{"id":11077,"date":"2012-01-01T00:00:19","date_gmt":"2011-12-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11077"},"modified":"2012-10-03T18:31:57","modified_gmt":"2012-10-03T16:31:57","slug":"for-ever-black","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/01\/for-ever-black\/","title":{"rendered":"For ever black"},"content":{"rendered":"<p>Denn mit zunehmendem Alter trat Kreisler nicht mehr am Klavier                 mit seinen sarkastischen Liedern, Balladen, Chansons und Sketchen                 auf, sondern veranstaltete Lesungen, auf denen er immer radikaler                 und scharfz\u00fcngiger die herrschenden Verh\u00e4ltnisse kritisierte.<\/p>\n<p>Georg Kreisler wurde 1922 in Wien als Sohn eines j\u00fcdischen Rechtsanwalts                 geboren und begann ein Musikstudium. <\/p>\n<p>Hier machte er Bekanntschaft mit dem Wiener Antisemitismus und                 dem Ressentiment, das er in den folgenden Jahrzehnten in seinen                 Liedern und B\u00fcchern zum Thema gemacht hat. <\/p>\n<p>Im Alter von 16 Jahren fl\u00fcchtete er gerade noch rechtzeitig vor                 den Hitlerbarbaren in die USA, wo er sich als Musiker in \u00e4rmlichen                 Verh\u00e4ltnissen durchschlagen musste, bevor er dann als amerikanischer                 Staatsb\u00fcrger von 1942 bis 1945 in der US-Armee diente. Nach der                 Grundausbildung arbeitete er als Unterhaltungsk\u00fcnstler in England                 f\u00fcr die gegen den Faschismus k\u00e4mpfenden Soldaten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter verh\u00f6rte er als Dolmetscher deutsche Soldaten und einige                 Nazigr\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<h3> Antisemitismus \u00fcberall<\/h3>\n<p>Zur\u00fcck in den USA arbeitete er als Filmmusiker auch mit Charlie                 Chaplin und dem Komponisten Hans Eisler zusammen. <\/p>\n<p>Schon damals wurde Kreisler zensiert, seine in englischer Sprache                 verfassten schwarzhumorigen Lieder wurden als &#8222;unamerikanisch&#8220;                 aufgefasst und nicht ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n<p>&#8222;Lieder sollten komisch, aber harmlos sein.&#8220; ((2))               <\/p>\n<p>Judenfeindschaft, dies bekam er w\u00e4hrend seiner beruflichen Laufbahn                 als Chansonnier in New Yorker Nachtlokalen zu sp\u00fcren, war nicht                 auf Europa begrenzt: &#8222;Auch in Amerika wurde der \u00f6ffentliche Antisemitismus                 erst in den F\u00fcnfzigerjahren gesetzwidrig, bis dahin konnten Hotels                 und Gastst\u00e4tten mit den Worten &#8218;Nur f\u00fcr Arier&#8216; Werbung machen.&#8220;                  ((3))<\/p>\n<p>Kreisler hielt es in den USA nicht mehr aus und ging 1955 zur\u00fcck                 nach Wien (und Jahre sp\u00e4ter nach M\u00fcnchen, Hamburg, Berlin, Basel,                 Salzburg). \u00dcberall, wo er war, hatte er mit Schwierigkeiten zu                 k\u00e4mpfen, f\u00fchlte sich mit der Zeit unwohl und zog weiter, immer                 wieder auch zur\u00fcck nach Wien, mit dem ihn eine Art Hassliebe verband.               <\/p>\n<p>&#8222;Dann pendelt er lange zwischen Wien und der Bundesrepublik,                 mit der Haltung jenes Juden, der aus der Sowjetunion nach Israel                 auswandert, von dort wieder nach Ru\u00dfland zur\u00fcckkehrt, mehrmals                 hin- und herf\u00e4hrt und auf die Frage, wo es ihm denn nun am besten                 gefalle, antwortet: &#8218;Sie werden lachen: auf dem Schiff.'&#8220; ((4))<\/p>\n<h3>&#8222;Der Tod muss ein Wiener sein&#8220;<\/h3>\n<p>Wieder zur\u00fcck in Wien, war zwar der Faschismus besiegt, aber                 das Duckm\u00e4usertum, Opportunismus und der mittlerweile etwas getarnte                 Antisemitismus bestanden weiterhin fort. <\/p>\n<p>Georg Kreisler feierte Erfolge mit seinen zahllosen Spitzen gegen                 die Spie\u00dfigkeit, aber auch hier boykottierte das \u00f6sterreichische                 Fernsehen oft. <\/p>\n<p>Und dann gab es da noch sein b\u00f6ses Lied vom Taubenvergiften im                 Park, was ihm in den ersten Jahren teilweise sogar \u00fcbelgenommen                 wurde. Urspr\u00fcnglich war es nur ein flott dahingeschriebenes Liedchen                 gegen die Taubenplage, &#8222;mit Konzessionen an den Publikumsgeschmack                 gespickte Kommerzkunst&#8220; ((5)).               <\/p>\n<p>&#8222;Ich versteh nicht, wie man ein Lied \u00fcber das Taubenvergiften                 im Kopf behalten kann und mich noch nach f\u00fcnfzig Jahren damit                 identifiziert&#8220; ((6)), schrieb                 Kreisler r\u00fcckblickend.<\/p>\n<p>Schon 1958, als Umweltschutz noch ein Fremdwort war, legte er                 sich mit der Schalke-Stadt Gelsenkirchen an: &#8222;Immer wieder wurden                 Lieder Kreislers zensiert. Auftragsarbeiten etwa f\u00fcr den Norddeutschen                 Rundfunk (man leistete sich zur Gewissensberuhigung immer schon                 gerne auch kabarettistische Elemente) versteckte der im Nachtprogramm.                 Als 1958 aufgrund eines Fehlers das St\u00fcck &#8218;Gelsenkirchen&#8216; an einem                 Samstag um 20 Uhr erklang, kam es zu schweren Protesten: Am Lied                 von der Heimatstadt &#8211; &#8218;Lieblich schweben durch die Luft die schwarzen                 D\u00e4mpfe\/Und mit heiterem Gesang, nimmt man Kohlen in Empfang\/Wer                 zu lang dort lebt, bekommt beim Atmen leichte Kr\u00e4mpfe\/Aber wer                 lebt dort schon lang?&#8216; &#8211; st\u00f6rte sich der Oberstadtdirektor ebenso                 wie der einfache Arbeiter.&#8220; ((7))<\/p>\n<h3> Mit jiddischen Liedern gegen ehemalige Nazis<\/h3>\n<p>Weit \u00fcber zwanzig Jahre vor der Renaissance der Klezmer-Musik                 in den USA und Deutschland ver\u00f6ffentlichte Kreisler jiddische                 Lieder auf dem Album &#8222;&#8218;Nichtarische&#8216; Arien&#8220; und machte mit seinem                 bekannten &#8222;Onkel Joschi&#8220; bewusst, dass in Wien vor der Hitlerbarbarei                 in einigen Stadtteilen auch jiddisch gesprochen wurde. <\/p>\n<p>Als Reaktion auf diese Lieder entfaltete sich 1963 das grausige                 Sittenbild einer immer noch r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Gesellschaft: &#8222;Als                 ich im Westdeutschen Rundfunk von den Liedern erz\u00e4hlte, fragte                 der Interviewer erstaunt: &#8218;Darf man das jetzt wieder?'&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Nach 1968 war nat\u00fcrlich der \u00c4rger vorprogrammiert, weil sich                 Kreisler mit Spott, Wortwitz und Provokationen an dem Aufbegehren                 beteiligte. Der Veranstalter und K\u00fcnstler Gerhard Bronner, mit                 dem Kreisler w\u00e4hrend der Wiener Jahre eher notgedrungen zusammenarbeiten                 musste, warf ihm w\u00e4hrend der RAF-Hysterie der 70er Jahre vor,                 ein &#8222;Troubadour des Terrors&#8220; zu sein.<\/p>\n<p>Georg Kreisler war es gar nicht recht, mit seinen &#8222;Everblacks&#8220;                 auf die Rolle eines klavierspielenden Liedermachers, Kabarettisten                 oder Chansonniers reduziert zu werden. Er war vielseitiger. Im                 Laufe seines Lebens hat er f\u00fcnfzehn Theaterst\u00fccke geschrieben,                 zwei komische Opern, drei Romane sowie zehn weitere B\u00fccher, dirigierte,                 inszenierte, arrangierte.<\/p>\n<h3> Theater: Klamauk oder Herrschaftskritik?<\/h3>\n<p>Als \u00e4tzender Kritiker des Kulturbetriebes hinterfragte er den                 tieferen Sinn der Subventionen des Staates f\u00fcr das institutionalisierte                 Theater. <\/p>\n<p>&#8222;Die heutigen Wirtschaftsdiktatoren sind jedenfalls kl\u00fcger, denn                 sie verbieten nicht, sondern lassen verharmlosen. Das hei\u00dft, sie                 bestellen Theatermacher, die ihnen zu Diensten sind, subventionieren                 sie, geben ihnen ein bisschen Macht, und schon sind sie korrumpierbar.&#8220;                  ((9)) <\/p>\n<p>Er spricht sich gegen die sogenannte Modernisierung des zeitkritischen                 Theaters aus, weil sich hinter dieser gerne genutzten Phrase die                 Demontage des herrschaftskritischen Inhalts zugunsten durchgeknallter                 M\u00e4tzchen sch\u00f6n verbergen l\u00e4sst: <\/p>\n<p>&#8222;Ist doch toll, alles spielt im Heute, sogar Shakespeare, Wotan                 mit Aktentasche, Nora erschie\u00dft ihren Mann, statt davonzulaufen,                 wie bei Ibsen, recht geschieht ihm, genial, Figaro ist kein Fris\u00f6r,                 sondern spekuliert an der B\u00f6rse, ach, Mozart stimmt dann nicht                 mehr? Who cares? Romeo ist schwul, und alle sind nackt, alle bumsen,                 war fr\u00fcher verboten, aber das Leben ist doch so, Traviata ist                 &#8217;ne richtige Nutte, zeigt alles, der alte K\u00f6nig Lear ist eine                 junge Frau, Faust ist debil, Othello spielt im Boxring, Zauberfl\u00f6te                 im Zirkus, Hamlet im Brausebad, ja, das ist Kunst, das ist modernes                 Theater!&#8220; ((10))<\/p>\n<h3> Sprachkunst als Provokation<\/h3>\n<p>Das Bemerkenswerteste an Kreisler war seine feingeschliffene                 Sprachkunst, mit der er W\u00f6rter und Redewendungen in v\u00f6llig neue                 Zusammenh\u00e4nge brachte. Ihnen einen neuen Sinn gab, der sich den                 verbl\u00fcfften Zuh\u00f6rerInnen manchmal erst sp\u00e4ter erschloss. Indem                 er den heimatlichen Sprachraum f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in Richtung USA                 verlie\u00df und sp\u00e4ter wiederkam, betrachtete er die Sprache und ihre                 Bedeutung aus sich wechselnden Perspektiven.<\/p>\n<p>Sein au\u00dfergew\u00f6hnliches Sprachgef\u00fchl bef\u00e4higte ihn, W\u00f6rter zu                 verfremden, durchzukneten und sie so anzuordnen, dass ihre Doppeldeutigkeit                 dem Publikum erst in der \u00fcbern\u00e4chsten Zeile gewahr wurde. So blieb                 das Lachen \u00fcber einen Gag den Zuh\u00f6rerInnen meist im Halse stecken.<\/p>\n<p>Georg Kreisler hat sich politisch immer ganz bewusst als Anarchist                 bezeichnet.<\/p>\n<p>In den umfangreichen Nachrufen nach seinem Tod griff die Mainstreampresse                 dies durchaus positiv auf und titelte, &#8222;Ein Anarchist im Frack&#8220;,                 &#8222;Ein tieftrauriger Anarchist&#8220; usw. <\/p>\n<p>Zu Lebzeiten, als es wirklich darauf ankam, druckten sie allerdings                 keine einzige Zeile von ihm: <\/p>\n<p>&#8222;Die Zensur ist \u00fcberall, und wenn sie nicht offiziell ist, so                 ist sie doch die Schere im Kopf. Das zeigt sich vielleicht auch                 darin, da\u00df bis heute, und ich bin ja jetzt fast f\u00fcnfzig Jahre                 wieder hier, sich noch kein einziger wirklich gro\u00dfer deutscher                 Verlag f\u00fcr mich interessiert, keine einzige wirklich namhafte                 deutsche Schallplattengesellschaft, die wesentlichen Zeitungen,                 die &#8218;Zeit&#8216; oder die &#8218;Frankfurter Allgemeine&#8216; oder der &#8218;Spiegel&#8216;                 &#8211; da komme ich nicht drin vor.&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Lieber Georg Kreisler, wenn Du jetzt bei diesem kalten Schmuddelwetter                 wom\u00f6glich in der sch\u00f6nen, warmen H\u00f6lle hockst, schick uns bitte                 bald ein paar forsche Zeilen r\u00fcber, dieses depperte Polit-Theater                 ist sonst nicht zum Aushalten hier!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denn mit zunehmendem Alter trat Kreisler nicht mehr am Klavier mit seinen sarkastischen Liedern, Balladen, Chansons und Sketchen auf, sondern veranstaltete Lesungen, auf denen er immer radikaler und scharfz\u00fcngiger die herrschenden Verh\u00e4ltnisse kritisierte. 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