{"id":11005,"date":"2011-12-01T00:00:27","date_gmt":"2011-11-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11005"},"modified":"2022-07-26T13:56:40","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:40","slug":"nicht-sarrazin-war-fur-die-sarrazindebatte-entscheidend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/12\/nicht-sarrazin-war-fur-die-sarrazindebatte-entscheidend\/","title":{"rendered":"&#8222;Nicht Sarrazin war f\u00fcr die &#8218;Sarrazindebatte&#8216; entscheidend&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: Kannst du uns, als Herausgeber von <em>Rassismus in der Leistungsgesellschaft<\/em>, einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Beitr\u00e4ge und AutorInnen geben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Friedrich: <\/em>Der Sammelband besteht aus 15 Beitr\u00e4gen, die insgesamt von 17 AutorInnen verfasst wurden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gibt es eine ausf\u00fchrliche Einleitung, in der sowohl die &#8222;Sarrazindebatte&#8220; nachgezeichnet, als auch der Zusammenhang von \u00f6konomischen und rassistischen Argumentationen untersucht wird.<\/p>\n<p>Es folgt das Kapitel &#8222;Migration und Rassismus&#8220;. Z.B. analysiert hier Yasemin Shooman die dominanten Bilder im antimuslimischen Rassismus, die auch bei Sarrazin ins rechte Licht ger\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Im zweiten Kapitel liegt der Fokus auf &#8222;Bev\u00f6lkerungs- und Biopolitik&#8220;. Juliane Karakayali zeigt etwa auf, wie die &#8222;Sarrazindebatte&#8220; sich in aktuelle Geschlechterpolitiken einf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Im Abschnitt &#8222;Kapital und Nation&#8220; finden sich vier weitere Beitr\u00e4ge. So entfaltet zum Beispiel J\u00fcrgen Link die verschiedenen Dimensionen des von Sarrazin vorgestellten Deutschland und zeigt auf, dass &#8222;Sarrazins Deutschland&#8220; nicht nur von Neoliberalismus, sondern auch von Neo-Sozialdarwinismus durchzogen ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich widmen sich zwei Beitr\u00e4ge m\u00f6glichen &#8222;Interventionen und Perspektiven&#8220;.<\/p>\n<p>Gabriel Kuhn und Regina Wamper befassen sich in ihrem Essay mit der rhetorischen Figur der Meinungsfreiheit und empfehlen kritischen Analysen, sich nicht auf rechte Opferdiskurse einzulassen.<\/p>\n<p><strong>Entgegen vieler anderer kritischer Beitr\u00e4ge zur &#8222;Sarrazindebatte&#8220; fokussiert sich euer Buch weder darauf, Sarrazin als Person zu kritisieren, noch versucht es, die Thesen von <em>Deutschland schafft sich ab<\/em> zu widerlegen. Wie kam es zu diesem Zugang und wie sieht eure Herangehensweise aus?<\/strong><\/p>\n<p>In der Einleitung hei\u00dft es, dass nicht Sarrazin f\u00fcr die &#8222;Sarrazindebatte&#8220; entscheidend war, sondern das Feld, auf dem seine &#8222;Thesen&#8220; wirken konnten. Fast alles, was Sarrazin geschrieben und gesagt hat, kennen wir aus den Diskursen der letzten Jahrzehnte. Jedoch wurden bei Sarrazin und bei der nachfolgenden Debatte verschiedene Diskurse &#8211; wie etwa der \u00d6konomie-, der Eugenik- und der Einwanderungsdiskurs &#8211; weiter und zum Teil engmaschiger verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Um solche komplexen Debatten zu untersuchen, bietet es sich an, die Diskurse und ihr Zusammenwirken, also ihre Verschr\u00e4nkungen, zu analysieren. Im Buch sind aber auch viele andere theoretische Zug\u00e4nge zu finden. F\u00fcr eine diskurstheoretische Perspektive jedoch ist entscheidend zu fragen, was wann von wem wie sagbar ist. Bezogen auf die &#8222;Sarrazindebatte&#8220; zeigt sich deutlich, wie es innerhalb der Debatte zu einer Verschiebung nach rechts im Mainstream kam. W\u00e4hrend Anfangs noch Sarrazins Rassismus und in Teilen sogar seine Verwertungslogik kritisiert werden konnten, verlagerte sich die Debatte letztlich auf die Frage, ob in Deutschland Fachkr\u00e4fte aus dem Ausland im Sinne einer standortnationalistischen Logik ben\u00f6tigt werden. Linke Positionen, die Verwertungslogiken grunds\u00e4tzlich in Frage stellen, waren gegen Ende der Debatte in den hegemonialen Medien kaum bis gar nicht mehr zu finden.<\/p>\n<p><strong>Denkst du, dass es dennoch sinnvoll ist, zu versuchen, Sarrazins Thesen schlichtweg durch Studien und Zahlen zu widerlegen?<\/strong><\/p>\n<p>Sollten Interventionen darauf beschr\u00e4nkt sein, f\u00e4nde ich das problematisch.<\/p>\n<p>Wenn Statistiken aufgefahren werden, die Sarrazins Zahlen widersprechen und widerlegen, setzt das den Unterdr\u00fcckungsdiskursen zwar etwas entgegen, wiederholt aber die Prinzipien, etwa von N\u00fctzlichkeit. Was ist, wenn &#8222;bewiesen&#8220; wird, dass eine bestimmte Menschengruppe doch eine weitaus produktivere Funktion hat, als von Sarrazin dargestellt?<\/p>\n<p>Da besteht die gro\u00dfe Gefahr, die Einteilung von Menschen nach kapitalistischer Verwertung zu akzeptieren und sogar mitzutragen. Es findet dann ein Einlassen auf die von Sarrazin eingef\u00fchrten Spielregeln statt.<\/p>\n<p>Jedoch waren Interventionen wie etwa die von Naika Foroutan und ihrem Team gerade zu Beginn der &#8222;Sarrazindebatte&#8220; sehr wichtig.<\/p>\n<p>Als Ende August letzten Jahres t\u00e4glich die Thesen Sarrazins hei\u00dfer gekocht wurden, waren ihre Entgegnungen in den Talkshows und in Zeitungsartikeln hilfreich, um Sarrazins Image als vermeintlich objektiver, neutraler Statistiker als Farce zu entlarven.<\/p>\n<p><strong>Yasemin Shooman spricht in ihrem Beitrag davon, dass der Rassismus wandlungsf\u00e4hig sei. Der Wandel von einem biologistischen Rassismus hin zu einem kulturellen scheint sich gr\u00f6\u00dftenteils bereits vollzogen zu haben. Hierf\u00fcr wurden u.a. Begriffe wie &#8222;Rassismus ohne Rassen&#8220; oder &#8222;Neorassismus&#8220; gepr\u00e4gt. Kannst du uns diese Begriffe und Theorien kurz erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>In der Zeit des Kolonialismus wurden die Ausbeutung und Ermordung von Menschen durch die Konstruktion von &#8222;Rassen&#8220; legitimiert. &#8222;Rassen&#8220; sind somit biologistische Erfindungen des Rassismus. Im kulturellen Rassismus sind es nicht mehr &#8222;Rassen&#8220;, in die Menschen eingeteilt werden, sondern &#8222;Kulturen&#8220;. Die Begriffe \u00e4nderten sich, der Inhalt der Begriffe jedoch nicht. &#8222;Kultur&#8220; wird im kulturellen Rassismus zum unver\u00e4nderlichen Rahmen, zur quasi-nat\u00fcrlichen Eigenschaft, die Werte und Verhalten determiniert.<\/p>\n<p>Der von Yasemin Shooman angesprochene antimuslimische Rassismus ist eine Form eines solchen Rassismus. &#8222;Der Islam&#8220; wird als dem &#8222;eigenen&#8220; Westlichen gegen\u00fcberstehende homogene &#8222;Kultur&#8220; konstruiert. Es wird davon ausgegangen, dass zwischen &#8222;islamischer&#8220; und &#8222;westlicher Kultur&#8220; eine unaufhebbare Differenz besteht.<\/p>\n<p>Der konstruierten islamischen Kultur werden dabei negative Eigenschaften zugeschrieben. Zugleich findet eine Konstruktion des Westens als \u00fcberlegene Kultur statt.<\/p>\n<p>Ein beliebtes Instrument ist der Verweis auf Frauenrechte: In einer bin\u00e4ren Logik wird behauptet, im Islam spielten Frauenrechte keine Rolle, was zugleich darauf verweisen soll, dass in Europa dahingehend alles relativ in Ordnung sei.<\/p>\n<p>Solche Argumentationsformen verlagern gesellschaftliche Unterdr\u00fcckungsstrukturen ins Au\u00dfen und schieben sie einer gemachten Gruppe zu. Dabei wird geflissentlich \u00fcbersehen, dass Sexismus (aber auch Homo- und Transphobie sowie Antisemitismus) ein gesamtgesellschaftliches Ph\u00e4nomen ist. Im Buch befasst sich Serhat Karakayali ausf\u00fchrlich mit der Thematik. Er begreift den Rekurs auf Begriffe wie Faschismus (&#8222;Islamofaschismus&#8220;) in Verbindung mit &#8222;dem Islam&#8220; als Teil eines &#8222;reflexiven Eurozentrismus&#8220;, bei dem es auch darum geht, die &#8222;eigene&#8220; L\u00e4uterung durch vergangene historische Erfahrungen zu verk\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>In der &#8222;Sarrazindebatte&#8220; wurde jedoch auch mit N\u00fctzlichkeitskriterien argumentiert. Inwieweit siehst du da ein Novum?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss gesagt werden, dass nicht erst seit Sarrazin Einwanderung und \u00d6konomie verkn\u00fcpft werden. Das sehen wir w\u00e4hrend des Kolonialismus, im GastarbeiterInnen-Diskurs oder schlicht bei der im Mainstream fest verankerten Unterscheidung von Wirtschaftsfl\u00fcchtlingen und politischen Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p>Neben der neokolonialistischen Werbung um Fachkr\u00e4fte kommt aber in der &#8222;Sarrazindebatte&#8220; auch ein anderer Aspekt zum Vorschein. Rassismus wird mehr und mehr mit \u00f6konomischen N\u00fctzlichkeitskriterien verkn\u00fcpft. In der &#8222;Sarrazindebatte&#8220; wurde wesentlich auch der durch Personen wie Peter Sloterdijk gepr\u00e4gte Unterschichtendiskurs bedient. Aber wir sehen deutlich, dass der Unterschichtendiskurs in der &#8222;Sarrazindebatte&#8220; vor allem den als migrantisch markierten Teil der &#8222;Unterschicht&#8220; trifft.<\/p>\n<p>Viele der Argumente von &#8222;Leistungsempf\u00e4ngern&#8220;, die den &#8222;Leistungstr\u00e4gern&#8220; angeblich auf der Tasche liegen, wurden wiederholt, aber fast ausschlie\u00dflich in Verbindung mit &#8222;Migranten&#8220; gesetzt.<\/p>\n<p>Der allgemeine, nicht nur auf als migrantisch markierte Menschen bezogene Klassismus von Sarrazin ist offensichtlich vor allem anschlussf\u00e4hig, wenn er verkn\u00fcpft wird mit Rassismus.<\/p>\n<p>Wie sehr das gemeinsam wirkt, zeigt sich auch bei Reportagen und Portr\u00e4ts w\u00e4hrend der &#8222;Sarrazindebatte&#8220; in den hegemonialen Medien, die in einem Beitrag von Hannah Schultes und mir analysiert werden.<\/p>\n<p>In den Portr\u00e4ts scheint eine Art neoliberal gewendeter Rassismus auf.<\/p>\n<p>Es werden &#8222;Musterbeispiele gelungener Integration&#8220; dargestellt. Der Erfolg der als &#8222;integriert&#8220; Begriffenen bildet dabei den Beweis daf\u00fcr, dass man es eben doch schaffen kann, wenn man sich richtig anstrengt &#8211; gleichzeitig werden sie zu Ausnahmen stilisiert, die einer Masse von nicht diesem Ideal entsprechenden Menschen gegen\u00fcberstehen und mit diesen kontrastiert werden.<\/p>\n<p>In eine \u00e4hnliche Richtung geht auch der Beitrag von Vassilis Tsianos und Marianne Pieper im Buch. Sie konstatieren eine Ver\u00e4nderung in den rassistischen Formationen. Die Grenzen zwischen &#8222;Wir&#8220; und &#8222;Sie&#8220; verlaufen nicht mehr alleinig entlang einer leitkulturellen Norm, sondern sind weitaus fl\u00fcssiger und werden entlang von vermeintlichen Gleichheitsvorstellungen gezogen, wenn etwa Kopftuchtr\u00e4gerinnen als Unterdr\u00fcckte gelesen werden.<\/p>\n<p><strong>Welche Gegenstrategien w\u00fcrdest du vorschlagen, um antimuslimischem Rassismus zu begegnen? Wie in eurem Buch schon richtig festgestellt wird, k\u00f6nnen die Aussagen von Leuten wie Broder, Schwarzer, Kelek, Sarrazin und Co. ja nur deshalb derartig wirken, weil sie auf einen N\u00e4hrboden fallen, der offen ist f\u00fcr rassistische Argumente. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Kann man sich also das Kritisieren von einzelnen bekannten ExponentInnen der islamfeindlichen Szene sparen?<\/strong><\/p>\n<p>Sarrazin, Broder, Kelek und Co. sind selbstverst\u00e4ndlich nicht die Sch\u00f6pferInnen von rassistischen Argumenten, sondern bewegen sich auf einem gesellschaftlich verankerten Feld.<\/p>\n<p>Dennoch sind sie auch zu kritisieren, weil einerseits konkrete Verantwortlichkeiten benannt werden m\u00fcssen und andererseits eine Kritik an den SprecherInnen von rassistischen \u00c4u\u00dferungen auch die Position der Sprechenden aufzeigen kann.<\/p>\n<p>Gabriel Kuhn und Regina Wamper zeigen das deutlich in ihrem Beitrag, wenn sie darstellen, wie m\u00e4nnliche, <em>wei\u00dfe<\/em> und sozial Privilegierte sich als Opfer von Meinungsfreiheit gerieren. &#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; konnte auch deshalb so wirken, weil Sarrazin Zug\u00e4nge zu gro\u00dfen Verlagen hat, \u00fcber exzellente Kontakte verf\u00fcgt und auf verschiedene andere Weisen privilegiert ist.<\/p>\n<p>Insgesamt m\u00fcssen Rassismus und Klassismus auf allen Ebenen bek\u00e4mpft werden: individuell, indem etwa eigene Verstrickungen in ausgrenzende Diskurse reflektiert werden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem k\u00f6nnen auf einer kulturell-symbolischen Ebene beispielsweise Mediendiskurse untersucht und kritisiert werden. So kann etwa gefordert werden, dass Medien die zu Wort kommen lassen m\u00fcssen, \u00fcber die gesprochen wird &#8211; und das nicht nur als Anschauungsobjekt in durch <em>wei\u00df<\/em>-deutsch dominierte Redaktionen produzierten Reportagen. Aber auch die strukturelle Ebene sollte nicht aus dem Blickfeld ger\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>So kann es etwa beim Angriff des ausgrenzenden Unterschichtendiskurses nicht nur darum gehen, Anerkennung f\u00fcr Betroffene sozialer Ungleichheit einzufordern. Vielmehr m\u00fcssen die Strukturen und Institutionen bek\u00e4mpft werden, die &#8222;Verlierer&#8220; und &#8222;Gewinner&#8220; produzieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Kannst du uns, als Herausgeber von Rassismus in der Leistungsgesellschaft, einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Beitr\u00e4ge und AutorInnen geben? Sebastian Friedrich: Der Sammelband besteht aus 15 Beitr\u00e4gen, die insgesamt von 17 AutorInnen verfasst wurden. 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