{"id":1104,"date":"1997-04-01T00:00:11","date_gmt":"1997-03-31T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1104"},"modified":"2011-10-26T16:27:19","modified_gmt":"2011-10-26T14:27:19","slug":"gentechnologischer-machbarkeitswahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/04\/gentechnologischer-machbarkeitswahn\/","title":{"rendered":"Gentechnologischer Machbarkeitswahn"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer kleinen Meldung der <cite>Frankfurter Rundschau<\/cite> vom 22. M\u00e4rz ist es mittlerweile gelungen, eine komplette &#8222;Gen-Karte&#8220; des X-Chromosoms (des weiblichen Chromosoms) anzufertigen &#8211; das hei\u00dft allerdings nur, da\u00df man wei\u00df, wie die Gene aussehen, nicht, was sie bewirken. Bis zum Jahr 2005 sollen gar s\u00e4mtliche drei Milliarden Bausteine der menschlichen Erbsubstanz entschl\u00fcsselt und in ihrer biologischen Funktion erkl\u00e4rt sein ((1)), so die Ank\u00fcndigung von GenetikerInnen in ihrem Machbarkeitswahn. Der Nutzen ist jedoch fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><a name=\"oben2\"><\/a><\/p>\n<h3>Genetische Normierung<\/h3>\n<p>&#8222;Fast jeder siebte Deutsche w\u00fcrde eine Abtreibung bef\u00fcrworten, wenn sich mit einem Gentest sp\u00e4tere homosexuelle Neigungen des Kindes nachweisen lie\u00dfen&#8220;, so das Egebnis einer Forsa-Umfrage ((2)). Die Suche nach Genen f\u00fcr bestimmte Eigenschaften l\u00e4uft auf Hochtouren. US-GenetikerInnen glauben ein f\u00fcr Homosexualit\u00e4t verantwortliches Gen im Abschnitt Xq28 des X-Chromosomos gefunden zu haben, auch wenn die Ergebnisse \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig sind ((3)). Und von etwa 1 000 Genen glauben die GenetikerInnen, da\u00df sie f\u00fcr irgendwelche Krankheiten verantwortlich sind ((4)).<\/p>\n<p>Die Logik ist alt. Bereits im letzten Jahrhundert wurde versucht, biologische Ursachen f\u00fcr &#8222;abweichendes&#8220; Verhalten zu finden. &#8222;Kriminalit\u00e4t&#8220;, &#8222;Asozialit\u00e4t&#8220; und anderes waren das Ziel kriminal-biologischer Untersuchungen. 100 Jahre sp\u00e4ter hat der Fortschritt der Technik lediglich dazu gef\u00fchrt, da\u00df die Methoden verfeinert werden konnten: jetzt wird nach genetischen Ursachen geforscht.<\/p>\n<p>Die am 19. November 1996 vom Europarat verabschiedete &#8222;Bioethik-Konvention&#8220;, die jetzt allerdings &#8222;Bio-Medizin- Konvention&#8220; hei\u00dft, soll angeblich die &#8222;Rechte und W\u00fcrde von Menschen in der Medizin&#8220; sicherstellen. Bereits die Pr\u00e4ambel betont allerdings das Recht der &#8222;Menschheit insgesamt&#8220; auf den &#8222;Genu\u00df der Errungenschaften von Biologie und Medizin&#8220; &#8211; im Klartext: unter Umst\u00e4nden haben die Einzelinteressen von PatientInnen zugunsten der Forschungsfreiheit zur\u00fcckzutreten.<\/p>\n<p>Ziel all dieser Versuche ist eine umfassende Normierung des Menschen, die dann die Verantwortung f\u00fcr &#8222;Krankheit&#8220; (ein durchaus schwammiger Begriff, deswegen steht er hier in Anf\u00fchrungszeichen) oder von der Norm abweichendes Verhalten individualisiert und T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet f\u00fcr rechtliche Diskriminierung. Karin Rennenberg stellt fest: &#8222;Die Werteskala, nach der definiert wird, was der Norm entspricht und was von der Norm abweicht, wird in Zukunft von den technischen M\u00f6glichkeiten der Gendiagnostik festgelegt. In der Pr\u00e4nataldiagnostik (vorgeburtliche Diagnostik, Anmk. AS) wird schon lange \u00fcber &#8218;lebenswert&#8216; und &#8218;lebensunwert&#8216; entschieden, nicht nur bei einem mehr oder weniger konkreten Krankheitsbild, sondern auch bei &#8218;auff\u00e4lligen&#8216; Befunden, deren Krankheitswert selbst unter MedizinerInnen umstritten ist. Diese Tendenz werden voraussagende (<cite>pr\u00e4diktive<\/cite>) Gentests, die nur die <cite>M\u00f6glichkeit<\/cite> f\u00fcr eine Krankheit anzeigen, fortschreiben. (&#8230;) Die Diagnose &#8218;potentielle Krankheit&#8216; wird immer mehr zu einem individuellen Problem, das bei rechtzeitiger Information und entsprechendem Verhalten vermeidbar ist. Es entsteht der Druck, sich selbst oder ein ungeborenes Kind einem genetischen Check-up zu unterziehen und das Leben den genetischen Prognosen entsprechend auszurichten.&#8220; ((5))<\/p>\n<h3>Risikopersonen<\/h3>\n<p>Die angestrebte Konsequenz ist eine Verlagerung der Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen von gesundheitlichen Risiko<cite>faktoren<\/cite> (z.B. Arbeitsbedingungen, Lebensmittelzusatzstoffe, Umweltbedingungen, etc&#8230;) auf Risiko<cite>personen<\/cite>, die aufgrund genetisch bedingter erh\u00f6hter Empfindlichkeit gegen\u00fcber z.B. bestimmten Schadstoffen mittels genetischer Rasterfahndung aussortiert werden und schlicht keine Stelle mehr bekommen. Der Schritt zur Eugenik ist dann nicht mehr weit: mittels genetischer Auslese soll der &#8222;Volksk\u00f6rper&#8220; aufgewertet werden.<\/p>\n<p>Vollkommen ausgeblendet werden dabei soziale und \u00f6konomische Sozialisationsbedingungen. Biologistisch wird behauptet, da\u00df die Gene und &#8222;die Natur&#8220; bestimmend seien f\u00fcr die angebliche \u00dcberlegenheit der &#8222;wei\u00dfen Rasse&#8220; (auch solche \u00c4u\u00dferungen hat es von GenetikerInnen schon gegeben), f\u00fcr Geschlechterrollen (eine gar nicht mal so neue Argumentation, die jetzt aber genetisch fundiert werden soll, um so von der Notwendigkeit der Aufl\u00f6sung patriarchaler Geschlechterverh\u00e4ltnisse abzulenken), f\u00fcr die angebliche Sozialunf\u00e4higkeit von Behinderten, f\u00fcr das Auftreten von psychischen Krankheiten, Kriminalit\u00e4t, Asozialit\u00e4t, Homosexualit\u00e4t, Dummheit, Intelligenz und Begabung.<\/p>\n<p>Arno Huth in der LUST: &#8222;Dazu l\u00e4\u00dft sich aus herrschaftskritischer Sicht z.B. anmerken: Was w\u00e4re ein Verbrecher-Gen? Wer ist kriminell? Der Kriegsminister, der ausbeutende Gro\u00dfgrund- oder Fabrikbesitzer oder der kleine Dieb? Abgesehen davon, da\u00df viele dieser angeblichen Gene sich bald nach ihrer Entdeckung als Enten erwiesen, n\u00e4hren diese Meldungen die Volksmeinung, da\u00df doch etwas am Gen dran ist und diese unser Verhalten bestimmen, da\u00df es angeblich eine Naturordnung gibt, der man, frau, schwarz, wei\u00df, deutsch, homo, hetero, behindert, gesund, etc. sich zu f\u00fcgen hat. Und da\u00df es (gen-)technisch oder anders m\u00f6glich ist, bestimmte Seiten des Menschseins oder sogar bestimmte Menschen auszumerzen, zu manipulieren oder gar nicht erst entstehen zu lassen.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Aldous Huxley&#8217;s &#8222;Sch\u00f6ne Neue Welt&#8220; l\u00e4\u00dft gr\u00fc\u00dfen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer kleinen Meldung der Frankfurter Rundschau vom 22. 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