{"id":10988,"date":"2011-12-01T00:00:03","date_gmt":"2011-11-30T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10988"},"modified":"2022-07-26T14:22:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:34","slug":"von-tipnis-in-die-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/von-tipnis-in-die-krise\/","title":{"rendered":"Von TIPNIS in die Krise?"},"content":{"rendered":"<p>La Paz, 19. Oktober. Auf der Plaza Murillo vor dem Regierungspalast                 sammeln sich hunderte von Menschen und warten auf die protestierenden                 Ind\u00edgenas aus dem TIPNIS-Territorium ((1)).                 Mittendrin Boliviens Volksbarde Luis Rico, der mit seinen Liedern                 zus\u00e4tzlich f\u00fcr Stimmung sorgt. <\/p>\n<p>Die Menschen sind emp\u00f6rt: Hat sich die sozialistische bolivianische                 Regierung unter Evo Morales trotz monatelanger Proteste doch bisher                 nicht bereit erkl\u00e4rt, auf eine geplante Schnellstra\u00dfe mitten durch                 das Reservat zu verzichten.<\/p>\n<p>Dann erreicht der Zug tausender Menschen den zentralen Platz                 von La Paz.<\/p>\n<p>Verbl\u00fcffung unter den ausl\u00e4ndischen BeobachterInnen &#8211; nicht die                 Whipalas ((2)) der indigenen                 Bewegungen sind an der Spitze zu sehen, sondern Nationalflaggen                 in bunter Mischung mit den Farben der TIPNIS-Leute ((3)).<\/p>\n<p>Aus den Fenstern der anliegenden H\u00e4user und auf den Stra\u00dfen solidarisieren                 sich viele Menschen mit dem Protest.<\/p>\n<p>Entdeckt die b\u00fcrgerliche Mitte ihre Liebe zum Naturschutz und                 zu den Ind\u00edgenas, die sie doch ansonsten eher verachtet?<\/p>\n<p>Weiter hinten im langen Zug kommen sie dann doch &#8211; die vielen                 Organisationen von GewerkschafterInnen, StudentInnen, AnarchistInnen,                 \u00d6kos mit ihren Flaggen und ihren Sprechch\u00f6ren. Und w\u00e4hrend am                 Anfang Rufe wie &#8222;Mineros y la Coca &#8211; el TIPNIS no se toca!&#8220; ((4))                 oder &#8222;Cuando Evo quiere Coca &#8211; lo planta en Orinoca&#8220; ((5))                 zu h\u00f6ren waren, \u00e4ndern sich die diese nun: &#8222;Derecha &#8211; Izquierda                 = Todo la misma mierda&#8220; ((6))                 oder &#8222;Evo dec\u00eda que todo cambiar\u00e1 &#8211; Mentira! Mentira! Sigue la                 misma poquer\u00eda&#8220; ((7)).<\/p>\n<h3>Was hat zu diesem breiten B\u00fcndnis des Protests gef\u00fchrt?<\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst die offensichtlichen Konflikte: Durch ein Naturschutzreservat                 sollte mit brasilianischer Unterst\u00fctzung eine Schnellstra\u00dfe gebaut                 werden. Sie dient den Interessen Brasiliens, denn der prosperierende                 Schwellenstaat sucht eine direkte Verbindung zum Pazifik, um damit                 seine Exporte nach Asien schneller abwickeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Planungen wurden ohne R\u00fccksicht auf die UreinwohnerInnen                 des Territoriums vorgenommen, ihre Proteste verhallten wie gew\u00f6hnlich                 ungeh\u00f6rt oder wurden arrogant als St\u00f6rman\u00f6ver einer kleinen Minderheit                 abgetan. <\/p>\n<p>Doch die Menschen bef\u00fcrchteten nicht zu Unrecht, dass der Bau                 der Stra\u00dfe das weitere Vordringen von Holzfirmen, Bergbaukonzernen                 und Cocaleros zur Folge haben w\u00fcrde ((8)).<\/p>\n<p>Als dann am 26.9. die Polizei den Protestzug der indigenen Menschen                 auf dem Weg nach La Paz niederkn\u00fcppelte, war das Ma\u00df voll. Eine                 Lawine der Solidarisierung fegte durch das Land. Doch w\u00e4hrend                 die b\u00fcrgerliche Mitte auf den Zug aufsprang und es der Regierung                 mal endlich wieder &#8222;richtig zeigen&#8220; wollte, liegen die eigentlichen                 Probleme tiefer.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die Unzufriedenheit breiter Bev\u00f6lkerungskreise                 mit dem bisher Erreichten. Viele der neuen Gesetze, Verordnungen                 und Planungen kommen nicht unten an, haben das Leben der W\u00e4hlerinnen                 und W\u00e4hler nicht wirklich verbessert. Zwar wurden einige soziale                 Ma\u00dfnahmen eingef\u00fchrt, doch diese sind eher ein Tropfen auf dem                 hei\u00dfen Stein. <\/p>\n<p>Die Menschen werden ungeduldig.<\/p>\n<p>Dies, aber auch die mangelnde Radikalit\u00e4t der Ver\u00e4nderungen sind                 wiederum \u00c4rgernis f\u00fcr die meisten der indigenen Bewegungen und                 Gewerkschaften. Sie werfen der Regierungspartei MAS vor, im Geschacher                 um Posten und in Korruption zu versinken. Tats\u00e4chlich ist eine                 zunehmende Institutionalisierung der Regierungsarbeit zu beobachten                 &#8211; weg von den Bewegungen, hin zur Bedienung von Klientelgruppen.<\/p>\n<p>Diese waren (und sind) eigentlich Teil der Bewegung selbst: Cocabauern,                 Mineros und auch der regierungsnahe Teil der Campesinos. Doch                 auch in ihren F\u00fchrungszirkeln haben inzwischen Funktion\u00e4re das                 Sagen, die sich in erster Linie um die Einnahmenseite des eigenen                 Klientels k\u00fcmmern.<\/p>\n<h3>Eine Spaltung der Bewegungen in kooptierte und regierungskritische                 Gruppen wird immer deutlicher<\/h3>\n<p>In dieser Situation sehen die Parteien des liberalen B\u00fcrgertums                 und der Oligarchie nach ihren schweren Niederlagen in den Jahren                 2008 und 2009 endlich wieder eine Chance f\u00fcr neue Handlungsspielr\u00e4ume.               <\/p>\n<p>So versuchte sich der liberale B\u00fcrgermeister von La Paz, Juan                 del Granado von der Partei Movimiento sin Miedo (Bewegung ohne                 Angst, MSM), an die Spitze der Proteste zu stellen. Es wird spekuliert,                 dass sich del Granado bereits f\u00fcr die n\u00e4chsten Pr\u00e4sidentschaftswahlen                 in Stellung bringen will.<\/p>\n<p>Sollte die Regierung weitere schwerwiegende Fehler begehen, k\u00f6nnten                 sich am 19. Oktober erste Anzeichen f\u00fcr neue, zuk\u00fcnftige Koalitionen                 angedeutet haben.<\/p>\n<p>Nachdem deutlich geworden war, dass alle Versuche der Regierung,                 die TIPNIS-Proteste als v\u00f6llig \u00fcberzogen, von den Rechten bezahlt                 oder den Interessen des Landes schadend zu denunzieren, nichts                 fruchten w\u00fcrden, machte Evo Morales einen R\u00fcckzieher. <\/p>\n<p>Wie bereits nach den Demonstrationen gegen geplante Benzinpreiserh\u00f6hungen                 im Dezember 2010 erkl\u00e4rte er, seine Regierung w\u00fcrde ja dem Prinzip                 des &#8222;Gehorchend Regieren&#8220; folgen. Deshalb werde man nun Verhandlungen                 mit den Protestierenden aufnehmen, mit dem Ziel, die Schnellstra\u00dfe                 doch nicht zu bauen, sondern &#8211; im Gegenteil &#8211; den Schutz des Territoriums                 zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Und siehe da: Was noch Tage vorher unm\u00f6glich schien, gelang nach                 kurzen Verhandlungen. Am 26.10. unterzeichnete Evo Morales ein                 Gesetz zum Schutz des &#8222;Indigenen Territoriums Nationalpark Isiboro                 S\u00e9cure&#8220;. Brasilien erkannte die Vereinbarung an und sicherte zu,                 seinen Zuschuss f\u00fcr die Stra\u00dfe in H\u00f6he von ca. 332 Millionen Dollar                 auch bei einem anderen Streckenverlauf beizubehalten.<\/p>\n<p>Inzwischen wurde auch drei Holzfirmen die Lizenz zum Holzeinschlag                 entzogen.<\/p>\n<p>Nun versuchen die Cocaleros ihrerseits Proteste zu organisieren.                 Die Konflikte um die Nutzung von Land werden also andauern. Und                 sie sind grunds\u00e4tzlicher Art.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Regierung und die MAS au\u00dfenpolitisch damit punkten, zu                 den sch\u00e4rfsten Kritikern des vom kapitalistischen Wirtschaftssystem                 verursachten Klimawandels zu geh\u00f6ren, sieht die Lage vor Ort anders                 aus. <\/p>\n<p>Dort verfolgt die Regierung nach wie vor das gleiche extraktivistische                 Wirtschaftsmodell: ein auf der Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen                 beruhendes Anwachsen der Wirtschaft, welche einen immer h\u00f6heren                 Konsum erm\u00f6glichen soll.<\/p>\n<p>Sie befindet sich in einer Zwickm\u00fchle: auf der einen Seite die                 berechtigten Forderungen, vor allem aus den armen Schichten, nach                 einem Ende der bitteren Armut. Auf der anderen Seite die Forderungen                 aus den radikalen Bewegungen nach Abkehr von diesem Entwicklungsmodell.<\/p>\n<p>Jene kritisieren, dass entgegen allen Versprechungen und Verordnungen                 zum Schutz der Pacha Mama (Mutter Erde) diese in noch st\u00e4rkerem                 Ma\u00dfe ausgebeutet werde als bisher. Und dass daran nach wie vor                 ausl\u00e4ndische Konzerne im gro\u00dfen Stil beteiligt werden, wie das                 Beispiel von Vertr\u00e4gen zur F\u00f6rderung der Lithium-Vorkommen am                 Salar de Uyuni zeigte. Auch dies entgegen allen Ank\u00fcndigungen                 der Regierung.<\/p>\n<p>Insofern sei auch die ganze Diskussion um das Prinzip des &#8222;Buen                 Vivir&#8220; (Aymara: Suma Qama\u00f1a) ((9))                 schlicht falsch, weil es ein haupts\u00e4chlich auf Menschen bezogenes                 Prinzip sei.<\/p>\n<p>Das Denken der Aymara umfasse aber sowohl die menschliche wie                 die nichtmenschliche Welt. Beide bildeten eine Gemeinschaft. Der                 Begriff &#8222;Gemeinschaft&#8220; (Ayllu) umfasse somit die gesamte Umwelt.               <\/p>\n<p>Gutes Leben bedeute f\u00fcr die Aymara ein Leben im Gleichgewicht                 (Khuska), welches sich aber immer wieder ver\u00e4ndere und neu gestalte.               <\/p>\n<p>Ziel sei nicht die individuelle Suche nach einem &#8222;zufriedenen                 Leben&#8220;, sondern ein kollektives Zusammenleben, in welchem die                 individuellen und kollektiven Probleme gemeinschaftlich gel\u00f6st                 werden (Aski Qama\u00f1a).<\/p>\n<p>Daf\u00fcr m\u00fcssten aber die bisherigen Prinzipien von &#8222;Modernit\u00e4t&#8220;                 und &#8222;Entwicklung&#8220; hinterfragt und grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert werden.                 Zwischen Kapitalismus und Aski Qama\u00f1a k\u00f6nne es keine Kooperation                 geben.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr sei eine v\u00f6llig andere Gesellschaft notwendig.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Schl\u00fcsselfragen sei die nach der sozialen                 Organisation der Gesellschaft.<\/p>\n<p>In der indigenen Vorstellung verhindere das Rotationsprinzip                 der Ayllus, verbunden mit sozialer Kontrolle, die Herausbildung                 von Eliten und Chefs. Die Nachbarschaftskomitees (Junta Vecinares)                 w\u00fcrden im Stil der Ayllus arbeiten ((10)).<\/p>\n<p>Am Anfang der jetzigen Regierung habe es die M\u00f6glichkeit gegeben,                 diese Strukturen zu schaffen. Inzwischen sei die MAS jedoch zur\u00fcckgekehrt                 zum Prinzip des zentralisierenden Staates und der westlichen Formen                 von Demokratie. <\/p>\n<p>Gerade dieses Verst\u00e4ndnis von Demokratie sei jedoch ein &#8222;primitives                 Konzept&#8220;, da es sich stets auf eine relativ kleine Gruppe von                 Menschen beziehe. <\/p>\n<p>Dass derartige Konzepte in Konflikt zu klassischen Vorstellungen                 vom Regieren geraten, versteht sich von selbst. <\/p>\n<p>Es bleibt die spannende Frage, ob Vizepr\u00e4sident Garcia Linera                 Recht beh\u00e4lt mit seiner Behauptung, solche Prozesse und Auseinandersetzungen                 seien &#8222;sekund\u00e4r und kreativ&#8220;.<\/p>\n<p>Oder ob die sich abzeichnende schwere Vertrauenskrise zwischen                 Regierung und einem gro\u00dfen Teil der Bewegungen zu einer gro\u00dfen                 Krise im Prozess des Wandels wird. Den Schaden h\u00e4tten beide &#8211;                 Bewegungen und Regierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>La Paz, 19. Oktober. Auf der Plaza Murillo vor dem Regierungspalast sammeln sich hunderte von Menschen und warten auf die protestierenden Ind\u00edgenas aus dem TIPNIS-Territorium ((1)). Mittendrin Boliviens Volksbarde Luis Rico, der mit seinen Liedern zus\u00e4tzlich f\u00fcr Stimmung sorgt. Die Menschen sind emp\u00f6rt: Hat sich die sozialistische bolivianische Regierung unter Evo Morales trotz monatelanger Proteste &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/von-tipnis-in-die-krise\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Von TIPNIS in die Krise? - graswurzelrevolution","description":"La Paz, 19. Oktober. 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