{"id":11157,"date":"2012-02-01T00:00:13","date_gmt":"2012-01-31T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11157"},"modified":"2022-07-26T14:12:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:24","slug":"praktisches-fur-eine-welt-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/02\/praktisches-fur-eine-welt-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Praktisches f\u00fcr eine Welt der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>In einem lesenswerten Beitrag f\u00fcr die <i>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/i>                 hat der Philosoph und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek den weltweiten                 Protestbewegungen gegen die Tyrannei der Finanzm\u00e4rkte und den                 Demokratieabbau einen wertvollen Rat gegeben: &#8222;Man sollte in dieser                 Phase der Versuchung widerstehen, die Energie der Proteste auf                 die Schnelle in eine Reihe &#8218;konkreter&#8216; Forderungen zu \u00fcbersetzen.                 Ja, die Proteste haben ein Vakuum geschaffen &#8211; ein Vakuum im Feld                 der vorherrschenden Ideologie. Man braucht Zeit, um dieses Vakuum                 zu f\u00fcllen, denn es ist ein bedeutungsschwangeres Vakuum, es er\u00f6ffnet                 wahrhaft Neues. [&#8230;] Man sollte immer daran denken, dass jede                 im Hier und Jetzt gef\u00fchrte Debatte notwendigerweise immer eine                 Debatte auf feindlichem Gebiet bleiben muss [&#8230;].&#8220; (<i>SZ<\/i>,                 27. Oktober 2011, S. 11) <\/p>\n<p>Trotzdem gewinnt man den Eindruck, dass sich in dem Raum, den                 die Proteste ge\u00f6ffnet haben, nach und nach Vorstellungen entwickeln,                 wie eine zuk\u00fcnftige Gesellschaft aussehen sollte, die die Fehler                 der Vergangenheit nicht wiederholt. <\/p>\n<p>Denn ganz gleich, ob es um Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t geht, um demokratischere                 Entscheidungsfindung oder um die Herstellung des eigenen Stroms                 &#8211; immer bildet die Grundlage eine eigenverantwortliche, selbstorganisierte                 Gruppe von Menschen, eine lokale &#8222;Basisgesellschaft&#8220;, in der sich                 die Betroffenen selber um ihre Angelegenheiten k\u00fcmmern (k\u00f6nnen).               <\/p>\n<p>G\u00e4nzlich neu sind solche Ideen nicht, selbst wenn man den Blick                 auf das 20. Jahrhundert beschr\u00e4nkt: Schon vor Jahren hat Noam                 Chomsky \u00f6ffentlich dar\u00fcber nachgedacht, ob nicht die wachsende                 Spezialisierung in Wirtschaft und Forschung und die Arbeit in                 immer kleineren, autonomen Gruppen die Chance b\u00f6ten, in beiden                 Branchen (wieder) auf anarchosyndikalistische Formen der Selbstorganisation                 zur\u00fcckzugreifen, die man zuletzt Ende der 30er Jahre des vorigen                 Jahrhunderts ins Grab sinken zu sehen meinte. &#8222;Autogestion&#8220; [&#8218;Selbstbestimmung&#8216;]                 war eine zentrale Forderung der rebellischen Studentinnen und                 Studenten im Mai 1968 in Paris. Ist die Vorstellung einer &#8222;Gesellschaft                 von Gesellschaften von Gesellschaften&#8220; (Gustav Landauer), wie                 sie zur Zeit (wieder) im Raume zu stehen scheint, also nichts                 weiter als die Wiederkehr alter, anarchistischer Tr\u00e4umereien?                 Ein Rauschen in den B\u00e4rten von Proudhon, Bakunin und Kropotkin?<\/p>\n<h3>Elinor Ostroms Theorie des kollektiven Handelns<\/h3>\n<p>Wer Arbeiten von Elinor Ostrom liest, wird diesen Eindruck rasch                 verlieren. Ostrom ist in vielerlei Hinsicht eine ungew\u00f6hnliche                 Erscheinung im globalen Wissenschaftsbetrieb.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass man, wenn man ihr begegnet, schw\u00f6ren m\u00f6chte,                 es mit einer Norwegerin oder sturmfesten Isl\u00e4nderin zu tun zu                 haben, und nicht mit einer geb\u00fcrtigen US-Amerikanerin. 2009 erhielt                 Ostrom &#8211; als erste Frau \u00fcberhaupt! &#8211; den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften.                 Dabei ist sie von Hause aus gar keine \u00d6konomin, sondern Politikwissenschaftlerin                 an der Indiana-University (USA).<\/p>\n<p>Aber Ostrom ist eben auch eine der weltweit f\u00fchrenden Forscherinnen                 zur <i>Allmende<\/i>, dem sozialen Gemeineigentum. <\/p>\n<p>Die von ihr gegr\u00fcndete und geleitete &#8222;Bloomington School&#8220;, angesiedelt                 an ihrer Heimatuni, erforscht seit Jahren rund um den Globus,                 wo und auf welche Weise sich Menschen selbst organisieren, um                 unabh\u00e4ngig von Staat und Markt nat\u00fcrliche Ressourcen zu nutzen                 und zu verwalten. Es geht, in Ostroms eigenen Worten, &#8222;um die                 Entwicklung einer empirisch gest\u00fctzten Theorie des kollektiven                 Handelns, die auf Selbstorganisation und Selbstverwaltung beruht&#8220;                 (S. 22).<\/p>\n<p>Ostroms besonderes Interesse gilt der Frage, welche <i>Institutionen<\/i>                 sich Menschen schaffen, um Ressourcen gemeinsam zu bewirtschaften,                 ohne sie zu zerst\u00f6ren, und warum diese Institutionen funktionieren                 bzw. nicht funktionieren. Ihr Hauptwerk &#8222;Die Verfassung der Allmende.                 Jenseits von Staat und Markt&#8220; (T\u00fcbingen 1999) ist ein Meilenstein                 der Forschung und durchaus dazu angetan, langfristig einen Paradigmenwechsel                 in den herrschenden wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zu                 bewirken.<\/p>\n<p>Nun ist im Oekom-Verlag (M\u00fcnchen) ein Buch erschienen, das bequem                 in jede Jackentasche passt und Ostroms anspruchsvollen Ansatz                 in einer auch f\u00fcr wissenschaftliche Laien verst\u00e4ndlichen Form                 pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Ein Glossar am Ende des Buches erl\u00e4utert z.B. die Fachausdr\u00fccke.                 Der Band besteht im Wesentlichen aus Ostroms Vortrag anl\u00e4sslich                 der Verleihung des Nobelpreises in Oslo, der die Ziele ihrer Arbeit                 zusammenfasst, und einem \u00fcberarbeiteten Aufsatz zur kollektiven                 Nutzung von Wasser und W\u00e4ldern, der Gesichtspunkte aus &#8222;Die Verfassung                 der Allmende&#8220; aufgreift.<\/p>\n<h3>L\u00f6sungen f\u00fcr die Ressourcennutzungsproblematik<\/h3>\n<p>Ostroms zentrale These ist unmissverst\u00e4ndlich: Weder Staat noch                 Privatwirtschaft sind in der Lage, die begrenzten Ressourcen des                 Planeten zu nutzen und zu verwalten, ohne dabei das \u00dcberleben                 der Menschheit zu gef\u00e4hrden. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend Privatbesitz <i>per se<\/i> keine langfristigen sozialen                 Verpflichtungen beinhalte &#8211; der Besitzer einer Ressource werde                 diese zum Beispiel verkaufen, wenn ihm h\u00f6herer Gewinn winke, ohne                 auf die Bed\u00fcrfnisse anderer R\u00fccksicht zu nehmen, usw. &#8211; seien                 staatliche Einrichtungen, selbst, wenn man ihnen beste Absichten                 unterstelle, nicht in der Lage, die vielf\u00e4ltigen und sich best\u00e4ndig                 wandelnden regionalen und lokalen Probleme mithilfe <i>eines<\/i>                 zentralen L\u00f6sungsansatzes zu bew\u00e4ltigen. <\/p>\n<p>Eben dies aber werde von den die Politik leitenden Theorien fortgesetzt                 behauptet: &#8222;Man nutzt vereinfachende Modelle, die zu der Grundannahme                 verleiten, staatliche Beh\u00f6rden seien in der Lage, <i>eine<\/i>                 wirkungsvolle L\u00f6sung f\u00fcr eine gesamte Region zu entwickeln, immer                 in der Annahme, der Staat handele stets im Interesse der Allgemeinheit.                 [&#8230;] Unsere Forschung zeigt [&#8230;], dass es ein Irrweg ist, zentrale                 L\u00f6sungen f\u00fcr die Ressourcennutzungsproblematik einer gro\u00dfen Region                 von oben nach unten durchzusetzen.&#8220; (S. 27) <\/p>\n<p>Der <i>Allmende<\/i> dagegen hafte im 21. Jahrhundert der Ruch                 des R\u00fcckschrittlichen, Vorzeitigen an. <\/p>\n<p>&#8222;Viele Menschen denken [&#8230;], bei Gemeing\u00fctern ginge es um gestrige                 Formen gemeinschaftlicher Selbstorganisation und Selbstverwaltung                 von nat\u00fcrlichen Ressourcen. Die Gemeinschaften, von denen dann                 die Rede ist, bekommen aus dieser Perspektive einen archaisch-exotischen                 Zug. [&#8230;] All jenen aber, die an der Vitalit\u00e4t der Gemeing\u00fcter                 zweifeln, sei ins Stammbuch geschrieben, dass auch heute zahlreiche                 Commons-Institutionen existieren und gedeihen. [&#8230;] Die Allmende                 ist [&#8230;] sehr aktuell und keineswegs ein Relikt der Vergangenheit.&#8220;                 (S. 23-24) <\/p>\n<h3>Soziale Struktur<\/h3>\n<p>Nach Ostroms \u00dcberzeugung ist f\u00fcr die langfristige Sicherung menschlicher                 Lebensgrundlagen auf diesem Planeten nicht der Schutz einer (wom\u00f6glich                 gef\u00e4hrdeten) Ressource entscheidend, sondern der Schutz der <i>sozialen                 Struktur<\/i>, die ihren Erhalt sicherstellt. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich h\u00e4tten sowohl Staaten als auch kapitalistischer Markt                 bei ihren Eingriffen in die weltweite Ressourcennutzung allzu                 oft eben jene Strukturen zerst\u00f6rt, die zum langfristigen Erhalt                 der Ressourcen unverzichtbar gewesen w\u00e4ren: &#8222;Keine Regierung der                 Welt kann die ganze Palette an Wissen, Instrumenten und Sozialkapital                 entwickeln, die n\u00f6tig ist, um nachhaltige Entwicklungsprozesse                 zu f\u00f6rdern. All diese Dinge m\u00fcssen st\u00e4ndig an die kulturellen                 und \u00f6kologischen Verh\u00e4ltnisse vor Ort angepasst werden. Das ist                 eine gewaltige Aufgabe, weshalb ich folgendes zu behaupten wage:                 Jeder noch so umfassende Ma\u00dfnahmenkatalog, der in einem gro\u00dfen                 Territorium Anwendung finden soll, ist zum Scheitern verurteilt.                 [&#8230;] Eine wesentlich erfolgreichere Strategie besteht [&#8230;] darin,                 die F\u00e4higkeit der Menschen zur Selbstorganisation und zur Kooperation                 zu st\u00e4rken. Es sind n\u00e4mlich die Nutzer selber, die vor Ort den                 besten Einblick in die konkreten Bedingungen haben.&#8220; (S. 30) <\/p>\n<p>Ostrom illustriert ihre These mit zahlreichen Beispielen. So                 habe sich etwa auf der extrem trockenen, tibetischen Hochebene                 im Laufe der Zeit ein System kollektiver Nutzung des kostbaren                 Wassers entwickelt, das, wie nebenbei, soziale Strukturen stabilisiert                 und das \u00dcberleben aller gesichert habe. <\/p>\n<p>Als dann staatliche Akteure eingriffen und teure Kan\u00e4le graben                 lie\u00dfen, sei das System auseinandergebrochen. Ein sicherlich gut                 gemeintes, zentral gesteuertes und durchgesetztes Modernisierungsprojekt                 zerst\u00f6rte, so Ostrom, &#8222;[&#8230;] jenes Sozialkapital der Nutzer [&#8230;],                 das entscheidend f\u00fcr den Erhalt nat\u00fcrlicher Ressourcen war: Beziehungsnetze,                 Normen, Wissen und Vertrauen&#8220; (S. 25).<\/p>\n<p>Gleiches gelte f\u00fcr eng verzahnte, in Wahrheit meist profitorientierte                 Projekte von Staat und Privatwirtschaft, die (vor allem in Lateinamerika)                 gerne unter dem Deckmantel des Umweltschutzes daherkommen: &#8222;Der                 Schutz der biologischen Vielfalt darf [&#8230;] nicht die Zerst\u00f6rung                 institutioneller Vielfalt zur Folge haben.&#8220; (S. 25)<\/p>\n<h3>&#8222;Anreize f\u00fcr die Beteiligten&#8220;<\/h3>\n<p>Ob eine kollektive Ressourcennutzung langfristig Erfolg habe,                 h\u00e4ngt, so Ostrom, von einer Reihe von Faktoren ab.<\/p>\n<p>Unverzichtbar seien soziale &#8222;Anreize f\u00fcr die Beteiligten&#8220; (S.                 29). Es gehe dabei nie um blo\u00dfe Existenzsicherung. <\/p>\n<p>Wer beispielsweise bei der Verteilung des Wassers auf der tibetischen                 Hochebene Verantwortung \u00fcbernahm, war in den D\u00f6rfern ein angesehener                 Mensch. Er handelte zum Nutzen der Allgemeinheit und konnte diese                 Ehre sogar auf seine Nachkommen \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Kaum jedoch war der Beton in die Erde gegossen, da k\u00fcmmerten                 sich die tibetischen Bauern nicht l\u00e4nger um das &#8222;fremde&#8220; Bew\u00e4sserungssystem.                 Seine Wartung versprach kein soziales Prestige (mehr). Die Gemeinden                 vereinzelten, die Kan\u00e4le wurden leck, versandeten und waren innerhalb                 kurzer Zeit nicht mehr zu gebrauchen. <\/p>\n<p>Ein funktionierendes soziales Nutzungsgef\u00fcge &#8211; eine <i>Institution<\/i>                 in Ostroms Worten &#8211; war zerschlagen worden, ohne dass etwas Gleichwertiges                 an ihre Stelle getreten w\u00e4re: &#8222;Wer Institutionen f\u00fcr Gemeing\u00fcter                 gestalten will, muss die Nutzerinnen und Nutzer in den gesamten                 Prozess einbeziehen. Top-down-Ans\u00e4tze und Blaupausen haben hier                 nichts zu suchen.&#8220; (S. 33-34) <\/p>\n<p>Mindestens ebenso wichtig wie positive Anreize sei ein glaubhaftes                 System von Kontrollen und Sanktionsm\u00f6glichkeiten bei schwerwiegenden                 Regelverst\u00f6\u00dfen. Auch dieses sei durch selbstbestimmte &#8222;Basisgesellschaften&#8220;                 viel besser zu realisieren und an sich wandelnde Bedingungen anzupassen                 als durch die Verwaltung einer fernen Hauptstadt oder ein Firmendirektorium,                 das ohnehin bestenfalls als Fremdk\u00f6rper wahrgenommen werde.<\/p>\n<p>Kollektive Ressourcennutzung funktioniere schlie\u00dflich, so Ostrom,                 nur mittels einer Vielzahl fehlerfreundlicher, entschleunigter,                 nicht-zentralistischer, &#8222;komplexer adaptiver Systeme&#8220; (S. 37-38),                 also solcher Strukturen, die sich rasch und leicht auf sich ver\u00e4ndernde                 Bedingungen einstellen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Sogar die Redundanz innerhalb derartiger Systeme helfe, ihre                 Fehleranf\u00e4lligkeit zu verringern: &#8222;[Es ist] davon auszugehen,                 dass Governance-Systeme, gleich welcher Art, immer suboptimal                 funktionieren. [&#8230;] Aber in polyzentrischen Systemen gibt es                 Einheiten, die sich \u00fcberlappen. So k\u00f6nnen Informationen \u00fcber das,                 was an dem einen Ort gut funktioniert, f\u00fcr andere Orte nutzbar                 gemacht werden.&#8220; (S. 40) Auf diese Weise sei es Menschen gelungen,                 zum Teil \u00fcber Jahrtausende hinweg nat\u00fcrliche Ressourcen gemeinsam                 zu nutzen, ohne sie zu zerst\u00f6ren. Und auf diese Weise organisierten                 sich auch heute noch, immer aufs Neue, kollektive Nutzerstrukturen,                 sei es auf dem Land, in der Stadt oder im Internet.<\/p>\n<h3>reizvoll<\/h3>\n<p>Das Reizvolle an Ostroms Ansatz ist, dass er viel radikalere                 Schl\u00fcsse zul\u00e4sst, als sie selbst zu ziehen bereit ist. Elinor                 Ostrom ist keine Umst\u00fcrzlerin. <\/p>\n<p>Sie sieht das Ziel ihrer Arbeit in erster Linie in einer verbesserten                 Wirtschafts- und Entwicklungspolitik: &#8222;Entwicklungspolitische                 Arbeit sollte sich bem\u00fchen, die F\u00e4higkeiten lokaler Gemeinschaften                 zur Selbstverwaltung zu unterst\u00fctzen [&#8230;]&#8220; (S. 35). <\/p>\n<p>Hilfsorganisationen wie <i>medico international<\/i> arbeiten                 seit langem nach diesem <i>Credo<\/i>. Ziel ihrer entwicklungspolitischen                 Arbeit ist im Grunde ein Paradoxon: die schrittweise Selbstentmachtung                 des reichen Nordens und Westens.<\/p>\n<p>Pragmatismus, Praxisn\u00e4he und politische Unverd\u00e4chtigkeit der                 &#8222;Bloomington School&#8220; jedoch sind es gerade, die Ostroms Forschung                 auch f\u00fcr eine politische Kritik wertvoll machen, die weit \u00fcber                 eine blo\u00dfe Reform des Bestehenden hinausgehen will. Es hie\u00dfe zum                 Beispiel wohl kaum, Ostroms Thesen \u00fcberzustrapazieren, wenn man                 aus ihnen den Schluss ziehen wollte, dass Dezentralisierung und                 Demokratisierung in einem ganz unmittelbaren Sinne f\u00fcr die Zukunft                 der Menschheit entscheidend sein werden. Die St\u00e4rkung selbstorganisierter                 Basisgemeinschaften und des Kollektiveigentums bedeutet notwendigerweise                 eine Schw\u00e4chung anderer, dominanter Besitz- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Ostroms basisdemokratisches Modell polyzentrischer, adaptiver                 Systeme wird so zu einem Schlag gegen die Verherrlichung zentralistischer                 und zentralisierender Formen politischer Machtaus\u00fcbung. <\/p>\n<p>Ihr Beweis, dass Menschen auch heute \u00fcberall auf dem Planeten,                 wenn auch gewiss nicht m\u00fchelos oder konfliktfrei, zu gegenseitigem                 Nutzen zusammenarbeiten, wiederlegt ein primitives, r\u00fcckschl\u00e4giges                 Menschenbild, das von Hardins &#8222;Gefangenendilemma&#8220; bis zu neoliberalem                 Propagandagew\u00e4sch Menschen als &#8222;naturgem\u00e4\u00df unsoziale Wesen&#8220; hinzustellen                 versucht. <\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Ausweitung staatlicher Herrschafts- und Verwaltungseinrichtungen                 zu immer gr\u00f6\u00dferen, zum Teil global arbeitenden Einheiten und die                 rasende Konzentration der Weltwirtschaft werden, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig                 vom politischen Standpunkt, als lebensgef\u00e4hrdende, globale Bedrohungen                 erkennbar. Eine im Namen der &#8222;Effizienzsteigerung&#8220; vorangetriebene                 Zentralisierung und Machtausweitung entpuppt sich als <i>Ursache<\/i>                 f\u00fcr die sich best\u00e4ndig steigernde und mitunter verheerende <i>Ineffizienz<\/i>                 bei der Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich kann man sich k\u00fcnftig auch den Verweis auf die                 gewaltig angewachsene Weltbev\u00f6lkerung als Ursache des Ressourcenproblems                 sparen: Die politische Einrichtung der Ressourcennutzung ist verantwortlich                 f\u00fcr deren Verschwendung. Und nichts anderes. Es ist, als sei der                 Geist von Peter Kropotkins &#8222;Die Eroberung des Brotes&#8220;, befreit                 von seinen rasselnden Ketten allzu utopischen Denkens, vom Ende                 des 19. Jahrhunderts in die gegenw\u00e4rtige wirtschaftswissenschaftliche                 Spitzenforschung gefahren.<\/p>\n<h3><b><i><\/i><\/b><i>Allmende<\/i>-Forschung<\/h3>\n<p>Denn die <i>Allmende<\/i>-Forschung ist kein seliges Stochern                 im Blau des Utopienhimmels. <\/p>\n<p>Noch weniger ist sie eine unkritische Lobpreisung der Selbstorganisation                 um ihrer selbst Willen. <\/p>\n<p>Ostroms Forschung verspricht kein neues goldenes Zeitalter. Aber                 sie zeigt einen gangbaren Weg in die Zukunft auf. Sie entwirft                 ein Modell globaler gesellschaftlicher Organisation, in dem Anarchistinnen                 und Anarchisten eigentlich vieles aus ihrer Utopie wiederentdecken                 m\u00fcssten. Sie beweist, dass Menschen, wenn sie sich selbst organisieren,                 sehr wohl in der Lage sind, nachhaltig und gerecht die begrenzten                 Ressourcen des Planeten zu nutzen und zu erhalten. <\/p>\n<p>Und sie beweist, dass Staat und Privatwirtschaft &#8211; zumindest                 in ihrem gegenw\u00e4rtigen Zustand &#8211; dies definitiv <i>nicht<\/i> k\u00f6nnen.               <\/p>\n<p>Dass man zu Beginn des 21. Jahrhunderts f\u00fcr eine solche Forschung                 den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften (!) bekommen kann,                 ist ein Grund zur Hoffnung.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es, Zizek zum Trotz, doch an der Zeit, allm\u00e4hlich                 konkrete Gesellschaftsentw\u00fcrfe f\u00fcr die Zukunft zu diskutieren.                 Die wissenschaftlichen Grundlagen stehen, auch Dank Elinor Ostrom,                 bereits zur Verf\u00fcgung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem lesenswerten Beitrag f\u00fcr die S\u00fcddeutsche Zeitung hat der Philosoph und Kulturtheoretiker Slavoj Zizek den weltweiten Protestbewegungen gegen die Tyrannei der Finanzm\u00e4rkte und den Demokratieabbau einen wertvollen Rat gegeben: &#8222;Man sollte in dieser Phase der Versuchung widerstehen, die Energie der Proteste auf die Schnelle in eine Reihe &#8218;konkreter&#8216; Forderungen zu \u00fcbersetzen. 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