{"id":10942,"date":"2011-11-01T00:00:21","date_gmt":"2011-10-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10942"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"anarchismus-ohne-adjektive-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/anarchismus-ohne-adjektive-2\/","title":{"rendered":"Anarchismus ohne Adjektive"},"content":{"rendered":"<p>Es ist au\u00dfergew\u00f6hnlich, wenn es \u00fcber k\u00fcnstlerische Arbeiten im                 Folder einer Ausstellung hei\u00dft, &#8222;aus Respekt vor der Intention                 des K\u00fcnstlers sind ausnahmslos keine Reproduktionen, Photos oder                 Kopien erlaubt.&#8220; <\/p>\n<p>Erarbeitet hat sich diesen Respekt Christopher D&#8217;Arcangelo (1955-1979).                 Die Arbeiten des US-amerikanischen Aktionsk\u00fcnstlers, der sich                 als Anarchist begriff, wurden 2011 im New Yorker Artists Space                 mit einer Einzelausstellung gew\u00fcrdigt (&#8222;Anarchism without adjectives&#8220;,                 11.09. bis 16.10.2011), im Wiener K\u00fcnstlerhaus waren sie Teil                 der Sammelausstellung &#8222;Beziehungsarbeit &#8211; Kunst und Institution&#8220;                 (17.06. bis 16.10.2011). Aus deren Begleitheft stammt der zitierte                 Satz. Im Wiener Katalog sind keine Bilder von D&#8217;Arcangelos Arbeiten,                 in New York wurde erst gar keine Publikation produziert.<\/p>\n<h3>Institutionskritik als k\u00fcnstlerische Str\u00f6mung<\/h3>\n<p>Was hat es mit diesem Bilderverbot auf sich? D&#8217;Arcangelo war                 Teil jener k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mung, die heute als Institutionskritik                 eingeordnet wird. In erster Linie wurden darin seit den 1960er                 Jahren die Institutionen des Kunstbetriebes, vor allem Galerien                 und Museen, analysiert und mit k\u00fcnstlerischen Mitteln angegriffen.               <\/p>\n<p>Im Zentrum der Kritik standen die Kunstinstitutionen als das,                 was der Soziologe Pierre Bourdieu &#8222;Konsekrationsinstanzen&#8220; ((2))                 genannt hat: als Instanzen, die die Macht haben, einen Gegenstand                 zum Kunstwerk zu weihen (konsekrieren) und eine Person zum anerkannten                 K\u00fcnstler bzw. zur anerkannten K\u00fcnstlerin. (Bourdieu entnahm das                 Fremdwort nicht zuf\u00e4llig der kirchlichen Liturgie, in der das                 profane St\u00fcck Esspapier zum heiligen Leib Christie geweiht\/konsekriert                 wird.) <\/p>\n<p>Mit jeder &#8222;Weihe&#8220; werden Gegenst\u00e4nde oder Personen aufgewertet                 und andere ausgeschlossen. Die Trennung von profanem Allt\u00e4glichen                 und heiligem Au\u00dfergew\u00f6hnlichen, auf dem das Kunstfeld fu\u00dft, ist                 immer auch ein auf Machtbefugnissen basierendes Bewertungsgerangel.<\/p>\n<p>Von den Kunstinstitutionen ausgehend, hat sich in der so genannten                 Institutionskritik schnell eine Erweiterung der Perspektive ergeben:                 In den Blick gerieten institutionelle Settings schlechthin, also                 auch die allgemeinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die                 die Kunstproduktion und -rezeption pr\u00e4gen. Die k\u00fcnstlerischen                 Verfahrensweisen, mit denen solche Analysen betrieben und Interventionen                 veranstaltet wurden, waren recht unterschiedlich. <\/p>\n<p>Daniel Buren klebte 1968 die Galerie Appolinaire in Mailand mit                 Gr\u00fcn-Wei\u00dfen L\u00e4ngsstreifen zu; der US-amerikanische Konzeptk\u00fcnstler                 Robert Barry verschickte 1969 eine Einladungskarte zu einer Ausstellung,                 auf der nur stand &#8222;During the exhibition the gallery will be closed&#8220;                  ((3)) (und so war es dann auch);                 im argentinischen Rosario schloss die Gruppe Tucuman Arde 1968                 die BesucherInnen einer Ausstellungser\u00f6ffnung in der ansonsten                 leeren Galerie ein. <\/p>\n<p>Arbeiten wie diese zielten auf mehrere Aspekte zugleich: darauf,                 dass der Galerie-Raum &#8222;die endg\u00fcltige Umwandlung der Alltagswahrnehmung                 zu einer Wahrnehmung rein formaler Werte&#8220; vollzieht, wie Brian                 O&#8217;Doherty es in seinem zum Klassiker gewordenen Aufsatz &#8222;In der                 wei\u00dfen Zelle&#8220; beschreibt; ((4))                 darauf, dass die Kunstinstitution manche Menschen ausschlie\u00dft                 und anderen im Kunstgenuss Zusammengeh\u00f6rigkeit stiftet; aber auch                 darauf, dass k\u00fcnstlerische Arbeit nicht nur in der Produktion                 von &#8222;Werken&#8220;, also Produkten, besteht, sondern auch in Konzepten                 und Prozessen (wie etwa denjenigen, die Exklusionen theoretisieren).<\/p>\n<p>Sich dieser Logik der Bilder-als-Produkte zu entziehen, darum                 ging es auch D&#8217;Arcangelo.<\/p>\n<p>Schwarzwei\u00dffotos seiner Aktionen liegen in einer Mappe aus, sie                 sind aber ausdr\u00fccklich nicht die Kunstwerke, sondern dienen nur                 der Bezeugung seiner Performances und Museumsinterventionen. <\/p>\n<p>Am 8. M\u00e4rz 1978 h\u00e4ngte er im Pariser Louvre ein Gem\u00e4lde ab und                 stellte es auf den Fu\u00dfboden. An die Stelle des Bildes pinnte er                 einen Zettel mit der Frage &#8222;Wann sehen sie sich ein Gem\u00e4lde an,                 wo sehen sie sich dieses Gem\u00e4lde an?\/ Was ist der Unterschied                 zwischen einem Gem\u00e4lde an der Wand und einem auf dem Boden?&#8220; ((5))               <\/p>\n<p>Das Museum stattet nicht nur Gegenst\u00e4nde mit Wert aus, es lenkt                 auch die Blicke der BetrachterInnen. Diese Ein\u00fcbung des Blicks                 hat schlie\u00dflich auch Auswirkungen au\u00dferhalb des Kunstraums. Darauf                 machte D&#8217;Arcangelo auch in einer Ausstellungsbeteiligung im Los                 Angeles Institute of Contemporary Art (LAICA) im Januar 1977 aufmerksam.               <\/p>\n<p>In seinem Statement &#8222;LAICA as an Alternative Museum&#8220; richtet                 sich seine Aufmerksamkeit auf die KuratorInnen. Die AusstellungsmacherInnen                 w\u00fcrden auf der Basis ihrer eigenen Vorlieben von Kunst, Kunstgeschichte,                 \u00c4sthetik, Politik, \u00d6konomie etc. Werke ausw\u00e4hlen, sie platzieren                 und damit &#8222;die Art und Weise kontrollieren, wie wir Kunstwerke                 und im weiteren Sinne die Welt betrachten.&#8220; <\/p>\n<p>Schon fr\u00fch kritisiert er hier die Rolle des Kurators\/der Kuratorin                 und spricht gar von einer &#8222;kuratorischen Kontrolle&#8220;. <\/p>\n<p>Die Position der KuratorInnen hatten sich im Kunstfeld erst Anfang                 der 1970er Jahre als entscheidungstragende und prestigetr\u00e4chtige                 etabliert. <\/p>\n<p>Im LAICA-Heft zur Ausstellung hat D&#8217;Arcangelo die Seiten nach                 seinem Statement leer gelassen. Hier sollte das Publikum sozusagen                 selbst das Kuratieren \u00fcbernehmen. <\/p>\n<p>Eine gleichberechtigte Beteiligung des Publikums strebte er auch                 in der Aktion &#8222;The Open Museum Proposal&#8220; (&#8222;Vorschlag f\u00fcr ein offenes                 Museum&#8220;) an, die er am 23. Juli 1975 im New Yorker Metropolitan                 Museum of Art durchf\u00fchrte. <\/p>\n<p>Das Museum als Institution, hei\u00dft es in dem Text, bestimme den                 &#8222;Wert von Objekten und Aktivit\u00e4ten&#8220;. Es sei ein &#8222;Kriterien-Raum&#8220;                 (&#8222;criteria space&#8220;), der &#8222;ein unausgeglichenes Wertsystem in der                 Welt&#8220; produziere. Die dann folgenden Vorschl\u00e4ge zielen darauf                 ab, dass die Leute ihre eigenen Dinge (oder auch Auff\u00fchrungen)                 mit ins Museum bringen und von diesem sogar per Radio und Fernsehen                 dazu aufgefordert werden sollten. <\/p>\n<p>Sieben Tage lang sollte f\u00fcr deren Aufbewahrung und Wertsch\u00e4tzung                 gesorgt sein. Der Vorschlag wurde, wie unschwer vorstellbar, nicht                 angenommen. Im New Yorker Artists Space war er neben Louise Lawler,                 Adrian Piper und Cindy Sherman (die alle drei sp\u00e4ter mehr oder                 weniger weltber\u00fchmte K\u00fcnstlerinnen wurden) zur Ausstellung geladen.               <\/p>\n<p>Er beteiligte sich wieder mit kritischen Texten (&#8222;Four Texts                 for Artists Space&#8220;) und lie\u00df seinen Namen von der Einladungskarte                 entfernen, die folglich mit einer L\u00fccke begann. <\/p>\n<p>Der Platzierung von Namen ist einer der wichtigsten Mechanismen                 des Kunstbetriebes, darin tradiert sich die Idee vom Sch\u00f6pfer-Genie                 und geht nahtlos in die Celebrity-Kultur \u00fcber. Auch gegen diese                 Art der Institutionalisierung richtete sich D&#8217;Arcangelo. Im Jahr                 darauf nahm er sich nach nur vierj\u00e4hrigem Schaffen das Leben.<\/p>\n<p>Zum Kanon der Institutionskritik geh\u00f6rt er bislang nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der historischen Institutionskritik neben Daniel Buren                 K\u00fcnstler wie Michael Asher, Hans Haacke, Marcel Broodthaers und                 John Knight zugerechnet werden, kam es in den 1990er Jahren zu                 einem neuen Aufschwung der Institutionskritik. Hier trat vor allem                 Andrea Fraser mit verschiedenen Untersuchungen des Kunstfelds                 in Erscheinung. Wie sinnvoll allerdings solche namentlichen Zuordnungen                 sind, die immer auch Kanonbildung betreiben und dabei die einen                 auf- und die anderen abwerten, hat die Institutionskritik selbst                 am besten in Frage gestellt. ((6))               <\/p>\n<p>Vielleicht lie\u00dfe sich Institutionskritik daher besser an Haltungen                 &#8211; die eigene Arbeit auf die Bedingungen ihrer M\u00f6glichkeit hin                 zu befragen &#8211; festmachen als an Namen.<\/p>\n<h3>Kunstgeschichte ohne soziale Bewegungen<\/h3>\n<p>Wo der Begriff erstmals verwendet wurde, ist, wie so oft, umstritten.                  ((7)) <\/p>\n<p>Eine viel zitierte Quelle ist etwa der Aufsatz des Kunsthistoriker                 Benjamin H.D. Buchloh &#8222;Von der \u00c4sthetik der Verwaltung zur institutionellen                 Kritik&#8220; (1990). Darin beschreibt er die seines Erachtens wesentlichen                 Merkmale der konzeptuellen Kunst zwischen 1962 und 1969. ((8))               <\/p>\n<p>Er nennt als diese zentralen Charakteristika die &#8222;Erosion der                 Hegemonie des Visuellen und der \u00e4sthetischen Erfahrung als einer                 scheinbar autonomen und unabh\u00e4ngigen [Erfahrung] [&#8230;]&#8220; ((9))                 und leitet sie aus den kunsthistorischen Entwicklungen seit Marcel                 Duchamps ready mades her. Duchamps unbearbeitete Alltagsgegenst\u00e4nde                 im Museum (Flaschenst\u00e4nder, Pissoir etc.) hatten bereits darauf                 hingewiesen, dass es f\u00fcr ein Kunstwerk weder eine\/n begnadete\/n                 Sch\u00f6pferIn braucht noch eine sch\u00f6ne, visuell zu erfassende und                 zu genie\u00dfende Sch\u00f6pfung. Institutionelle und konventionelle Beglaubigungen                 (in Form des Ausstellungsortes bzw. der K\u00fcnstlersignatur) waren                 wichtiger daf\u00fcr, dass ein Gegenstands als Kunstwerk anerkannt                 wurde. Buchloh allerdings bel\u00e4sst es bei der Ausbuchstabierung                 dieser kunstinternen Genealogie. Auf die Idee, dass \u00e4sthetische                 Erfahrungen auch noch anders gerahmt sind als durch Kunstinstitutionen,                 kommt er nicht. Auch dass die &#8222;Hegemonie des Visuellen&#8220; noch aus                 anderen als kunstinternen Gr\u00fcnden gebrochen werden k\u00f6nnte, darauf                 geht er ebenfalls nicht ein &#8211; obwohl er am Ende von der &#8222;Abschaffung                 von Objektstatus und Warenform&#8220; ((10))                 spricht, die in der Kunst letztlich immer misslingen m\u00fcsse. <\/p>\n<p>Die Verbindung zu au\u00dferk\u00fcnstlerischen Kritiken an Institutionen                 wird nicht hergestellt.<\/p>\n<p>Buchlohs Position ist paradigmatisch f\u00fcr diese Art Selbstabschlie\u00dfung                 der Kunstgeschichte. Obwohl gleichzeitig mit dem Aufkommen der                 k\u00fcnstlerischen Institutionskritik Ende der 1960er Jahre die Kritik                 an gesellschaftlichen Institutionen, an deren autorit\u00e4rer Struktur                 ebenso wie an ihrer kapitalistischer Ausrichtung, auf den Stra\u00dfen                 tobte, bleibt die kunsthistorische Beschreibung ganz bei ihrem                 Gegenstand. Soziale Bewegungen kommen nicht vor. Nicht einmal                 dann, wenn Institutionskritik, wie bei der institutionskritischen                 K\u00fcnstlerin Andrea Fraser, als eine definiert wird, die sich &#8222;vor                 allem auf Orte als gesellschaftliche Orte, strukturierte Formationen                 aus (in der Hauptsache gesellschaftlichen) Verh\u00e4ltnissen&#8220; beziehe.                  ((11)) <\/p>\n<h3>Institutionskritik und Anarchie<\/h3>\n<p>Die Arbeit von Christopher D&#8217;Arcangelo k\u00f6nnte hier mal wieder                 etwas Bewegung in die Geschichte bzw. in die Geschichtsschreibung                 bringen.<\/p>\n<p>Denn seine Bezugnahme auf radikale, institutionskritische Bewegungsstr\u00f6mungen                 ist derma\u00dfen explizit, dass es selbst KunstwissenschaftlerInnen                 schwer fallen d\u00fcrfte, sie zu ignorieren. ((12))<\/p>\n<p>D&#8217;Arcangelo stellte seinen Museumsinterventionen fast immer folgendes                 Statement anbei: &#8222;When I state that I am an anarchist, I must                 also state that I am not an anarchist, to be in keeping with the                 (&#8230;.) idea of anarchism. Long live anarchism.&#8220; In seiner ersten                 dokumentierten Aktion, benannt nach dem Ort ihres Stattfindens                 (Whitney Museum of American Art, New York, 31.01.1975) hatte er                 sich diese S\u00e4tze mit Schablonenbuchstaben auf den R\u00fccken schreiben                 lassen. Mit einer Kette fesselte er sich an die Eingangst\u00fcr und                 verschloss diese damit. <\/p>\n<p>Das Gesicht hatte er zur T\u00fcr gerichtet, sein Oberk\u00f6rper war nackt,                 so dass die potenziellen MuseumsbesucherInnen gezwungen waren,                 statt den ausschlie\u00dfenden Kunsttempel zu betreten, von Anarchie                 zu lesen.<\/p>\n<p>Dass die diesj\u00e4hrige D&#8217;Arcangelo-Retrospektive im New Yorker                 Artists Space &#8222;Anarchism without adjectives&#8220; hei\u00dft, ist einer                 Interpretation der AusstellungsmacherInnen zu verdanken. Sie leiteten                 aus der Auslassung in D&#8217;Arcangelos Statement, den Punkten bzw.                 Strichen in Klammern, das Aussparen eines Adjektivs und damit                 den Bezug zu einem historischen Slogan ab: Im November 1889 hielt                 der kubanische Anarchist Fernando Tarrida del M\u00e1rmol (1861-1915)                 in Barcelona eine Rede mit dem Titel &#8222;anarquismo sin adjetivos&#8220;                 (&#8222;Anarchismus ohne Adjektive&#8220;). <\/p>\n<p>Der Text erschien im Jahr darauf in der anarchistischen Zeitschrift                 <i>La R\u00e9volt\u00e9<\/i> in Paris. ((13))                 Er forderte zum Zusammenhalt der verschiedenen anarchistischen                 Kr\u00e4fte auf. Tarrida de M\u00e1rmols Pl\u00e4doyer war vor allem darauf gerichtet,                 sich auf die gemeinsamen Ziele zu konzentrieren, anstatt die adjektivische                 Konkretisierung &#8211; kollektivistisch, kommunistisch etc. &#8211; des Anarchismus                 \u00fcberzubetonen. ((14))<\/p>\n<p>Nach Michail Bakunins Tod (1876) waren die Streitigkeiten zwischen                 den anarchistischen Str\u00f6mungen neu entbrannt.<\/p>\n<p>In den inner-anarchistischen Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen ging es u.a. immer                 auch um die Frage der angemessenen Organisierung.<\/p>\n<p>Diese Frage war auch deshalb so hei\u00df umk\u00e4mpft, weil im Anarchismus                 &#8211; anders als in anderen Teilen der sozialistischen Bewegung &#8211;                 die Organisationsform schon die Prinzipien der befreiten Gesellschaft                 vorwegnehmen soll(te). In dem Streit, ob die angestrebte enge                 Beziehung zwischen Mittel und Zweck des Kampfes besser in R\u00e4ten,                 Geheimb\u00fcnden oder in Kommunen zum Ausdruck komme, steckt selbst                 schon ein institutionskritischer Impuls: Die (lebendige, dynamische,                 relativ spontane) Organisation sollte keine (nach blo\u00df formellen                 Regeln funktionierende, starre und relativ statische) Institution                 werden.<\/p>\n<p>Anarchistische Institutionskritik war in diesem Sinne h\u00e4ufig                 rigoros. Sie richtete sich nicht nur gegen konkrete Institutionen                 (wie die Partei), sondern auch gegen gesellschaftliche Institutionalisierungen                 im Sinne bestimmter gesellschaftlicher Sondersph\u00e4ren mit eigenen                 Regeln wie etwa &#8222;Kunst&#8220; oder auch &#8222;Politik&#8220;. Wenn etwa Anarchisten                 wie Herbert Read (1893-1968) sich als &#8222;unpolitisch&#8220; beschreiben,                 meinen sie in der Regel gerade nicht die Abkehr von den sozialen                 und \u00f6konomischen Belangen, die alle betreffen. <\/p>\n<p>Was abgelehnt wird, ist die vom Alltag abgetrennte, staatlich                 organisierte, b\u00fcrokratisch verwaltete, von ExpertInnen betriebene                 Institutionalisierung von Politik. ((15))               <\/p>\n<p>Herbert Read ist in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel, weil                 er diese Ablehnung auch hinsichtlich der Kunst beschrieben hat.                 Auch die Kunst ist seit ihrer Separierung vom Handwerk so eine                 Sondersph\u00e4re, vom Allt\u00e4glichen abgespalten und nach bestimmten                 eigenen Regeln funktionierend.<\/p>\n<p>&#8222;Zur H\u00f6lle mit dem K\u00fcnstler&#8220;, schrieb Read deshalb &#8211; selbst Kunsthistoriker.                  ((16)) Denn als VertreterIn                 eines separaten Berufstandes k\u00f6nne der\/die K\u00fcnstlerIn nur privilegierte\/r                 Repr\u00e4sentantIn dieser separaten Einheit &#8222;Kunst&#8220; oder &#8222;Kultur&#8220;                 sein, anstatt ein\/e ArbeiterIn von vielen. In der gerechten Gesellschaft                 gebe es nur mehr gleichwertige ArbeiterInnen. (Dass Read diese                 utopische Gesellschaft immer &#8222;nat\u00fcrliche Gesellschaft&#8220; nennt,                 hat er ebenfalls mit anderen AnarchistInnen gemein. <\/p>\n<p>Diese Idee gr\u00fcndet auf der Vorstellung, man m\u00fcsse die Gesellschaft                 nur von ihrer kapitalistischen und staatlichen \u00dcberformung befreien                 und zum Vorschein k\u00e4me die eigentliche, eben nat\u00fcrliche Gesellschaft.                 Abgesehen davon, dass jede &#8222;gesellschaftliche Natur&#8220; immer nur                 die politisch motivierte Erz\u00e4hlung \u00fcber diese &#8222;Natur&#8220; ist, hat                 diese Vorstellung viele anarchistische K\u00e4mpfe zu antimodernistischen                 und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten werden lassen.)<\/p>\n<p>Mit der zunehmenden Autonomisierung des k\u00fcnstlerischen Feldes,                 also der Ausbildung und Ausgestaltung von &#8222;Kunst&#8220; als separatem                 sozialen Praxisfeld in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts,                 spaltete sich auch die anarchistische Bezugnahme darauf: Zum einen                 lie\u00dfen sich anarchistisch gesinnte, aber b\u00fcrgerliche K\u00fcnstlerInnen                 &#8211; wie etwa die bekannten Neo-Impressionisten Camille Pissarro                 und Paul Signac &#8211; auf diese Trennung ein und gewannen Anerkennung                 im Kunstfeld. Zum anderen existierte eine eher proletarische,                 autodidaktische Kunst, die mit dem Alltagsleben verkn\u00fcpft blieb,                 daf\u00fcr aber keine gesellschaftliche Legitimation erfuhr. ((17))               <\/p>\n<h3>Motive, Ma\u00dfstab und Kritik<\/h3>\n<p>Beide Str\u00f6mungen, b\u00fcrgerliche &#8222;Anarcho-\u00c4stheten&#8220; und proletarische                 Milieus der &#8222;Selbstvergesellschaftung&#8220; (Halfbrodt), blieben allerdings                 aufeinander bezogen. <\/p>\n<p>Damit ist nicht nur gemeint, dass etwa Pissarro anarchistische                 AktivistInnen nach der Niederschlagung der Pariser Commune finanziell                 unterst\u00fctzte und<i> La R\u00e9volt\u00e9 <\/i>im Abo hatte. Sondern es geht                 um die strukturelle Bezogenheit einiger Kunststr\u00f6mungen wie eben                 auch der Institutionskritik auf die Motive und Motivationen sozialer                 Bewegungen. Nicht nur die Ausformulierung und Radikalisierung                 k\u00fcnstlerischer Probleme (Duchamps Infragestellung), sondern auch                 die Problematisierungen sozialer Bewegungen (Bakunins Erbe) werden                 &#8211; ob bewusst oder nicht &#8211; in der Kunstproduktion verhandelt. <\/p>\n<p>Sie sind ihr ein m\u00f6glicher Impuls: &#8222;Ich frage mich auch, warum                 zur H\u00f6lle ich \u00fcberhaupt noch in diesem Feld arbeite&#8220;, schreibt                 ein angesichts der Ermordung Martin Luther Kings 1968 von der                 gesellschaftlich-emanzipatorischen Wirkungslosigkeit der Kunst                 emp\u00f6rter Hans Haacke (der zum Gl\u00fcck Antworten fand). ((18))               <\/p>\n<p>W\u00fcrde es die immanente &#8211; und von der zeitgen\u00f6ssischen Kunstgeschichte                 so gr\u00fcndlich ausgeblendete &#8211; Verkn\u00fcpfung der Kunstproduktion mit                 den Anliegen sozialer Bewegungen nicht geben, Haackes Frage w\u00e4re                 sinnlos.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches l\u00e4sst sich f\u00fcr D&#8217;Arcangelo behaupten. Sich nicht als                 Anarchisten bezeichnen zu wollen, um doch dem Anarchismus gerecht                 zu werden, wie es in D&#8217;Arcangelo Statement hei\u00dft, ist vielleicht                 eine Konsequenz aus dem grunds\u00e4tzlichen Zwiespalt: sich an einem                 System zu beteiligen, das man eigentlich als solches ablehnt.<\/p>\n<p>Institutionskritik muss &#8211; und kann &#8211; angesichts allgegenw\u00e4rtiger                 gesellschaftlicher Institutionen (im konkreten wie allgemeinen                 Sinne) nicht hei\u00dfen, nur &#8222;gegen Institutionen&#8220; zu sein. Die &#8222;Kritik&#8220;                 in Institutionskritik kann auch eine reflektierte Haltung zum                 Ausdruck bringen, die die eigene Involviertheit nicht leugnet                 und sich dennoch bzw. gerade deshalb um ein distanziertes Bewegen                 in den Institutionen bem\u00fcht. ((19))               <\/p>\n<p>Die Distanz besteht im Fall D&#8217;Arcangelo in der k\u00fcnstlerischen                 Analyse der Machtbefugnisse jener Institutionen, deren Teil der\/die                 K\u00fcnstlerIn als K\u00fcnstlerIn selber ist. Der Produktion von warenf\u00f6rmigen                 Produkten verweigerte er sich weitgehend. Mit dem ausdr\u00fccklichen                 Anarchismus-Bekenntnis stellt D&#8217;Arcangelo sich und den BetrachterInnen                 immer auch einen au\u00dferk\u00fcnstlerischen Ma\u00dfstab f\u00fcr sein Kunstschaffen                 zur Seite und Verf\u00fcgung. <\/p>\n<p>Er nutzt als K\u00fcnstler damit die M\u00f6glichkeit, die strukturelle                 Bezogenheit auf soziale Bewegung noch zu betonen. <\/p>\n<p>Daniel Buren hingegen, l\u00e4ngst einer der erfolgreichsten Gegenwartsk\u00fcnstlerInnen                 der Welt, lie\u00df die vormals geniekult- und institutionskritischen                 Streifen zu seinem Markenzeichen werden. Bei den Skulptur Projekten                 in M\u00fcnster 1997 etwa hingen sie als Wimpelketten wie zur Beh\u00fcbschung                 bei Stadtfesten \u00fcber der Haupteinkaufsstra\u00dfe. Das ist die andere                 M\u00f6glichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist au\u00dfergew\u00f6hnlich, wenn es \u00fcber k\u00fcnstlerische Arbeiten im Folder einer Ausstellung hei\u00dft, &#8222;aus Respekt vor der Intention des K\u00fcnstlers sind ausnahmslos keine Reproduktionen, Photos oder Kopien erlaubt.&#8220; Erarbeitet hat sich diesen Respekt Christopher D&#8217;Arcangelo (1955-1979). 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