{"id":11148,"date":"2012-02-01T00:00:22","date_gmt":"2012-01-31T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11148"},"modified":"2022-07-26T14:12:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:24","slug":"organisieren-oder-organisiert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/02\/organisieren-oder-organisiert-werden\/","title":{"rendered":"&#8222;Organisieren oder organisiert werden!&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Ein Kaninchenzuchtverein &#8230;&#8220;<\/h3>\n<p>Nach der antiautorit\u00e4ren Revolte 1968 wandten sich in den Jahren                 danach viele Linke schon bald autorit\u00e4ren Organisationen zu. <\/p>\n<p>Die mechanistische Vorstellung, der Mega-Einsatz von organisatorischem                 Input w\u00fcrde ein Optimum von &#8222;revolution\u00e4rem&#8220; Output zur Folge                 haben, f\u00fchrte zu einem sich steigernden Konkurrenzkampf von Kleinparteien                 und Organisationen, \u00dcberheblichkeit, Profilneurosen, Realit\u00e4tsverlust                 und sp\u00e4ter zum Katzenjammer, als alle Hoffnungen zerstoben. Es                 ist Berni Kelbs Verdienst, diesen auf die Spitze getriebenen Irrsinn                 schonungslos demaskiert zu haben.<\/p>\n<p>Aus einer Arbeiterfamilie kommend, war er selbst als junger Mensch                 in den 50er Jahren Mitglied der KPD und konnte aus einem reichhaltigen                 Erfahrungsfundus bez\u00fcglich dieses ideologischen Absurdistans sch\u00f6pfen.                 In dieser Partei war ein Austritt im Statut nicht vorgesehen,                 weil es so etwas gar nicht geben durfte: &#8222;Da war nur noch von                 der &#8218;hohen Ehre der Mitgliedschaft&#8216; und von der &#8218;Schande des Ausschlusses&#8216;                 die Rede.&#8220; (S. 62)<\/p>\n<p>Im &#8222;Zwiebel Almanach&#8220; 1973 des Wagenbach Verlages machte sich                 Kelb mit Lorbeerkranzfoto und flottem Spruch \u00fcber die parteisoldatischen                 Zumutungen der vergangenen Zeit lustig: &#8222;In einem s\u00fcditalienischen                 Steinbruch erkannten einige Genossen, deutschsprechend (Gastarbeiter!)                 und frisch aus der KP ausgeschlossen, Berni Kelb. Sie bekr\u00e4nzten                 ihn mit Lorbeer und ernannten ihn zum Generalsekret\u00e4r der KPU                 (Koalition politisch Unzuverl\u00e4ssiger). Wenige Minuten nach Aufnahme                 des Fotos trat Kelb von allen Partei\u00e4mtern zur\u00fcck.&#8220;<\/p>\n<p>Doch der Kern seiner Kritik an den Allmachtanspr\u00fcchen der Partei                 war grunds\u00e4tzlich und ernsthaft: &#8222;Die Herrschaft soll nicht umgekehrt,                 sondern abgel\u00f6st werden. Es sollen (bzw. wollen) einfach andere                 Leute nach oben. So haben wir aber nicht gewettet!&#8220; (S. 13)<\/p>\n<\/p>\n<h3>Kritik an kernigen Leerformeln<\/h3>\n<p>Berni Kelb analysierte scharf und mit einfachen Worten, f\u00fcr jede\/n                 nachvollziehbar, was sich hinter abgedroschenen Worth\u00fclsen wie                 dem vielbeschworenen Ziel der &#8222;Einigkeit&#8220; tats\u00e4chlich verbirgt.               <\/p>\n<p>&#8222;Sie wollen gar nicht helfen, das selbst\u00e4ndige Handeln der Arbeiter                 zu koordinieren. Jedes selbst\u00e4ndige Handeln ist ihnen verd\u00e4chtig.                 (&#8230;) Sie wollen vielmehr rekrutieren. Sie wollen die Arbeiter                 aus Industrie-Soldaten in Polit-Soldaten verwandeln. Es soll weiter                 gehorcht werden. Und wenn die Revolution vorbei ist, sollen sich                 die Polit-Soldaten wieder in harmlose, aber emsige Industrie-Soldaten                 zur\u00fcckverwandeln. Und das sollen sie m\u00f6glichst freiwillig tun.                 Mit Einigkeit hat das nichts zu tun. Einigkeit ist nicht eine                 Frage des vereinigten Oberkommandos. Die Unterordnung unter einen                 fremden Willen ist nicht revolution\u00e4r.&#8220; (S. 37)<\/p>\n<p>Diese Worte, die sich f\u00fcr Libert\u00e4re heute so selbstverst\u00e4ndlich                 anh\u00f6ren, stellten 1973 f\u00fcr viele, die sich kommunistischen Parteien                 und Gruppen angeschlossen hatten, einen ganz neuen Ton dar. Nachdem                 sie ein paar Jahre als &#8222;Treppenterrier&#8220; (S. 87) mit Flugbl\u00e4ttern                 und Zeitungen von der Leitung gescheucht worden sind, mussten                 sie erst m\u00fchsam wieder lernen, selbstst\u00e4ndig zu denken und zu                 handeln.<\/p>\n<p>Berni Kelbs Kritik an der &#8222;Verkirchlichung&#8220; von Organisationen                 mit urspr\u00fcnglich revolution\u00e4rem Anspruch ist heute genauso aktuell                 wie 1973. <\/p>\n<p>Die bevormundenden Apparate, der Einsatz von hauptamtlichen Funktion\u00e4ren,                 das immer wiederkehrende, aber letztlich folgenlose, ritualisierte                 Aufbegehren der jeweiligen Organisationsjugend gegen erstarrte                 Strukturen sind weiterhin sehr kritikw\u00fcrdig. Kelb selbst propagierte                 als Zielvorstellung, dass untereinander gut vernetzte AktivistInnen                 Anst\u00f6\u00dfe zur Selbstorganisation geben sollten.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Organisationsdebatte in der Graswurzelrevolution<\/h3>\n<p>Als im Jahre 1974 in der Graswurzelrevolution Nr. 7 &#8222;Wie sollen                 wir uns organisieren?&#8220; diskutiert wurde, stand zu Beginn des Artikels                 ganz oben schwarzumrahmt ein l\u00e4ngerer Textauszug von Berni Kelb:                 &#8222;Oben und unten&#8220;.<\/p>\n<p>In den zwei folgenden Ausgaben wurde die Debatte fortgef\u00fchrt.                 Wolfgang Hertle berichtete dar\u00fcber, wie das dezentrale Basisgruppengeflecht                 von franz\u00f6sischen Kriegsdienstverweigerern und PazifistInnen so                 ganz anders agierte als die linkskonservative bundesdeutsche KDV-Gewerkschaft                 DFG\/VK, indem es Zentralismus vermied und R\u00e4ume f\u00fcr kreative Spontaneit\u00e4t                 er\u00f6ffnete. <\/p>\n<p>Wolfgang Zucht stellte in seinem Beitrag die Erfahrungen in Nachbarschaftsorganisationen                 und in gewaltfreien Trainingsgruppen im &#8222;Movement for a New Society&#8220;                 (MNS) in den USA dar.<\/p>\n<p>Seine Erfahrungen mit linksradikaler Betriebsarbeit fasste Berni                 Kelb 1971 in der bei Wagenbach erschienenen &#8222;Betriebsfibel&#8220; zusammen.               <\/p>\n<p>Es war ein Gegenentwurf zu Allem, was bisher an traditionellen                 linken Gewerkschaftskonzepten im Umfeld des DGB ver\u00f6ffentlicht                 wurde:<\/p>\n<p>&#8222;Die Gewerkschaftsf\u00fchrung soll die Macht der Mitglieder gegen\u00fcber                 dem herrschenden System verk\u00f6rpern. Tats\u00e4chlich verk\u00f6rpert sie                 aber Macht \u00fcber die Mitglieder. F\u00fcr das herrschende System. Sie                 ist ein Teil des herrschenden Systems geworden. Sie fa\u00dft sich                 eingestandenerma\u00dfen als &#8218;Ordnungsfaktor&#8216; auf, als St\u00fctze der Gesellschaft.                 Die Macht der F\u00fchrung \u00fcber die Mitglieder, von denen sie eigentlich                 abh\u00e4ngig ist, beruht auf manipuliertem Vertrauen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wird der hauptamtliche Funktion\u00e4r bezahlt. Das ist sein                 Job. Er hat daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df dieses blinde Vertrauen erhalten                 bleibt. Mit allen Mitteln.<\/p>\n<p>Wenn es sein mu\u00df, mit List und Betrug. Aufmerksame, mi\u00dftrauische                 Mitglieder gef\u00e4hrden diese Macht. Man wird noch eine Weile mit                 hauptamtlichen Funktion\u00e4ren in den Gewerkschaften leben m\u00fcssen;                 vertrauen mu\u00df man ihnen nicht. Der hauptamtliche Funktion\u00e4r soll                 Diener seiner Organisation sein. Erfahrungsgem\u00e4\u00df versucht er,                 sich zum Herrn aufzuschwingen. Sobald man ihm vertraut, entzieht                 er sich der Kontrolle. Deshalb ist es richtig und notwendig, dagegen                 die Losung zu verbreiten: Trau keinem, der daf\u00fcr bezahlt wird!&#8220;                  ((2))<\/p>\n<\/p>\n<h3>&#8222;Feind der organisierten Arbeiterschaft?&#8220;<\/h3>\n<p>Die &#8222;Betriebsfibel&#8220; fand eine so gro\u00dfe Verbreitung, dass selbst                 &#8222;Der Arbeitgeber&#8220;, das offizielle Organ der Deutschen Arbeitgeberverb\u00e4nde,                 1973 beim herausgebenden Wagenbach Verlag einen Lebenslauf (!)                 des notorischen Unruhestifters anforderte:<\/p>\n<p>&#8222;Sehr geehrte Damen und Herren, in Ihrem Verlag ist die &#8218;Betriebsfibel&#8216;                 von Herrn Berni Kelb erschienen, die jetzt auf den verschiedensten                 Lehrlingsveranstaltungen kursiert.<\/p>\n<p>Mehrere Leser erbitten in diesem Zusammenhang n\u00e4here Einzelheiten                 \u00fcber die Person von Herrn Berni Kelb. Ich w\u00e4re Ihnen dankbar,                 wenn Sie mir ggfs. einen Lebenslauf oder sonstige Unterlagen hierzu                 senden w\u00fcrden.&#8220;<\/p>\n<p>Berni Kelb antwortete in &#8222;Schwarze Protokolle&#8220; ((3))                 mit viel Ironie, denn auch die DKP hatte ihn zum Gegner auserkoren.                 In der DKP-nahen &#8222;Deutschen Volkszeitung&#8220; wurde er als &#8222;eigentlicher                 Feind der organisierten Arbeiterschaft, der kommunistischen Parteien                 und der Gewerkschaften&#8220; ausgemacht. Berni Kelb res\u00fcmierte zusammenfassend:                 &#8222;Der Feind steht immer Oben!&#8220;.<\/p>\n<p>Das weit rechts stehende &#8222;Ostpreu\u00dfenblatt&#8220; schrieb in dem Artikel                 &#8222;Reifende Fr\u00fcchte der roten Saat. Gedruckte Instruktionen f\u00fcr                 Terroristen&#8220;: &#8222;Berni Kelbs &#8218;Betriebsfibel&#8216; als Wagenbach-Band                 &#8218;Politik 31&#8216; im Jahre 1973 in einundzwanzigtausend Exemplaren                 erschienen, macht deutlich, da\u00df die zur Zeit zu beobachtende Ruhe                 tr\u00fcgerisch ist und die Versuche, die Arbeiter gegen die bestehende                 staatliche Ordnung aufzubringen, keineswegs aufgegeben sind.&#8220;                  ((4))<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Wagenbach Verlag sich heute gerne mit seinen Autoren-Promis                 wie Biermann, Dutschke und Guevara schm\u00fcckt, vergisst er seinen                 weniger bekannten, aber authentisch-antiautorit\u00e4ren Autor Berni                 Kelb und antwortet auf Nachfragen nicht einmal. In diesem &#8222;Verlag                 f\u00fcr wilde Leser&#8220; erfolgte auch keinerlei Erw\u00e4hnung in den Texten                 der umfangreichen Selbstdarstellungsb\u00e4nde zum 25., 30. und 40.                 Jubil\u00e4um. Unter 1973 liest man in der Kurzdarstellung bezeichnenderweise                 nur: &#8222;Scheitern des Kollektivs&#8220;.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise hat Klaus Wolschner in der TAZ-Bremen (als einziger                 Zeitung \u00fcberhaupt) einen einf\u00fchlsamen Nachruf ver\u00f6ffentlicht.                 Dort sind auch interessante Angaben \u00fcber Berni Kelbs Leben in                 den letzten zwei Jahrzehnten zu finden: &#8222;Eine neue Heimat hat                 Berni Kelb seit den 90er-Jahren in einer Kultur gefunden, in der                 er aufgewachsen ist: bei den &#8218;Plattdeutschen&#8216; und ihren Alltagsproblemen.                 Wie mit seiner Mutter in der K\u00fcche sang er im hohen Alter gern                 die plattdeutschen Lieder. Rund 50 Theaterkritiken \u00fcber Auff\u00fchrungen                 der niederdeutschen B\u00fchne im Waldau-Theater finden sich im taz-Archiv                 unter seinem K\u00fcnstlernamen Bani Barfoot. Und er hat das Schauspiel                 Rose Bernd von Gerhart Hauptmann ins Niederdeutsche gebracht,                 eine Trag\u00f6die voller Sozialkritik, menschlicher Einsamkeit und                 erotischer Verstrickung.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Ich kann nur hoffen, dass Berni Kelb als barfu\u00dfgehender, bescheidener                 Einzelg\u00e4nger (TAZ-Bremen), trotz Armut und relativer Zur\u00fcckgezogenheit                 seine kulturellen Aktivit\u00e4ten doch noch etliche Jahre lang sch\u00f6n                 genie\u00dfen konnte.<\/p>\n<p>Mit seiner &#8222;Bibel&#8220; (f\u00fcr die Spontis) und seiner &#8222;Fibel&#8220; hat er                 zwei Klassiker der antiautorit\u00e4ren Linken geschrieben und damit                 in den realen Verlauf der Geschichte st\u00e4rker eingegriffen, als                 so mancher marxistische Theoretiker oder trendige Zeitgeistsurfer                 es jemals h\u00e4tte schaffen k\u00f6nnen. Wir werden Berni nicht vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ein Kaninchenzuchtverein &#8230;&#8220; Nach der antiautorit\u00e4ren Revolte 1968 wandten sich in den Jahren danach viele Linke schon bald autorit\u00e4ren Organisationen zu. Die mechanistische Vorstellung, der Mega-Einsatz von organisatorischem Input w\u00fcrde ein Optimum von &#8222;revolution\u00e4rem&#8220; Output zur Folge haben, f\u00fchrte zu einem sich steigernden Konkurrenzkampf von Kleinparteien und Organisationen, \u00dcberheblichkeit, Profilneurosen, Realit\u00e4tsverlust und sp\u00e4ter zum Katzenjammer, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/02\/organisieren-oder-organisiert-werden\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Organisieren oder organisiert werden!\" - graswurzelrevolution","description":"\"Ein Kaninchenzuchtverein ...\" Nach der antiautorit\u00e4ren Revolte 1968 wandten sich in den Jahren danach viele Linke schon bald autorit\u00e4ren Organisationen zu. 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