paris der sp\u00e4ten Siebziger-                 und fr\u00fchen Achtzigerjahre machten sich R\u00e4tekonzepte zu eigen und                 forderten Arbeiterselbstverwaltung.<\/p>\n<p>Richard Gombins Schl\u00fcsseltext lieferte die positive Neubewertung                 eines linken Radikalismus, den Lenin als &#8222;Kinderkrankheit&#8220; abgetan                 hatte. ((6)) <\/p>\n<p>Antileninistische Linke ihrerseits lehnten Weisungen &#8222;revolution\u00e4rer&#8220;                 politischer Parteien und angeblich repr\u00e4sentativer Gewerkschaften                 ab und bef\u00fcrworteten statt dessen wilde Streiks, Fabrikbesetzungen                 und verschiedene Formen der Arbeiterkontrolle, die, wie sie sagten,                 den realen Sozialismus der Zukunft vorwegnahmen &#8211; getreu dem Motto                 der Ersten Internationale: &#8222;Die Befreiung der Arbeiterklasse kann                 nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.&#8220; <\/p>\n<p>Gombin argumentierte, dass der junge Georg Luk\u00e1cs, Karl Korsch                 und Anton Pannekoek sich darin einig gewesen seien, dass eine                 erfolgreiche Revolution der Arbeiter letztlich auf die Arbeiter                 selbst bauen m\u00fcsse. <\/p>\n<p>Aber wie so viele ihrer bolschewistischen GegnerInnen vertraten                 diese R\u00e4tekommunisten des fr\u00fchen zwanzigsten Jahrhunderts ein                 produktivistisches Revolutionskonzept. <\/p>\n<p>Sie gingen davon aus, dass die Arbeiter die unter ihrer Kontrolle                 stehenden landwirtschaftlichen Betriebe und Fabriken effizient                 verwalten w\u00fcrden. Das r\u00e4tekommunistische Projekt stand im Gegensatz                 zum Geist der ArbeitsgegnerInnen, deren neu belebter <i>ouvrierisme                 <\/i>der 70er-Jahre postulierte: &#8222;Die Arbeit ist der Fluch der                 trinkenden Klasse.&#8220; <\/p>\n<p>Die situationistische Parole &#8222;Arbeitet niemals!&#8220; \u00fcbte auf viele                 dieser jungen Linken eine gro\u00dfe Anziehungskraft aus. <\/p>\n<p>Der spielerische Geist der <i>situs <\/i>wandte sich gegen die                 Verwandlung von K\u00fcnstlern in Arbeiter, wie sie in den kommunistischen                 Staaten stattgefunden hatte, und wollte statt dessen ArbeiterInnen                 in K\u00fcnstlerInnen verwandeln. <\/p>\n<p>Die SituationistInnen waren zweifellos klug und provokativ, aber                 es blieb fraglich, ob sie oder irgendeine andere linke Gruppe                 die Spannung zwischen Arbeiterselbstverwaltung und den unvermeidlichen                 gesellschaftlichen Produktionsanforderungen aufheben konnten.                 Bezeichnenderweise mythologisierten gerade die <i>situs <\/i>die                 w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs von Anarchisten und Marxisten                 gegr\u00fcndeten Kollektive als den H\u00f6hepunkt menschlicher Errungenschaften.<\/p>\n<p>Sie ignorierten die produktivistische Denkweise der AnarchosyndikalistInnen                 ebenso wie den Widerstand der ArbeiterInnen. <\/p>\n<p>&#8222;Diego Abad de Santill\u00e1n &#8211; ein Anf\u00fchrer und Theoretiker der CNT,                 der sie sp\u00e4ter, w\u00e4hrend der Revolution in der katalanischen Regionalregierung,                 der Generalitat, repr\u00e4sentierte &#8211; stand beispielhaft f\u00fcr die Verschiebungen                 in der anarchosyndikalistischen Ideologie Spaniens.<\/p>\n<p>Santill\u00e1n hatte zun\u00e4chst der l\u00e4ndlichen Gemeinde den Vorzug gegeben                 und sich gegen die Dominanz des sindicato (Gewerkschaft) in der                 anarchistischen Bewegung gewandt; wurde dann aber zu einem der                 energischsten Verfechter des sindicato als Basis f\u00fcr die Revolution.               <\/p>\n<p>Auch wandelte er sich vom eifrigen Kritiker kapitalistischer                 Technologie und Arbeitsorganisation zum enthusiastischen Bef\u00fcrworter                 derselben. <\/p>\n<p>Noch 1931 schrieb er, der &#8222;moderne Industrialismus nach dem Muster                 von Ford ist reiner Faschismus, rechtm\u00e4\u00dfiger Despotismus. In den                 gro\u00dfen rationalisierten Fabriken ist das Individuum nichts, die                 Maschine alles. Diejenigen unter uns, die die Freiheit lieben,                 sind nicht nur Feinde des staatlichen Faschismus, sondern auch                 des wirtschaftlichen Faschismus.&#8220;<\/p>\n<p>Schon zwei Jahre sp\u00e4ter, 1933, beschrieb Santill\u00e1n die moderne                 Industrie als eine Quelle des Stolzes f\u00fcr die Menschheit, weil                 sie zur Beherrschung der Natur gef\u00fchrt habe. Er bemerkte anerkennend,                 dass die Taylorisierung die &#8222;unproduktiven Bewegungen des Einzelnen&#8220;                 beseitigt und &#8222;seine Produktivit\u00e4t&#8220; gesteigert h\u00e4tte: <\/p>\n<p>Es ist nicht n\u00f6tig, die derzeitige technische Organisation der                 kapitalistischen Gesellschaft zu zerst\u00f6ren, sondern wir m\u00fcssen                 sie nutzen. <\/p>\n<p>Die Revolution wird der Fabrik als Privateigentum ein Ende bereiten.                 Aber wenn die Fabrik bestehen und, unserer Meinung nach, verbessert                 werden muss, dann muss man wissen, wie sie funktioniert. Die Tatsache,                 dass sie gesellschaftliches Eigentum wird, \u00e4ndert das Wesen der                 Produktion oder die Produktionsmethode nicht. Die Verteilung der                 Produktion wird sich \u00e4ndern und gerechter werden. <\/p>\n<p>Santill\u00e1ns pl\u00f6tzlicher Sinneswandel wurde m\u00f6glicherweise durch                 die Weltwirtschaftskrise ausgel\u00f6st, die viele Aktivisten (einschlie\u00dflich                 einiger, die eher Anarchisten als Syndikalisten waren) zu dem                 Schluss f\u00fchrte, das Ende des Kapitalismus sei unvermeidlich, und                 dass sie in der Lage sein m\u00fcssten, den wirtschaftlichen \u00dcbergang                 zum libert\u00e4ren Kommunismus zu organisieren.<\/p>\n<p>Wie viele andere libert\u00e4re Aktivisten betonte der CNT-F\u00fchrer                 die Notwendigkeit, das &#8222;Parasitentum&#8220; zu beseitigen und f\u00fcr Arbeit                 f\u00fcr alle zu sorgen. Arbeit sei in einer revolution\u00e4ren Gesellschaft                 sowohl Recht als auch Pflicht, und er pflichtete dem alten Sprichwort                 bei: &#8222;Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen&#8220;: <\/p>\n<p>Wir suchen keine Freundschaften in der Fabrik. [&#8230;] Was uns                 vor allem in der Fabrik interessiert, ist, dass unser Arbeitskollege                 seinen Job versteht und ihn ausf\u00fchrt, ohne dass es Schwierigkeiten                 gibt, etwa weil er unerfahren ist oder die Funktionsweise des                 Ganzen nicht kennt. <\/p>\n<p>Das Heil liegt in der Arbeit und der Tag wird kommen, da die                 Arbeiter es wollen. Die Anarchisten, die einzige Str\u00f6mung, die                 nicht versucht auf Kosten anderer zu leben, k\u00e4mpft f\u00fcr diesen                 Tag. <\/p>\n<p>Er machte deutlich, dass im libert\u00e4ren Kommunismus der Produzent                 den Staatsb\u00fcrger ersetzen werde.&#8220; (S. 81-83)<\/p>\n<p>Die SituationistInnen und andere vernachl\u00e4ssigten vollkommen                 die Arbeitsverweigerungen der gew\u00f6hnlichen ArbeiterInnen w\u00e4hrend                 der Spanischen Revolution, die ein zentrales Thema von <i>Gegen                 die Arbeit <\/i>waren. Mit anderen Worten: Das nach 1968 gezeichnete                 Portr\u00e4t der arbeitenden Klasse als Tr\u00e4gerin des Widerstands gegen                 die Arbeit war nicht mit der Disziplin und dem Organisationsgrad                 zu vereinbaren, die f\u00fcr das Funktionieren von R\u00e4ten, Sowjets und                 anderen Formen produktivistischer Kollektive erforderlich sind.                 Um das Ausma\u00df der Arbeitsverweigerung einzud\u00e4mmen, griff die Spanische                 Revolution zu intensiver Propaganda. Ihren deutlichsten Ausdruck                 fand sie in den Postern der &#8222;spanischen Linken &#8211; der Kommunisten,                 Sozialisten und Anarchosyndikalisten. Die gro\u00dfen Organisationen                 verwandten erstaunlich viel Zeit und Geld auf die Herstellung                 dieser Propaganda, auch dann noch, als Papier und andere Ressourcen                 knapp und teuer geworden waren. <\/p>\n<p>Viele der Plakatk\u00fcnstler waren schon vor der Revolution in der                 Werbebranche t\u00e4tig gewesen, und sie arbeiteten nicht nur f\u00fcr eine,                 sondern f\u00fcr mehrere Organisationen. So entwarf etwa ein Funktion\u00e4r                 der Gewerkschaft der Berufsdesigner Poster f\u00fcr die CNT, die UGT,                 die PSUC und die Generalitat. Seine Gewerkschaft stellte sogar                 f\u00fcr den POUM, die unabh\u00e4ngige kommunistische Organisation, Plakate                 her. <\/p>\n<p>Es entstand ein \u00f6kumenischer Stil, der (trotz leichter thematischer                 Unterschiede) sowohl die Arbeiter als auch die Produktivkr\u00e4fte                 in nahezu identischer Weise darstellte. Selbst als sich Anarchosyndikalisten                 und Kommunisten im Mai 1937 in den Stra\u00dfen von Barcelona gegenseitig                 umbrachten, blieb die \u00e4sthetische Einheit der Volksfront bestehen.               <\/p>\n<p>Ideologische Auseinandersetzungen und Machtk\u00e4mpfe hinderten konkurrierende                 Organisationen nicht, \u00e4hnliche Darstellungen ihrer vorgeblichen                 Basis zu akzeptieren. <\/p>\n<p>Die Arbeiter auf diesen Plakaten (die im Stil dem sowjetischen                 Sozialistischen Realismus stark \u00e4hneln) arbeiten, k\u00e4mpfen oder                 sterben f\u00fcr die Sache. Diese M\u00e4nner und, gleichbedeutend, Frauen                 &#8211; denn in der spanischen Revolution waren M\u00e4nner und Frauen im                 Krieg und bei der Arbeit theoretisch gleichgestellt &#8211; k\u00e4mpften                 immer heldenhaft und unerm\u00fcdlich f\u00fcr den Sieg der Revolution oder                 der Zweiten Republik: auf dem Lande, in den Fabriken und auf dem                 Schlachtfeld. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war auf vielen Plakaten das Geschlecht der Person                 fast unbestimmbar. Wichtig waren weder die Eigenschaften noch                 der Charakter der dargestellten Individuen, sondern ihre Funktion                 als Soldat oder Arbeiter. <\/p>\n<h3>Der spanische sozialistische Realismus stand f\u00fcr die fortschreitende                 &#8222;Verm\u00e4nnlichung der Ikonografie der Arbeiterbewegung&#8220; <\/h3>\n<p>Ein Plakat der CNT, das Pessimismus und Mutlosigkeit bek\u00e4mpfen                 sollte, zeigte zwei Gestalten, einen Mann und eine Frau, die einander                 glichen. Beide hatten riesige Unter- und Oberarme, breite Schultern                 und sehr kleine K\u00f6pfe. Damit wurde ausgedr\u00fcckt, dass k\u00f6rperliche,                 nicht geistige Anstrengungen von ihnen verlangt wurden. Die Gestalten                 waren fast identisch, abgesehen davon, dass eine l\u00e4ngere Haare                 und einen unscheinbaren Busen hatte &#8211; die einzigen Hinweise auf                 Weiblichkeit in dem Bild.<\/p>\n<p>Ein Detail kennzeichnete die andere Gestalt: hochgekrempelte                 \u00c4rmel, ein leicht erkennbares Symbol f\u00fcr Handarbeit. <\/p>\n<p>Diese Kunst befasste sich einzig und allein mit der konstruktiven                 oder destruktiven F\u00e4higkeit ihrer Subjekte, die gleichzeitig ihre                 Objekte waren. <\/p>\n<p>Die K\u00fcnstler verwischten die Differenzen zwischen Soldaten und                 Produzenten, zwischen R\u00fcstungs- und ziviler Industrie ebenso sehr                 wie die zwischen Mann und Frau. <\/p>\n<p>Ein Plakat der PSUC setzte die Industrie in Kriegs- und Friedenszeiten                 in eins. In dem Bild formen die langen Schornsteine die Silhouette                 gro\u00dfer Kanonen. Ein ber\u00fchmtes CNT-Plakat transportierte die gleiche                 Aussage: Im Vordergrund ein Soldat, der sein Gewehr abfeuert;                 er erg\u00e4nzt einen Arbeiter im Hintergrund, der mit einer Sichel                 Weizen erntet, an sich schon ein Symbol der Arbeit in der sozialistisch-realistischen                 Ikonografie. <\/p>\n<p>Die Figuren w\u00e4ren ununterscheidbar, w\u00e4ren da nicht ihre Ger\u00e4tschaften                 und ihre K\u00f6rperhaltung. Lebendiges Rot und Schwarz, die Farben                 der anarchistischen Bewegung, verst\u00e4rkten das Profil der m\u00e4chtigen                 Arbeiter. Die Titelzeile lautete: Genosse, arbeite und k\u00e4mpfe                 f\u00fcr die Revolution.<\/p>\n<p>Niemals bildeten die K\u00fcnstler die Arbeiter und Soldaten auf den                 Plakaten m\u00fcde, hungrig oder krank ab. Die Produktionsmittel &#8211;                 die Fabriken, H\u00f6fe und Werkst\u00e4tten &#8211; wurden, ganz gleich wie h\u00e4sslich                 sie waren, ebenso idealisiert wie die mutigen, starken und kraftstrotzenden                 M\u00e4nner und Frauen, die f\u00fcr die Sache lebten und starben. Diese                 Darstellung der Produktivkr\u00e4fte spiegelte den Produktivismus der                 Linken und ihren Modernisierungswillen. Die Maschinen und die                 Menschheit waren heldenhaft und \u00fcberlebensgro\u00df. <\/p>\n<p>In Anbetracht der marxistischen und anarchosyndikalistischen                 Konzeption des Arbeiters ist es kaum verwunderlich, dass die revolution\u00e4re                 Kunst dessen produktive Eigenschaften unterstreichen musste. Diese                 Ideologien, welche die Arbeit und den Arbeiter verherrlichten,                 stellten die weiblichen und m\u00e4nnlichen Lohnarbeiter durchweg als                 muskul\u00f6se und m\u00e4chtige Wesen dar, die Gegenst\u00e4nde sowohl f\u00fcr den                 Konsum als auch f\u00fcr den Kampf zu schaffen in der Lage waren. Daher                 die Bedeutung des Armes und insbesondere der Hand, ein Symbol                 des homo faber und Mittelpunkt vieler Darstellungen. <\/p>\n<h3>Die Interpretation der Plakate hilft uns zu verstehen, wie einerseits                 Marxisten und Anarchosyndikalisten sich die Arbeiterklasse im                 wahrsten Sinne des Wortes vorstellten, und wie die Revolution\u00e4re                 andererseits auf das reale Verhalten der Arbeiter w\u00e4hrend des                 B\u00fcrgerkriegs und der Revolution reagierten <\/h3>\n<p>Der spanische sozialistische Realismus versuchte die Arbeiter                 zu \u00fcberzeugen: vom K\u00e4mpfen, vom Arbeiten und dem Sinn gr\u00f6\u00dferer                 Opfer. Es war Propaganda, die keinen Humor kannte und manchmal                 etwas Bedrohliches hatte. <\/p>\n<p>Die Kunst der Frente Popular zielte darauf ab, den Arbeiterwiderstand                 gegen die Arbeit zu verringern, der (wie wir sehen werden) eines                 der dr\u00e4ngendsten Probleme f\u00fcr die gesamte Linke war. Barcelonas                 Arbeiter waren daf\u00fcr bekannt, an Feiertagen und insbesondere in                 der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr nicht zur Arbeit zu                 erscheinen. Die PSUC reagierte auf einen solchen Absentismus mit                 einem Plakat, das einen Soldaten zeigte, dessen Bajonett den Samstag                 auf einem Kalender zerschneidet. Der Titel des Plakats rief zum                 Ende der Festlichkeiten auf und forderte, dass ein neuer &#8222;Kriegskalender&#8220;                 zu gelten habe. Eine andere Darstellung forderte, dass der Erste                 Mai nicht Feiertag, sondern ein Tag der &#8222;Intensivierung der Produktion&#8220;                 sein solle. <\/p>\n<p>Manchmal setzten spanische Aktivisten exzessives Trinken und                 Faulheit mit Sabotage und gar Faschismus gleich. Ein Plakat der                 CNT, das in Barcelona f\u00fcr das Departamento de orden p\u00fablico de                 Aragon hergestellt wurde, stellte einen dicken Mann dar, der eine                 Zigarette raucht und sich, scheinbar auf dem Land, gem\u00fctlich ausruhte.                 Die Farben dieses Werkes waren andere als die der meisten Plakate:                 die Gestalt war nicht rot oder schwarz, sondern gelb und reflektierte                 die Farbt\u00f6ne des sonnigen Spanien. Am unteren Rand stand zu lesen:                 Der faule Mann ist ein Faschist. Ein weiteres CNT-Plakat, wiederum                 f\u00fcr die Genossen in Aragonien, zeigte ebenfalls einen Mann, der                 eine Zigarette rauchte &#8211; ein Symbol, da mag man spekulieren, f\u00fcr                 Gleichg\u00fcltigkeit und Frechheit, denn engagierte Arbeiter und Soldaten                 wurden nicht rauchend gezeigt. Dieser Mann war von gro\u00dfen Weinflaschen                 umgeben, und das Plakat f\u00fchrte den Schriftzug: &#8222;Ein Betrunkener                 ist ein Parasit. Schalten wir ihn aus.&#8220; <\/p>\n<p>In einer Zeit, in der die Drohung mit Eliminierung nicht immer                 nur ein Ausspruch blieb und in der Arbeitslager f\u00fcr Feinde und                 Teilnahmslose durchaus in Betrieb waren, war diese Zeile besonders                 starker Tobak. Sowohl Marxisten als auch Anarchosyndikalisten                 standen den Unproduktiven feindlich gegen\u00fcber. <\/p>\n<p>Eine Vielzahl von Plakaten griff das Problem der Gleichg\u00fcltigkeit                 der Arbeiter auf. Eines zeigte eine starke rote Gestalt, die mit                 einer Schaufel im Boden grub und Arbeiter bat, sich freiwillig                 den Arbeitsbrigaden anzuschlie\u00dfen. Viele dieser Brigaden wurden                 1937 obligatorisch. Ein anderes Plakat, aus Madrid, forderte versehrte                 Veteranen auf, den Kampf durch Arbeit in den Fabriken zu unterst\u00fctzen                 und damit bisher unverletzte Arbeiter f\u00fcr den Kampf freizusetzen.                 Ein drittes enthielt den sehr direkten Aufruf: &#8222;Arbeiter, Arbeite                 und Wir werden siegen.&#8220; <\/p>\n<p>Es zeigte eine rote Gestalt mit freiem, gut gebauten Oberk\u00f6rper,                 Schmied oder Metallarbeiter, zu dessen F\u00fc\u00dfen eine Reihe von Soldaten                 ihre Waffen auf den Feind abfeuerte.&#8220; (S. 161-165)<\/p>\n<p>Als <i>Gegen die Arbeit<\/i> im Jahr 1991 ver\u00f6ffentlicht wurde,                 forderten seine ikonoklastischen Thesen alle drei in den Achtzigerjahren                 ma\u00dfgeblichen Schulen angloamerikanischer Arbeitergeschichtsschreibung                 in die Schranken: Marxismus, Modernisierungstheorie und Kulturalismus.                 Die Marxisten (E. P. Thompson, Eric Hobsbawm und Herbert Gutman)                 postulierten die fortschreitende Entwicklung des Klassenbewusstseins,                 welche die ArbeiterInnen und ihre VertreterInnen in die Lage versetzen                 w\u00fcrde, die Produktivkr\u00e4fte effizient zu verwalten. Die Modernisierungstheoretiker                 (Peter Stearns und Charles Tilly) gingen davon aus, dass sich                 die ArbeiterInnen an die Industriegesellschaft anpassen und allm\u00e4hlich                 die von mir als Widerstand gegen die Arbeit oder Arbeitsverweigerung                 bezeichneten Handlungsweisen ablegen w\u00fcrden -Streiks, Bummelei,                 Blaumachen, Krankfeiern, Zusp\u00e4tkommen, Klauen und Sabotage. Die                 Kulturalisten (Gareth Stedman Jones und die Postmodernisten) argumentierten,                 dass die Sprache die Arbeit f\u00fcr die ArbeiterInnen sinnvoll mache.               <\/p>\n<p> <i>Gegen die Arbeit <\/i>versuchte zu zeigen, dass keine dieser                 Theorien in der Lage war, den andauernden Widerstand der ArbeiterInnen                 gegen die Arbeit zu erkl\u00e4ren. Ich hatte das Wort Widerstand mit                 Bedacht gew\u00e4hlt, ich war mir seiner antifaschistischen politischen                 Bedeutung voll bewusst. <\/p>\n<p>Der Faschismus deutscher, italienischer und anderer Auspr\u00e4gungen                 ist dem Kommunismus in seiner Verg\u00f6ttlichung der Arbeit durchaus                 \u00e4hnlich. Wie der Kommunismus glorifiziert der Faschismus den Arbeiter,                 um ihn st\u00e4rker auszubeuten. <\/p>\n<p>Die Arbeitsverweigerungsformen der ArbeiterInnen waren gr\u00f6\u00dftenteils                 gewaltfrei im Sinne der &#8222;materialistischen Gewaltlosigkeit&#8220;. Indem                 sie die Fabrik- und Verwaltungshierarchien in Frage stellten,                 waren sie zugleich implizit und explizit egalit\u00e4r. <\/p>\n<p>Selbstredend ist jeder Streik eine Weigerung, Lohnarbeit auszuf\u00fchren.                 Andere Formen des Widerstands gegen die Arbeit wiederholen diese                 Verweigerungen in dem Versuch, Arbeitsplatz und Arbeitszeit zu                 meiden. Sie negieren tats\u00e4chlich auf Graswurzelebene die Bedingungen                 der Lohnarbeit.<\/p>\n<p>Paradoxerweise wurden diese Verweigerungen Ende der 30er-Jahre                 unter den Volksfrontregierungen in Frankreich und Spanien, genauer                 gesagt von 1936 bis 1938 in Barcelona und Paris, als die Linke                 die politische Macht in den H\u00e4nden hielt, fortgesetzt oder sogar                 verst\u00e4rkt. <\/p>\n<p><i>Gegen die Arbeit<\/i> setzte sich mit den Gesellschaftstheorien                 Fran\u00e7ois Guizots und Karl Marx&#8216; auseinander. Beide untersuchten                 die Herausbildung sozialer Klassen und die zwischen ihnen bestehenden                 Beziehungen. <\/p>\n<p>Die Spanische Revolution und der B\u00fcrgerkrieg brachen im Juli                 1936 in einem Land aus, in dem, \u00e4hnlich wie in Russland und China,                 die Bourgeoisie schwach gewesen war, unf\u00e4hig, die &#8222;b\u00fcrgerliche                 Revolution&#8220;, d.h. die Schaffung eines geeinten Nationalstaats,                 die Entwicklung der Produktionsmittel und die Trennung zwischen                 Staat und Kirche sowie zwischen Milit\u00e4r und Zivilregierung, zu                 vollenden. <\/p>\n<p>In Barcelona \u00fcbernahmen revolution\u00e4re AnarchosyndikalistInnen,                 KommunistInnen und SozialistInnen die Leitung der Fabriken, sahen                 sich jedoch mit Streiks, Bummelei, Blaumachen, Krankfeiern, Gleichg\u00fcltigkeit                 und geringer Produktivit\u00e4t seitens der gew\u00f6hnlichen ArbeiterInnen                 konfrontiert. <\/p>\n<p>Die Militanten der Parteien und Gewerkschaften beantworteten                 den Widerstand der ArbeiterInnen mit den gleichen repressiven                 Mitteln wie zuvor die Kapitalisten: Der Lohn wurde an die Produktivit\u00e4t                 gekn\u00fcpft und Fehlzeiten am Arbeitsplatz wurden bestraft. In vielerlei                 Hinsicht wiederholten die ArbeiterInnen und F\u00fchrungskr\u00e4fte w\u00e4hrend                 der Spanischen Revolution damit die Erfahrungen ihrer sowjetischen                 KollegInnen w\u00e4hrend und nach der Russischen Revolution. ((7))               <\/p>\n<p>Die Volksfront in Frankreich &#8211; eine Koalition der Sozialisten,                 Kommunisten und zentristischen Radikalen &#8211; war, anders als in                 Spanien, nicht revolution\u00e4r, sondern reformistisch. <\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Bourgeoisie hatte das Modell der &#8222;b\u00fcrgerlichen                 Revolution&#8220; geschaffen, indem sie die Nation geeint, ein neues                 Verh\u00e4ltnis zwischen Religion und Staat eingef\u00fchrt und die Produktivkr\u00e4fte                 stetig entwickelt hatte. <\/p>\n<p>Die Militanten der franz\u00f6sischen Arbeiterklasse hatten andere                 Pl\u00e4ne als die Vollendung einer Revolution der Mittelschicht. Nach                 dem Wahlsieg der Volksfrontkoalition brach Mitte Mai 1936 eine                 Welle von Fabrikbesetzungen los, welche insbesondere die Region                 um Paris betraf:<\/p>\n<p>&#8222;Als sie ein g\u00fcnstiges politisches und gesellschaftliches Klima                 versp\u00fcrten, verlie\u00dfen viele Arbeiter &#8211; manchmal angef\u00fchrt von                 Basisaktivisten der CGT oder des PCF, manchmal auf eigene Initiative                 hin &#8211; im Mai und Juni 1936 unerwartet ihre Maschinen oder legten                 ihre Werkzeuge nieder. Wie ein Historiker der Volksfront anmerkt:                 \u201aDie einzig befriedigende These ist [&#8230;] die einer weitgehend                 spontanen Bewegung: Daher [r\u00fchrte] ihre unerh\u00f6rte Bedeutung &#8211;                 nahezu zwei Millionen Streikende. Daher auch das besonnene Verhalten                 der Arbeitgeber, die mit dem Strom schwammen, ohne einen Versuch                 ihn aufzuhalten.&#8216; Die Arbeiter waren gl\u00fccklich, ja freudig, die                 Arbeit zu beenden und ergriffen die Gelegenheit, mit ihren Kollegen                 in den stillen Fabriken zu entspannen und manchmal auch Liebesaff\u00e4ren                 zu beginnen (Frauen stellten mehr als 20 Prozent der Arbeitskr\u00e4fte                 in der Metallverarbeitung). Obwohl viele Besetzungen spontan entstanden,                 begannen CGT-Aktivisten bald, die Streikenden zu organisieren                 und Forderungen zu formulieren. Aktive Gewerkschafter sorgten                 mit Unterst\u00fctzung der sozialistischen und kommunistischen Rath\u00e4user                 f\u00fcr die Sicherheit und Verpflegung der Arbeiter.&#8220; (S. 326-327)<\/p>\n<p>Im Juni 1936 wurde L\u00e9on Blum, der Vorsitzende der Sozialistischen                 Partei, Premierminister und gew\u00e4hrte den franz\u00f6sischen ArbeiterInnen                 h\u00f6here L\u00f6hne, die Vierzig-Stunden-Woche und zwei Wochen bezahlten                 Urlaub. <\/p>\n<p>Die Lohnabh\u00e4ngigen aber wollten mehr. Von 1936 bis 1938 f\u00fchrten                 sie einen Guerillakrieg gegen die Arbeit. In vielen wichtigen                 Pariser Fabriken sank die Produktivit\u00e4t, w\u00e4hrend der Einfluss                 der Gewerkschaftsaktivisten in den Belegschaften zunahm. Die Gewerkschafter                 setzten niedrige Produktionsquoten durch; somit wurde die Akkordarbeit                 ineffektiv. <\/p>\n<p>Die geringen Produktionsmengen schufen f\u00fcr Blums Regierung und                 die Volksfront gewaltige politische und wirtschaftliche Probleme.                 Insbesondere die Verz\u00f6gerungen bei der Fertigstellung zahlreicher                 Pavillons f\u00fcr die Pariser Weltausstellung 1937, die doch als Frankreichs                 gro\u00dfer Auftritt auf der globalen B\u00fchne gedacht war, brachten Blums                 Regierung in gr\u00f6\u00dfte Verlegenheit. <\/p>\n<p>Offizielle Vertreter der Volksfrontparteien und Gewerkschaften                 appellierten unentwegt an die ArbeiterInnen, sich mehr anzustrengen,                 um das Projekt rechtzeitig abzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&#8222;Doch trotz aller \u00f6ffentlichen Appelle ging die Produktion wie                 in Barcelona nur schleppend voran. Am 1. Februar 1937 richteten                 sich die wichtigsten Anf\u00fchrer der Volksfront gemeinsam an die                 versammelten Arbeiter der Weltausstellung. Blum erkl\u00e4rte: \u201aDie                 Ausstellung wird ein Triumph der Arbeiterklasse, der Volksfront                 und der Freiheit sein. Sie wird zeigen, dass ein demokratisches                 Regime der Diktatur \u00fcberlegen ist. [&#8230;] Die Reputation der Volksfront                 steht auf dem Spiel und ich sage euch ganz ehrlich, dass Samstags-                 und Sonntagsarbeit notwendig ist.&#8216; Der CGT-Vorsitzende L\u00e9on Jouhaux                 sagte der Menge, dass \u201aOpfer gebracht werden&#8216; m\u00fcssen. Marcel Gitton,                 einer der h\u00f6chsten PCF-Funktion\u00e4re, wandte sich an das Publikum:                 \u201aDie Ausstellung wird am 1. Mai er\u00f6ffnen, dem Tag der Arbeit (f\u00eate                 du travail). Ihr Erfolg wird die Volksfront st\u00e4rken. Die Ausstellung                 wird ein Sieg tausender Arbeiter und all der arbeitenden Massen                 sein. Die Feinde der Volksfront lechzen nach dem Scheitern der                 Ausstellung. Die Arbeiter wollen, dass sie ein unerh\u00f6rter Erfolg                 wird.&#8216; <\/p>\n<p>Ungeachtet der Appelle und Mahnungen der F\u00fchrer er\u00f6ffnete die                 Ausstellung mit gro\u00dfer Versp\u00e4tung. Die CGT weigerte sich, die                 40-Stunden-Woche zu verl\u00e4ngern. So mussten zwei oder drei Schichten                 pro Tag organisiert werden. <\/p>\n<p>Die Arbeitsleistung dieser Zusatzschichten sank aufgrund verschiedener                 Faktoren betr\u00e4chtlich. Erstens f\u00fchrte der Facharbeitermangel zur                 Einstellung unerfahrener Arbeiter f\u00fcr die zweite und dritte Schicht.                 Die CGT billigte diese Praxis vorbehaltlos und untersagte den                 Unternehmern sogar, einige ihrer qualifiziertesten Arbeiter einzusetzen,                 weil diese nicht zur Gewerkschaft geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Von den vier Zementarbeitern, die eine Firma einstellen musste,                 hatte nur einer wirkliche Erfahrung. Viele der Arbeiten der zweiten                 und dritten Schicht waren schlecht ausgef\u00fchrt und mussten nochmals                 gemacht werden. Zweitens hatte die Nachtschicht naturgem\u00e4\u00df Probleme                 mit dem Licht und ihre abweichende Arbeitszeit war typischerweise                 viel weniger produktiv als die Tagschichten. Drittens widersetzten                 sich die Gewerkschaften dem Einsatz technisch fortschrittlicher                 Methoden und bevorzugten handwerkliche Techniken, um Arbeitspl\u00e4tze                 zu schaffen. Sie verweigerten zum Beispiel den Einsatz von Farbspritzmaschinen.               <\/p>\n<p>Faktisch unterbanden die CGT-Delegierten auf der Ausstellung                 die Wochenendarbeit weitgehend, obwohl hochrangige CGT-Funktion\u00e4re                 versprochen hatten, Samstags- und Sonntagsarbeit im Rahmen der                 40-Stunden-Woche zu erlauben. Die Delegierten und Arbeiter ignorierten                 die Aufrufe sowohl der CGT als auch der Humanit\u00e9, dass Wochenendarbeit                 notwendig sei, um die Ausstellung rechtzeitig zu er\u00f6ffnen. Einige                 Wochen nach Blums Rede bestand ein Delegierter der Zimmerleute                 darauf, dass am Samstag und Sonntag nicht gearbeitet wird. Den                 Malern des Amerikanischen Pavillons wurde die Erlaubnis f\u00fcr Wochenendarbeit                 versagt. Kurz darauf wurde eine elektrische Umspannanlage besch\u00e4digt,                 vermutlich um das Recht auf ein arbeitsfreies Wochenende zu sch\u00fctzen.                 Dem offiziellen Bericht der Ausstellung zufolge waren die Gewerkschaftsf\u00fchrer                 nicht in der Lage, ihre Versprechen der Wochenendarbeit &#8222;einzul\u00f6sen&#8220;:                 &#8222;Selbst wenn eine Verst\u00e4ndigung [\u00fcber die Wochenendarbeit] erreicht                 wurde; [&#8230;] am folgenden Samstag untersagte eine gegenteilige,                 oft unerkl\u00e4rliche Anweisung den Arbeitern das Betreten der Baustelle.&#8220;                 Zudem weigerten sich die Arbeiter die Tage nachzuarbeiten, die                 aufgrund schlechten Wetters oder durch Feiertage unter der Woche                 verloren gingen.&#8220; (S. 385-387)<\/p>\n<p>Die zentristische Partei der Radikalen, die K\u00f6nigsmacherin der                 Regierungskoalition, entfremdete sich der Volksfront &#8211; in ihren                 Augen war sie f\u00fcr die niedrige Produktivit\u00e4t und die in der Folge                 einsetzende Inflation verantwortlich. <\/p>\n<p>Die Parteien der Mitte und der Rechten waren der Auffassung,                 die geringe Produktivit\u00e4t im Luftfahrtsektor schade der franz\u00f6sischen                 Verteidigungsf\u00e4higkeit, da die deutschen ArbeiterInnen unter der                 Naziherrschaft f\u00fcnfzig bis sechzig Stunden pro Woche arbeiteten,                 die franz\u00f6sischen dagegen nur vierzig. <\/p>\n<p>Krieg und Kriegsgefahr bedeuten grunds\u00e4tzlich mehr Arbeit &#8211; und                 h\u00f6heren Produktivit\u00e4tsdruck f\u00fcr die ArbeiterInnen. <\/p>\n<p>Im Angesicht der wachsenden Macht der Deutschen und der steigenden                 Inflation \u00fcbernahm schlie\u00dflich die Rechte die Regierungsgewalt                 und besiegelte im November 1938 das Ende der Volksfront, indem                 sie einen Generalstreik zur Verteidigung der Vierzig-Stunden-Woche                 niederschlug.<\/p>\n<h3>Die Geschichte von <i>Workers against Work<\/i><\/h3>\n<p><i>Gegen die Arbeit <\/i>kam zu dem Schluss, dass es angesichts                 der w\u00e4hrend der 30er-Jahre in Barcelona und Paris gemachten Erfahrungen                 schwierig, wenn nicht sogar unm\u00f6glich sein w\u00fcrde, eine Arbeiterdemokratie                 am Arbeitsplatz aufzubauen.<\/p>\n<p>Das Buch versuchte auch einen Beitrag zur Staatstheorie zu leisten,                 indem es die These vertrat, es bed\u00fcrfe eines m\u00e4chtigen und potentiell                 repressiven Staates, um die Arbeiter zum Arbeiten zu bringen.                 In den 1930er-Jahren lebte der Widerstand gegen die Arbeit in                 geschw\u00e4chten oder nachgiebigen Staaten auf; repressive Staaten                 hingegen &#8211; b\u00fcrgerliche wie proletarische &#8211; d\u00e4mmten die Verweigerungen                 ein. Obwohl Parteien der Arbeiterklasse und Gewerkschaften an                 der Regierung waren, widersetzten sich die ArbeiterInnen den Zw\u00e4ngen                 von Arbeitsraum und Arbeitszeit. <\/p>\n<p>In Frankreich f\u00fchrte der Widerstand gegen die Arbeit sogar zu                 wachsender Unterst\u00fctzung des Faschismus und der extremen Rechten                 durch die Vorarbeiter und Manager, deren Anweisungen die ArbeiterInnen                 w\u00e4hrend der Volksfront missachtet hatten. <\/p>\n<p>In diesem Sinne war der Faschismus eine ins Extreme \u00fcbersteigerte                 Arbeitsideologie.<\/p>\n<p>Die englische Originalausgabe von <i>Gegen die Arbeit <\/i>erschien                 1991 unter dem Titel <i>Workers against Work <\/i>und wurde uneinheitlich                 aufgenommen. <\/p>\n<p>Das akademische Interesse verebbte schon bald nach der Ver\u00f6ffentlichung;                 im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts jedoch erregte das                 Buch unter Libert\u00e4ren und MarxistInnen erneut Aufmerksamkeit.                 Inzwischen ist es in f\u00fcnf Sprachen \u00fcbersetzt worden. <\/p>\n<p>Die neuerliche Auseinandersetzung mit <i>Gegen die Arbeit <\/i>entsprang                 einem in der radikalen Linken vorhandenen Wunsch, ihre Theorien                 einerseits zu verteidigen und andererseits zu revidieren. <\/p>\n<p>Anders als fr\u00fchere Generationen von Linken, die davon ausgingen,                 dass die ArbeiterInnen f\u00fcr die Revolution arbeiten w\u00fcrden, sind                 sich viele ihrer heutigen Erben dar\u00fcber im Klaren, dass das gr\u00f6\u00dfte                 Problem vielleicht nicht darin bestehen k\u00f6nnte, die Bourgeoisie                 zu st\u00fcrzen, sondern darin, die Lohnabh\u00e4ngigen dazu zu bringen,                 f\u00fcr die Sache zu arbeiten. <\/p>\n<p>Diese Linken waren in viel h\u00f6herem Ma\u00dfe als so mancher Wissenschaftler                 bereit, die These von <i>Gegen die Arbeit <\/i>zu akzeptieren,                 dass die ArbeiterInnenbewegung oftmals in dem Bem\u00fchen der Basis                 bestand, sich dem Arbeitsplatz und der Arbeitszeit zu entziehen.               <\/p>\n<p>Neue Elemente der radikalen Linken &#8211; Gimenologues und \u00c9changes                 in Frankreich, Wildcat und Graswurzelrevolution in Deutschland                 &#8211; begr\u00fc\u00dften die Infragestellung des Produktivismus, ob er nun                 der kapitalistischen, der anarchistischen oder marxistischen Tradition                 entstammte. <\/p>\n<p>Eine neue Generation von Feministinnen &#8211; einige ihrer \u00e4lteren                 Schwestern waren dem Buch anfangs recht kritisch gegen\u00fcber gestanden                 &#8211; wusste die Anerkennung zu sch\u00e4tzen, die <i>Gegen die Arbeit                 <\/i>der besonderen Rolle der Frauen als Widerst\u00e4ndlerinnen entgegenbrachte,                 insbesondere ihren hohen Fehlzeiten und ihrer relativ geringen                 Identifikation mit dem Arbeitsplatz. ((8))               <\/p>\n<p>Indem es den Produktivismus kritisch hinterfragt, ist <i>Gegen                 die Arbeit<\/i> nicht nur in der Lage, m\u00e4nnlichen und weiblichen                 Lohnabh\u00e4ngigen eine gemeinsame Plattform zu bieten, sondern auch                 \u00dcbereinstimmungen zwischen der ArbeiterInnen- und der \u00d6kologiebewegung                 zu entdecken, die ja f\u00fcr gew\u00f6hnlich als Gegnerinnen gelten.<\/p>\n<p>Man kann die Zur\u00fcckweisung der Lohnarbeit durch die ArbeiterInnen                 in den 1930er-Jahren durchaus als Vorl\u00e4uferin der \u00d6kologiebewegung                 betrachten. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fabrikbesetzungen im Fr\u00fchjahr 1936 unterbrachen die                 ArbeiterInnen die Fertigung von Automobilen &#8211; den zentralen Konsumg\u00fctern                 der Konsumgesellschaft &#8211; und fanden sich statt dessen in der Fabrik                 in kleinen Gruppen zusammen, a\u00dfen und plauderten.<\/p>\n<p>&#8222;Musik, Gesang und Lachen&#8220; ersetzten &#8222;das unbarmherzige Dr\u00f6hnen                 der Maschinen&#8220;. ((9))<\/p>\n<p>Diese dramatische Ver\u00e4nderung kann als Vorwegnahme einer \u00f6kologischen                 Stadtutopie interpretiert werden.<\/p>\n<p>Die Geschichte von <i>Gegen die Arbeit <\/i>ist ein Beispiel f\u00fcr                 die Wechself\u00e4lle intellektueller Produktion und Rezeption. <\/p>\n<p>Ein in der akademischen Welt in den USA der fr\u00fchen 1990er-Jahre                 mit gemischten Kritiken bedachtes Werk wurde eine Generation sp\u00e4ter                 in anderen L\u00e4ndern mit mehr Begeisterung aufgenommen. <\/p>\n<p>Die Geschichte der Arbeit ist zu ihren im fr\u00fchen 19. Jahrhundert                 liegenden, unakademischen Wurzeln zur\u00fcckgekehrt &#8211; sowohl bei den                 &#8222;utopischen&#8220; als auch bei den &#8222;wissenschaftlichen&#8220; TheoretikerInnen                 der Arbeiterklasse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der antifaschistische Philosoph Benedetto Croce pr\u00e4gte den ber\u00fchmten Satz: &#8222;Geschichte ist immer Zeitgeschichte.&#8220; Diese Aussage l\u00e4sst sich durchaus auf mein Buch Gegen die Arbeit \u00fcbertragen. Es hat seine Wurzeln in den &#8222;langen Sechzigerjahren&#8220;, deren radikalste ProtagonistInnen eine Sozial- und Kulturkritik des Konsumkapitalismus entwickelten. 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