{"id":11072,"date":"2012-01-01T00:00:34","date_gmt":"2011-12-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11072"},"modified":"2022-07-26T13:11:37","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:37","slug":"von-atomausstieg-kann-keine-rede-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/01\/von-atomausstieg-kann-keine-rede-sein\/","title":{"rendered":"&#8222;Von Atomausstieg kann keine Rede sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Wie bist Du in die Anti-Atomkraft-Bewegung gekommen?                 Was hat Dich dazu veranlasst, aktiv zu werden, und wann war das?<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Das war im Fr\u00fchjahr 1986, die Reaktorkatastrophe                 von Tschernobyl. Das hat gro\u00dfe Auswirkungen gehabt. <\/p>\n<p>Ich komme urspr\u00fcnglich aus Hamm, wo damals noch der sogenannte                 Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Betrieb war. Eine Woche                 nach Tschernobyl hat es dort auch einen schweren St\u00f6rfall gegeben,                 der von den Betreibern und der damaligen SPD-Landesregierung mehrere                 Wochen lang vertuscht wurde. Als das dann an die \u00d6ffentlichkeit                 kam, war sehr viel los in Hamm. Das hat mich dazu motiviert, in                 der Anti-Atom-Bewegung aktiv zu werden, und seitdem bin ich immer                 noch dabei. <\/p>\n<p>Wie man 2011 deutlich sehen konnte, ist es immer noch wichtig,                 auf der Stra\u00dfe aktiv zu sein.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Und auch recht erfolgreich. Wer h\u00e4tte denn vor einem                 Jahr gedacht, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung durchsetzen kann,                 dass jetzt immerhin 8 von den 17 deutschen AKWs abgeschaltet wurden                 und bis 2022 die restlichen folgen sollen. Aber &#8222;Ausstieg&#8220; ist                 daf\u00fcr nicht der richtige Begriff, weil jedes AKW, das am Netz                 ist, eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr alle Menschen im Umkreis und weit dar\u00fcber                 hinaus ist. Deshalb ist es verantwortungslos, weiterhin Atomanlagen                 zu betreiben.<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Wir hier in NRW und im benachbarten Niedersachsen                 leben in Regionen, die von diesem &#8222;Atomausstieg&#8220;, der \u00fcberall                 gefeiert wird, nicht profitieren. Wir sind betrogene Regionen.                 Wir haben immer noch die Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau,                 das AKW in Lingen, die Brennelementefertigung in Lingen f\u00fcr den                 Weltmarkt, das AKW Grohnde an der Weser, und im benachbarten Belgien                 ist das AKW Tihange, das jetzt auch mit Demos in die Schlagzeilen                 kommt. Das hei\u00dft also, hier ist der Weg noch weit. Da gibt es                 keinen Grund, sich zur\u00fcckzulehnen.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Du bist <i>SofA<\/i>-Aktivist. Was ist <i>SofA<\/i> f\u00fcr                 eine Gruppe? Wie ist sie entstanden? Was macht Eure Arbeit aus?<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Wie der Name schon sagt &#8211; <i>Sofortiger Atomausstieg<\/i>                 &#8211; geben wir uns nicht zufrieden mit so einem halben Atomausstieg                 oder &#8222;Atomausstieg light&#8220;. Wir sind nicht der Meinung, dass es                 O.K. ist, Atomanlagen 10, 11, 12 Jahre oder noch l\u00e4nger zu betreiben.                 Wir sind auch nicht der Meinung, dass es O.K. ist, wenn deutsche                 Atomkonzerne wie RWE oder EON woanders AKWs bauen, weil sie das                 hier nicht mehr durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir sind eine offene Gruppe, sehr gemischt, uns gibt es seit                 2005, seit den Castor-Transporten von Dresden-Rossendorf nach                 Ahaus. Wir sind aus der <i>WigA<\/i> (Widerstand gegen Atomanlagen)                 hervorgegangen, sind nicht nur im M\u00fcnsterland aktiv und haben                 im Fr\u00fchjahr auch die Fukushima-Mahnwachen mit bis zu 2.000 TeilnehmerInnen                 und die Gro\u00dfdemo in M\u00fcnster am 28. Mai mit ca. 7.000 TeilnehmerInnen                 zusammen mit einem regionalen Netzwerk auf die Beine gestellt.<\/p>\n<p><b>GWR: In den n\u00e4chsten Monaten steht einiges an. Kannst Du dazu                 etwas erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Wir sind mit zwei gro\u00dfen Projekten besch\u00e4ftigt:                 zum einen die Stilllegung der UAA in Gronau. Um das mal zu verdeutlichen:                 Die Urananreicherung in Gronau wird von der Firma Urenco betrieben,                 die geh\u00f6rt wiederum zu einem Drittel RWE und EON, der Rest geh\u00f6rt                 dem britischen und niederl\u00e4ndischen Staat. Das Gesamtunternehmen                 beliefert mehr als ein Viertel des Weltmarktes mit angereichertem                 Uran f\u00fcr Brennelementeproduktion. Allein aus Gronau kann jedes                 10. AKW weltweit mit Uranbrennstoff beliefert werden. Das ist                 Wahnsinn! Die haben in Gronau eine unbegrenzte Betriebsgenehmigung                 &#8211; von Atomausstieg also \u00fcberhaupt keine Rede, noch nicht einmal                 begrenzt. <\/p>\n<p>Da wollen wir ansetzen. Deshalb werden wir am 4. Februar 2012                 in M\u00fcnster eine internationale Urankonferenz veranstalten. Weitere                 Infos dazu gibt es auf der Konferenz-Website.<b>1 <\/b><\/p>\n<p>F\u00fcnf Wochen sp\u00e4ter wird es zum 1. Jahrestag des Beginns der Reaktorkatastrophe                 von Fukushima am 11. M\u00e4rz eine Gro\u00dfdemo vor der UAA in Gronau                 geben, weil wir sowohl RWE und EON als auch der Landes- und Bundesregierung                 klarmachen wollen, dass Urananreicherung keinen Platz mehr hat                 und die UAA sofort stillgelegt werden muss.<\/p>\n<p>Aktuell haben wir noch eine Baustelle dazu bekommen: Da sollen                 152 Castor-Beh\u00e4lter per LKW \u00fcber die Autobahn von J\u00fclich, das                 liegt bei Aachen, ins Brennelemente-Zwischenlager (BEZ) in Ahaus                 gebracht werden. J\u00fclich ist einer der wichtigsten Atomforschungskomplexe                 in Westdeutschland gewesen. Die sind immer noch ganz scharf drauf,                 vor allem Hochtemperatur-Reaktoren in alle Welt zu exportieren,                 z.B. nach China. Gleichzeitig m\u00f6chten sie aber ihren Atomm\u00fcll                 loswerden, weil sie den dann doch lieber nicht auf ihrem Hof herumliegen                 haben wollen. Da soll Ahaus jetzt her. Bundesumweltminister Norbert                 R\u00f6ttgen ist der Kutscher. Dagegen wollen wir 2012 massiv angehen,                 weil wir denken, dass man das noch stoppen kann.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: 2011 haben Hunderttausende f\u00fcr einen sofortigen Atomausstieg                 demonstriert. In vielen St\u00e4dten gab es Mahnwachen. Wie beurteilst                 Du, dass viele nun aber sagen: &#8222;Wir haben doch jetzt den Atomausstieg&#8220;?<\/b><\/p>\n<p><b>W\u00fcrdest Du sagen, der von den Parteien verk\u00fcndete &#8222;Ausstieg&#8220;                 ist eine Mogelpackung?<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Du hast es ja angesprochen: Die Stilllegung                 von 8 AKWs ist real. Das ist ein gro\u00dfer Erfolg, und da geht auch                 kein Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Punkt ist: Alles andere ist erst einmal auf Papier beschlossen,                 aber solange die jeweilige Atomanlage nicht stillgelegt worden                 ist, solange die Energiekonzerne nicht real aufgel\u00f6st worden sind,                 solange kann man der Sache nicht trauen.<\/p>\n<p>Man hat das ja in den letzten 10 Jahren gesehen, da hatten wir                 ja schon mal die Situation, dass uns von vielen Seiten gesagt                 wurde, gerade von den Gr\u00fcnen und der SPD, dass schon alles beschlossen                 sei und wir nichts mehr machen m\u00fcssten. Wir haben erlebt, dass                 Papier geduldig ist und dass man sich darauf nicht verlassen darf.<\/p>\n<p>Und bis zur Stilllegung des letzten AKWs nach den jetzigen Gesetzen                 sind noch 11 Jahre hin. Da liegen noch drei Bundestagswahlen dazwischen,                 da k\u00f6nnte noch alles revidiert werden. Die Energiekonzerne werden                 sicher in ein paar Jahren genau das wieder versuchen.<\/p>\n<p>Zum anderen findet immer noch ganz real der Ausbau von Atomanlagen                 statt. In Gronau ist die UAA weiter ausgebaut worden, es wird                 dort jetzt ein riesiges Uranm\u00fcllzwischenlager gebaut f\u00fcr 60.000                 Tonnen Uranoxid. <\/p>\n<p>Die Bundesregierung vergibt weiter Kredite, damit z.B. in Brasilien                 AKWs gebaut werden. <\/p>\n<p>Im September 2011 hat sie eine Hermes-B\u00fcrgschaft in H\u00f6he von                 1,3 Milliarden Euro f\u00fcr das brasilianische AKW Angra 3 um sechs                 Monate verl\u00e4ngert [siehe Artikel auf dieser Seite].<\/p>\n<p>Sie plant weitere B\u00fcrgschaften f\u00fcr AKW-Bauten in Gro\u00dfbritannien,                 Finnland, China und in einem Erdbebengebiet in Indien. Das kann                 man nicht als Atomausstieg bezeichnen. Das ist eine Verlagerung.                 Die Energiekonzerne werden bestimmt nicht kleinbeigeben. EON will                 in Finnland bauen, RWE in den Niederlanden, beide zusammen in                 Gro\u00dfbritannien, die haben gar nichts gelernt.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Wie siehst Du die M\u00f6glichkeiten der Anti-Atomkraft-Bewegungen                 weltweit, auch angesichts des Super-GAUs in Fukushima? W\u00fcrdest                 Du sagen, dass eine st\u00e4rkere Vernetzung stattfindet? Oder stagniert                 das eher? Wie k\u00f6nnen wir z.B. Gruppen in anderen L\u00e4ndern unterst\u00fctzen?<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Ich denke, dass sich in vielen L\u00e4ndern, in denen                 Atomenergie fr\u00fcher nicht gerade kontrovers diskutiert worden ist,                 auch und gerade in Japan, die Situation deutlich wandelt. Man                 hat immer versucht, Tschernobyl abzutun: &#8222;Das war in der Sowjetunion,                 das war technisch nicht ausgereift. Aber in Japan oder anderen                 Hochtechnologiel\u00e4ndern kann so etwas nicht passieren.&#8220;<\/p>\n<p>Auch in Frankreich erlebt man jetzt eine Renaissance der Anti-Atom-Bewegung,                 wo das auch in den Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf mit hinein kommen                 wird. Es gibt auch eine verst\u00e4rkte Kooperation mit belgischen                 Anti-Atomkraft-Initiativen, gegen das AKW Tihange an der Maas.                 Oder auch Kooperationen zur Verhinderung eines ersten Atomkraftwerks                 in Polen und des AKW-Neubaus im niederl\u00e4ndischen Borssele an der                 Scheldem\u00fcndung.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, dass grenz\u00fcberschreitend zusammen gearbeitet                 wird. Radioaktivit\u00e4t stoppt nicht an der Grenze. Und die Atomkonzerne                 arbeiten auch international. Da ist Bedarf, unsere Kooperationen                 weiter auszubauen. Ich denke, dass sich da wesentlich mehr tut,                 als man es noch vor ein paar Jahren erwarten konnte.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Ein Schlusswort?<\/b><\/p>\n<p><i>Matthias: <\/i>Ich kann nur alle einladen: Kommt ins M\u00fcnsterland.                 Beteiligt Euch an den Protesten gegen die Castor-Transporte und                 gegen die Urananreicherung.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnen wir wirklich die Stilllegung einer international                 wichtigen Atomanlage durchsetzen. Wenn wir das schaffen, wird                 der Atomausstieg wieder ein St\u00fcck handfester. Lehnt Euch nicht                 zur\u00fcck, sondern kommt mit und bleibt auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Wie bist Du in die Anti-Atomkraft-Bewegung gekommen? Was hat Dich dazu veranlasst, aktiv zu werden, und wann war das? 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