{"id":10971,"date":"2011-12-01T00:00:41","date_gmt":"2011-11-30T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10971"},"modified":"2022-07-26T14:22:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:34","slug":"eine-unendliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/eine-unendliche-geschichte\/","title":{"rendered":"Eine unendliche Geschichte?"},"content":{"rendered":"<p>Die fortw\u00e4hrende Verweigerung, die Verhandlungsangebote der PKK                 \u00fcberhaupt zu registrieren, und die andauernde repressive Bek\u00e4mpfung                 ziviler kurdischer Akteure lassen darauf schlie\u00dfen, dass eine                 zivile und gerechte Konflikt\u00fcberwindung von Seiten des t\u00fcrkischen                 Staates nicht beabsichtigt ist. <\/p>\n<p>Die &#8222;Kurdenfrage&#8220; stellt die T\u00fcrkische Republik als Nationalstaat                 in Frage und dies nicht erst seit heute. <\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches                 entstand, ist das Produkt eines &#8222;Befreiungskrieges&#8220; (1919-1923),                 der mit zahlreichen Pogromen und Massenmorden an Minderheiten                 einherging. In zahlreichen Regionen hatten nicht-t\u00fcrkische Bev\u00f6lkerungsgruppen                 die Mehrheit gestellt, bis dies durch Massaker und Umsiedlungen                 ge\u00e4ndert wurde. Die t\u00fcrkische Staatsf\u00fchrung wollte aus dem &#8222;\u00dcberbleibsel&#8220;                 des Osmanischen Reiches eine t\u00fcrkische Nation bilden und verfolgte                 dazu eine aggressive T\u00fcrkisierungspolitik. Nach der Entstehung                 der Republik bedeutete diese Politik f\u00fcr alle Minderheiten die                 soziale und kulturelle Ausgrenzung, den Zwang zur Assimilierung                 und den \u00f6konomischen Niedergang. <\/p>\n<p>Ein zentrales Konzept der T\u00fcrkisierungspolitik war die Schaffung                 von unterschiedlichen Staatsb\u00fcrgerschaftsmodellen: W\u00e4hrend in                 der t\u00fcrkischen Verfassung alle t\u00fcrkischen Staatsb\u00fcrger als gleichberechtigt                 deklariert wurden und eine ethnische oder religi\u00f6se Differenzierung                 ausblieb, wurde in staatlichen Bestimmungen und Anordnungen zwischen                 t\u00fcrkischen Staatsb\u00fcrgern (einschlie\u00dflich der Minderheiten) und                 ethnisch und religi\u00f6s definierten &#8222;echten&#8220; T\u00fcrken unterschieden.                 Staatliche Anordnungen legten fest, dass in vielen Sektoren nur                 noch &#8222;echte&#8220; T\u00fcrken arbeiten durften, was dazu f\u00fchrte, dass Angeh\u00f6rige                 der Minderheiten entlassen wurden. <\/p>\n<p>In unterschiedlichen historischen Phasen existierten unterschiedliche                 &#8222;Hauptgegner&#8220; des t\u00fcrkischen Staates. Nach dem Genozid an den                 Armeniern 1915 und der Vertreibung der &#8222;griechischen&#8220; Bev\u00f6lkerung                 im Zuge des t\u00fcrkischen &#8222;Befreiungskriegs&#8220; stellten die Kurden                 das Haupthindernis f\u00fcr die t\u00fcrkische Homogenisierungspolitik dar.               <\/p>\n<p>Der Versuch des t\u00fcrkischen Staates, die kurdischen Regionen unter                 direkte Kontrolle zu bekommen, f\u00fchrte zu einer Reihe von Aufst\u00e4nden                 zwischen 1925 und 1938. Der Staat zerschlug die Aufst\u00e4nde durch                 den Einsatz massiver milit\u00e4rischer Gewalt, wobei es zu Massakern                 und Vertreibungen an der Zivilbev\u00f6lkerung kam. Die f\u00fcnf gr\u00f6\u00dferen                 Aufst\u00e4nde in diesen Jahren (der Scheich-Said-Aufstand 1925, die                 Ararat-Aufst\u00e4nde 1926, 1927 und 1930 und der Dersim-Aufstand 1937-1938)                 und die anschlie\u00dfenden Milit\u00e4roffensiven und Massaker seitens                 des t\u00fcrkischen Staates \u00fcbertrafen den t\u00fcrkischen &#8222;Befreiungskrieg&#8220;                 (1919-1923) im Hinblick auf den Verlust von Menschenleben und                 auf finanzielle Ausgaben. Eine entsprechend intensive historische                 Aufarbeitung ist allerdings bis heute ausgeblieben.<\/p>\n<p>Neben der milit\u00e4rischen Bek\u00e4mpfung der Aufst\u00e4nde wurde eine Reihe                 von politischen Ma\u00dfnahmen beschlossen, die weitere Aufst\u00e4nde verhindern                 sollten und gleichzeitig die staatliche Homogenisierungspolitik                 weiterentwickelten.<\/p>\n<p>Bereits 1925, nach dem ersten Aufstand, wurde ein &#8222;Reformplan                 f\u00fcr den Osten&#8220; von der t\u00fcrkischen Regierung beschlossen, wonach                 f\u00fcr die kurdischen Gebiete der Ausnahmezustand erkl\u00e4rt wurde,                 kurdische Staatsbedienstete entlassen wurden, nicht-t\u00fcrkische                 Sprachen verboten wurden und ein Teil der kurdischen Bev\u00f6lkerung                 vertrieben wurde, damit sich an deren Stelle t\u00fcrkische Siedler                 niederlassen sollten. <\/p>\n<p>Eine weitere Zuspitzung ist das &#8222;Ansiedlungsgesetz&#8220; von 1934,                 das die Deportation und Umsiedlung von nicht-t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerungsgruppen,                 haupts\u00e4chlich Kurden, zur Folge hatte. <\/p>\n<p>Das Gesetz teilte die Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei in drei Gruppen:               <\/p>\n<p>1. T\u00fcrken, die der t\u00fcrkischen Kultur angeh\u00f6ren und die t\u00fcrkische                 Sprache sprechen, <\/p>\n<p>2. Staatsb\u00fcrger, die zwar T\u00fcrkisch sprechen, aber nicht der t\u00fcrkischen                 Kultur zugeh\u00f6rig sind, <\/p>\n<p>3. Staatsb\u00fcrger, die eine nicht-t\u00fcrkische Sprache sprechen und                 nicht der t\u00fcrkischen Kultur angeh\u00f6ren. Die zweite und dritte Gruppe                 konnten umgesiedelt und\/oder ausgeb\u00fcrgert werden.<\/p>\n<p>Neben der kurdischen Bev\u00f6lkerung trafen die Umsiedlungsma\u00dfnahmen,                 die auch gewaltsam umgesetzt wurden, die nicht-muslimischen Minderheiten,                 so etwa t\u00fcrkische Juden und Armenier.<\/p>\n<p>Nach der milit\u00e4rischen Niederschlagung der Aufst\u00e4nde und Ausschaltung                 der kurdischen Organisationen haben kurdische AkteurInnen in der                 T\u00fcrkei auf den bewaffneten Kampf weitgehend verzichtet und ihre                 Interessen durch zivile politische Mittel zu erreichen versucht.                 Allerdings waren die Antworten des t\u00fcrkischen Staates auf diese                 zivilen Ans\u00e4tze das Verbot von Organisationen und die Verhaftung                 der AktivistInnen. Der Staat bestritt die Existenz einer kurdischen                 Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei, was dazu f\u00fchrte, dass t\u00fcrkische HistorikerInnen,                 SozialwissenschaftlerInnen und LinguistInnen die KurdInnen zu                 einem &#8222;t\u00fcrkischen Stamm&#8220; erkl\u00e4rten und die Existenz einer eigenst\u00e4ndigen                 kurdischen Sprache leugneten. <\/p>\n<p>Diese &#8222;Friedhofsruhe&#8220; wurde dann Ende der 1970er Jahre mit der                 Entstehung von politischen Organisationen, die sich explizit als                 kurdische Akteure verstanden haben, durchbrochen. In den K\u00e4mpfen                 zwischen rivalisierenden kurdischen Gruppen setzte sich bis zum                 Milit\u00e4rputsch 1980 die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unter Abdullah                 \u00d6calan durch. W\u00e4hrend die meisten kurdischen Gruppen, ebenso wie                 viele t\u00fcrkische linke Gruppen, w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur schnell                 zerschlagen worden waren, hatte die PKK diese Phase \u00fcberlebt und                 nahm 1984 mit einer Reihe von Angriffen auf die t\u00fcrkische Armee                 den offenen bewaffneten Kampf auf. Seit dieser Zeit l\u00e4sst sich                 die &#8222;Kurdenfrage&#8220; in der T\u00fcrkei nicht mehr von der PKK trennen.                 Hier schlie\u00dft sich der Kreis zur Gegenwart.<\/p>\n<p>Eine L\u00f6sung des gegenw\u00e4rtigen Konflikts ist ohne eine Aufarbeitung                 der staatlichen Homogenisierungspolitik und eine Abkehr von der                 Vorstellung eines ethnisch homogenen t\u00fcrkischen Nationalstaates                 nicht m\u00f6glich. Solange die grundlegenden Konfliktursachen bleiben,                 ist an einen nachhaltigen und gerechten Frieden in den kurdischen                 Gebieten nicht zu denken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die fortw\u00e4hrende Verweigerung, die Verhandlungsangebote der PKK \u00fcberhaupt zu registrieren, und die andauernde repressive Bek\u00e4mpfung ziviler kurdischer Akteure lassen darauf schlie\u00dfen, dass eine zivile und gerechte Konflikt\u00fcberwindung von Seiten des t\u00fcrkischen Staates nicht beabsichtigt ist. Die &#8222;Kurdenfrage&#8220; stellt die T\u00fcrkische Republik als Nationalstaat in Frage und dies nicht erst seit heute. 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