{"id":11069,"date":"2012-01-01T00:00:25","date_gmt":"2011-12-31T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11069"},"modified":"2022-07-26T13:11:37","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:37","slug":"auf-der-strase-auf-der-schiene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/01\/auf-der-strase-auf-der-schiene\/","title":{"rendered":"&#8222;Auf der Stra\u00dfe, auf der Schiene&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Im November hat die <em>L\u00fcneburger Zeitung<\/em> Euch einen Artikel gewidmet: <em>&#8222;Das wendl\u00e4ndische Widerstandsgen. Kerstin und Freya Rudek geh\u00f6ren zu den Motoren des Anti-Atom-Protests.&#8220;<\/em> Kerstin, kannst Du erkl\u00e4ren, wie Du Teil der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden bist? Gab es bestimmte Entwicklungen, die Dich dazu bewegt haben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin:<\/em> Ja. Das war der Tag X 1984, an dem zum ersten Mal Atomm\u00fcll im Landkreis L\u00fcchow-Dannenberg mit viel Protest und Widerstand erwartet wurde. Damals ging es noch nicht um die Castor-Transporte. Wir haben ja in der Zwischenlagerhalle in Gorleben auch schwach- und mittelradioaktive F\u00e4sser stehen. Beim ersten Transport war nicht bekannt, wann er stattfinden w\u00fcrde. Da gab es \u00fcber mehrere Tage viel Protest. Seitdem bin ich dabei.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und wie war das bei Dir, Freya?<\/strong><\/p>\n<p><em>Freya: <\/em>Ich bin im Wendland aufgewachsen und habe den Protest von klein an mitbekommen. Ich wurde fr\u00fch auf Demos mitgeschleppt, bin schon seit Kindertagen dabei zu demonstrieren und mich mit dem Thema auseinander zu setzen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du machst bei ContrAtom mit. Was ist das f\u00fcr eine Gruppe, was f\u00fcr Aktionen macht Ihr, wie seid Ihr aktiv?<\/strong><\/p>\n<p><em>Freya: <\/em>ContrAtom ist in erster Linie eine Internetseite. Dort gibt es immer aktuelle Infos rund um das Thema Atomkraft, also auch zu Urananreicherungsanlagen, zu Wiederaufarbeitungsanlagen, zu der ganzen Atomspirale. \u00dcber dieses Netzwerk hinaus gibt es verschiedene Aktionsgruppen, die sind dezentral unterwegs, machen verschiedene Kletter- und Blockadeaktionen, immer dann, wenn wieder Castor-Transporte laufen. Oder auch, wenn sonstige Atomtransporte unterwegs sind, z.B. am Hamburger Hafen, oder auch bei der GKSS Forschungseinrichtung bei Kr\u00fcmmel. Da sind dann auch Aktionen, was sonst keiner mitbekommen w\u00fcrde. Dann ist auch ContrAtom unterwegs oder verschiedene Aktionsgruppen, die sich unter dem ContrAtom-Logo auf die Stra\u00dfe begeben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Kerstin, Du bist Vorsitzende der B\u00fcrgerinitiative L\u00fcchow-Dannenberg. Kannst Du erkl\u00e4ren, wie sich diese BI gebildet hat und was f\u00fcr Arbeit Ihr leistet?<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin: <\/em>Die BI gibt es seit bald 35 Jahren. Der Tag der Standortbenennung f\u00fcr das damals noch geplante Nukleare Entsorgungszentrum in Gorleben war der 22. Februar 1977. Wenn wir es genau nehmen, dann gibt es die BI sogar noch l\u00e4nger, weil es n\u00e4mlich davor schon Pl\u00e4ne gab, im Wendland eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) anzusiedeln. Da war als Standort u.a. auch Langendorf an der Elbe geplant. Das ging im Grunde 1972 los, dass zum ersten Mal das Thema Wiederaufarbeitung im Wendland eine Rolle spielte. Da haben sich viele Leute aus dem Landkreis zusammengeschlossen und als Ortsgruppen und sp\u00e4ter auch als eingetragener Verein &#8211; das ist das Gr\u00fcndungsdatum der BI, das auf das Jahr 1977 zur\u00fcckgeht &#8211; gearbeitet.<\/p>\n<p>Das ist eine lange Geschichte. Am Anfang war es ganz viel Protest vor der eigenen Haust\u00fcr, im Sinne von &#8222;Den Atomm\u00fcll hier nicht haben zu wollen&#8220;. Im Laufe der Jahre, \u00fcber das weitergegebene Wissen und die weiter entwickelten Strukturen hat sich die BI zu einer Organisation entwickelt, die das ganze Problem grunds\u00e4tzlich sieht: dass es keine Entsorgung f\u00fcr Atomm\u00fcll gibt, dass es die anderen Themen auch betrifft. Also dass z.B. der Uranabbau eine wahnsinnige Menschenrechtsverletzung darstellt, weil dieses hochstrahlende Zeug aus der Erde gegraben wird &#8211; die Firmen kommen meistens aus westlichen L\u00e4ndern, es wird abgebaut in indigenen Gegenden, anschlie\u00dfend wird es so belassen, das hei\u00dft, es gibt keine Sanierung, und es gibt eine Freisetzung von Strahlen. Die Menschen da sind dem total ausgeliefert, auch wenn sie sich &#8211; zum Teil erfolgreich &#8211; dagegen wehren.<\/p>\n<p>Egal, welchen Punkt man sich jetzt genau anguckt, ob man beim Uranabbau anf\u00e4ngt oder bei der ungel\u00f6sten, nicht l\u00f6sbaren Atomm\u00fclllagerung, da stehen ja noch die ganzen anderen Sachen: Atomkraftwerke, Kinderkrebs um AKWs, das Risiko von Atomm\u00fclltransporten.<\/p>\n<p>Wir besch\u00e4ftigen uns mit all diesen Themen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, wir machen Infoveranstaltungen, Rundreisen, haben ein durchg\u00e4ngig besetztes B\u00fcro, wo an 6 Tagen in der Woche jemand am Telefon ist und Mails beantwortet.<\/p>\n<p>Wir haben eine gute Internetseite. Wir haben lediglich ein paar Sachen, die wir geringf\u00fcgig bezahlen. Ansonsten findet unsere Arbeit ehrenamtlich statt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung, konkret auch im Wendland, ist eine Geschichte des erfolgreichen Widerstands: In den 1970er Jahren wurde auch geplant, eine deutsche Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im Wendland zu bauen, die Ernst Albrecht als damaliger CDU-Ministerpr\u00e4sident Niedersachsens in Gorleben durchsetzen wollte. Kannst Du erz\u00e4hlen, was es dann f\u00fcr Widerstand gab, wie der aussah und wie effektiv er war?<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin: <\/em>Letztlich war es so, dass Gorleben damals nur ausgew\u00e4hlt worden ist, weil man ein gro\u00dfes Areal von mindestens 12 Quadratkilometern gesucht hat. Dann haben die Parameter wie eine geringe Bev\u00f6lkerungsdichte, eine hohe Arbeitslosigkeit und die Zonenrandn\u00e4he eine gro\u00dfe Rolle gespielt, und dass die Bev\u00f6lkerung hier sehr konservativ war. Alles in allem hat sich die damalige CDU-Landesregierung unter Ernst Albrecht gedacht, dass es ein kluger Schachzug ist, trotz der Vorerkundungen an anderen Standorten, es gab in der Vorauswahl drei andere Standorte, dann diesen Ort f\u00fcr ein &#8222;Nukleares Entsorgungszentrum&#8220; (NEZ) auszuw\u00e4hlen. Es gab von Anfang an kr\u00e4ftigen Widerstand, der vor allem von den Bauern im Wendland, aber auch von anderen Leuten getragen worden ist.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es gab in den 1970ern sogar Pl\u00e4ne f\u00fcr den Bau von bis zu 600 Atomkraftwerken (!) in der Bundesrepublik. Was die WAA in Gorleben betrifft, musste Albrecht schlie\u00dflich \u00f6ffentlich einr\u00e4umen, dass der Bau einer Plutoniumfabrik gegen den Widerstand im Wendland nicht durchsetzbar ist.<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin: <\/em>Da kam einiges zusammen. Als diese Pl\u00e4ne bekannt geworden sind, da ist 1979 aus dem Landkreis L\u00fcchow-Dannenberg ein Treck in die Landeshauptstadt Hannover organisiert worden, um den Protest in die Politik zu tragen, und w\u00e4hrend dieses Trecks hat sich die Atomkatastrophe von Harrisburg ereignet.<\/p>\n<p>Dieser Treck hat einen gro\u00dfen Zulauf bekommen, da sind ein paar Leute im Wendland gestartet, die wurden immer mehr, und u.a. wegen diesem schweren Atomunfall in den USA sind 100.000 Menschen zusammengekommen, die in Hannover eine Gro\u00dfdemo gemacht haben. An deren Ende musste sich Albrecht hinstellen und sagen, dass eine WAA in Gorleben politisch nicht durchsetzbar ist.<\/p>\n<p><strong>GWR: Daraufhin hat der damalige bayrische Ministerpr\u00e4sident Franz-Josef Strau\u00df (CSU) sinngem\u00e4\u00df gesagt: &#8222;O.K., dann machen wir es in Wackersdorf, dort sind 70 Prozent CSU-W\u00e4hler, da wird es keinen Widerstand geben.&#8220; Da hat er sich geschnitten, und die Atomindustrie musste die WAA-Baupl\u00e4ne beerdigen, aufgrund der durch den Widerstand der Bev\u00f6lkerung gewachsenen Kosten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Jetzt ist die Situation so, dass viele angesichts der Proteste gegen den aktuellen Transport fragen: &#8222;Wieso wird denn immer noch demonstriert, es gibt doch den Ausstieg?&#8220; Die <em>Westf\u00e4lischen Nachrichten<\/em> (WN) haben gegen diejenigen gewettert, die jetzt im Wendland demonstriert haben, &#8222;obwohl es einen partei\u00fcbergreifenden Ausstiegsbeschluss&#8220; gibt. K\u00f6nnt Ihr dazu etwas sagen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Freya: <\/em>Wir haben hier in L\u00fcneburg seit Monaten mobilisiert, haben auch Informationsveranstaltungen gemacht, genau zu dem Thema: &#8222;Warum ist der Ausstieg kein Ausstieg, oder warum wird das jetzt gerade als Ausstieg verkauft?&#8220;. Die Atomkraft geht aber weiter: Das Endlagersuchgesetz, was es geben soll, sieht bis jetzt immer noch Gorleben als Endlager vor. Es gibt bis jetzt keine gr\u00f6\u00dferen Neuerungen in der Politik, die uns zufrieden stimmten, also sowohl das problematische Endlagersuchgesetz als auch die Tatsache, dass wir keinen wirklichen Ausstieg haben, der irgendwann im Jahr 2022 sein soll, wenn eine andere Bundesregierung wieder ganz andere Pl\u00e4ne beschlie\u00dfen kann. Das alles war relativ schwierig vermittelbar, weil viele gesagt haben, &#8222;Ja, Mensch, wir haben doch immerhin einen gewissen Atomausstieg im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern, warum sollen wir jetzt noch auf die Stra\u00dfe gehen?&#8220; Da war es erst einmal schwierig, die Leute wieder ein bisschen wach zu r\u00fctteln.<\/p>\n<p>Es gab dann verschiedene Veranstaltungen auch zum Thema Strahlenskandal in Gorleben, also warum ist jetzt gerade bei diesem Castor-Transport nach Gorleben die Sache wieder akut, weil Gorleben akut verstrahlt wird und das Zwischenlager selbst nach den internen Berechnungen keine Kapazit\u00e4ten f\u00fcr neuen Atomm\u00fcll hat. Die Infoveranstaltungen und kleineren Demos, die wir im Vorfeld hatten, haben aber doch wieder daf\u00fcr gesorgt, dass in L\u00fcneburg direkt vor dem Castor einiges ging. Wir haben da am 25.11. eine Vorabenddemo veranstaltet, vor der gro\u00dfen Auftaktdemo in Dannenberg.<\/p>\n<p>Da kamen 1.400 Menschen. Die Leute haben gesagt: &#8222;Wir lassen uns nicht verarschen, der Ausstieg ist nicht da, solange wir ihn nicht auf der Stra\u00dfe wirklich herbeif\u00fchren&#8220;.<\/p>\n<p>Es war erfreulich, dass gegen diesen Castor-Transport wieder viele Menschen auf die Stra\u00dfe gegangen sind und sich nicht nur bei der Demo haben sehen lassen, sondern auch bei vielen Blockaden und Aktionen w\u00e4hrend des Transports.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es gab am 26.11. in Dannenberg eine gro\u00dfe Anti-Castor-Demo mit 25.000 Menschen. Es wurden zahlreiche direkte gewaltfreie Aktionen durchgef\u00fchrt, die dazu f\u00fchrten, dass dieser Castor-Transport aus La Haque zum l\u00e4ngsten in der Geschichte wurde. Die <em>WN<\/em> titelten am 28.11.: &#8222;Castor-Einsatz f\u00fcr die Polizei h\u00e4rter denn je&#8220;. Es wurde mit Unverst\u00e4ndnis auf die Proteste reagiert und beklagt, dass die DemonstrantInnen aggressiv gewesen w\u00e4ren. Kerstin, kannst Du dazu was sagen? Das ist ein Zerrbild &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin:<\/em> Es gibt vereinzelt solche Meldungen, aber insgesamt finde ich, dass die Medien recht ausgewogen berichtet haben, wobei es auch eine Unterschiedlichkeit in der Zeitabfolge gibt. Ich war auf vielen Versammlungen anwesend, zum Teil auch als Versammlungsleiterin.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke und Gr\u00f6\u00dfe des Protestes haben uns recht gegeben in der Annahme, dass nicht alle Leute dieses Spiel von einem &#8222;Atomausstieg light&#8220; mitmachen. Unsere Vermutung war auch, dass zu dieser gro\u00dfen Demo in Dannenberg nicht so viele kommen werden wie im letzten Jahr, wo wir gerade vorher eine von der Bundesregierung beschlossene Laufzeitverl\u00e4ngerung hatten, was viele motiviert hat, eine lange Reise nach Dannenberg in Kauf zu nehmen. Aber dass eben auch von denen, die sich an der Demo beteiligen, viele im Wendland bleiben und sich an den Protestaktionen beteiligen, hat sich bewahrheitet. Da zeigt sich wieder, wie gut es ist, dass wir eine soziale Bewegung sind, die Inhalte vertritt und seit vielen Jahren ein hohes Informationsniveau vermitteln kann. Das hei\u00dft, die Leute wissen, woran sie sind, dass sie Parteien nicht so sehr \u00fcber den Weg trauen k\u00f6nnen und das Thema Atomausstieg nicht den Parteien \u00fcberlassen k\u00f6nnen. Wenn wir den Atomausstieg wollen, dann m\u00fcssen wir ihn selber machen. Es geht nur auf der Stra\u00dfe und auf der Schiene.<\/p>\n<p>Insgesamt war es so, dass die Polizeieinsatzleitung verschiedene Taktiken gefahren hat. Da wurde so ein bisschen unterschieden in &#8222;gute&#8220; und &#8222;b\u00f6se&#8220; Versammlungen. Wir haben schon im Vorfeld bei den Anmeldungen gemerkt: &#8222;Wie? Sie m\u00f6chten als BI die Versammlung in Metzingen anmelden? Metzingen, da ist doch immer irgendwie \u2026 da hat es doch immer einen brennenden Strohballen gegeben? Ist das denn friedlich?!&#8220; Da haben wir gesagt: &#8222;Ja, Moment, es gibt eine Unschuldsvermutung. Nat\u00fcrlich wollen wir friedlich demonstrieren.&#8220;<\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten gerne auf der B 216 demonstriert, das ist uns dann aber nicht genehmigt worden. Dann haben wir das halt neben der B 216 gemacht. Mit unserem mobilisierenden Musikkampfwagen haben wir da etwa eine Stunde ein sch\u00f6nes Demoprogramm gehabt, noch einmal die aktuellen Infos ausgetauscht, verschiedenen Aktionsgruppen die Gelegenheit gegeben, ihre Termine durchzusagen, so dass sich noch Leute daran beteiligen k\u00f6nnen. Dann war unsere Kundgebung zu Ende und es gab einen Laternenumzug durch das Dorf Metzingen. Anschlie\u00dfend gab es von dreifach so vielen Leuten, wie bei unserer Kundgebung waren, eine spontane Blockade auf der B 216. Die Polizeieinsatzleitung h\u00e4tte das Ganze, glaube ich, viel besser kanalisieren k\u00f6nnen, wenn sie mehr Protest zugelassen h\u00e4tte. Oft war eine solche Eskalation gewollt, das hei\u00dft: Es wurden mehrere Versammlungen nicht best\u00e4tigt oder gleich verboten. Hinterher sagt die Polizei, ja, aber, da waren Leute auf der Stra\u00dfe, und dann mussten sie halt ihren neuen Wasserwerfer einsetzen.<\/p>\n<p>Das fand ich schlimm, was in diesem Jahr f\u00fcr Wasserwerfereins\u00e4tze stattgefunden haben. Gerade nach diesen Erlebnissen, wie es sie 2010 am Schwarzen Donnerstag in Stuttgart gegeben hat, wo wirklich ein Mensch ganz schwer verletzt worden ist, aber auch zahlreiche andere verletzt worden sind, finde ich Wasserwerfereins\u00e4tze gegen Menschen schrecklich.<\/p>\n<p><strong>GWR: Auf der Internetseite der BI sind auch Bilder zu finden, die die Polizeigewalt dokumentieren. Es gibt auf euronews einen Film, und auch Filme von graswurzel.tv und castor.tv zeigen, dass die Polizei zum Teil brutal gegen Aktivistinnen und Aktivisten vorgegangen ist. Freya, wie hast Du das erlebt? War das aggressiver als in den letzten Jahren, oder w\u00fcrdest Du sagen, die Polizeigewalts ist auf einem \u00e4hnlichen Niveau geblieben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Freya:<\/em> Also, ich m\u00f6chte auch etwas zu Metzingen sagen. Ich war nicht direkt da, kenne aber einige Leute, die da waren. Ich finde es unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, dass, w\u00e4hrend der Castor noch in Frankreich irgendwo auf den Schienen unterwegs ist, in Metzingen bei einer Stra\u00dfendem oder bei einer angemeldeten Demo Wasserwerfer gegen die Demonstrierenden einzusetzen. Das war eine neue Qualit\u00e4t. Das habe ich so bei einem Castor-Transport noch nicht erlebt, eher, wenn es direkt akut wurde, dass der Castor um die Ecke stand. Dann ist man hartes Durchgreifen seitens der Polizei durchaus seit Jahren gewohnt. Die Leute von der Stra\u00dfe zu pr\u00fcgeln und mit CS-Gas v\u00f6llig fertig zu machen, w\u00e4hrend der Castor noch in Frankreich ist, das hat mich \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Was auch auffallend ist im Vergleich zu den letzten Jahren, ist generell der Verbrauch von Pfefferspray und CS-Gas bei der Polizei. Das habe ich in den letzten Jahren nicht so mitbekommen bei den Castor-Transporten, dass ganze Kartuschen in Feuerl\u00f6schergr\u00f6\u00dfe mit CS-Gas mit richtigem B\u00fcgel zum Abdr\u00fccken benutzt wurden. Es wurden Unmengen von CS-Gas, auch breitfl\u00e4chig, \u00fcber Demonstrationen gespr\u00fcht. Das ist dramatisch.<\/p>\n<p>Als gerade der Castor vor Laase war, Richtung Gusborn, ging es auch in Laase hei\u00df her. Das war beim letzten Castor auch so, dass die Polizei gerade in Laase, wenn ein paar Strohballen brennen, besonders erpicht darauf ist, Demonstrierende herauszuziehen oder h\u00e4rter durchzugreifen, auch gerade mit der Pr\u00e4senz, mit Pferden, Hunden, 5 bis 8 Wasserwerfern. In diesem Jahr kam es sogar dazu, nicht nur, dass die Greiftrupps sp\u00e4ter, als der Castor durch war, einzelne Leute herausgezogen haben oder auch eine 30 Leute BFE-Einheit <a name=\"1\"><\/a> ((1)) mitten durch die Demo marschiert, sondern dass wirklich, als der Castor schon l\u00e4ngst in Gorleben angekommen war, noch das BFE bis zum Sani-Zelt vordringt und nochmal die Staatsmacht und -gewalt verk\u00f6rpert und dabei keinen Respekt und keine Grenzen kennt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Welche Perspektiven seht Ihr jetzt nach diesem Castor-Transport f\u00fcr die Anti-Atom-Bewegung? Auch im Zusammenhang mit dem Super-GAU in Fukushima, nicht nur auf Deutschland bezogen, sondern weltweit? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Was ist notwendig, damit die Anti-Atomkraft-Bewegungen noch st\u00e4rker werden und einen globalen Atomausstieg durchsetzen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin: <\/em>Ich m\u00f6chte noch etwas zu dem letzten Punkt sagen. Es hat zahlreiche \u00dcbergriffe seitens der Polizei gegeben, auch gegen Journalisten. Wir bem\u00fchen uns sehr, das zu dokumentieren, und es ist wichtig, das aufzuarbeiten.<\/p>\n<p>Das sollte aber nicht dar\u00fcber hinwegschwappen, dass wir politisch mehrere Fu\u00dfbreite gewonnen haben, dass wir mit diesen Protesten wieder ein St\u00fcck weiter sind, dass der Standort Gorleben, der nicht geeignete Salzstock, aufgegeben wird und dass \u00fcber die Laufzeiten der noch laufenden AKW neu verhandelt werden muss, weil das Dilemma deutlich wird, dass keiner wei\u00df, wohin mit dem Atomm\u00fcll. Ich finde es wichtig, dass diese Gedanken um die Auseinandersetzung mit der Polizei nicht das politische Geschehen \u00fcberlagern.<\/p>\n<p>Gestern und heute ist der SPD-Bundesparteitag &#8211; ich bin keine Parteienfreundin, m\u00f6chte aber betonen, wie oft wir in den letzten 18 Monaten mit Leuten von der Linken, den Gr\u00fcnen und der SPD zusammengehockt und jeweils stundenlang diskutiert haben. Gestern Nacht hat der Bundesparteitag der SPD beschlossen, als Parteilinie das Aus zu Gorleben zu erkl\u00e4ren. Das hei\u00dft, die folgen uns in unserer Argumentation: Gorleben ist nicht l\u00e4nger politisch und gesellschaftlich durchsetzbar, und ich glaube, da sind wir jetzt mit diesen Castor-Protesten ein St\u00fcck weiter hingekommen.<\/p>\n<p>Das sollte irgendwie bei allem, was alle immer einsetzen, um das nicht weiter durchkommen zu lassen, dieses Atomprogramm und den Atomstaat, betont werden, dass wir schon viel Schlimmes verhindert haben und dass wir gute Chancen haben, dass es auf eine bessere Bahn kommt. Und dass es sich lohnt, sich selber vor Ort einzusetzen.<\/p>\n<p><em>Freya: <\/em>Ich finde es toll, wie die BI dazu arbeitet, dass Leute aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern eingeladen werden, direkt, wenn Themen akut sind, wie z.B. Fukushima, dass dann auch Leute aus Japan kommen, oder wenn es um Russland geht, dass Leute aus Russland eingeladen werden, und dass sich wirklich vernetzt wird. Das war vor 30 Jahren nicht so, und das ist heute die St\u00e4rke der Anti-Atom-Bewegung, dass nicht nur geguckt wird, was vor der eigenen Haust\u00fcr passiert, ob der Castor auch durch L\u00fcneburg f\u00e4hrt, sondern was in anderen L\u00e4ndern passiert, wo auch Menschen unter der Atomkraft leiden.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde ich mir auch f\u00fcr L\u00fcneburg, f\u00fcr viele andere St\u00e4dte w\u00fcnschen, dass nicht nur Leute in G\u00f6ttingen, Hannover usw. auf die Stra\u00dfe gehen, wenn dann der Castor durch ihre Stadt rollt, sondern dass dort auch kontinuierlich, direkt nach dem Castor weiter Informationsveranstaltungen stattfinden, weiter Aufkl\u00e4rung stattfindet, was es mit dem vermeintlichen Ausstieg auf sich hat, und eine weitere Vernetzung stattfindet, nicht nur mit anderen L\u00e4ndern, sondern auch mit anderen Themen wie z.B. der Occupy-Bewegung. Oder die BI f\u00e4hrt auch ganz gerne mal nach Stuttgart, da geht es ja auch um Fragen wie &#8222;Wie sieht gelebte Demokratie aus? Und warum setzen wir uns selber f\u00fcr unsere Themen ein und \u00fcberlassen es keiner Landes- oder Bundesregierung?&#8220;. Ich w\u00fcnsche mir, dass die Leute an dem Thema dranbleiben und sich nicht nur beim Castor austoben.<\/p>\n<p><strong>GWR: 2012 sollen 152 Atomm\u00fclltransporte von J\u00fclich nach Ahaus durchgepeitscht werden (siehe Interview auf Seite 12). Mobilisiert Ihr vom Wendland auch dorthin? Kommt Ihr nach Gronau und Ahaus zu den in den n\u00e4chsten Monaten anstehenden Aktionen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Kerstin: <\/em>Auf jeden Fall. Wir finden es wichtig, dass nicht immer nur diese spektakul\u00e4ren Castor-Transporte nach Gorleben eine Rolle spielen, sondern gerade diese Castoren, die jetzt von J\u00fclich nach Ahaus gebracht werden sollen, sind bei uns auch Thema. Wir werden dazu auch in unserer Gegend informieren, wir werden nach Ahaus kommen und den Protest unterst\u00fctzen, und wir beteiligen uns an der Urankonferenz im Februar 2012. Das ist uns ein gro\u00dfes Anliegen, gerade jetzt, wo wir uns mehr um inhaltliche Sachen k\u00fcmmern k\u00f6nnen, werden wir uns viel mit dem Thema Uranabbau besch\u00e4ftigen. Wir haben dazu schon gute Kontakte in alle m\u00f6glichen L\u00e4nder, und f\u00fcr uns ist klar, nach Fukushima kann es nur hei\u00dfen: Sofort die 8 noch laufenden Atommeiler abschalten und die Sicherheitskriterien f\u00fcr Atomm\u00fcllverwahrung neu verhandeln! Es kann kein &#8222;Weiter so&#8220; geben! Es muss auf die Menschen geh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Dann gibt es immer noch keine sichere Atomm\u00fclllagerung, aber dann gibt es nicht die billigste, sondern die relativ sicherste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Im November hat die L\u00fcneburger Zeitung Euch einen Artikel gewidmet: &#8222;Das wendl\u00e4ndische Widerstandsgen. Kerstin und Freya Rudek geh\u00f6ren zu den Motoren des Anti-Atom-Protests.&#8220; Kerstin, kannst Du erkl\u00e4ren, wie Du Teil der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden bist? Gab es bestimmte Entwicklungen, die Dich dazu bewegt haben? Kerstin: Ja. 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