{"id":11020,"date":"2012-01-01T00:00:52","date_gmt":"2011-12-31T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11020"},"modified":"2022-07-26T14:12:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:24","slug":"emporen-okkupieren-verweigern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/01\/emporen-okkupieren-verweigern\/","title":{"rendered":"Emp\u00f6ren, Okkupieren, Verweigern"},"content":{"rendered":"<p>Und dann ging es Schlag auf Schlag: Die Aufst\u00e4nde in der arabischen                 Welt Ende 2010 \/ Anfang 2011 mit ihren teilweise revolution\u00e4ren                 und unerwarteten Erfolgen, ihre Inspiration f\u00fcr eine Bewegung                 der Emp\u00f6rten in Spanien, Italien und Portugal sowie sie schlie\u00dflich                 fast weltweit verst\u00e4rkendes Aufgreifen durch eine Occupy-Bewegung                 zun\u00e4chst an der Wall Street. <\/p>\n<p>Dieses Strohfeuer ging erstaunlich schnell um die Welt (z.B.                 Chile und Israel) und war stark genug, um auch einige in Deutschland                 zu entflammen!<\/p>\n<h3>Und oh Wunder<\/h3>\n<p>Diese Proteste werden teilweise von Medien wie Politik umgarnt.                 Denn die Kritik an der Entdemokratisierung durch den Vorrang der                 Finanzpolitik und an der Macht der Banken ist weit verbreitet                 und wird momentan (noch?) gern populistisch aufgegriffen. Nat\u00fcrlich                 freut sich die Politik, wenn die Kritik sich auf Unternehmen fokussiert,                 die nichts anderes tun als ihr Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Die Proteste werden aber auch brutal zerschlagen, sobald sie                 sich als dauerhaft erweisen oder in die Praxis, z.B. des Widerstandes                 gegen Hausr\u00e4umungen und Streiks, \u00fcbergehen (Oakland, Madrid, Portland,                 Los Angeles, Philadelphia, New York, Washington\u2026) &#8211; auch auf die                 Gefahr ihrer Radikalisierung.<\/p>\n<p>Langfristig okkupieren und immer wieder im Konsens die immer                 wiederkehrenden Entscheidungen ausdiskutieren k\u00f6nnen allerdings                 nur die, die wirklich nichts zu verlieren haben. So \u00fcberrascht                 es nicht, wenn die Camps &#8211; unabh\u00e4ngig von der Wetterlage &#8211; auf                 Erwerbslose und Studierende schrumpfen. Wer noch einen Job hat,                 kommt eventuell nach Feierabend oder am Wochenende &#8211; aber kaum                 auf die Idee, basisdemokratische Erfahrungen oder menschenrechtliche                 Forderungen in den betrieblichen oder schulischen Alltag zu tragen.<\/p>\n<p>Okkupieren bedeutet auch bewahren bzw. verteidigen, und oft geht                 es in der Tat lediglich darum, nie eingel\u00f6ste Versprechen einer                 (kapitalistischen!) &#8222;sozialen Marktwirtschaft&#8220; gegen einen &#8222;entfesselten&#8220;                 Kapitalismus einzufordern, ihn zu humanisieren. Beklagt wird z.B.                 nicht honorierte Leistungsbereitschaft &#8211; und nicht der Leistungsdruck.                 Oder die ungerechten Wettbewerbsbedingungen &#8211; und nicht der Wettbewerb,                 der Konkurrenzzwang an sich. Wie spalterisch verletztes Gerechtigkeitsempfinden                 wirken kann, hat sich aber bereits an der Hartz-Bewegung gezeigt.                  ((2)) <\/p>\n<p>Bereits 2005 galt: &#8222;Als die gr\u00f6\u00dfte Klippe f\u00fcr wirksame einheitliche                 Proteste und den Widerstand gegen die Hartz-Gesetze hat sich die                 breite Akzeptanz des Leistungsprinzips und der Lohnabh\u00e4ngigkeit                 als einziger Quelle der Existenzsi-cherung erwiesen. Dies gilt                 f\u00fcr die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie gleicherma\u00dfen wie f\u00fcr die meisten                 der (noch?) besch\u00e4ftigten wie erwerbslosen Lohnabh\u00e4ngigen selbst.&#8220;                  ((3))<\/p>\n<h3>Allerdings<\/h3>\n<p>Nach Jahrzehnten der Entpolitisierung ist es zynisch, den historischen                 Analphabetismus der Bewegung zu kritisieren &#8211; werden wir doch                 in fast allen Lebensbereichen in das Mittelalter zur\u00fcck geworfen!               <\/p>\n<p>Und immerhin hat sie geschafft, dass nun breiter geredet wird                 \u00fcber einen klar antikapitalistischen Ansatz, der bisher relativ                 kleinen Zirkeln vorbehalten war: Die Debatte \u00fcber eine soziale                 Infrastruktur, die allen, nicht nur den Reichen, zur Verf\u00fcgung                 steht. <\/p>\n<p>Die Forderung nach Commons (Gemeing\u00fctern) geht weit \u00fcber eine                 Ent-Privatisierung hinaus und zielt auf eine erstmalige soziale                 Infrastruktur aus Waren und Dienstleistungen, die alle brauchen                 und die allen zustehen &#8211; unabh\u00e4ngig von ihrer Leistung im kapitalistischen                 System. ((4)) <\/p>\n<p>Diese Bedingungslosigkeit solcher sozialen Rechte richtet sich                 damit direkt gegen den kapitalistischen Verwertungszwang, der                 ihnen entgegensteht.<\/p>\n<p>So lange aber der kapitalistische Verwertungszwang akzeptiert,                 nicht in Frage gestellt wird, kann es keine echte Demokratie,                 keine Gemeing\u00fcter, keine Gerechtigkeit geben. So lange bleiben                 Staaten, Kommunen, Menschen erpressbar. So lange werden n\u00e4mlich                 Verwertungskriterien dar\u00fcber bestimmen, welche Produkte wie hergestellt                 werden, welche Dienstleistungen es gibt und f\u00fcr wen, welche Menschen                 &#8222;wertvoll&#8220; sind und welche &#8222;\u00fcberfl\u00fcssig&#8220;. Es z\u00e4hlen weder Menschenrechte                 noch Gerechtigkeit, weder Mitgef\u00fchl noch Charakter. Jeder Versuch                 der Humanisierung des kapitalistischen Systems endet an den Grenzen                 der Verwertbarkeit. Wer diese vorgeblichen Sachzw\u00e4nge und Sparzw\u00e4nge                 akzeptierte und immer noch akzeptiert, kann nun nicht anders als                 moralisch anzuprangern, verarscht worden zu sein &#8211; und sich weiterhin                 verarschen zu lassen.<\/p>\n<p>Anstatt immer noch die Realwirtschaft undifferenziert und ma\u00dflos                 gegen\u00fcber dem &#8222;fiktiven Kapital&#8220; \u00fcber zu bewerten, sollte diese                 lieber einer ebenso strengen Analyse unterzogen werden wie nun                 (angeblich) das Finanzsystem. <\/p>\n<p>Zur Realwirtschaft geh\u00f6ren die t\u00e4gliche \u00dcberausbeutung, krankmachende                 Arbeitsbedingungen und Erniedrigung &#8211; egal, ob es sich dabei um                 Autos, R\u00fcstungsg\u00fcter oder Sozialschn\u00fcffler handelt. Die einzige                 Realwirtschaft, um deren Erhalt wir uns sorgen m\u00fcssten, existiert                 kaum bis gar nicht: international gerechte, humane und \u00f6kologische                 Herstellung von Produkten und Dienstleistungen, die wir brauchen,                 um unsere t\u00e4gliche Not zu stillen und gemeinsam Spa\u00df zu haben.<\/p>\n<p>Ohne R\u00fccksicht auf Sachzw\u00e4nge des ausbeuterischen Systems, ohne                 R\u00fccksicht auf die Finanzierbarkeit, ohne den Umweg \u00fcber die zuerst                 in Form der Binnennachfrage zu rettende &#8222;Realwirtschaft&#8220;, die                 tagt\u00e4glich daf\u00fcr sorgt, dass unsere Not eben nicht gelindert wird.<\/p>\n<p>Menschen brauchen G\u00fcter und Infrastruktur, sie brauchen weder                 Geld noch Lohnarbeit, noch eine &#8222;Realwirtschaft&#8220;, die sich um                 diese Bed\u00fcrfnisse nicht k\u00fcmmert, und keine Produktionsweise, die                 diesen Bed\u00fcrfnissen entgegensteht. Daher reicht es nicht aus,                 die Pl\u00e4tze vor den Banken zu okkupieren.<\/p>\n<p>Okkupieren bedeutet auch besetzen. So verst\u00e4ndlich es auch ist,                 wenn sich die &#8222;\u00dcberfl\u00fcssigen&#8220; und &#8222;Unsichtbaren&#8220; \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze                 wiederaneignen und sich damit zugleich sichtbar machen, so begrenzt                 und symptomatisch ist diese Symbolik zugleich. Wollen wir wirklich                 die Banken besetzen und besitzen? Sollten wir nicht lieber das                 besetzen und besitzen, was wir wirklich brauchen?<\/p>\n<p>Sind Zelte im Kalten unser Traum vom sch\u00f6ner Wohnen?<\/p>\n<p>Zwangsr\u00e4umungen bei massenhaftem Leerstand? Die spanische Bewegung                 zieht bereits von den Pl\u00e4tzen in leer stehende H\u00e4user und die                 US-amerikanische mischt sich immer mehr gegen Hauspf\u00e4ndungen und                 in Streiks ein. Damit legen sie die Unterw\u00fcrfigkeit entt\u00e4uschter                 Hoffnungen ab und setzen die Ablehnung des Bestehenden aktiv um.<\/p>\n<p>Wahrer und offensiver Ungehorsam muss jedoch dar\u00fcber hinaus den                 Konkurrenz- und Verwertungszw\u00e4ngen als Basis der Systemfehler                 gelten. <\/p>\n<p>Die Macht des Kapitalismus \u00fcber Produktion wie Konsum, die \u00d6konomisierung                 unserer Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse, unserer Kommunikation und zwischenmenschlichen                 Beziehungen muss gebrochen werden, und zwar nicht nur auf den                 Pl\u00e4tzen, auch im Alltagshandeln.<\/p>\n<p>Jede noch so kleine Konformit\u00e4ts- und Wettbewerbsverweigerung,                 jede ge\u00fcbte Solidarit\u00e4t mit den Schwachen und Unterdr\u00fcckten &#8211;                 am besten nat\u00fcrlich kollektiv &#8211; kann zum ersten Schritt jenseits                 dieses inhumanen und ohne Akzeptanz und Mitmachen bankrotten Systems                 f\u00fchren. (5)<\/p>\n<h3>Was hei\u00dft es konkret? <\/h3>\n<p>W\u00fcnschenswert ist eine Protestbewegung der echten 99% (mir w\u00fcrden                 auch 70% reichen!), die &#8211; ausgehend von der auf den Pl\u00e4tzen ge\u00fcbten                 Selbstorganisierung &#8211; diejenigen Institutionen okkupiert, die                 wirklich gesellschaftlich sinnvoll sind. Die Nahverkehr, Schulen,                 Krankenh\u00e4user nicht nur entprivatisiert, sondern auch erstmalig                 demokratisiert.<\/p>\n<p>Noch w\u00fcnschenswerter &#8211; und f\u00fcr eine echte und nicht nur kosmetische                 Humanisierung der Gesellschaft unabdingbar &#8211; w\u00e4re jede Form der                 Konformit\u00e4ts- und Wettbewerbsverweigerung, die von den Pl\u00e4tzen                 in den schulischen und beruflichen Alltag einsickert. <\/p>\n<p>Jedes Alltagshandeln, vom Gr\u00fc\u00dfen des Busfahrers \u00fcber Boykott                 weihnachtlicher Erdbeeren bis zur Verweigerung der Sanktionen                 durch Arge-ArbeiterInnen, sollte auf ihre gesamtgesellschaftliche                 Relevanz abgeklopft werden. Wem n\u00fctzt dieser Arbeitsauftrag? Welche                 Folgen hat er f\u00fcr die Gesellschaft, die Umwelt? Mit wem muss ich                 konkurrieren? Muss ich in Konkurrenz treten? Die Arbeitsvertr\u00e4ge                 werden immer ungenauer und ihr ungeschriebener Anteil immer gr\u00f6\u00dfer.               <\/p>\n<p>Dies soll unsere Flexibilit\u00e4t und Ausbeutbarkeit steigern, er\u00f6ffnet                 aber andererseits ungeahnte Verweigerungspotenziale &#8211; wenn wir                 uns absprechen und solidarisieren. <\/p>\n<p>Der Kapitalismus ist per se ein ungeschriebener Vertrag, der                 tagt\u00e4glich von uns unterschrieben wird. Und dies im erstaunlich                 gro\u00dfen Teil unn\u00f6tig und unbezahlt.<\/p>\n<h3>Ein Traum<\/h3>\n<p>Ein Traum, mein Traum, ist die massenhafte Okkupation einer sozialen                 Infrastruktur, denn auch Gemeing\u00fcter sind Rechte, die wir nicht                 erbetteln k\u00f6nnen, sondern uns nehmen m\u00fcssen. Ein Traum, mein Traum,                 ist die massenhafte und tagt\u00e4gliche Erprobung eines gesellschaftlichen                 Handelns jenseits \u00f6konomischer Sachzw\u00e4nge und individualistischer                 Konkurrenz. Jetzt. Denn nur wer an die Grenzen des systemisch                 Erlaubten geht und sich an ihnen reibt, wei\u00df, was sich zu besetzen                 lohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und dann ging es Schlag auf Schlag: Die Aufst\u00e4nde in der arabischen Welt Ende 2010 \/ Anfang 2011 mit ihren teilweise revolution\u00e4ren und unerwarteten Erfolgen, ihre Inspiration f\u00fcr eine Bewegung der Emp\u00f6rten in Spanien, Italien und Portugal sowie sie schlie\u00dflich fast weltweit verst\u00e4rkendes Aufgreifen durch eine Occupy-Bewegung zun\u00e4chst an der Wall Street. 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