{"id":10991,"date":"2011-12-01T00:00:27","date_gmt":"2011-11-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10991"},"modified":"2022-07-26T14:22:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:34","slug":"nun-ist-mir-der-mond-vor-die-fuse-gefallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/nun-ist-mir-der-mond-vor-die-fuse-gefallen\/","title":{"rendered":"&#8222;Nun ist mir der Mond vor die F\u00fc\u00dfe gefallen\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Aber sind diese Verse ein Anfang \u2013 oder ein Ende? Wom\u00f6glich gar                 die Bilanz des Lebens jener Frau, die sie im Juli 1937 schrieb?                 1998 benutzte die katholisch-konservative Tageszeitung <i>El Mundo<\/i>,                 sp\u00fcrbar bem\u00fcht, ihren Widerwillen gegen das rebellische Leben                 der Dichterin nicht ins Kraut schie\u00dfen zu lassen, ein auff\u00e4llig                 \u00e4hnliches Bild: &#8222;Nicht, dass sie eine gebrochene Pers\u00f6nlichkeit                 gewesen w\u00e4re. Das Erlebnis ihrer Poesie, ihrer Sexualit\u00e4t und                 ihrer politischen Ideen war es, das sie so weit hinaustrieb [&#8230;]&#8220;.                  ((2)) Es scheint ein unstillbares                 Verlangen zu geben, st\u00fcrmische Biographien nach dem Tod in einem                 gesch\u00fctzten Hafen der Wohlanst\u00e4ndigkeit zu verankern. Vor allem,                 wenn es sich um Biographien von Frauen handelt. Luc\u00eda S\u00e1nchez                 Saornil, die k\u00e4mpferische Feministin, Mitbegr\u00fcnderin der <i>Mujeres                 Libres<\/i> [&#8218;Freie Frauen&#8216;], die anarchistische Aktivistin und                 begabte Lyrikerin \u2013 ein blo\u00dfes &#8218;Treibgut&#8216; der Geschichte und ihrer                 Leidenschaften? Gewiss, der Strom der Zeit riss sie, wie Millionen                 andere, mitten hinein in den Spanischen B\u00fcrgerkrieg. Der Sieg                 der Franco-Truppen tilgte ihren Namen aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis.                 Sie starb verarmt, vergessen und (im \u00fcbertragenen Sinne) tats\u00e4chlich                 mit &#8222;zerschnittenen H\u00e4nden&#8220;. Am\u00e9rica Barroso, gut ein halbes Leben                 lang ihre Gef\u00e4hrtin, lie\u00df auf ihren Grabstein schreiben: &#8222;Aber&#8230;ist                 es wahr? Ist alle Hoffnung tot?&#8220;. Es war ein Vers aus dem ersten                 von Luc\u00eda S\u00e1chez Saornils zwei sp\u00e4ten &#8222;Sonetten der Hoffnungslosigkeit&#8220;.                  ((3)) Das zweite Sonett aber                 klingt anders, trotziger, zuversichtlicher, und gar nicht hoffnungslos:                 &#8222;Wenn es nicht mehr m\u00f6glich ist, &#8218;morgen&#8216; zu sagen\/ wozu flie\u00dft                 dann das Blut durch meine Adern?&#8220;. ((4))                 Hoffnung, Eigenst\u00e4ndigkeit, Freiheit und Widerstand \u2013 das waren                 bis zuletzt die Schl\u00fcsselworte in Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornils Leben.                 Ihr Werk geh\u00f6rt zu den ungehobenen Sch\u00e4tzen der spanischen Literatur                 des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<h3>Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez oder: vom Nationalismus zum Feminismus<\/h3>\n<p>Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornils k\u00fcnstlerische und politische Eigenst\u00e4ndigkeit,                 die sich nicht selten auch gegen die Parteig\u00e4ngerinnen und Parteig\u00e4nger                 der eigenen Seite stellte, wird an der &#8222;Romance \u00fcber Leben, Leiden                 und Sterben von Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez [&#8230;]&#8220; besonders sch\u00f6n deutlich.                 Das Schiksal der W\u00e4scherin Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez, die im Januar                 1937 von einem franquistischen Milit\u00e4rgericht in M\u00e1laga zum Tode                 verurteilt wurde, weil sie Uniformen republikanischer Milizion\u00e4re                 gewaschen habe, geh\u00f6rt zu den Opfermythen des Spanischen B\u00fcrgerkriegs.                 Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil war keineswegs die Einzige, die den Stoff                 literarisierte. Auch ihr anarchistischer Dichterkollege F\u00e9lix                 Paredes widmete Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez ein Gedicht. ((5))                 Der kommunistische Schriftsteller Ilja Ehrenburg schrieb am 6.                 M\u00e4rz 1937 in der Tageszeitung <i>ABC<\/i> \u00fcber den Fall M\u00e1lagas:                 &#8222;Die K\u00e4mpfer hatten die Stadt bereits verlassen, gemeinsam mit                 40.000 Frauen und Kindern. Also schnappten sich die Faschisten                 den Gro\u00dfvater des Sekret\u00e4rs der B\u00e4ckergewerkschaft oder die Nichte                 des toten Milizion\u00e4rs. Sie verurteilten bis zu 300 Personen am                 Tag. Die Gerichtsschreiber hatten nicht einmal Zeit, die Namen                 der Erschossenen zu notieren. In der ersten Sitzung des Tribunals                 sagte eine in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6ste Frau: &#8218;Ich habe doch nichts getan!                 Ich habe nur W\u00e4sche gewaschen&#8216;. [&#8230;] Der Pr\u00e4sident sagte g\u00e4hnend:                 &#8218;Der n\u00e4chste&#8216;. Der Korrespondent der italienischen Zeitung <i>Popolo                 d&#8216; Italia<\/i>, Herr Barzini, telegraphierte nach Hause: &#8218;Das Gericht                 verfuhr gem\u00e4\u00df allen Regeln des Menschenrechts. Es wurden lediglich                 Hetzer und Verbrecher bestraft&#8216;. Vielleicht traf er auf dem Weg                 zum Telegraphenamt ja die W\u00e4scherin Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez, die man                 zur Hinrichtung f\u00fchrte, weil sie eine &#8218;Hetzerin und Verbrecherin&#8216;                 war&#8220;. ((6)) Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez                 wurde zum Sinnbild des &#8222;wahren&#8220;, proletarischen Spaniens und der                 ungehemmten Mordlust der Faschisten. Die tats\u00e4chlichen Vorg\u00e4nge                 um ihren Tod sind heute nur schwer zu rekonstruieren. Fest steht,                 dass Frauen der m\u00f6rderischen Rachsucht der Sieger mitunter noch                 st\u00e4rker ausgesetzt waren als M\u00e4nner. Manchmal mu\u00dften sie schon                 mit dem Leben daf\u00fcr bezahlen, dass sie die Zeitung lasen, sich                 politisch \u00e4u\u00dferten oder modisch kleideten. Derart &#8222;unweibliche&#8220;                 Anwandlungen sahen die Parteig\u00e4nger Francos als W\u00fchlarbeit gegen                 die heilige Ordnung. ((7)) Aber                 auch in der literarischen Propaganda der republikanischen Zone                 herrschte keineswegs immer ein frauenfreundlicher Ton. Eine schlichte                 Arbeiterin, die in Ereignisse geriet, die sie nicht verstand,                 entsprach durchaus einem machistischen Rollenideal von devoter                 Weiblichkeit, das manche Autoren sogar zum Sinnbild der &#8222;weiblichen                 Seele des Landes&#8220;, der <i>Madre Espa\u00f1a<\/i> [&#8218;Mutter Spanien&#8216;]<i>,                 <\/i>hochspielten. In dem Gedicht von Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil dagegen                 verk\u00f6rpert Encarnaci\u00f3n Jim\u00e9nez mindestens ebenso sehr das Schiksal                 der <i>wirklichen<\/i> Frauen Spaniens: ihre erzwungene Ignoranz,                 ihre tagt\u00e4gliche Schufterei, ihre stillen Tr\u00e4ume und ihre Entt\u00e4uschungen.                 Encarnaci\u00f3ns Einfalt ist kein Ausweis naturw\u00fcchsiger, unverderbter                 G\u00fcte, sondern mitverantwortlich f\u00fcr die Katastrophe. Ihr Schiksal                 wird bei S\u00e1nchez Saornil wieder zu einer revolution\u00e4ren Forderung.               <\/p>\n<h3>Kindheit, Jugend und erste Gedichte<\/h3>\n<p>Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil wurde am 13. Dezember 1895 in eine proletarische                 Familie in Madrid geboren &#8211; nicht 1901, wie ihre Genossin Lola                 Iturbe in ihren Memoiren irrigerweise angibt. ((8))                 Mit ihren Eltern Eugenio und Gabriela, einem Bruder und einer                 j\u00fcngeren Schwester lebte sie zun\u00e4chst in der Calle del Labrador                 im Madrider Viertel Pe\u00f1uelas. Zur Schule ging sie im <i>Centro                 de Hijos de Madrid<\/i>, das die Madrilenen nicht ohne Stolz &#8222;La                 Casa de los Gatos&#8220; [&#8218;Das Haus der Katzen&#8216;] nannten. Die Bezeichnung                 &#8222;gato&#8220;<i> <\/i>[&#8218;Katze&#8216;] f\u00fcr geb\u00fcrtige Madrilenen soll noch auf                 K\u00f6nig Philipp II zur\u00fcckgehen, der sich, nachdem er Madrid 1561                 zur Hauptstadt des spanischen Reiches gemacht hatte, dar\u00fcber mokierte,                 dass die Madrilenen &#8222;wie die Katzen&#8220; an den Mauern der Pal\u00e4ste                 hinaufzuklettern versuchten, um zu schauen, was sich in Regierungskreisen                 so tue. Luc\u00edas Mutter und ihr Bruder starben noch w\u00e4hrend ihrer                 Kindheit. Ihr Vater arbeitete in der Telefonzentrale der Casa                 del Duque de Alba. 1916 fand auch seine Tochter dort Anstellung.                 Gleichzeitig studierte sie Malerei an der <i>Academia de Bellas                 Artes de San Fernando<\/i>. Ebenfalls 1916 erschienen erste Gedichte                 in der Zeitschrift <i>Los Quijotes<\/i>, die der damals bereits                 70-j\u00e4hrige Anarchist und Freimaurer Emilio G. Linera herausgab.                 <i>Los Quijotes<\/i> wurde zum eigentlichen Sprungbrett f\u00fcr die                 kurzlebige, aber einflu\u00dfreiche ultraistische Avantgarde, deren                 Geburtsstunde die Ankunft des chilenischen Dichters Vicente Huidobro                 in Paris markierte und die sich 1918 mit dem &#8222;Manifest des Ultraismus&#8220;                 konstituierte. S\u00e1nchez Saornil ver\u00f6ffentlichte ihre Gedichte in                 Lineras Zeitschrift unter dem m\u00e4nnlichen Pseudonym <i>Luciano                 de San-Saor<\/i>. Dies war einerseits zweifellos ein Zugest\u00e4ndnis                 an die m\u00e4nnlich dominierte literarische Szene jener Zeit, namentlich                 der beginnenden Avantgarde(n). Andererseits aber bot ihr diese                 &#8222;m\u00e4nnliche Tarnkappe&#8220; auch die M\u00f6glichkeit, in der Folge Gedichte                 zu ver\u00f6ffentlichen, Liebesgedichte zumal, die in ihrer teilweise                 kaum mehr verh\u00fcllten sensuellen (wo nicht gar sexuellen) Intensit\u00e4t                 weit \u00fcber das hinausgingen, was eine junge Frau in den 20er Jahren                 h\u00e4tte wagen d\u00fcrfen. Die Vermutung der spanischen Literaturwissenschaftlerinnen                 Luz Sanfeliu Gimeno und Nuria Capdevila-Arg\u00fcelles, bereits in                 diesen fr\u00fchen Texten offenbare sich eine Subversion konventioneller                 Liebesmetaphorik durch eine ausdr\u00fccklich homosexuelle Perspektive,                 ist allerdings nicht \u00fcberzeugend. ((9))                 Niemand wei\u00df, ob sich Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil zu diesem Zeitpunkt                 bereits mehr zu Frauen als zu M\u00e4nnern hingezogen f\u00fchlte. Ein kurzes,                 verkrachtes Liebestechtel mit dem ultraistischen Dichterkollegen                 C\u00e9sar A. Comet \u2013 der S\u00e1nchez Saornil immerhin sein Prosagedicht                 &#8222;Bengala festiva&#8220; widmete \u2013 spricht eher dagegen. Nach einem ersten,                 hoffnungsvollen Treffen, bei dem Comet zum ersten Mal erfuhr,                 wer sich hinter dem Pseudonym Luciano de San-Saor verbarg, soll                 der (b\u00fcrgerliche) Dichterrebell allerdings einlends davongelaufen                 sein, als er auf dem Weg zum zweiten Stelldichein im \u00e4rmlichen                 Hauseingang von S\u00e1nchez Saornils Wohnung &#8222;zerlumpte und schmutzige                 Kinder&#8220; spielen sah. ((10))               <\/p>\n<p>Literarisch fand die proletarische Autodidaktin schnell Anerkennung.                 Der avantgardistische Dichter Guillermo de Torre bewunderte die                 &#8222;gro\u00dfe Ernsthaftigkeit&#8220; ihrer Gedichte, und das, obwohl S\u00e1nchez                 Saornil eigentlich nur \u00fcber ihre Freundschaft zu den Dichtern                 des <i>Quijote<\/i> in die Ultraistenbewegung &#8222;hineingeschlittert&#8220;                 war und sich inhaltlich wie formal keineswegs v\u00f6llig der neuen                 \u00c4sthetik unterworfen hatte. Sie behielt zum Beispiel die Zeichensetzung                 bei, die unter Ultraisten verp\u00f6nt war. Und auch die Liebe war                 nicht unbedingt ein Thema, dass die selbstbewu\u00dften Avantgardedichter                 in Begeisterung versetzte. 1933 rechnete sie in einem Artikel                 f\u00fcr die anarchistischen Tageszeitung <i>CNT<\/i> unter dem bezeichnenden                 Titel &#8222;Literatur, weiter nichts&#8230;&#8220; schonungslos mit dem k\u00fcnstlerischen                 D\u00fcnkel und den vorgeblich politischen Zielen der Avantgarde ab.                  ((11)) Anfang der 20er Jahre                 dagegen finden sich in ihren Texten noch Passagen, in denen \u00e4sthetische                 und politische Radikalit\u00e4t zusammenflie\u00dfen: &#8222;Unsere Arme werden                 diese alte Erde heben\/ wie zu einem Segen. \/Ein Flammenf\u00e4cher\/                 wird die alten Kleider verzehren\/ und wir werden siegen, nackt                 und wei\u00df\/ wie Sterne. [&#8230;] WIR WERDEN SIE ERBAUEN\/ DIE UMGEKEHRTEN                 PYRAMIDEN&#8220;. ((12)) Mit der                 Ver\u00f6ffentlichung von zwei Gedichten in der Zeitschrift <i>Manantial<\/i>                 endete 1929 nicht nur S\u00e1nchez Saornils avantgardistische Phase,                 sondern auch ihr dichterisches Schaffen \u2013 zumindest bis zum Ausbruch                 des B\u00fcrgerkriegs.<\/p>\n<h3>Politisches Engagement, Krieg und Revolution<\/h3>\n<p>In den sp\u00e4ten 20er Jahre begann Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornils aktives                 Engagement auf Seiten der anarchistischen Arbeiterbewegung. Die                 Zweite Republik (1931-1936) wurde f\u00fcr sie zu einer Zeit der politischen                 Agitation. Sie verlegte sich ganz auf politischen Journalismus,                 arbeitet f\u00fcr anarchistische Zeitungen und Zeitschriften wie <i>Tierra                 y Libertad <\/i>und <i>Solidaridad Obrera<\/i> und war von 1933                 bis 1934 Redaktionssekret\u00e4rin von <i>CNT Madrid<\/i>. Immer deutlicher                 trat ihr feministisches Engagement hervor. 1936 gr\u00fcndete sie,                 gemeinsam mit der \u00c4rztin Amparo Poch y Gasc\u00f3n und der studierten                 Juristin Mercedes Comaposada (die nach dem B\u00fcrgerkrieg im Exil                 als Sekret\u00e4rin des jungen Pablo Picasso in Paris arbeitete) die                 anarchafeministische Organisation <i>Mujeres Libres<\/i>. ((13))                 M\u00e4nnliche Genossen waren nicht begeistert. Die &#8222;Befreiung der                 Frau&#8220; war innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens oft                 nur ein t\u00f6nendes Lippenbekenntnis gewesen. Ein gesondertes, ausdr\u00fccklich                 feministisches Engagement war nicht vorgesehen. Es galt vielen                 Anarchistinnen und Anarchisten, Frauen wie M\u00e4nnern, als &#8222;b\u00fcrgerlich&#8220;                 &#8211; oder sogar als Weg in die Spaltung. ((14))                 Im allt\u00e4glichen Leben waren anarchistische M\u00e4nner von den hehren                 Zielen ihrer Bewegung h\u00e4ufig weit entfernt. ((15))                 Innerhalb der <i>Mujeres Libres<\/i> vertrat Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil                 in Sachen Frauenbefreiung gewiss die radikalsten Positionen. Sie                 scheute sich auch nicht, \u00f6ffentlich ihre eigene, nun offen ausgelebte                 Homosexualit\u00e4t als Beweis daf\u00fcr anzuf\u00fchren, dass Mutterschaft                 f\u00fcr Frauen kein unhintergehbares Gottesgebot sei und niemand weiblicher                 Selbstverwirklichung Grenzen zu setzen habe. Den einfachen Frauen                 und M\u00e4dchen, mit denen <i>Mujeres Libres<\/i> nach dem Ausbruch                 des B\u00fcrgerkriegs in Stadt und Land (unter anderem) Schulungen                 in Sexualhygiene und Schwangerschaftsverh\u00fctung durchf\u00fchrte, fiel                 die Kinnlade herunter. Noch 1986 erinnerte sich die Anarchistin                 Pepita Carnicer, damals ein junges M\u00e4dchen von noch nicht einmal                 12 Jahren, voller Bewunderung an die schlanke, eher klein gewachsene                 Rednerin S\u00e1nchez Saornil, die Befreiung nicht nur einforderte,                 sondern vorlebte. ((16)) <\/p>\n<p>Mit dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs und dem Beginn der sozialen                 Revolution in Teilen der republikanischen Zone nahm Luc\u00eda S\u00e1nchez                 Saornil auch ihre literarische T\u00e4tigkeit wieder auf. Sie schrieb                 unter anderem die Hymne der <i>Mujeres Libres<\/i>: &#8222;Vergangnes                 soll im Nichts versinken\/ Was k\u00fcmmert uns, was gestern war?\/ Wir                 wollen es aufs Neue schreiben,\/ das Wort &#8218;Frau'&#8220; ((17))                 Sie publizierte in der Zeitschrift ihrer Organisation und einer                 Reihe weiterer anarchistischer Bl\u00e4tter k\u00e4mpferische Romanzen und                 versorgte auch die K\u00e4mpfenden an der Front mit revolution\u00e4rer                 Lekt\u00fcre. &#8222;Ist dies die Stunde, um zu schreiben?&#8220;, fragte sie sich                 1937: &#8222;Wir wissen es nicht. Man hat uns diese Pflicht zugewiesen,                 und wir erf\u00fcllen sie unerbittlich, die leichte Feder in der Hand,                 auch, wenn die Hand sich ballen will, um das Gewehr zu greifen,                 oder die Pistole. [&#8230;] Wir m\u00fcssen weiter Worte weben, Worte,                 die allen sagen, was ihre Pflicht ist, ihre unabdingbare Pflicht,                 h\u00f6her als unser pers\u00f6nliches Schiksal, denn sie ist das Schiksal                 der gesamten Menschheit&#8220;. ((18))                 W\u00e4hrend der Belagerung Madrids im Winter 1936, als die Stadt nahezu                 t\u00e4glich von deutschen Flugzeugen bombadiert wurde, las S\u00e1nchez                 Saornil ihr Gedicht &#8222;Madrid, Madrid, mein Madrid&#8220; vor den Mikrofonen                 von <i>Radio Madrid<\/i> \u00f6ffentlich vor. Lola Iturbe erinnerte                 sich noch fast 40 Jahre sp\u00e4ter: &#8222;Mit welcher Leidenschaft besang                 Luc\u00eda S\u00e1chez Saornil das heldenhafte Madrid im Novembers 1936&#8220;.                  ((19)) 1938 erschien ihr Gedichtband                 &#8222;Romancero de Mujeres Libres&#8220;. ((20))                 Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil war neben ihrer Arbeit bei der Telefonzentrale,                 ihrer literarischen und publizistischen T\u00e4tigkeit und ihrer Mitarbeit                 bei <i>Mujeres Libres<\/i> auch noch Mitglied des <i>Consejo General                 de Solidaridad Internacional Antifascista<\/i> (S.I.A.). In dieser                 Funktion reiste sie des \u00f6fteren nach Frankreich, um Material und                 Devisen f\u00fcr die Milizen und Kindertagesst\u00e4tten in der Etappe aufzutreiben.                 1937 zog sie nach Valencia und wurde dort einzige Redakteurin                 der anarchistischen Zeitschrift <i>Umbral<\/i>, in der m\u00f6glicherweise                 eine Reihe anonymer oder mit Pseudonymen wie &#8222;Compa\u00f1era X&#8220; signierter                 Texte aus ihrer Feder stammen. Vor allem aber lernte sie Am\u00e9rica                 Borroso (1909-1977), genannt &#8222;Mary&#8220;, kennen. Sie blieb ihre Gef\u00e4hrtin                 bis zum Tod.<\/p>\n<h3>Exil, R\u00fcckkehr, sp\u00e4te Gedichte<\/h3>\n<p>1939 flohen beide, gemeinsam mit tausenden anderer, vor den franquistischen                 Truppen \u00fcber Le Perthus nach Frankreich. Das Sekret\u00e4riat der S.I.A.                 wurde zun\u00e4chst provisorisch in Perpignan, dann, als der Fl\u00fcchtlingsstrom                 immer gr\u00f6\u00dfer wurde, in Paris eingerichtet. Nach dem Angriff der                 Deutschen flohen S\u00e1nchez Saornil und Barroso erneut und lie\u00dfen                 sich im s\u00fcdfranz\u00f6sischen Montauban nieder. Luc\u00eda hielt sich mit                 technischen Fotoarbeiten notd\u00fcrftig \u00fcber Wasser. Zwischen 1941                 und 1942 \u2013 die Zeugenaussagen sind uneinheitlich \u2013 kehrten beide                 mit Hilfe von Am\u00e9ricas Schwester Electra nach Spanien zur\u00fcck.                 S\u00e1nchez Saornil \u00fcberquert die Grenze illegal und als verfolgte                 Anarchistin. Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre R\u00fcckkehr m\u00f6gen die Furcht vor den                 Nazi-Truppen gewesen sein, aber auch die Krankheit ihres Vaters.                  ((21)) S\u00e1nchez Saornil wurde                 in Madrid auf der Stra\u00dfe erkannt, und das Paar mu\u00dfte erneut fliehen                 \u2013 diesmal nach Valencia. Bis zur Legalisierung von S\u00e1nchez Saornils                 Status 1954 kam Barroso im Hunger leidenden Nachkriegsspanien                 allein f\u00fcr den Lebensunterhalt des Paares auf. Mit der R\u00fcckkehr                 nach Spanien war Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil f\u00fcr die anarchistische                 Bewegung verschollen. Vermutungen, sie habe im Untergrund weiter                 an anarchistischen Aktivit\u00e4ten teilgenommen, sind nicht glaubw\u00fcrdig.                 Allein eine lesbische Liebesbeziehung gen\u00fcgte im franquistischen                 Spanien bereits f\u00fcr langj\u00e4hrige Haftstrafen. Mit der R\u00fcckkehr                 nach Spanien endete das politische Leben von Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil                 \u2013 nicht aber ihr dichterisches. Auch, wenn sie nie wieder eine                 Zeile ver\u00f6ffentlichte, las sie doch einem befreundeten Maler in                 Valencia des \u00f6fteren Gedichte vor, die an Kraft und Sch\u00f6nheit                 ihre bisherige Produktion h\u00e4ufig noch \u00fcbertrafen. Diese Texte                 wurden erstmals 1996 von der Literaturwissenschftlerin Rosa Mar\u00eda                 Mart\u00edn Casamitjana aus S\u00e1nchez Saornils Manuskripten zusammengestellt                 und herausgegeben. Die Anthologie ist heute vergriffen, und es                 sieht nicht so aus, als sollte sie bald wieder aufgelegt werden.                 Seit S\u00e1nchez Saornil unheilbar an Lungenkrebs erkrankt war, spielte                 die Auseinandersetzung mit Tod und Jenseits in ihren Texte eine                 immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Von einer reuigen R\u00fcckkehr zu Gott, wie sie                 <i>El Mundo<\/i> der Dichterin unterstellte, kann allerdings kaum                 die Rede sein. Eher hadert Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil in ihren letzten                 Gedichten mit der Unm\u00f6glichkeit, Vertrauen in die Gestalt eines                 autorit\u00e4ren Vatergottes zu setzen, eines selbstgef\u00e4lligen und                 unwirschen Himmelsdiktators: &#8222;Wer soll denn schuld sein? Nicht                 einmal Gott\/ d\u00fcrfte den ersten Stein auf uns werfen&#8220;. ((22))                 Es schreckte sie die Leere des Todes, nicht des Lebens. In ihrem                 Gedicht &#8222;Und warum nicht&#8230;&#8220; finden sich die Verse: &#8222;Mu\u00df denn                 alles enden in diesem einen &#8218;jetzt&#8216;?\/ In diesem Ungelebten, in                 dieser schweren,\/ brutalen Wirklichkeit, die uns verschlingt\/                 ohn&#8216; Aufschub oder Gnade, und ganz sicher?&#8220;. Wie ein Verm\u00e4chtnis                 klingen die folgenden Verse: &#8222;Du hast gespielt, du hast verloren.                 So ist das Leben\/ Gewinnen oder Verlieren ist nicht wichtig; \/                 wichtig ist, aufs Spiel zu setzen\/ einen flammenden, jubelnden                 Glauben [&#8230;] Im Leben zu tr\u00e4umen, das ist wichtig&#8220;. Luc\u00eda S\u00e1nchez                 Saornil starb am 2. Juni 1970 in Valencia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber sind diese Verse ein Anfang \u2013 oder ein Ende? 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