{"id":10966,"date":"2011-12-01T00:00:53","date_gmt":"2011-11-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10966"},"modified":"2022-07-26T14:22:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:33","slug":"verloren-im-griechisch-turkischen-grenzgebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/verloren-im-griechisch-turkischen-grenzgebiet\/","title":{"rendered":"Verloren im griechisch-t\u00fcrkischen Grenzgebiet"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend unserer Reisen sind wir Fl\u00fcchtlingen in den griechischen                 Haftlagern begegnet, die Familienangeh\u00f6rige im Grenzgebiet verloren                 haben. Sie wussten nicht, ob ihre Verwandten lebten oder tot waren.<\/p>\n<p>O.H. ist ein Junge aus Nigeria, der in Fylakio als Erwachsener                 registriert wurde. Er berichtete, dass er seine Mutter beim \u00dcberqueren                 des Flusses verloren hatte und seine Schwester kurz danach. Er                 war in einer sehr schlimmen psychischen Verfassung und weinte                 unentwegt.<\/p>\n<p>In Haft stellte er einen Asylantrag und wurde sechs Monate lang                 in Fylakio festgehalten. Er erhielt keinerlei psychologische Unterst\u00fctzung.                 Auch als er entlassen wurde, gab es keine weitere Unterst\u00fctzung                 f\u00fcr ihn. ((1))<\/p>\n<p>H.Y. aus Afghanistan berichtete, dass sie ihre beiden T\u00f6chter                 Ende September 2011 im Evros-Fluss verloren hat. Zusammen mit                 ihrem Ehemann wendete sie sich direkt bei ihrer Ankunft an die                 Polizeidirektion von Orestiada, um Hilfe zu suchen. Die Polizei                 nahm sie fest. Sie wurden ins Haftlager Fylakio gebracht.<\/p>\n<p>Obwohl das Verschwinden der beiden M\u00e4dchen der Polizei offiziell                 gemeldet wurde, wurde die Inhaftierung fortgesetzt.<\/p>\n<p>Die Ehepartner waren etwa drei Wochen lang in getrennten Zellen                 inhaftiert. Sie wurden entlassen, ohne an irgendeine Art von Hilfsangebot                 verwiesen zu werden. Ihnen wurde nicht mitgeteilt, wo sie die                 Leiche ihrer Tochter finden k\u00f6nnten, noch was das weitere Verfahren                 mit der Leiche ist. Ihnen wurde auch nicht gesagt, wie sie nach                 der noch vermissten, \u00e4lteren Tochter suchen k\u00f6nnten. ((2))<\/p>\n<p>&#8222;Da waren zwei Boote am Flussufer. Wir stiegen in das zweite,                 in dem insgesamt 13 Leute waren. Das Boot kenterte und wir fielen                 ins Wasser. Einige von uns konnten sich am Boot festhalten, w\u00e4hrend                 andere von der Str\u00f6mung fortgetragen wurden. Wir k\u00f6nnen nicht                 schwimmen. Das Boot geriet in einen Strudel und wir konnten uns                 nicht mehr orientieren. <\/p>\n<p>Wir wussten nicht, welches das t\u00fcrkische und welches das griechische                 Ufer war! Diejenigen von uns, die sich am Boot festhielten, kamen                 ans t\u00fcrkische Ufer. Ich und eine andere Frau versuchten einfach                 nur zu \u00fcberleben. Die t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden retteten einige von                 uns. <\/p>\n<p>Meine beiden T\u00f6chter und einige andere wurden vom Strom davongetragen.                 Ich konnte sie nicht sehen. Ich versuchte mich \u00fcber Wasser zu                 halten. Ich h\u00f6rte nur ihre Stimmen: \u201aMutter, hilf uns!&#8216;. Die t\u00fcrkische                 Polizei suchte einige Stunden lang nach meinen T\u00f6chtern. Dann                 brachten sie uns in ein Haftlager. Ich war verzweifelt. Wir wurden                 nach Istanbul gebracht und freigelassen. <\/p>\n<p>In der Hoffnung, meine beiden T\u00f6chter zu finden, gingen wir wieder                 nach Griechenland. Wir \u00fcberquerten den Fluss noch einmal und gingen                 direkt zum Polizeihauptquartier in Orestiada, um das Verschwinden                 unserer T\u00f6chter anzuzeigen. <\/p>\n<p>Wir baten die Polizei um Hilfe. Sie sagten uns, wir sollten das                 dort angeben, wo wir hingebracht w\u00fcrden. Dann brachten sie uns                 in das Lager von Fylakio. Bei der Registrierung sagten wir, dass                 wir unsere T\u00f6chter verloren hatten. Wir sagten, dass wir Afghanen                 sind, aber sie glaubten uns nicht. Es war schrecklich. Wir baten                 um Hilfe und sie zeigten uns einen Katalog mit Essen. Sie wollten,                 dass wir ihnen sagten, welche Gerichte afghanisch seien, um zu                 sehen, ob wir logen, was unsere Nationalit\u00e4t angeht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Zusammen mit meiner Frau und unserem sechsj\u00e4hrigen Jungen \u00fcberquerte                 ich den Evros-Fluss am 26. Oktober. Es war noch etwas hell. <\/p>\n<p>Wir waren 15 Personen im Boot. Pl\u00f6tzlich verfing sich das Boot                 in einigen \u00c4sten. Einige von uns sprangen ins Wasser, ich war                 dabei. Dann kenterte das Boot. Unser Junge verfing sich in den                 \u00c4sten. Ich konnte ihn im letzten Moment zu fassen bekommen. Er                 w\u00e4re fast ertrunken. <\/p>\n<p>Als ich dann nach meiner Frau suchte, sagten mir die anderen,                 die w\u00e4re von der Str\u00f6mung fortgetragen worden. Griechische Beamte                 standen am Ufer und schauten zu. Sie reagierten nicht. Sie halfen                 nicht. Ich wei\u00df nicht, wie viele verschwanden. Ich wei\u00df nicht,                 ob meine Frau noch lebt.&#8220; ((3))<\/p>\n<h3>Tahera, aus Afghanistan<\/h3>\n<p>Tahera hat drei Kinder (10, 8 und 6 Jahre alt). Ihr Mann verschwand                 an der Grenze zwischen der T\u00fcrkei und Griechenland am Evros-Fluss.               <\/p>\n<p>Bis heute wei\u00df sie nicht, ob er lebt oder tot ist. Der Rest der                 Familie hat es nach Deutschland geschafft, aber ihr Herz ist an                 der nassen Grenze zur\u00fcckgeblieben, immer noch auf der Suche nach                 ihrem Mann.<\/p>\n<p>&#8222;Wir waren etwa 60 Leute, es gab aber nur ein kleines Boot f\u00fcr                 Frauen und Kinder. Die anderen mussten durch den Fluss waten.                 Einige von ihnen waren nicht gro\u00df genug, so dass ihre K\u00f6pfe langsam                 unter Wasser verschwanden, das sie dann ins Dunkle forttrug, zusammen                 mit ihren Hilferufen.&#8220; Es war zwei Uhr morgens, als sie ihre Reise                 von der T\u00fcrkei nach Europa antraten.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Stunde lang liefen wir durch den Wald. Wir erreichten das                 Wasser, aber sie sagten uns, es w\u00e4re nicht gut, den Fluss jetzt                 zu \u00fcberqueren. <\/p>\n<p>Wir gingen weg und kamen gegen vier Uhr morgens wieder ans Ufer.                 Da war nur ein kleines Boot. Vier Frauen und alle Kinder gingen                 an Bord. Elf Personen, unter ihnen auch ein behindertes M\u00e4dchen.                 Die anderen mussten durch das Wasser und hielten sich dabei an                 den H\u00e4nden. <\/p>\n<p>Das Wasser war sehr hoch, und die, die nicht schwimmen konnten,                 verschwanden pl\u00f6tzlich im Wasser. Als wir das Ufer erreichten,                 stiegen wir aus dem Boot aus. Ich sah, wie ein Freund meines Mannes,                 der schwimmen konnte, zwei afrikanische Frauen rettete. Dann verlor                 ich ihn aus den Augen. Das letzte Mal, als ich meinen Mann sah,                 trug das Wasser ihn davon, mit geschlossenen Augen und der Tasche                 mit den Kleidern unserer Kinder immer noch an seinen Schultern.&#8220;<\/p>\n<p>Acht Personen schafften es, sich auf die Flussbank zu retten.                 Die t\u00fcrkische Polizei nahm sie fest. &#8222;Wir telefonierten, aber                 sie wussten auch nichts von meinem Mann und den anderen Personen,                 die verschwunden waren!&#8220; In der N\u00e4he des Flusses waren Zugschienen.                 Obwohl v\u00f6llig ersch\u00f6pft und unter Schock stehend, suchten sie                 nach den anderen, fanden aber niemanden. Dann warteten sie darauf,                 dass die Polizei kommen und sie festnehmen w\u00fcrde. Sie berichteten                 sofort von den verschwundenen Personen. Tahera und ihre Kinder                 wurden in die Polizeistation von Neo Chimonio gebracht. Zwei Tage                 lang blieb sie dort. Die Polizei lie\u00df sie frei, um das Verfahren                 der Familienzusammenf\u00fchrung zu erleichtern, falls ihr Mann gefunden                 w\u00fcrde. Sie suchten einige Stunden lang den Fluss ab. <\/p>\n<p>Als sie zur\u00fcck kamen, zeigten sie Tahera einige Fotos, die sie                 mit ihren Handys gemacht hatten. Tahera konnten ihren Mann jedoch                 nicht erkennen. Keine der 14 Leichen, die von den griechischen                 Beh\u00f6rden geborgen wurden, passte auf Taheras Beschreibung.<\/p>\n<h3>&#8222;Eine bessere Heilung wird es erst geben, wenn ich herausfinde,                 was passiert ist!&#8220; J.K., aus Kenia ((4))<\/h3>\n<p>&#8222;Im September 2010 sollte meine Frau aus der T\u00fcrkei nach Griechenland                 kommen. Ich wollte meine Frau bei mir haben und dann wollten wir                 sehen, wie die Kinder zu uns kommen k\u00f6nnten. Aber leider hat das                 nicht funktioniert. <\/p>\n<p>Sie verschwand auf ihrem Weg nach Griechenland. Heute gibt es                 keine Hinweise darauf, was ihr passiert sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Aber es gibt immer noch Hoffnung, vielleicht kommt sie eines                 Tages. Aber jetzt ist es sehr finster. Es ist finster, weil es                 kein Lebenszeichen gibt, nichts. <\/p>\n<p>Das letzte Mal, als wir telefonierten, war sie auf dem Weg nach                 Griechenland. Das war&#8217;s. Jetzt warte ich. <\/p>\n<p>Seitdem sind 10 Monate vergangen, ohne dass ich wei\u00df, was passiert                 ist. Das ist so lang. Als ich losging, habe ich nie \u00fcber die Risiken                 nachgedacht. Jetzt wei\u00df ich, dass es ziemlich gef\u00e4hrlich ist,                 vielleicht ist sie gar nicht mehr da. [&#8230;.].<\/p>\n<p>Am 14. Februar ging Herr J.K. allein zu den Polizeihauptquartieren                 der Evros-Region (Orestiada und Alexandroupolis), um herauszufinden,                 ob eine Frau unter diesem Namen inhaftiert war. <\/p>\n<p>Die einzige afrikanische Frau, die in zeitlicher N\u00e4he zu den                 angegebenen Daten ertrunken aufgefunden wurde, passte auf seine                 Beschreibung. Er beantragte einen DNA-Test und Mitte August, nach                 sieben Monaten Warten und Sorge, kam die Antwort: Die im Fluss                 tot aufgefundene Frau war Herrn J.K.s Ehefrau. <\/p>\n<p>Am 30. August 2011 wurde ein kleiner Brunnen in Provatonas, Evros                 mit einer Gedenkveranstaltung den Toten und Vermissten der griechisch-t\u00fcrkischen                 Grenze gewidmet. <\/p>\n<p>J.K. sprach in Andenken an seine Frau und all die anderen Opfer:<\/p>\n<p>&#8222;Es ist jetzt ein Jahr her. Man stellt fest, dass es Zeit gebraucht                 hat, bevor man wei\u00df, was wirklich passiert ist. Jetzt haben die                 Papiere uns die Wahrheit gezeigt. Jane ist nicht mehr bei uns,                 sie ist am Tag ihrer Grenz\u00fcberquerung ertrunken, am 20. September.                 Wir akzeptieren diese Wahrheit. Sie ist nicht mehr unter uns.                 Aber ich glaube, sie wird immer mit uns leben. <\/p>\n<p>Sie war eine gro\u00dfartige Dame, eine Mutter, eine Ehefrau und eine                 Tochter ihrer sie liebenden Eltern, eine Schwester f\u00fcr ihre Schwestern                 und Br\u00fcder. <\/p>\n<p>Sie wird vermisst. Aber sie war gro\u00dfartig und hat uns wirklich                 etwas hinterlassen. [\u2026] Ihr Tod war ein schreckliches Ereignis,                 wir erinnern uns. Ein Jahr ist ziemlich lang. Ein Jahr der Trauer.                 Ein Jahr schlafloser N\u00e4chte. So eine schwierige Erfahrung und                 so eine seltene Erfahrung. Nicht viele Menschen haben so etwas                 erlebt und ich w\u00fcnsche es niemandem. So etwas muss verhindert                 werden. Es ist so schwer, ich kann es nicht beschreiben.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend unserer Reisen sind wir Fl\u00fcchtlingen in den griechischen Haftlagern begegnet, die Familienangeh\u00f6rige im Grenzgebiet verloren haben. Sie wussten nicht, ob ihre Verwandten lebten oder tot waren. O.H. ist ein Junge aus Nigeria, der in Fylakio als Erwachsener registriert wurde. 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