{"id":11063,"date":"2012-01-01T00:00:52","date_gmt":"2011-12-31T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11063"},"modified":"2022-07-26T14:22:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:33","slug":"libyen-wem-sollen-wir-glauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/01\/libyen-wem-sollen-wir-glauben\/","title":{"rendered":"Libyen: Wem sollen wir glauben?"},"content":{"rendered":"<p>Sogar Claude Lanzmann, selbst kein prinzipieller Feind des Krieges,                 sprach angesichts von Bernard-Henri L\u00e9vys angeblicher Initiierung                 des Libyenkrieges (nach dieser Version war es L\u00e9vy, der per Handy-Telefonat                 Sarkozy zum milit\u00e4rischen Eingreifen aufforderte) von einer &#8222;Infantilisierung                 der Politik&#8220; und nannte seinen alten Freund L\u00e9vy einen &#8222;Phrasendrescher&#8220;                 &#8211; damit war deren Freundschaft zu Ende. ((2))<\/p>\n<p>Doch die Unseriosit\u00e4t L\u00e9vys hat sich in Deutschland noch nicht                 herumgesprochen, und sogar ein GWR-Leser nannte ihn unl\u00e4ngst &#8222;glaubw\u00fcrdig&#8220;                  ((3)).<\/p>\n<p>Grund genug also, diese Reputation zu widerlegen. Die Auseinandersetzung                 mit BHL &#8211; in Frankreich gilt die Abk\u00fcrzung von Namen mit K\u00fcrzeln                 als besondere Ehre und VIP-Auszeichnung &#8211; ist schon deshalb wichtig,                 weil ihm Intellektuelle anerkennend zugestehen, er habe &#8222;die N\u00fctzlichkeit                 des Krieges im politischen Feld&#8220; ((4))                 wiedereingef\u00fchrt: Als habe der Krieg dieses politische Feld je                 verlassen!<\/p>\n<h3>Warum ist Bernard-Henri L\u00e9vy grunds\u00e4tzlich unglaubw\u00fcrdig?<\/h3>\n<p>L\u00e9vy ist der Hauptprotagonist der &#8222;Neuen Philosophen&#8220; Frankreichs,                 die als ehemalige Linke bereits seit Mitte der Siebzigerjahre                 den Kapitalismus mittels einer neuen Totalitarismustheorie verteidigten                 &#8211; nur war L\u00e9vy bis auf seine unmittelbaren Anf\u00e4nge 1968 unter                 seinem Lehrer Althusser schon immer prokapitalistisch und unterst\u00fctzte                 maximal Pr\u00e4sidentschaftskandidaturen aus der &#8222;Sozialistischen                 Partei&#8220;. 2002 w\u00fcrdigte er Jean-Paul Sartre als den &#8222;Philosophen                 des 20. Jahrhunderts&#8220;, der zwar alles falsch gemacht habe, dessen                 Konzept des &#8222;engagierten Intellektuellen&#8220; L\u00e9vy aber \u00fcbernahm und                 sich damit gleich zum eigentlichen Sartre-Nachfolger k\u00fcrte &#8211; nur                 nicht, wie noch bei Sartre \u00fcblich, gegen die franz\u00f6sische Regierung,                 sondern f\u00fcr sie. ((5))<\/p>\n<p>L\u00e9vy hat seit dem Bosnienkrieg 1994 alle Kriege des Westens gerechtfertigt:                 Kosovo, Irak, Afghanistan, Kuwait, die Kriege Israels (Gaza, Libanon),                 Libyen. Er z\u00e4hlt die neokonservativen US-Think-Tank-Krieger Paul                 Wolfowitz und Samuel P. Huntington zu seinen Freunden. Seine pers\u00f6nliche                 Website ziert der Spruch: &#8222;L&#8217;art de la philosophie ne vaut que                 s&#8217;il est un art de la guerre&#8220; (Die Kunst der Philosophie ist nur                 etwas wert, wenn sie eine Kunst des Krieges ist). <\/p>\n<p>2008 unterst\u00fctzte er den autokratischen georgischen Pr\u00e4sidenten                 Saakaschwili im S\u00fcdossetien-Krieg gegen Russland, obwohl bereits                 2004 mehr als 1.000 Klagen gegen Saakaschwili vor dem EU-Menschenrechtsgerichtshof                 vorlagen und er 2007 nachweislich Gas gegen DemonstrantInnen eingesetzt                 hatte. <\/p>\n<p>F\u00fcr L\u00e9vy war Saakashwili jedoch ein &#8222;Demokrat und Widerstandsk\u00e4mpfer&#8220;.                  ((6)) <\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Krieges reiste er nach Georgien und ver\u00f6ffentlichte                 einen Reisebericht vom Krieg: &#8222;In einem Artikel des Online-Nachrichtenportals                 Rue89 wird jedoch mit Hilfe von anderen Augenzeugenberichten aufgezeigt,                 dass manche Aussagen des Berichts frei erfunden sind.&#8220; ((7))                 Wieso also sollte man nun seinen Berichten aus Libyen glauben?               <\/p>\n<p>2009 ver\u00f6ffentlichte L\u00e9vy mit dem islamfeindlichen Schriftsteller                 Michel Houellebecq das Buch &#8222;Volksfeinde&#8220;. L\u00e9vy unterzeichnete                 2006 das &#8222;Manifest der 12&#8220;, in dem der Islam als &#8222;weltweite totalit\u00e4re                 Bedrohung&#8220; angegriffen wird, vollf\u00fchrte dann jedoch eine Teildistanzierung                 davon.<\/p>\n<p>Verbal kritisiert er zwar brav bis heute auch den Massenmord                 in Ruanda von 1994, lie\u00df jedoch die Rolle Frankreichs bei der                 milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung der Massenm\u00f6rder au\u00dfen vor. <\/p>\n<p>Seine Beziehungen zu Frankreichs Regierung waren gerade damals                 bestens. 1995 erbte er das Unternehmen Becob (Importfirma f\u00fcr                 afrikanisches Holz) und wurde dessen Manager. <\/p>\n<p>Unter seiner F\u00fchrung sollen &#8222;afrikanische Arbeiter im Unternehmen                 sklaven\u00e4hnlich behandelt&#8220; ((8))                 worden sein. Eine drohende Klage wegen Steuerhinterziehung wurde                 damals von Nicolas Sarkozy verhindert. Der war 1993-1995 Finanzminister                 der Regierung Balladur, die direkt f\u00fcr Frankreichs Rolle in Ruanda                 verantwortlich war. Daher r\u00fchrt auch die M\u00e4nnerfreundschaft beider,                 die es L\u00e9vy in Libyen erlaubte, Sarkozy direkt \u00fcbers Handy anzurufen.<\/p>\n<p>Nach dem Verkauf seiner Firma war L\u00e9vy reich und setzte sich                 medial in Szene. Sein Buch \u00fcber &#8222;Toqueville&#8220; ver\u00f6ffentlichte er                 in den USA und zahlte allen franz\u00f6sischen JournalistInnen den                 Flug und Hotels f\u00fcr ihr Kommen zu seiner Buchpr\u00e4sentation. Das                 hierbei zum Ausdruck kommende Verst\u00e4ndnis von unabh\u00e4ngigem Journalismus                 spricht B\u00e4nde. ((9)) <\/p>\n<p>F\u00fcr jede Neuerscheinung mietet er sich in einem Hotel ein und                 l\u00e4sst sich f\u00fcr die Pariser Hochglanzzeitungen als Star l\u00e4ssig                 aus dem Fenster schauend fotografieren. Neuerscheinungen gibt                 es leider allzu viele, im ersten Quartal 2010 allein zwei, wovon                 eines 1.300 Seiten z\u00e4hlte. Er l\u00e4sst schreiben und kommt nicht                 einmal mit dem Korrekturlesen seiner eigenen B\u00fccher nach: Im Buch                 &#8222;De la guerre en philosophie&#8220; (\u00dcber den Krieg in der Philosophie,                 2010) &#8211; auch das ist programmatisch gemeint! &#8211; zitierte L\u00e9vy eine                 Kant-Konferenz in einem angeblich von Kant-EmigrantInnen gegr\u00fcndeten                 Dorf in Paraguay, das es nie gegeben hat (weder das Dorf noch                 die Konferenz!). L\u00e9vy war Jean-Baptiste Botul und dessen Buch                 &#8222;La vie sexuelle d&#8217;Emmanuel Kant&#8220; (Das sexuelle Leben des Emmanuel                 Kant) aufgesessen: Botul ist das Pseudonym des franz\u00f6sischen Satirikers                 Fran\u00e7ois Pag\u00e8s, das Buch eine reine Erfindung. ((10))                 Tja, kann schon mal passieren, wenn man seit Jahrzehnten pro Jahr                 mehrere B\u00fccher mit jeweils mehreren hundert Seiten publiziert.<\/p>\n<p>Bereits in den Siebzigerjahren haben namhafte Intellektuelle,                 vor allem Cornelius Castoriadis und der angesehene Historiker                 Pierre Vidal-Naquet, den B\u00fcchern L\u00e9vys gro\u00dfe faktische Fehler                 vorgeworfen, Vidal-Naquet konstatierte &#8222;grundlegende Unehrlichkeit&#8220;                  ((11)).<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verwundert es da nicht mehr, dass ein Anarchist auf                 den Plan trat, um den selbsternannten Jahrhundertphilosophen (direkt                 nach Sartre) so richtig zu verarschen: No\u00ebl Godin, der und dessen                 belgische Gruppe narzisstischen SelbstdarstellerInnen Sahnetorten                 ins Gesicht dr\u00fccken: &#8222;F\u00fcr Godin ist dieses sahnige Statement eine                 Form von nicht aggressiver Anarchie. Zielscheibe sind hochmediatisierte                 Pers\u00f6nlichkeiten, deren &#8218;l\u00e4cherliche Standpunkte&#8216; durch die L\u00e4cherlichkeit                 einer Tortenattacke entlarvt werden sollen.&#8220; ((12))               <\/p>\n<p>W\u00e4hrend jedoch Godin in der Regel bei seinen Opfern, die u.a.                 auch Bill Gates und Sarkozy selbst umfassen, nur einmal zuschl\u00e4gt,                 hat Bernard-Henri L\u00e9vy bereits sieben Torten von Godin ins Gesicht                 gekriegt. Diese besondere Zuneigung geht auf das Jahr 1985 zur\u00fcck,                 als Godin mit seinem Schlachtruf &#8222;Gloup, gloup, eine Torte f\u00fcr                 prunks\u00fcchtige Gurken&#8220; vor laufenden Kameras eine Torte in L\u00e9vys                 Gesicht versenkte. L\u00e9vy warf seinen Angreifer zu Boden und schrie:                 &#8222;&#8218;Steh schnell auf, sonst trete ich dir die Fresse mit dem Absatz                 ein.&#8216; [&#8230;] Die Szene wurde so ber\u00fchmt, dass der franz\u00f6sische                 S\u00e4nger Renaud BHL ein Lied mit dem Titel &#8218;L&#8217;entart\u00e9&#8216; (in etwa                 &#8218;Der Eingetortete&#8216;) widmete.&#8220; ((13))                 Nun, die siebte wird sicherlich nicht die letzte Torte von Godin                 f\u00fcr BHL gewesen sein.<\/p>\n<p>Bernard-Henri L\u00e9vy ist unglaubw\u00fcrdig. Er hat den Krieg in Libyen                 mit angezettelt und verteidigt ihn nun auf allen Ebenen und mit                 allen Mitteln (bis dahin, wie wir sehen werden, sogar seinen eigenen                 Anti-Islamismus zu opfern) &#8211; und zwar schon deshalb, weil sich                 einer wie er nach seinem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis gar nicht irren                 kann: &#8222;Bis jetzt, nein&#8220; antwortet er noch im &#8222;Zeit&#8220;-Interview                 vom 5.11.2011 auf die entsprechende Frage. Er wird also bei allen                 Analysen und Berichten ausschlie\u00dflich Punkte aussuchen, die seine                 Sicht st\u00fctzten. Ihm stehen alle b\u00fcrgerlichen Medien offen, in                 Frankreich und in Deutschland.<\/p>\n<p>Darum wird hier vom Streitgespr\u00e4ch in <i>Le Monde<\/i> mit Rony                 Brauman ausschlie\u00dflich die Sicht von Brauman dargestellt.<\/p>\n<p>Es ist nicht erstaunlich, dass sie zwar beide von Libyen erz\u00e4hlen                 und beide mit geringem zeitlichem Unterschied vor Ort gewesen                 sind. <\/p>\n<p>Aber sie berichten aus demselben Land so, als sei der eine auf                 dem Mond und der andere auf dem Mars gewesen, so sehr unterscheiden                 sich ihre Analysen und Augenzeugenberichte &#8211; wie immer, wenn es                 um die Wahrheit in Kriegen geht.<\/p>\n<h3>Der Bericht von Rony Brauman<\/h3>\n<p>Der Hauptvorwurf Braumans lautet, dass Frankreich (plus GB und                 USA) spontan auf eine milit\u00e4rische Bedrohung Bengasis durch die                 auf die Stadt zurollende Panzerkolonne Gaddafis gar nicht h\u00e4tte                 reagieren k\u00f6nnen. Ihm sei schnell klar geworden, dass die Bedrohung                 Bengasis &#8222;ein Produkt der Propaganda war und nicht beobachtbarer                 Realit\u00e4ten&#8220;, dass also &#8222;die Entscheidung, in den Krieg einzutreten,                 den Rechtfertigungen f\u00fcr diesen Krieg vorausgegangen ist&#8220;. ((14))               <\/p>\n<p>Das habe schon damit begonnen, dass der Nationale \u00dcbergangsrat                 (NTC) f\u00fcr die Zeit vom 15. Februar, dem Beginn der Revolte gegen                 Gaddafi, bis Anfang M\u00e4rz 2011 von mehr als 6.000 Toten gesprochen                 habe. Brauman: &#8222;Die Untersuchungen von Amnesty und von Human Rights                 Watch haben gezeigt, dass sich die Zahl der Opfer bis dahin auf                 200 oder 300 belief, wovon die meisten im Kampf gestorben waren.                 Das war eine \u00e4hnliche Bilanz, wie man sie von Tunesien oder \u00c4gypten                 her kannte.&#8220;<\/p>\n<p>Scharf kritisiert Brauman die westlichen Pressemeldungen \u00fcber                 eine Armee- und Panzerkolonne, die sich mit dem Ziel Bengasi n\u00e4herte,                 die Stadt einzukreisen und dort ein Massaker anzurichten: &#8222;Niemand                 war f\u00e4hig gewesen, uns die Panzer zu zeigen, die sich angeblich                 auf dem Weg nach Bengasi befanden. Doch eine Panzerkolonne muss                 im Zeitalter der Mobiltelefone und der Satelliten doch photographiert                 werden k\u00f6nnen. \u00dcbrigens hat es gen\u00fcgt, vier Panzer durch Luftangriffe                 zu zerst\u00f6ren, um besagte Offensive zu brechen, was zeigt, dass                 diese Kolonne, von der in der Folgezeit nie mehr geredet wurde,                 nicht existiert hat.&#8220; <\/p>\n<p>Auch die libyschen Luftangriffe auf DemonstrantInnen in Tripolis                 h\u00e4tten nach Brauman nicht stattgefunden, sie seien &#8222;eine Erfindung                 von Al-Jazeera&#8220;, also innerarabisch motiviert gewesen &#8211; solch                 eine Kritik hatte ich vordem schon aus antiimperialistischer Ecke                 geh\u00f6rt und war ihr bisher mit Skepsis begegnet, nun werden sie                 von Brauman wiederholt, womit er aber auch nicht ausschlie\u00dft,                 dass es andernorts Luftangriffe der libyschen Luftwaffe auf DemonstrantInnen                 gegeben habe. <\/p>\n<p>Auf den Einwand Bernard-Henri L\u00e9vys, dass sich die BewohnerInnen                 von Misrata mit nackten H\u00e4nden gewehrt h\u00e4tten und dort tats\u00e4chlich                 ein &#8222;Massaker&#8220; stattgefunden habe, meint Brauman: &#8222;Die Militarisierung                 des Aufstands ist fast unmittelbar gewesen, sie fand in den ersten                 Tagen nach den ersten Demonstrationen statt. In Misrata war der                 Widerstand besonders heftig. <\/p>\n<p>Es ist falsch zu behaupten, dass sich ZivilistInnen mit nackten                 H\u00e4nden gegen bestens ausger\u00fcstete Truppen geschlagen h\u00e4tten. Wenn                 auch die NATO-Intervention sicher nicht nebens\u00e4chlich war, so                 wurde der wesentliche Kampf doch durch die milit\u00e4rischen Milizen                 vor Ort gef\u00fchrt. Ich war im Juli in Misrata gewesen: Ich erwartete,                 eine zerst\u00f6rte Stadt vorzufinden. Ich musste zuerst feststellen,                 dass der Hafen &#8211; angebliches Ziel wiederholter Bombardements [der                 Gaddafi-Truppen] &#8211; absolut intakt war. Die K\u00e4mpfe lie\u00dfen sich                 in Wirklichkeit auf zwei Stadtteile einkreisen, dort sind die                 Sch\u00e4den enorm, w\u00e4hrend der Rest der Stadt normal aussieht. Keine\/r                 der BewohnerInnen, mit denen ich gesprochen habe, pr\u00e4sentierte                 sich \u00fcbrigens als \u00dcberlebende\/r. Im Mai und Juni [H\u00f6hepunkt der                 K\u00e4mpfe um Misrata] hatten die Teams von M\u00e9decins sans fronti\u00e8res,                 die vor Ort waren, sehr wenige Verletzte zu behandeln und erwogen                 schon ihren Abzug. Dass es erbitterte K\u00e4mpfe gab, dass die Belagerung                 gewaltsam war, ist unbestritten. Aber Misrata ist nicht diese                 Stadt, die auf einen Haufen Ruinen reduziert werden kann, wie                 Sie sie beschreiben.&#8220;<\/p>\n<h3>Gegenbeispiel Jemen<\/h3>\n<p>Brauman weiter: &#8222;Letztlich zieht die Entscheidung f\u00fcr den Krieg                 eine viel st\u00e4rkere menschliche Opferbilanz nach sich. Das beweist                 die offizielle Bilanz, die von der NTC vorgelegt wurde: 30.000                 bis 50.000 Tote, das sind zehnmal mehr als die Opfer der syrischen                 Repression. Wenn diese Zahlen korrekt sind, ist das entsetzlich.&#8220;               <\/p>\n<p>Heute m\u00fcsste zu diesem Argument Braumans noch hinzugef\u00fcgt werden,                 dass Ende November 2011 ein weiterer arabischer Diktator, Ali                 Abdallah Saleh im Jemen, nun endg\u00fcltig entmachtet worden ist,                 und zwar laut dem oppositionellen Scheikh Mekhlafi (der aus der                 Wiege der Revolution, der Stadt Taez, stammt und Cousin der Friedensnobelpreistr\u00e4gerin                 Tawakkul Karman ist), erstaunlicher Weise durch jene &#8222;tausende                 Jemeniten, die mit nackter Brust, gewaltfrei in den Kampf gezogen                 sind, ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ph\u00e4nomen, ein wahres Lehrst\u00fcck. [&#8230;]                 Wir werden bis zum Schluss pazifistisch bleiben&#8220; ((15))                 &#8211; auch hier bei vergleichbarer Repression mit einem Bruchteil                 der Opferzahlen Libyens. All das ein Schlag ins Gesicht f\u00fcr alle,                 die behaupten, der Krieg und die Milit\u00e4rintervention in Libyen                 seien alternativlos gewesen und solche Diktatoren k\u00f6nnten nicht                 durch &#8222;Sitzblockaden&#8220; ((16))                 aufgehalten werden. <\/p>\n<p>Rony Brauman kommt im Folgenden noch einmal auf den Zeitpunkt                 der Kriegsentscheidung zur\u00fcck und reduziert hier gleichzeitig                 die angebliche Macht des Intellektuellen L\u00e9vy, denn die Entscheidung                 f\u00e4llte nat\u00fcrlich nicht Letzterer, sondern Sarkozy: &#8222;Der Krieg                 wurde von Nicolas Sarkozy seit dem Monat Februar gewollt.<\/p>\n<p>Sogar noch vor der Bildung des \u00dcbergangsrats patrouillierten                 schon vier franz\u00f6sische Atom-U-Boote entlang der libyschen K\u00fcsten.                 Am 25. Februar erkl\u00e4rte Nicolas Sarkozy: &#8218;Gaddafi muss gehen&#8216;.                 Nie zuvor hat ein Staatschef nur eine Woche nach dem Beginn von                 Unruhen dekretiert, dass ein anderer Staatschef &#8211; so unsympathisch                 er auch sein mag &#8211; gehen muss. Die Beschw\u00f6rung von Gr\u00e4ueln, deren                 Anzahl und Horror mit jedem Tag stieg, ist eine propagandistische                 Montage. [&#8230;] Ich wiederhole es: Die Rechtfertigungen sind nach                 der Entscheidung gekommen. Man muss deshalb in Frankreich und                 in Europa &#8211; und auch in Qatar &#8211; die Urspr\u00fcnge des Libyenkrieges                 suchen.&#8220;<\/p>\n<p>Brauman spricht dann die Tatsache an, dass Moustapha Abdeljalil                 als provisorischer Regierungschef des freien Libyen nach dem offiziellen                 Kriegsende als erstes die Scharia im befreiten Libyen proklamiert                 hat: &#8222;Au\u00dfer der Leichtfertigkeit, mit welcher der \u00dcbergangsrat,                 deren Mitglieder mehrheitlich v\u00f6llig unbekannt sind, von Bernard-Henri                 L\u00e9vy sofort als laizistische demokratische Bewegung pr\u00e4sentiert                 worden sind, gibt es auch noch eine gewisse Naivit\u00e4t, die Tatsache                 nicht wahrhaben zu wollen, dass der Krieg Dynamiken schafft, die                 den Radikalen zum Schaden der Gem\u00e4\u00dfigten n\u00fctzen. Dieser Krieg                 ist nicht zu Ende. Durch die Entscheidung, die Revolte zu militarisieren,                 hat der \u00dcbergangsrat den gewaltsamsten Kr\u00e4ften Auftrieb gegeben.                 Weil sie diese Option im Namen der Demokratie unterst\u00fctzt hat,                 hat die NATO eine schwere Verantwortung \u00fcbernommen, der sie nicht                 gerecht werden kann.<\/p>\n<p>Weil der Krieg an sich schlecht ist, darf man ihn nicht f\u00fchren.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sogar Claude Lanzmann, selbst kein prinzipieller Feind des Krieges, sprach angesichts von Bernard-Henri L\u00e9vys angeblicher Initiierung des Libyenkrieges (nach dieser Version war es L\u00e9vy, der per Handy-Telefonat Sarkozy zum milit\u00e4rischen Eingreifen aufforderte) von einer &#8222;Infantilisierung der Politik&#8220; und nannte seinen alten Freund L\u00e9vy einen &#8222;Phrasendrescher&#8220; &#8211; damit war deren Freundschaft zu Ende. ((2)) Doch die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/01\/libyen-wem-sollen-wir-glauben\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Libyen: Wem sollen wir glauben? - graswurzelrevolution","description":"Sogar Claude Lanzmann, selbst kein prinzipieller Feind des Krieges, sprach angesichts von Bernard-Henri L\u00e9vys angeblicher Initiierung des Libyenkrieges (nach di"},"footnotes":""},"categories":[618,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-11063","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-365-januar-2012","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11063","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11063"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11063\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11063"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11063"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11063"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}