{"id":1106,"date":"1997-04-01T00:00:42","date_gmt":"1997-03-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1106"},"modified":"2022-07-26T13:57:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:57:00","slug":"virtuelle-kakophonie-von-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/04\/virtuelle-kakophonie-von-rechts\/","title":{"rendered":"Virtuelle Kakophonie von Rechts"},"content":{"rendered":"<p>Mit den neuen Medien hat sich f\u00fcr die rechtsextreme Szene eine neue Chance er\u00f6ffnet, ihre rassistische, antisemitische und nationalistische Propaganda unters Volk zu bringen. Sie k\u00f6nnen ihre Ha\u00dfbotschaften an ein weltweites Publikum richten, denn bis zum Jahr 2000 werden rund eine Milliarde Menschen Zugang zum Wold Wide Web ((1)) haben. Neben dem Internet und den derzeit sieben &#8222;Nationalen Infotelefonen&#8220; nutzen die Rechten v.a. ihr eigenes Mailbox-Netz ((2)), mit dem Ziel konstante Verbindungen in der &#8222;Szene&#8220; aufzubauen, kurzfristige Mobilisierung der Anh\u00e4nger und zugleich eine flexiblen Steuerung von Aktivit\u00e4ten zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p><a name=\"oben3\"><\/a><\/p>\n<h3>Surfen durch die braune Kloake der transnationalen Rechten<\/h3>\n<p>http:\/\/stormfront.wat.com\/Stormfront\/ &#8211; auf dem Computerschirm erscheint die Seite der &#8222;White Nationalist Resource Page&#8220; ((3)). Ihr Motto: &#8222;Weltweit wei\u00dfer Stolz&#8220;. In der auf der Homepage erscheinenden Selbstdarstellung hei\u00dft es: &#8222;Stormfront ist &#8230; ein Forum zur Strategieplanung und Bildung politischer und sozialer Gruppen, um den Endsieg zu garantieren.&#8220; Von dieser rot-schwarz gehaltenen Homepage gelangen wir zu unz\u00e4hligen rechtsextremen Newsgroups, auch zur zentralen Mailbox des Thule-Netzes, zur NSDAP\/AO oder zu Ku Klux Klan. Immerhin verbreiten etwa 100 Gruppen ihr braunes Gedankengut per Internet. Die von Antisemitismus durcchsetze Datei &#8222;Independent History and Research&#8220; etwa berichtet \u00fcber &#8222;gas chamber revisionism&#8220; und den &#8222;israelischen Holocaust gegen die Pal\u00e4stinenser&#8220;. Ein Link zum &#8222;Institute for Historical Review&#8220;, ein Sammelpunkt f\u00fcr Pseudo-Historiker und Revisionisten, preist sich an als &#8222;hervorragende Quelle f\u00fcr revisionistische Publikationen&#8220;. Ein Link spielt Zitate aus Hitlers &#8222;Mein Kampf&#8220; auf den Schirm oder rassistische Propaganda \u00fcber den Zusammenhang von IQ und &#8222;Rassenzugeh\u00f6rigkeit&#8220;. Von hier gelangen wir zu AlphaNet, einer neonazistischen Organisation mit P.O. Box in Philadelphia. \u00dcber das Feld &#8222;Information&#8220; klicken wir uns auf einen umfangreichen Fragebogen, der die Nutzer \u00fcber ihre politische Orientierung, Organisation, \u00fcber Waffenbesitz u.a. befragt. Beantworte ich allerdings die erste Frage &#8222;Are you White\/Aryan?&#8220; mit Nein, erscheint auf dem Schirm in roter Schrift auf schwarzem Grund: &#8222;If you are not white you are not wanted on our server. GET OUT!&#8220; Ein Versuch bei der NSDAP\/AO: Die in Lincoln\/Nebraska ans\u00e4ssige &#8222;Auslands- und Aufbauorganisation&#8220; macht keinen Hehl aus ihrer \u00dcberzeugung. Propagandamaterial, das in der Bundesrepublik verboten ist, l\u00e4\u00dft sich per Mausklick auf den heimischen Schirm holen und bestellen. Es handelt sich v.a. um Aufkleber, Flugbl\u00e4tter, Zeitschriftenbeitr\u00e4ge und &#8222;authentisch reproduzierte&#8220; Anstecker. Hauptanbieter war 20 Jahre lang der inzwischen verurteilte und inhaftierte Neonazi Gary Lauck. Zur\u00fcck zur &#8222;Stormfront&#8220;, von dort gelangen wir zur bereits erw\u00e4hnten &#8222;Z\u00fcndelsite&#8220;. Seit September 1995 ist der in Toronto lebende deutsche Neonazi Ernst Z\u00fcndels mit eigener Homepage im Netz vertreten. Seine Mission: &#8222;Die Rehabilitierung der deutschen Nation&#8220;. Die Inhalte der Z\u00fcndelseiten sind von Nazi-Propaganda, der Relativierung der deutschen Kriegs- und NS-Verbrechen, von Antisemitismus und der stereotypen Wiederholung der Leugnung des Holocaust durchtr\u00e4nkt. Dieses Gedankengut gelangt \u00fcber einen Rechner im kalifornischen Santa Cruz ins Netz, da Z\u00fcndel dort rechtlich nicht belangt werden kann. Z\u00fcndel bietet auch Zugang zum &#8222;Leuchter-Report&#8220;, dem pseudowissenschatlichen Versuch Fred Leuchters, nachzuweisen, da\u00df in Auschwitz- Birkenau und Majdanek keine Gaskammern existiert h\u00e4tten. Er verbreitet zudem bereits seit einiger Zeit seinen &#8222;Germania Rundbrief&#8220; per Internet. Z\u00fcndel steht im Krieg, &#8222;der seit 1914 &#8230; gegen unser Volk von denselben Kr\u00e4ften im Hintergrund gef\u00fchrt wird. Unsere V\u00e4ter verteidigten unser Volk mit Panzern und Gewehren. Wir verteidigen es mit Worten &#8230; und heute sogar weltweit \u00fcber das Internet, unsere modernste Waffe.&#8220; Er ist sich der M\u00f6glichkeiten, die das Internet bietet, sehr bewu\u00dft. Um so sch\u00e4rfer wettert er gegen die &#8222;j\u00fcdischen Zensoren&#8220;. Er wei\u00df, da\u00df &#8222;ohne das Internet &#8230; die Menschen aus allen Erdteilen unsere revisionistischen Informationen nie finden k\u00f6nnen.&#8220; Sein Ziel: &#8222;Ein weltweites Netz der Wahrheit wird, einem Oktopus \u00e4hnlich, aufgebaut!&#8220; Und besonders r\u00fchrt ihn an, da\u00df &#8222;unsere Sto\u00dftruppen nicht, wie einst die SA im politischen Kampf &#8230;, sondern meistens alte Omis und Kriegsveteranen&#8220; sind. Sie sind es, die Z\u00fcndel finanziell unterst\u00fctzen. &#8211; Das l\u00e4\u00dft hoffen.<\/p>\n<h3>&#8222;Nationale am Puls der Zeit&#8220; &#8211; der Werbeslogan der nationalistischen Aktivisten.<\/h3>\n<p>Die rechtsextreme Szene hierzulande versucht sich nach dem Verbot einiger Parteien und verst\u00e4rktem juristischen Vorgehen gegen ihre F\u00fchrergestalten die unterschiedlichen rechten Gruppierungen zusammenzuf\u00fchren und sich in einem Netzwerk von locker gruppierten Aktionsb\u00fcndnissen, Initiativen und Zellen zu organisieren. Die modernen Kommunikationsformen bieten hierbei eine Art kommunikative Klammer. Seit Fr\u00fchjahr 1993 wird am Aufbau eines verzweigten Netzes von Mailboxen &#8222;f\u00fcr national gesinnte Menschen&#8220; &#8211; dem bereits erw\u00e4hnten Thule-Netz &#8211; gearbeitet, eine Reaktion darauf, da\u00df Rechtsextreme in anderen Netzen ihre braunen Nachrichten nicht mehr verbreiten konnten. Die Angaben \u00fcber die Zahl der angeschlossenen Boxen im Bundesgebiet, mit &#8222;Auslegern&#8220; nach London und Wien, schwanken zwischen zw\u00f6lf und 19. Seit Mitte letzten Jahres besteht auch ein Zugang zum Internet. Wichtigstes Ziel der Vernetzung ist die Schaffung sog. &#8222;befreiter Zonen&#8220;, in denen eine von staatlichem Zugriff gesch\u00fctzte Kommunikation zwischen rechtsextremen Gruppierungen aller Schattierungen und die Etablierung einer Gegenmacht m\u00f6glich sein soll. &#8222;Befreite Zonen sind sowohl Aufmarsch- als auch R\u00fcckzugsgebiete f\u00fcr die Nationalisten Deutschlands&#8220;, hei\u00dft es in einem Netzbeitrag.<\/p>\n<p>Der Name des Netzes ist Programm: &#8222;Thule&#8220; &#8211; in der Antike das von Sagen umwobene Inselreich am n\u00f6rdlichsten Ende der Welt, Urheimat der Germanen &#8211; geht auf die 1918 in M\u00fcnchen gegr\u00fcndete Geheimloge mit dem Namen &#8222;Thule-Gesellschaft&#8220; zur\u00fcck. Deren politisches Ziel war die Errichtung eines gro\u00dfdeutschen Reiches, die Bek\u00e4mpfung der Juden und der Sozialisten. Sie spielte eine entscheidende Rolle bei der Zerschlagung der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik und gilt als eine der Keimzellen der NSDAP. Logenmitglieder waren u.a. Rudolf He\u00df, Julius Streicher und Alfred Rosenberg.<\/p>\n<p>Das Gehirn des zentral organisierten Netzes ist die &#8222;Widerstand BBS&#8220; ((4)) in Erlangen. Hier werden Mailboxen-Betreiber und -Nutzer an- und abgemeldet, wird organisiert und koordiniert. Die einzelnen Betreiber der Mailboxen &#8211; die sog. Systemoperator, kurz: Sysops &#8211; wachen \u00fcber die Inhalte und Sprache der nichtverschl\u00fcsselten Nachrichten, so k\u00f6nnen sie \u00f6ffentliche wie private Nachrichten lesen, zensieren oder auch deren Inhalt verf\u00e4lschen. Auf den \u00f6ffentlichen Seiten wird eine verklausulierte Sprache benutzt, hier wird kein offnener Rassismus und Nationalismus propagiert, hier spricht man von &#8222;Ethnopluralismus&#8220;, &#8222;tragischem Lebensgesetz&#8220;, vom &#8222;Kampf um die Kultur&#8220; und &#8222;Recht auf Verschiedenheit&#8220;. Die Betreiber bekennen sich ausdr\u00fccklich zur Neuen Rechten und begreifen sich in der Tradition der &#8222;Konservativen Revolution&#8220; der 20er Jahre. Ohne hier im einzelnen die Ideologie der Neuen Rechten als eine verklausulierte Ideologie der alten Rechten analysieren zu k\u00f6nnen, die zentralen Gedanken der Neuen wie der alten Rechten sind die gleichen: Antisemitismus, Rassismus, Revisionismus, Nationalismus, Frauenfeindlichkeit und Anti-Amerikanismus.<\/p>\n<p>Als Zielgruppe haben die Netzbetreiber v.a. junge Intellektuelle im Blick, das Spektrum der User ist allerdings breiter: Es reicht vom konservativ Denkenden, \u00fcber Anh\u00e4nger der Neuen Rechten, Mitglieder rechtsradikaler bis neonazistischer Parteien bis zum gewaltbereiten Neonazis. Eine Hoffnung der Netzbetreiber scheint zudem zu sein, \u00fcber die Technik den Zugang zu unpolitischen und eher orientierungslosen, aber technikbegeisterten, vor allem m\u00e4nnlichen Jugendlichen zu erm\u00f6glichen, um diese mit rechtem Gedankengut zu f\u00fcttern.<\/p>\n<p>Auf der Homepage des Thule-Netzes finden wir diverse Symbole, \u00fcber deren Aktivierung wir sowohl zu den angeschlossenen Boxen wie auch zum Thule-Seminar Pierre Krebs, zu Parteien und Organisationen der Rechten, aktuellen Berichten und \u00fcber &#8222;Links&#8220; auf weitere Listen von rechtslastigen Verbindungen vorsto\u00dfen. In jeder Mailbox werden unterschiedliche \u00f6ffentliche News-Gruppen, sog. &#8222;Bretter&#8220; angeboten, wobei das Themenspektrum von Anti-AntiFa, Geschichtsbew\u00e4ltigung und Nationalismus bis zu eher allgemein anmutenden Themen wie Jugend und Computer reicht. Ein Link f\u00fchrt uns zur &#8222;Jungen Freiheit&#8220;, der neurechten Wochenzeitung aus Berlin. Unter &#8222;Geschichte&#8220; finden wir etwa &#8222;Aufkl\u00e4rendes&#8220; zur &#8222;Schm\u00e4h und L\u00fcgenausstellung&#8220; \u00fcber die Verbrechen der Wehrmacht und die &#8222;Verunglimpfung der Deutschen&#8220; durch Daniel Goldhagen. Das &#8222;Deutsche Rechtsb\u00fcro&#8220; bei M\u00fcnchen bietet eine &#8222;Rechtsberatung f\u00fcr den braunen Alltag&#8220; und der Rechtsextremist Reinhold Oberlercher, Ende der 60er in Apo-Kreisen zu Hause, veranstaltet virtuelle Treffen zur Schulung des rechtsextremen Nachwuchses: &#8222;Wie organisiere ich einen Infostand?&#8220;, &#8222;Wie verhalte ich mich bei CS\/CN- Gaseins\u00e4tzen?&#8220;. Aber auch \u00fcber die politischen Gegner der Rechten ist im Thule-Netz einiges zu erfahren: Namen, Adressen, Aktivit\u00e4ten, Ver\u00f6ffentlichungen der AntiFa. Da\u00df auf den Seiten der Rechten auch ein Link zu Pornographischem nicht fehlt, war zu erwarten.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Zahl der Bretter darf allerdings nicht zu dem Schlu\u00df f\u00fchren, da\u00df hier hunderte von Rechtsextremen intensiven Austausch pflegten. Der Journalist Burkhard Schr\u00f6der warnt davor, den Mythos einer weltumspannend agierenden Rechten entstehen zu lassen. Der intime Kenner des Thule-Netzes spricht von &#8222;g\u00e4hnender Leere&#8220; auf den Brettern der Rechten, im Vergleich zu jenen der Umwelt- und B\u00fcrgerrechtsnetze.<\/p>\n<h3>&#8222;Wir sind drinnen, der Staat bleibt drau\u00dfen&#8220;<\/h3>\n<p>Dieses Motto scheint bislang aufzugehen. Die staatlichen Fahnder haben so ihre liebe Not mit den technisch versierten Ewiggestrigen. Probleme bereitet den staatlichen Fahndern zudem die aus anderen Staaten, v.a. aus den USA ins Netz gespeiste rassistische Propaganda. In den Vereinigten Staaten genie\u00dft das Grundrecht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung oberste Priorit\u00e4t. Es existiert kein Strafrechtsparagraph, der die Leugnung des Holocaust oder die Verbreitung von Nazipropaganda verbieten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird auf eine harte Probe gestellt. Soll dieses hohe Gut eingeschr\u00e4nkt werden, wo sich seiner erkl\u00e4rte Feinde der Demokratie bedienen? Jene, die eine Beschr\u00e4nkung dieses Rechtes einfordern, etwa mittels des neuen Multimediagesetzes, sind dem Verdacht ausgesetzt, gar nicht allein das Verbot rechtsextremer Propaganda und Pornographie im Blick zu haben. Ihnen wird vorgehalten, eine allgemeine Ausweitung staatlicher \u00dcberwachungsm\u00f6glichkeiten im Sinn zu haben &#8211; die dann alle treffen und letztenendes jenen Forderungen entgegenkommen w\u00fcrden, die zum Repertoire der Rechtsextremisten geh\u00f6ren: n\u00e4mlich Abbau demokratischer Rechte, Zensur, Eingriffe in die Rechte der Einzelnen und St\u00e4rkung des Staates.<\/p>\n<p>Die Netzgemeinde selbst zeigt sich in der Frage des Umgangs mit rechtsextremistischen Inhalten im Netz gespalten. Zensieren, Ignorieren oder mit Gegenargumenten offensiv reagieren? Immerhin sind &#8222;in einem einzigen Jahr mehr rassistische und gewaltverherrlichende Propaganda &#8230; als in all den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg&#8220; verbreitet worden, so ein Vertreter des Simon-Wiesenthal-Zentrums.<\/p>\n<p>Um gegen rechte Hetze im Netz vorzugehen, brauche es keine neuen Gesetze und Einschr\u00e4nkungen von Grundrechten, so die Verteidiger des freien Netzes. &#8222;Das ist wichtig f\u00fcr die Demokratie in einer von Berlusconi und Bertelsm\u00e4nnern dominierten Medienwelt&#8220;, meint der niederl\u00e4ndische Netzanbieter Rop Gonggrijp. Statt immer neue Gesetze und Mauern zu errichten, sollte lieber in die Aufkl\u00e4rung der Menschen investiert werden: &#8222;Aufkl\u00e4rung statt Zensur&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den neuen Medien hat sich f\u00fcr die rechtsextreme Szene eine neue Chance er\u00f6ffnet, ihre rassistische, antisemitische und nationalistische Propaganda unters Volk zu bringen. 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