{"id":10994,"date":"2011-12-01T00:00:46","date_gmt":"2011-11-30T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10994"},"modified":"2022-07-26T14:12:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:25","slug":"erfrischend-selbstironisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/erfrischend-selbstironisch\/","title":{"rendered":"Erfrischend selbstironisch"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Hallo liebe Kinder,<\/i><\/p>\n<p><i>wi\u00dft ihr schon, wir bauen jetzt P a n z e r k r e u z e r.<\/i><\/p>\n<p><i>Ja, sagt einmal, woher kommt denn das Geld dazu, wo wir doch                 n\u00f6tiger Wohnungen br\u00e4uchten, als schwimmende Mordmaschinen?<\/i><\/p>\n<p><i>Das Geld zum Bauen m\u00fcssen die Arbeiter durch Steuern und Z\u00f6lle                 auf Lebensmittel aufbringen.<\/i><\/p>\n<p><i>Erst mu\u00df der Arbeiter das Geld aufbringen, dann beutet ihn                 der Unternehmer mit seinen sauerverdienten und abgehungerten Steuergroschen                 aus, und schlie\u00dflich wird er noch mit denselben Mordwaffen, d                 i e s i e s e l b e r b a u t e n, u m ge b r a c h t. Ist das                 nicht ein herrlicher Fortschritt im 20. Jahrhundert?&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Mit diesem Text machte 1928 die f\u00fcnfte Ausgabe von <b>Kinderwille<\/b>                 auf. Dieses &#8222;Organ der Freiheitlichen Kindergruppen&#8220; ist illustriert                 mit dem Linoleumschnitt &#8222;Proletarier-Knabe&#8220; von Artur Streiter.               <\/p>\n<p>Und auch &#8222;Religion &#8218;tut not!&#8216; Ein wahres Geschichtchen&#8220; findet                 sich auf der Titelseite: <i>&#8222;Tante Anni ist zu Besuch gekommen                 und l\u00e4\u00dft es sich angelegen sein, den f\u00fcnfj\u00e4hrigen Bubi in die                 biblischen Geschichten einzuf\u00fchren, denn sie glaubt, da\u00df &#8217;seine                 religi\u00f6se Erziehung&#8216; vernachl\u00e4ssigt sei! So liest sie ihm eines                 Tages von der Hochzeit zu Kanaa vor: &#8218;Und Jesus sprach zu seiner                 Mutter: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist                 noch nicht gekommen!&#8216; &#8211; Worauf Bubi in strahlender Bewunderung                 herausplatzt: &#8218;Au Mensch, der war aber frech, was?!&#8216;<\/i><\/p>\n<p><i>Liebe Kinder! Solltet Ihr den Inhalt nicht verstanden haben,                 so schreibt an die Redaktion.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Wie dieses Beispiel zeigt, war der <b>Kinderwille<\/b> erfrischend                 selbstironisch. <\/p>\n<p>Er wurde bis 1929 von der anarchosyndikalistischen FAUD-Mannheim                 herausgegeben. <\/p>\n<p>Als Nachfolgeblatt erschien bis &#8222;mindestens 1931&#8220; in Leipzig                 das \u00fcberregional verbreitete <b>Proletarische Kinderland<\/b>,                 das sich als Organ der Freien Schulidee verstand. Es k\u00e4mpfte &#8222;als                 einzige atheistisch-sozialistische Kinderzeitung Deutschlands                 &#8230; gegen die Kulturreaktion, besonders gegen die Schulreaktion,                 f\u00fcr eine freie, sozialistische Gesellschaft und Erziehung&#8220;. <\/p>\n<p>Die Anarchismusforscher Ulrich Klan und Dieter Nelles haben in                 &#8222;Es lebt noch eine Flamme&#8220;, dem Standardwerk \u00fcber den Rheinischen                 Anarchosyndikalismus in den 1920er und 1930er Jahren, auch das                 <b>Proletarische Kinderland<\/b> beschrieben: <\/p>\n<p><i>&#8222;Sie wurde zwar von erwachsenen und \u00e4lteren Jugendlichen finanziert,                 gedruckt und herausgegeben, enthielt aber zu gro\u00dfen Anteilen Kinderkorrespondenzen,                 Fahrtenberichte, Anprangerungen von schulischen und famili\u00e4ren                 Mi\u00dfst\u00e4nden usw.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Kinderzeitungen waren auch in den 1920er Jahren ungew\u00f6hnlich.                 Allerdings gab es damals eine lebendige anarchistische Jugendbewegung,                 die viele lesenswerte Jugendzeitschriften hervorgebracht hat.               <\/p>\n<h3>Anarchistische Jugendzeitungen 1919 bis 1933<\/h3>\n<p>In seinem Opus Magnum &#8222;Die anarchistische und anarcho-syndikalistische                 Jugendbewegung 1919 &#8211; 1933&#8220; schreibt der Anarchismusforscher Ulrich                 Linse, dass die anarchistische Jugendbewegung nach dem Ersten                 Weltkrieg &#8222;aus dem Selbstbewusstsein einer antimilitaristisch-revolution\u00e4r                 eingestellten Kriegsjugendgeneration&#8220; entstand und &#8222;h\u00f6chstens                 3000 bis 5000 Mitglieder&#8220; hatte. <\/p>\n<p>Ab 1918 hatten sich in Deutschland &#8211; weitgehend autonom von den                 libert\u00e4ren Massenorganisationen, aber doch stark von ihnen beeinflusst                 &#8211; eine anarchistische Jugendbewegung, eine libert\u00e4re Alltags-                 bzw. &#8222;Gegenkultur&#8220; entwickelt.<\/p>\n<h3>Ernst Friedrich &#8211; libert\u00e4rer Antimilitarist und Jugendagitator<\/h3>\n<p>Wer sich mit der Geschichte der anarchistischen Jugendzeitungen                 w\u00e4hrend der Weimarer Republik besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, kann die Lebensleistung                 des Anarchopazifisten Ernst Friedrich (1894-1967) nicht ignorieren.               <\/p>\n<p>Ernst Friedrich wurde w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs wegen Sabotage                 zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt. Danach beteiligte er sich                 an der Organisierung der Freien Jugend in Berlin, die ab 1923                 in der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)                 aufging. Ein Schwerpunkt dieser Bewegung war der libert\u00e4re Antimilitarismus.               <\/p>\n<p>1921 gab der Berliner Agitator den &#8222;Proletarischen Kindergarten.                 Ein M\u00e4rchen- und Lesebuch f\u00fcr Kinder&#8220; heraus. <\/p>\n<p>Durch sein ab 1924 global verbreitetes antimilitaristisches Buch                 &#8222;Krieg dem Kriege&#8220; wurde Ernst Friedrich weltber\u00fchmt. Mit Anwachsen                 der Friedensbewegung in den fr\u00fchen 1980er Jahren erschien dieses                 Foto-Buch erneut mit 100.000er Auflagen, diesmal im Frankfurter                 Verlag Zweitausendeins. Als Sch\u00fcler hat mich und viele andere                 dieses ersch\u00fctternde Werk 1981 politisiert und in antimilitaristischen                 \u00dcberzeugungen best\u00e4rkt. <\/p>\n<p>1925 er\u00f6ffnete Ernst Friedrich das <i>Anti-Kriegs Museum<\/i>                 in Berlin. Es wurde 1933 von den Nazis zerst\u00f6rt und zu einem SA-&#8222;Sturmlokal&#8220;                 gemacht. Erst 1982 konnte es in Berlin wieder aufgebaut werden.               <\/p>\n<p>Ernst Friedrich verantwortete von 1919 bis 1926 u.a. die <b>Freie                 Jugend<\/b>, die als &#8222;Jugendschrift f\u00fcr herrschaftslosen Sozialismus&#8220;                 (Untertitel) mit Auflagen bis zu 40.000 erschien. <\/p>\n<p>Von 1925 bis 1929 verantwortete und setzte er die anarchistische                 Wochenzeitschrift <b>Die Schwarze Fahne<\/b>.<\/p>\n<p>Laut Henry Jacoby war Ernst Friedrich ein &#8222;Apostel einer radikalen                 Jugendbewegung, Verk\u00fcnder eines herrschaftslosen Sozialismus (und)                 aggressiver Antimilitarist&#8220;. <\/p>\n<p>Seinem Freund Erich M\u00fchsam und anderen politischen Gefangenen                 widmete Ernst Friedrich 1924 mit <b>Freie Jugend<\/b> Nr. 7 ein                 Sonderheft. <\/p>\n<p>1930 wurde der fr\u00fchzeitig von den Nazis Maltr\u00e4tierte wiederum                 wegen seiner politischen Aktivit\u00e4ten zu einem Jahr Gef\u00e4ngnis verurteilt.               <\/p>\n<p>Nach dem Reichstagsbrand wurde er am 28. Februar 1933 verhaftet.                 Nach seiner Freilassung floh er im Dezember 1933 durch Europa.               <\/p>\n<p>1936 er\u00f6ffnete er in Br\u00fcssel ein neues Museum, das allerdings                 die deutschen Truppen nach ihrem Einmarsch 1940 auch zerst\u00f6rten.               <\/p>\n<p>In Frankreich geriet Ernst Friedrich im Juni 1940 in Gefangenschaft                 und konnte erst 18 Monate sp\u00e4ter in den nicht von der Wehrmacht                 besetzten Teil Frankreichs (unter dem Vichy-Regime) fliehen. Dort                 wurde er 1943 von der Gestapo aufgesp\u00fcrt. Nach seiner erneuten                 Flucht schloss er sich der R\u00e9sistance an. 1954 baute er in Le                 Perreux-sur-Marne bei Paris ein internationales Jugendbegegnungszentrum                 auf.<\/p>\n<h3>Die Bl\u00fcte der anarchosyndikalistischen Jugendmedien in Deutschland<\/h3>\n<p>Weitere anarchistische Jugendzeitschriften waren zum Beispiel                 die <b>Revolution\u00e4re Tat<\/b> (Dresden, 1926), <b>Die junge Menschheit<\/b>                 (Berlin, 1920-1923), <b>Flammenzeichen<\/b> (Dresden, 1923), <b>Junge                 Rebellen<\/b> (Rheinhausen, 1924) und <b>Der freie Mensch<\/b> (Berlin,                 1924).<\/p>\n<p>Als monatliches &#8222;Organ der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend                 Deutschlands&#8220; und mit einer Auflage von 2.000 bis 5.000 erschien                 von 1923 bis 1931 <b>Junge Anarchisten<\/b> (Leipzig\/Dresden\/Berlin\/Offenbach\/Bautzen).                 Ihr Selbstverst\u00e4ndnis hat die Redaktion wie folgt zusammengefasst:               <\/p>\n<p> <i>&#8222;GEGEN Militarismus, Kirche, Staatsschule, gegen jede Autorit\u00e4t,                 wirtschaftliche und geistige Knechtschaft. F\u00dcR den konsequenten                 Antimilitarismus, Atheismus, Freiheit in Erziehung und Bildung;                 f\u00fcr eine freiheitlich-sozialistische (anarchistische) Gesellschaft&#8220;<\/i>.<\/p>\n<p>Ein weiterer Schwerpunkt der 120 Ortsgruppen der Syndikalistisch-Anarchistischen                 Jugend Deutschlands (SAJD) und ihrer Medien war der Kampf gegen                 den aufstrebenden Faschismus. <\/p>\n<p>Die FAUD\/S nannte sich 1921 in <i>Freie Arbeiter Union Deutschlands\/Anarcho-Syndikalisten<\/i>                 (FAUD\/AS) um. Sie hatte als Gegenpol zu den zentralistischen und                 reformistischen Gewerkschaften Anfang der 1920er Jahre mit bis                 zu 170.000 Mitgliedern ihren organisatorischen H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p>Eine ihrer wichtigsten Publikationen war <b>Der Syndikalist<\/b>,                 Nachfolger der bei Kriegsanfang 1914 verbotenen <b>Einigkeit<\/b>.                 Trotz zahlreicher Verbote erreichte <b>Der Syndikalist<\/b> 1920                 eine w\u00f6chentliche Auflage von 120.000 St\u00fcck. Die FAUD-Mitgliederzahl                 und die Auflage ihres Verbandsorgans sank jedoch &#8211; bedingt auch                 durch die Wirtschaftskrise &#8211; schrittweise auf 21.000 im Jahre                 1925. Von August 1927 bis Juni 1929 erschien im <b>Syndikalist<\/b>                 etwa alle zwei Monate als Beilage der <b>Jugendwille<\/b> als &#8222;Blatt                 der anarcho-syndikalistischen Jugend&#8220;.<\/p>\n<h3>Zerschlagung des Anarchismus und seiner Jugendbewegung in Nazideutschland<\/h3>\n<p>In den ersten Jahren der Naziherrschaft gab es im Untergrund                 noch anarchistische und anarchosyndikalistische Aktivit\u00e4ten gegen                 das Regime. <\/p>\n<p>Unter Lebensgefahr produzierten Mitglieder der verbotenen FAUD-Ortsgruppen                 Mannheim und Ludwigshafen bis Ende 1934 unter dem Titelkopf von                 Erich M\u00fchsams Zeitung <b>Fanal<\/b> mehrere konspirativ verbreitete                 Ausgaben als &#8222;Revolution\u00e4re &#8211; sozialistische Monats-Bl\u00e4tter&#8220; (Untertitel).                 In der zweiten Jahresh\u00e4lfte 1934 ver\u00f6ffentlichten sie dort u.a.                 einen Nachruf auf den 1933 verhafteten und am 10. Juli 1934 im                 KZ Oranienburg von SS-M\u00e4nnern ermordeten Anarchisten Erich M\u00fchsam.               <\/p>\n<p>Auf dem 19. Kongress der FAUD (AS) war im M\u00e4rz 1932 vereinbart                 worden, die Organisation im Falle einer nationalsozialistischen                 Diktatur selbst aufzul\u00f6sen. <\/p>\n<p>Offiziell geschah dies nach der nationalsozialistischen Macht\u00fcbernahme                 im Februar 1933. Im M\u00e4rz 1933 begannen die Beh\u00f6rden mit der Verfolgung                 der noch existenten Reststrukturen der FAUD (AS). <\/p>\n<p>Trotz Verhaftungen und Morden konnten einige AnarchosyndikalistInnen                 bis 1937 ein funktionsf\u00e4higes Widerstandsnetz aufbauen, an dem                 sich 1934 noch rund 600 in Deutschland verbliebene Mitglieder                 der weitgehend zerschlagenen FAUD (AS<i>)<\/i> und der SAJD beteiligten.                 Eine sehr aktive antifaschistische Jugendgruppe war z.B. auch                 die SAJD in Wuppertal, deren Mitglieder alle in den &#8222;Schwarzen                 Scharen&#8220; organisiert waren.<\/p>\n<p>Getarnt z.B. als Stadtplan, Kakteenz\u00fcchterbrosch\u00fcre, Fahrplan,                 Reclam-Heftchen oder Sportzeitung erschienen im nationalsozialistischen                 Deutschland linksradikale Schriften, die konspirativ und unter                 Lebensgefahr von AntifaschistInnen verbreitet wurden. Es bildeten                 sich, ungeachtet des allgemeinen Verbots jeder politischen Bet\u00e4tigung                 au\u00dferhalb der NS-Organisationen, aus unterschiedlichen Richtungen                 bestehende Zusammenschl\u00fcsse.<\/p>\n<p>Vereinzelt gelang es, anarchistische Untergrundzeitschriften                 zu produzieren und in Umlauf zu bringen. Die <b>Direkte Aktion<\/b>                 aus dem Rheinland wurde auf einer Handabzugsmaschine gedruckt.                 Dieses vier- bis achtseitige Anarchoblatt erschien von 1933 bis                 1934 mindestens sechsmal. Als Herausgeber fungierte eine &#8222;Gruppe                 sozialrevolution\u00e4rer Arbeiter&#8220;.<\/p>\n<p>Exilierte AnarchosyndikalistInnen, die sich 1933\/34 in Amsterdam                 zur Gruppe <i>Deutsche Anarcho-Syndikalisten <\/i>(<i>DAS<\/i>)                 zusammengeschlossen hatten, unterst\u00fctzten die Aktivit\u00e4ten von                 au\u00dfen. Anarchosyndikalistische Exilgruppen entstanden zudem in                 Barcelona, Paris und Stockholm. Koordiniert wurde ihre Arbeit                 von der im Exil arbeitenden <i>I.A.A.<\/i>. Sie schmuggelte Publikationen                 ins Deutsche Reich, wie z.B. den <b>Pressedienst der I.A.A.<\/b>                 (Berlin\/Harlem\/Madrid\/Amsterdam, 1923 &#8211; 1939), der u.a. politische                 Einsch\u00e4tzungen und Berichte \u00fcber die Situation gefangener AnarchistInnen                 im Deutschen Reich, der Sowjetunion u.a. enthielt. <b>Die Internationale<\/b>,                 von 1924 bis zum Verbot im Februar 1933 neben dem <b>Syndikalist<\/b>                 die wichtigste Publikation der FAUD (AS), wurde abwechselnd von                 1934 bis 1935 in Stockholm, Paris und Barcelona gemacht und getarnt                 als <b>Deutschtum im Ausland<\/b> ins faschistische Deutschland                 geschmuggelt. Dort richteten die im deutschen Untergrund arbeitenden                 AnarchistInnen unter strengster Geheimhaltung &#8211; getarnt z.B. als                 Schachvereine &#8211; &#8222;lokale Lesekreise&#8220; ein, in denen die eingeschmuggelten                 Schriften gelesen und diskutiert wurden.<\/p>\n<p>Als im Juli 1936 der Spanische B\u00fcrgerkrieg mit dem Putschversuch                 der Franco-Faschisten begann, ging ein Teil der anarchosyndikalistischen                 Auslandsorganisation nach Spanien, um an der Seite der spanischen                 AnarchistInnen f\u00fcr die Soziale Revolution zu k\u00e4mpfen und am B\u00fcrgerkrieg                 teilzunehmen.<\/p>\n<p>Im Deutschen Reich konnten die Nationalsozialisten den anarchosyndikalistischen                 Widerstand bis 1937 weitgehend zerschlagen. In mehreren Prozessen                 wurden die Widerst\u00e4ndlerInnen der FAUD (AS) abgeurteilt, hingerichtet                 oder in Zuchth\u00e4user oder Konzentrationslager eingeliefert.<\/p>\n<p>In 12 Jahren Nazidiktatur wurde der Anarchismus und seine Jugendbewegung                 in Deutschland zerschlagen.<\/p>\n<h3>Neue anarchistische Jugendmedien nach dem Zweiten Weltkrieg<\/h3>\n<p>Nach Angaben des Anarchismusforschers Andreas M\u00fcller (Geschichtswerkstatt                 Dortmund) entstand nach 1945 die erste anarchistische Jugendgruppe                 in Dortmund. Weitere sollten folgen.<\/p>\n<p>Ab 1968 entstand im Zusammenhang mit der Lehrlings-, Sch\u00fclerInnen-                 und StudentInnenbewegung innerhalb der au\u00dferparlamentarischen                 Opposition eine neue libert\u00e4r-sozialistische Jugendbewegung. <\/p>\n<p>Langlebige anarchistische Jugendzeitungen sind seitdem allerdings                 eher die Ausnahme. Aufgrund des begrenzten Platzes werde ich hier                 nur exemplarisch einige Jugendbl\u00e4tter skizzieren. <\/p>\n<h3>Rastlos<\/h3>\n<p>In Berlin entstand 1987 als Zusammenschluss anarchistischer Sch\u00fclerInnengruppen                 der <i>Rat anarchistischer Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen <\/i>(Rastlos).               <\/p>\n<p>&#8222;Rastlos hat sich aus den K\u00e4mpfen gegen die Abi-Deform 1987 zusammen                 gefunden, um ausgehend von unserer anarchistischen Schulkritik                 dieses Gesellschaftssystem als solches in Frage zu stellen. Viele                 K\u00e4mpfe, Aktionen und inhaltliche Auseinandersetzungen lie\u00dfen uns                 anwachsen und Strukturen entstanden. Da immer mehr Menschen zu                 uns kamen, entstanden neben Rastlos-Sch\u00fclerInnen die Rastlos-ArbeiterInnen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Rastlos-Sch\u00fclerInnen wollten anarchistische Alternativen                 zum Schulsystem erarbeiten, durch ihre K\u00e4mpfe Einfluss auf den                 Schulalltag nehmen und &#8222;soziale K\u00e4mpfe in die Schulen tragen,                 die Vereinzelung durch eine herrschaftsfreie aufheben&#8220;. Sozialrevolution\u00e4re                 Arbeit an den Schulen treffe das System nicht an seinen Auswirkungen,                 sondern bek\u00e4mpfe es an seiner Wurzel.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1988 publizierte <i>Rastlos<\/i> das <b>Hugo Frailich                 Info<\/b> Nr. 1, mit dem u.a. \u00fcber die Besetzung des Kubat-Dreiecks,                 \u00fcber die Politik von IWF und Weltbank, \u00fcber Zensur von Sch\u00fclerInnenzeitschriften                 und das anarchistische Selbstverst\u00e4ndnis von <i>Rastlos<\/i> informiert                 wurde.<\/p>\n<p>Mit acht bis zw\u00f6lf DIN A5 Seiten Umfang und Auflagen von bis                 zu 11.000 Exemplaren erschienen die weiteren Ausgaben dieses kostenlos                 u.a. an 35 Berliner Schulen verteilten Periodikums unter den Titeln                 <b>Rastlos Frida Frailich Info-Blatt<\/b> Nr. 2 (Sept. 1988), <b>Rastlos                 Anna Frailich Info-Blatt<\/b> Nr. 3, <b>Rastlos Christian Frailich                 Info-Blatt<\/b> Nr. 4 (etikettiert als Nr. 5\/Feb. 1989) und <b>Rastlos                 Emil Frailich Info-Blatt<\/b> Nr. 5 (M\u00e4rz 1989).<\/p>\n<p>Zudem publizierte die w\u00f6chentlich im anarchistischen Moabiter                 <i>A-Laden<\/i> tagende Gruppe mit 44 bis 48 DIN A4 Seiten Umfang                 ein anarchistisches Magazin: <b>Hugo Frailich\/Rastlos<\/b> Nr.                 1 (Aug. 1988), <b>Anna Frailich\/ Rastlos<\/b> Nr. 2 (Nov.) und                 <b>Emil Frailich\/Rastlos<\/b> Nr. 3 (M\u00e4rz 1989). <\/p>\n<h3>Grash\u00fcpfer<\/h3>\n<p>Eine typische neoanarchistische Jugendzeitung war auch der <b>Grash\u00fcpfer<\/b>.                 Diese aus 34 gehefteten DIN A4 Seiten bestehende anarchistische                 Sch\u00fclerInnenzeitung am Berliner Br\u00f6ndby-Gymnasium erschien erstmals                 Anfang April 1994 mit einer Druckauflage von 3.000 Exemplaren.               <\/p>\n<p>&#8222;Wollen die Anarchisten die Schule verw\u00fcsten?&#8220; war eine der zentralen                 Fragen, mit der sich der <b>Grash\u00fcpfer<\/b> auseinander setzte:<\/p>\n<p><i>&#8222;&#8218;Hilfe, sie kommen&#8216;, h\u00f6rst du es durch das Schulgeb\u00e4ude hallen;                 derweilen sitzt du gelangweilt im Unterricht, jedoch einzelne                 Explosionen schrecken dich endg\u00fcltig aus deinem Schlaf. Die Klasse                 springt auf, aber jede Flucht scheint vergebens zu sein, denn                 ihr h\u00f6rt im Gang das laute, unkontrollierbare Gebr\u00fcll gemischt                 mit mordl\u00fcsternem St\u00f6hnen. &#8211; Nein, es gibt kein Entrinnen mehr.                 Die Flucht aus dem Fenster scheint unm\u00f6glich, da ihr euch im dritten                 Stock befindet. Dennoch, einige Verzweifelte st\u00fcrzen sich in die                 Tiefe. -DA die T\u00fcr wird aufgebrochen, das sind sie. Schwarz gekleidete,                 mit blutverschmierten H\u00e4nden und B\u00e4rten, s\u00e4uglingfressende Gestalten\u2026-                 Die Anarchisten<\/i><\/p>\n<p><i>Da, sie st\u00fcrzen sich auf dich, vergebe mir meine S\u00fcnden- st\u00f6hnst                 du und sp\u00fcrst eine kalte Klinge an deinem Halse\u2026<\/i><\/p>\n<p><i>HALT! war alles nur ein Traum. Dies scheint doch einem arg                 verzerrten Bild \u00fcber Anarchisten zu entsprechen, doch lies am                 besten mal weiter.&#8220;<\/i><\/p>\n<h3>utopia &#8211; herrschaftslos, gewaltfrei<\/h3>\n<p>Im Januar 2007 sa\u00dfen Friederike B., die damals als 16-J\u00e4hrige                 ein Praktikum in der GWR-Redaktion absolvierte, und Felix W.,                 der zu dieser Zeit mit 18 Jahren der J\u00fcngste im GWR-HerausgeberInnenkreis                 war, zusammen mit mir im Redaktionsb\u00fcro der <b>Graswurzelrevolution<\/b>                 (GWR). Ich erz\u00e4hlte den beiden von den anarchistischen Jugendzeitungen,                 die es in der Vergangenheit auch in Deutschland gegeben hatte.<\/p>\n<p>Ich schlug vor, dass sie gemeinsam mit anderen Jung-Graswurzelrevolution\u00e4rInnen                 eine eigene gewaltfrei-anarchistische Jugendzeitung machen k\u00f6nnten,                 die dann separat und als GWR-Beilage verbreitet werden k\u00f6nnte.                 Die zus\u00e4tzliche Auflage und die Vertriebskosten sollten durch                 Anzeigen befreundeter Verlage und libert\u00e4rer Projekte gegenfinanziert                 werden.<\/p>\n<p>Die beiden hatten Feuer gefangen und Felix W. organisierte zusammen                 u.a. mit seinem Bruder David und den AutorInnen Michael Schulze                 von Gla\u00dfer, Lotta, Henning Graner, Hannes-Caspar Petzold, Humayra,                 Maria Obenaus und Falk Beyer den Inhalt der ersten Ausgabe. <\/p>\n<p>Als Zeitungstitel w\u00e4hlte die Gruppe den Namen <b>utopia<\/b>,                 als Untertitel &#8222;herrschaftslos, gewaltfrei&#8220;. <\/p>\n<p>Themen der ersten Ausgabe waren u.a. &#8222;Sie kommen um dich zu holen!                 Die deutsche Armee im Reklameeinsatz&#8220;, &#8222;Zwangsanstalt Schule&#8220;                 und der Klimawandel. <\/p>\n<p>Lottas Artikel &#8222;Was ist Anarchie?&#8220; aus der utopia Nr. 1 wird                 seit Fr\u00fchjahr 2011 sogar in Schulb\u00fcchern nachgedruckt.<\/p>\n<p>Die erste <b>utopia<\/b> erschien im September 2007. Sie war das                 Ergebnis eines kollektiven Diskussionsprozesses der utopistas,                 in den sich die alten GWR-MitherausgeberInnen nicht eingemischt                 hatten. <\/p>\n<p>Bis auf den von den Jung-RedakteurInnen entworfenen Titelkopf                 und ein etwas gro\u00dfz\u00fcgigeres Layout sah die erste <b>utopia<\/b>                 allerdings noch arg nach <b>Graswurzelrevolution<\/b> aus.<\/p>\n<p>Das Layout der Nr. 1 hatten die damalige GWR-Praktikantin Lotta                 und ich gemacht. <\/p>\n<p>Auf Wunsch der Jugendzeitungsredaktion hatte ich zun\u00e4chst pro                 forma auch die presserechtliche Verantwortung f\u00fcr die im Verlag                 Graswurzelrevolution erscheinende <b>utopia<\/b> \u00fcbernommen. <\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte dazu, dass ein Mitarbeiter der Projektwerkstatt Saasen                 im Herbst 2007 online wetterte:<\/p>\n<p><i>&#8222;Ich muss ja mal wieder l\u00e4stern ;-)<\/i><\/p>\n<p><i>Heute: Utopia, vermeintliche Jugendzeitung der Graswurzelrevolution                 &#8211; aber irgendwie ist der V.i.S.d.P., das Layout und auch der Inhalt                 eher dasselbe wie die GWR. Jugendanarchas als schlechte Kopie                 der ohnehin schon etwas seltsamen alten M\u00e4nner der Basisdemokratie?<\/i><\/p>\n<p><i>Naja, jedenfalls bietet die erste Ausgabe der Jugend-Anarcho-Zeitung                 alles, was das Herz begehrt:<\/i><\/p>\n<p><i>&#8211; Anarchie = Basisdemokratie<br \/>                 <\/i><i>&#8211; Hetze gegen Militante bei G8<br \/>                 <\/i><i>&#8211; Warme Herzen f\u00fcr den Protest f\u00fcr eine demokratischere                 Welt<br \/>                 <\/i><i>&#8211; Kollektive Entscheidungen m\u00fcssen sein und es muss auch                 durchgesetzt werden, wenn sich einzelne nicht an Regeln halten<br \/>                 <\/i><i>&#8211; Gute Regierungen sind irgendwie anarchistisch<br \/>                 <\/i><i>&#8211; usw.<\/i><\/p>\n<p><i>Mal gesammelte Zitate, Download ist \u00fcber www.jugendzeitung.net                 m\u00f6glich.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Trotzdem entwickelte sich die nun alle zwei bis drei Monate &#8222;von                 Jugendlichen f\u00fcr Jugendliche&#8220; gemachte <b>utopia<\/b> pr\u00e4chtig.                 Die utopistas machten fortan auch das Layout und bauten ihre gut                 gemachte Internetseite www.jugendzeitung.net aus.<\/p>\n<p><b>utopia<\/b>-Redakteur Michael Schulze von Gla\u00dfer \u00fcbernahm die                 presserechtliche Verantwortung f\u00fcr die Jugendzeitung, nachdem                 er u.a. bei einem mehrmonatigen GWR-Praktikum weitere journalistische                 Erfahrungen gesammelt hatte. <\/p>\n<h3>Die Nachfrage war enorm<\/h3>\n<p>Die Auflage des ehrenamtlich gemachten Blattes stieg schrittweise                 von 10.000 auf 25.000 (Nr. 9, M\u00e4rz 2009), der Umfang von 4 auf                 8 Seiten im Berliner Tageszeitungsformat.<\/p>\n<p>Die <b>utopia<\/b> wurde auch als kostenloses Einzelblatt an Tausende                 geschickt. Das war wahrscheinlich ein Fehler, denn die dadurch                 angewachsenen Druck- und Portokosten konnten nicht mehr durch                 die Anzeigen befreundeter Projekte gegenfinanziert werden. <\/p>\n<p>Im Jahr 2010 h\u00e4ufte die <b>utopia<\/b> ein Minus von rund 5.000                 Euro an. W\u00e4re diese finanzielle Misswirtschaft so fortgesetzt                 worden und h\u00e4tte die <b>Graswurzelrevolution<\/b> nicht im gleichen                 Zeitraum u.a. durch zahlreiche Neuabos ein Plus erwirtschaftet                 und die <b>utopia<\/b> gegenfinanziert, h\u00e4tte das vielleicht eine                 Gef\u00e4hrdung des Gesamtprojekts <b>Graswurzelrevolution<\/b>, GWR-Buchverlag                 und <b>utopia<\/b> zur Folge haben k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Deshalb beschlossen die <b>utopia<\/b>-Redaktion und der GWR-HerausgeberInnenkreis                 bei einem gemeinsamen Treffen, dass die <b>utopia<\/b> ab sofort                 nur noch gedruckt werden soll, wenn sie auch durch entsprechende                 Einnahmen gegenfinanziert ist. <\/p>\n<p>Die Zahl derjenigen, die die <b>utopia<\/b> einzeln und umsonst                 bekommen haben, wurde reduziert und die Auflage auf 14.000 gesenkt.                 Seitdem schrieb die <b>utopia<\/b> wieder schwarze Zahlen. <\/p>\n<h3>Fazit: Eine echte Alternative zur BRAVO!<\/h3>\n<p>Die utopistas haben viel erreicht. Seit den 1920er Jahren hat                 es in Deutschland keine so auflagenstarke und weit verbreitete                 anarchistische Jugendzeitung mehr gegeben.<\/p>\n<p>Insgesamt wurden fast 400.000 Exemplare unter die Leute gebracht.               <\/p>\n<p>Konflikte gab es nat\u00fcrlich auch, auch zwischen einzelnen GWR-MitherausgeberInnen                 und <b>utopia<\/b>-RedakteurInnen. <\/p>\n<p>Die <b>Graswurzelrevolution<\/b> wird von rund 40 Menschen im                 Alter von 18 bis 82 herausgegeben, die der Zeitung zum Teil seit                 40 Jahren verbunden sind.<\/p>\n<p>Sie kann sich einen Koordinationsredakteur leisten, der sicherstellt,                 dass die schwarz-roten F\u00e4den zusammenlaufen und jeden Monat eine                 vor allem durch Abos finanzierte GWR erscheinen kann. <\/p>\n<p>Bei einem von wenigen und zeitweise wechselnden Jugendlichen                 ehrenamtlich gemachten Zeitungsprojekt wie der <b>utopia<\/b> w\u00e4re                 eine Kontinuit\u00e4t, wie sie die GWR seit 1972 vorzuweisen hat, kaum                 vorstellbar. <\/p>\n<p>Mehr als vier Erscheinungsjahre sind f\u00fcr ein selbstorganisiertes,                 nicht kommerzielles Jugendzeitungsprojekt schon fast ein biblisches                 Alter. <\/p>\n<p>Nun ist die <b>utopia<\/b> Nr. 21 als vorl\u00e4ufig letzte Ausgabe                 erschienen. Das ist schade, aber es muss nicht das endg\u00fcltige                 Aus sein. Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag bekanntlich                 am n\u00e4chsten. Und wer wei\u00df, vielleicht findet sich bald ein neues                 utopia-Kollektiv zusammen, das den schwarz-roten Staffelstab von                 der &#8222;alten&#8220; Redaktion \u00fcbernimmt? <\/p>\n<p>Potential und Bedarf sind da. Das zeigt nicht nur die gro\u00dfe Resonanz                 auf die <b>utopia<\/b>. Auch das Entstehen anarchosyndikalistischer                 Jugendgruppen (ASJ) in vielen St\u00e4dten der Republik l\u00e4sst darauf                 hoffen, dass die <b>utopia<\/b> bald wie Phoenix aus der Asche                 aufersteht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Hallo liebe Kinder, wi\u00dft ihr schon, wir bauen jetzt P a n z e r k r e u z e r. 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