{"id":11110,"date":"2012-02-01T00:00:53","date_gmt":"2012-01-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11110"},"modified":"2012-10-07T16:57:57","modified_gmt":"2012-10-07T14:57:57","slug":"eine-region-wird-wach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/02\/eine-region-wird-wach\/","title":{"rendered":"Eine Region wird wach"},"content":{"rendered":"<p>Die mit der Er\u00f6ffnung der neuen Landebahn einhergehenden ver\u00e4nderten                 Flugrouten und \u00dcberflugh\u00f6hen hatten schon Wochen vor der eigentlichen                 Inbetriebnahme die vorbelastete Region des Rhein\/Maingebiets mit                 zus\u00e4tzlichem L\u00e4rm \u00fcberzogen, der die Menschen buchst\u00e4blich aus                 den Betten auf die Stra\u00dfe trieb.<\/p>\n<h3>Protestwelle<\/h3>\n<p>Seitdem setzte sich eine Welle des Protestes in Bewegung, die                 alle \u00fcberraschte und mit der kaum jemand noch gerechnet hatte.               <\/p>\n<p>Auch das seit \u00fcber zehn Jahren gegen den Bau der Landebahn k\u00e4mpfende                 B\u00fcndnis der B\u00fcrgerinitiativen, deren \u00e4lteste Initiativen bis zu                 den Protesten gegen die Starbahn West Anfang der 80er Jahre zur\u00fcckreichen,                 hatte nach Einwendungen, Klagen von B\u00fcrgerInnen und Gemeinden,                 Protesten im Wald, H\u00fcttendorfr\u00e4umung und Polizeieins\u00e4tzen und                 einem nur noch marginalen Protest- und Widerstandspotential nicht                 mehr mit einer solchen Welle des Aufbegehrens gerechnet.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich in Sachen Flugl\u00e4rm nur um einen Vorgeschmack.                 Die Pl\u00e4ne von Fraport und Lufthansa sehen vor, mit der Inbetriebnahme                 der Landebahn-Nord die M\u00f6glichkeit der Flugbewegungen von 400.000                 (Ist-Zustand) in Richtung 900.000 pro Jahr zu verdoppeln.<\/p>\n<p>Seit dem j\u00fcngsten Beschluss der Initiativen, nicht nur am Ort                 der Betroffenheit zu demonstrieren, sondern am Flughafen selbst,                 t\u00f6nten in den Abflughallen des Terminals 1 an den Montagen der                 Vorweihnachtszeit nicht nur die Lautsprecherdurchsagen der Fraport,                 sondern zunehmend die dr\u00f6hnende Wut einer von Mal zu Mal wachsenden                 Menge von Menschen. <\/p>\n<p>Binnen weniger Montage schwoll sie zu einer die Abflughallen                 f\u00fcllenden vieltausendk\u00f6pfigen Menge, die un\u00fcberseh- und h\u00f6rbar                 das Ende des L\u00e4rms und eine ungest\u00f6rte Nachtruhe fordert. <\/p>\n<p>Der Betriebsablauf ist gest\u00f6rt &#8211; nicht nur am Flughafen, sondern                 auch im \u00fcbertragenen Sinn: Die Heftigkeit der Reaktion, die stetige                 Zunahme der Protestierenden, das Echo in den Medien schallt den                 \u00f6konomisch und politisch Verantwortlichen heftig in den Ohren.               <\/p>\n<p>Dabei waren die PolitikerInnen und Flughafenbetreiber stolz darauf                 gewesen, dass die Proteste gegen die Nordbahn bei weitem nicht                 das gef\u00fcrchtete Ausma\u00df der Unruhen angenommen hatten, wie sie                 vor nunmehr rund drei\u00dfig Jahren der Bau der ber\u00fcchtigten Startbahn-West                 hervorrief. <\/p>\n<h3>Startbahn-West<\/h3>\n<p>Die R\u00e4umung des H\u00fcttendorfs an der Startbahn-West 1981, die Proteste                 im Vorfeld, die juristische Niederschlagung des Volksbegehrens                 brachten nicht nur 150.000 Menschen in Wiesbaden auf die Stra\u00dfe                 und m\u00fcndeten in eine legend\u00e4re Flughafenblockade, in der dieser                 \u00fcber Stunden lahmgelegt wurde, sondern auch in monate- und jahrelange                 Proteste. Diese fanden erst mit dem tragischen Tod zweier Polizisten                 im Jahre 1987 ihr Ende, als diese von einem Einzelt\u00e4ter durch                 den fatalen Einsatz einer Schusswaffe bei einer Nachtdemonstration                 get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Die Heftigkeit der Proteste Anfang der 1980er Jahre hatte phasenweise                 fast zu einer &#8222;Unregierbarkeit der Region&#8220; gef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Sie waren erkl\u00e4rterma\u00dfen das Schreckbild einer jeden Regierung,                 vergleichbar etwa nur mit der Situation der j\u00e4hrlichen Castortransporte                 im Wendland. <\/p>\n<p>Beschwichtigungsversuche der Politik und ein Ausbund an L\u00fcgen                 begleiten seit jeher die Geschichte des Flughafenausbaus. <\/p>\n<p>Und so dr\u00f6hnen den nicht unter politischem Alzheimer leidenden                 Menschen der Region eben nicht nur die Flugzeuge in den Ohren,                 sondern auch die L\u00fcgen und Verdrehungen.<\/p>\n<p>Angefangen mit Ministerpr\u00e4sident Holger B\u00f6rner (SPD), der beim                 Bau der Startbahn West versprach, &#8222;kein Baum werde mehr fallen                 f\u00fcr den Flughafen&#8220;.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische und politische Potenz des Frankfurter Flughafens,                 unl\u00f6sbar verzahnt mit der Entwicklung der Metropolenregion Rhein\/Main,                 hat jedoch ihre eigenen Regeln, und die z.B. gr\u00f6\u00dfte Bankendichte                 auf dem europ\u00e4ischen Festland hat ihre eigene Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit.                 Als der Flughafenbetreiber und die Lufthansa 1997 eine neue Landebahn                 forderten, zeigte sich die an der Regierung befindliche Koalition                 aus SPD und Gr\u00fcnen zwar eingedenk der Startbahn-West-Ereignisse                 vorsichtig, aber letztlich doch hilfsbereit gegen\u00fcber dem Anliegen                 der Ausbaubetreiber.<\/p>\n<p>Nicht jedoch ohne ein sogenanntes Mediationsverfahren auf den                 Weg zu bringen &#8211; denn welche Partei will schon Proteste, die sich                 gegen die eigene Regierung richten. Das Mediationsverfahren, das                 offiziell das Ziel hatte, einen &#8222;fairen Dialog&#8220; zwischen betroffenen                 B\u00fcrgern und Betreibern zu initiieren, sollte erkl\u00e4rterma\u00dfen den                 Protest kanalisieren und ihn von der Stra\u00dfe weg hin zum harmloseren                 Verhandlungstisch verlagern. Die B\u00fcrgerinitiativen hatten sich                 jedoch schlau gemacht, das Man\u00f6ver durchschaut und boykottierten                 das Mediationsverfahren &#8222;Dialogforum&#8220;. Unter Beteiligung von Umweltverb\u00e4nden,                 Kommunen, Kirchen und Flughafenbetreibern wurde (trotz Abwesenheit                 der B\u00fcrgerinitiativen) das Verfahren mit gro\u00dfem propagandistischem                 Get\u00f6se durchgezogen, um &#8211; wen wundert&#8217;s &#8211; zu dem Ergebnis zu kommen,                 die Landebahn k\u00f6nne gebaut werden. Ein Nachtflugverbot von 23.00                 bis 5.00 Uhr (die BIs fordern 22.00 bis 6.00 Uhr) wurde dabei                 als Trostpflaster zur Bedingung des Baus genannt. Roland Koch                 (CDU), damals an der Regierungsspitze, lie\u00df verlauten, &#8222;es werde                 keinen Ausbau ohne Nachtflugverbot geben&#8220;, um diese Aussage nach                 einem Klageverbot der Lufthansa prompt und z\u00fcgig zu vergessen.               <\/p>\n<p>Brachte diese durchschaubar kapital- und betreiberfreundliche                 Politik noch vergleichbar wenige zum Sch\u00e4umen, so \u00e4nderte sich                 dies schlagartig mit der Verlegung der Flugrouten.<\/p>\n<p>Seitdem ist \u00c4rger angesagt. Sprach der momentane MP Volker Bouffier                 (CDU) bei der Einweihung der Bahn noch &#8222;von einem Tag der Freude                 f\u00fcr das ganze Land&#8220;, so sind inzwischen Ern\u00fcchterung und die schlagartige                 Erkenntnis dar\u00fcber eingetreten, dass Menschen sich zwar bel\u00fcgen,                 bes\u00e4nftigen und hinhalten lassen, dass jedoch diese Strategie                 in dem Moment endet, in dem ein Desaster wie dieses un\u00fcberh\u00f6rbar                 sinnlich erfahrbar wird.<\/p>\n<p>Die dr\u00f6hnende Wahrhaftigkeit schlafloser N\u00e4chte, unertr\u00e4glichen                 L\u00e4rms innerhalb und au\u00dferhalb von Wohnungen in weiten Teilen des                 dichtbesiedelten Rhein\/Main-Gebiets weckte Menschen zu Hunderttausenden                 auf. Eine &#8222;Wachheit&#8220;, die sich gegen die herrschende Politik zu                 richten beginnt, die sich bei vielen vorerst auf die Kritik am                 L\u00e4rm beschr\u00e4nkt, die jedoch sensibilisiert gegen\u00fcber inhaltlichen                 Zusammenh\u00e4ngen und in ihrer praktischen Ebene des Protestes Menschen                 aufeinander zu bewegen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Hier spielen die &#8222;alten&#8220; Zusammenh\u00e4nge und die gewachsenen, erfahrenen                 Strukturen der &#8222;alten&#8220; B\u00fcrgerinitiativen eine gro\u00dfe Rolle. Zahlreiche                 neu entstehende Initiativen, die anfangs nach dem &#8222;St. Floriansprinzip&#8220;                 eine Verlegung der Flugrouten (zu Ungunsten anderer) gefordert                 hatten, begriffen schnell, dass es ums gemeinsame Ganze geht.                 Proteste und Widerstand gegen eine Politik, die Profite und die                 Maxime ewigen Wachstums \u00fcber die Gesundheit und die \u00f6kologischen                 Bed\u00fcrfnisse stellt, wachsen zur Zeit, zum Schrecken der Politik,                 die pl\u00f6tzlich &#8222;oh Wunder&#8220; ihre B\u00fcrgern\u00e4he neu entdeckt, zu gemeinsamen                 Gespr\u00e4chen l\u00e4dt, nachdem sie zuvor versucht hatte, die Initiativen                 gegeneinander auszuspielen. Diese wiederum sp\u00fcren ihren wachsenden                 Einfluss und fordern nun ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr,                 eine Beschr\u00e4nkung der Flugbewegungen und sogar die Schlie\u00dfung                 der Nordbahn.<\/p>\n<h3>Budenzauber und Lernprozesse zuhauf <\/h3>\n<p>Es ist richtig was los: Regierung und Parteien, der jeweiligen                 Rolle als Opposition gem\u00e4\u00df in &#8222;flammenden Protest&#8220; an der Seite                 der Betroffenen oder eben &#8222;gn\u00e4dig in neuer Dialogbereitschaft&#8220;                 einerseits, alte und neue Initiativen andererseits, im notwendigen                 Ann\u00e4herungs- und Umgangsprozess zwischen langj\u00e4hriger Erfahrung,                 Desillusionierung und spontanem, zum Teil naivem Protest. In jedem                 Fall gibt es &#8222;Auftrieb und neuen Schub&#8220; auch anders, als es den                 Flughafenbetreibern recht ist: Angesto\u00dfen durch den L\u00e4rm, beginnt                 erneut eine Auseinandersetzung mit dem Moloch Flughafen an sich,                 dem Dreck, den herben Arbeitsbedingungen und auch der unmenschlichen                 Abschiebepraxis. Auch wenn sich viele der neuen Initiativen noch                 schwer tun, \u00fcber den Tellerrand der eigenen L\u00e4rmbetroffenheit                 hinaus zu sehen, ist aufs Neue ein emanzipativer Prozess im Gange,                 der nicht bei Null beginnt, sondern zu einem guten Teil auf die                 bereits gemachten Erfahrungen bauen kann. Zumindest sind Redner                 und Rednerinnen aus Parteien nicht willkommen. Das k\u00f6nnte ein                 gutes Durchstarten f\u00fcr die Bewegung bedeuten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die mit der Er\u00f6ffnung der neuen Landebahn einhergehenden ver\u00e4nderten Flugrouten und \u00dcberflugh\u00f6hen hatten schon Wochen vor der eigentlichen Inbetriebnahme die vorbelastete Region des Rhein\/Maingebiets mit zus\u00e4tzlichem L\u00e4rm \u00fcberzogen, der die Menschen buchst\u00e4blich aus den Betten auf die Stra\u00dfe trieb. 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