{"id":11181,"date":"2012-03-01T00:00:04","date_gmt":"2012-02-29T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11181"},"modified":"2022-07-26T14:12:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:23","slug":"freitag-mit-uns-zieht-die-neue-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/freitag-mit-uns-zieht-die-neue-zeitung\/","title":{"rendered":"<i>Freitag<\/i>: Mit uns zieht die neue Zeit(ung)!"},"content":{"rendered":"<p>Am 5. Januar 2012 schrieb der neue Verleger Jakob Augstein an seine Kunden, die LeserInnen der Wochenzeitung <em>Freitag<\/em>, folgenden Brief: &#8222;Die Herausgeber haben in einer Zeit des \u00dcbergangs entscheidend dazu beigetragen, dass der Freitag nicht nur am Leben, sondern auch auf Kurs blieb.<\/p>\n<p>Die Zeit des \u00dcbergangs ist nun vorbei. Mit dem abgelaufenen Jahr hat darum die Herausgeberschaft von Daniela Dahn, Friedrich Schorlemmer, Gy\u00f6rgy Dalos und Frithjof Schmid geendet.&#8220;<\/p>\n<p>Mit dieser K\u00fcndigung des Besitzers ist die schon seit L\u00e4ngerem im Schwinden begriffene inhaltlich-formelle Beteiligung der HerausgeberInnen am Projekt beendet.<\/p>\n<p>Die von Daniela Dahn angepeilte &#8222;geistige Drehscheibe&#8220; ((1)) au\u00dferhalb des Mainstreams dreht sich in Zukunft um ehrgeizige Verlegerw\u00fcnsche: <em>Unsere Zeit<\/em> mit scheinbar gleichberechtigtem &#8222;Seit&#8216; an Seit'&#8220; war einmal.<\/p>\n<p>Augstein will kein billiger Jakob mehr sein, sondern ganz oben im Mediengesch\u00e4ft mitmischen und die aufgegebenen Pl\u00e4tze von <em>Spiegel<\/em> und <em>Stern<\/em> einnehmen, die ihr &#8222;linksliberales&#8220; Etikett l\u00e4ngst nicht mehr verdienen.<\/p>\n<p>Der <em>Freitag<\/em> ist ein geschichtstr\u00e4chtiges Fusionsprodukt aus <em>Deutscher Volkszeitung<\/em> (DVZ, gegr\u00fcndet 1953), der antifaschistischen <em>die tat<\/em> (gegr\u00fcndet 1950) sowie der einzig halbwegs lesbaren DDR-Kulturzeitung <em>Sonntag<\/em> (gegr\u00fcndet 1946). Als 1989 die GeldgeberInnen abhanden kamen, fusionierten sie und hatten als br\u00fcckenbauende Ost-West-Zeitung ihr Thema gefunden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der &#8222;\u00dcbergangszeit&#8220; nach der Wende wurde der <em>Freitag<\/em> ein viel zitiertes Blatt, wenn es darum ging, soziale Ungerechtigkeit kenntlich zu machen, B\u00fcrgerrechte einzufordern oder literarische Themen kritisch zu diskutieren.<\/p>\n<p>Mit einer verkauften Auflage von weit unter 20.000 Exemplaren war das Blatt aber stark defizit\u00e4r. Nachdem Jakob Augstein mit viel Geld den <em>Freitag<\/em> im Jahre 2008 gerettet hatte, dr\u00e4ngte er den kritischen Literaturredakteur Ingo Arend aus der Zeitung und forcierte die Neuausrichtung. Das hie\u00df Einbeziehung der wachsenden Internetgemeinde in den Netzauftritt durch Blogbeitr\u00e4ge, \u00fcbersetzte Artikel aus der neuen liberalen Partnerzeitung <em>Guardian<\/em>, viele bunte Bildchen und mehr Zerstreuung und Lifestyle.<\/p>\n<p>Das kam bei einigen AltabonnentInnen gar nicht gut an. Der Verlust an intellektueller Substanz und die sich einschleichende inhaltliche Beliebigkeit wurde moniert und sorgte f\u00fcr Unruhe bei den LeserInnen und den inzwischen suspendierten HerausgeberInnen.<\/p>\n<h3>Politikberatung f\u00fcr linke Parteien<\/h3>\n<p>In den letzten Jahren konzentrierte sich die journalistische Arbeit im innenpolitischen Bereich immer mehr auf eine Politikberatung der drei Parteien SPD, Gr\u00fcne und Linke nach dem Motto: Habt mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander, seid nett zueinander, konzentriert euch auf gemeinsame Projekte, sonst wird es bei der n\u00e4chsten Bundestagswahl mit der \u00dcbernahme der Regierungsgesch\u00e4fte nichts.<\/p>\n<p>Die sozialen Bewegungen dagegen wurden weniger in ihrer Selbst\u00e4ndigkeit best\u00e4rkt, sondern dazu angehalten, ihre Aktivit\u00e4ten und ihre B\u00fcndnispolitik den &#8222;Notwendigkeiten&#8220; des angestrebten Machtwechsels f\u00fcr Rosarotgr\u00fcn anzupassen und sich auf den Weg hin zu den Parteien zu begeben.<\/p>\n<p>Auf diese Weise w\u00e4re das Versacken von Basisinitiativen im reformerischen Kleinklein nur noch eine Frage der Zeit.<\/p>\n<p>Ihre urspr\u00fcnglichen Ziele gerieten nach dieser journalistischen Vorgabe aus dem Blick. Die handzahmen Aktionsformen w\u00fcrden sich an ihrer Brauchbarkeit f\u00fcr die Verwertung im parlamentarischen Raum orientieren.<\/p>\n<p>Eine nostalgische Verkl\u00e4rung der guten alten Zeit mit der damals ach so kapitalismuskritischen und engagierten DVZ, wie sie gerne von AltabonnentInnen betrieben wird, ist allerdings unangebracht. Die aktuelle Blatttendenz des <em>Freitag<\/em> unterscheidet sich von der b\u00fcndnispolitischen Ausrichtung her gar nicht so sehr von der alten Deutschen Volkszeitung.<\/p>\n<p>Die Vorg\u00e4ngerzeitung des <em>Freitag<\/em> war jahrzehntelang der unmittelbarste publizistische Ausdruck der alten DKP-B\u00fcndnispolitik. Der kleinste gemeinsame Nenner bei der Einbeziehung m\u00f6glichst vieler Menschen implizierte einen Ausschluss weitergehender, dissidenter Sichtweisen und Politikkonzepte. Es war die hohe Zeit, in der sich die kleine DKP hinter dem ber\u00fcchtigten Breilib\u00fc verstecken konnte.<\/p>\n<p>In dem &#8222;breiten, linken B\u00fcndnis&#8220; sollten alle mitmachen, die naiv genug waren und deswegen nicht bemerkten, dass hinter dem R\u00fccken der Beteiligten gewiefte Parteikader die Strippen zogen.<\/p>\n<h3>DVZ missbrauchte auflagenstarke Machtstellung<\/h3>\n<p>Das Besondere an der DVZ war, dass diese Zeitung so bieder und zahm ihre Inhalte verpackte, damit sich auch \u00e4ngstliche LehrerInnen und solche, die es einmal werden wollten, trauten in ihr zu schreiben oder sie zu abonnieren. Die &#8222;revolution\u00e4re&#8220; Eroberung des Staates als kommunistische Zielvorstellung und das Streben nach einer gesicherten Beamtenanstellung mit sch\u00f6nem Pensionsanspruch fand in dieser Zeitung einen bisher unerreicht perfekten symbiotischen Ausdruck.<\/p>\n<p>Der durchaus wichtige Kampf gegen &#8222;Berufsverbote&#8220; im \u00f6ffentlichen Dienst wurde von der DVZ und den hinter ihr stehenden Kr\u00e4ften zur allein legitimen Schwerpunktaufgabe im Bereich der staatlichen und kapitalistischen Repression hochstilisiert. Dies f\u00fchrte zu einer inhaltlichen Verengung des gesamten Widerstandes, weil andere Formen der Unterdr\u00fcckung konsequent und bewusst aus dem Blickfeld verdr\u00e4ngt wurden.<\/p>\n<p>Als 1976 unabh\u00e4ngige SozialistInnen und auch Libert\u00e4re in einem gro\u00dfen Kraftakt den Anti-Repressionskongress und eine Demonstration in Frankfurt am Main organisierten, boykottierte die DVZ, als damals auflagenst\u00e4rkste linke Zeitung, die Mobilisierung und diffamierte anschlie\u00dfend die mit 20.000 Menschen sehr gut besuchte Veranstaltung als &#8222;Pfingstkongre\u00df neben den Ereignissen&#8220; ((2)).<\/p>\n<p>Die aufkommende Konkurrenz anderer Themen und anderer Gruppen sollte niedergehalten werden. Alle Aufmerksamkeit und Energie sollte in das DKP-dominierte Breilib\u00fc gegen Berufsverbote flie\u00dfen.<\/p>\n<h3>Nur selektive Milit\u00e4rkritik<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die DVZ die Kriegsdienstverweigerer und ihre Organisationen in der BRD publizistisch unterst\u00fctzte, schwieg sie zur Unterdr\u00fcckung der Kriegsdienstverweigerer in der DDR.<\/p>\n<p>Nachdem die <em>Deutsche Volkszeitung<\/em> in zahllosen Artikeln und Sonderausgaben ihre Abscheu vor dem Milit\u00e4rputsch in Chile im Jahre 1973 zum Ausdruck brachte, druckte sie mit Vorliebe nur Monate sp\u00e4ter v\u00f6llig unkritisch Kommuniques von Portugals Streitkr\u00e4ften und Oberkommandierenden ab.<\/p>\n<p>Diese hatten gegen die Salazar-Diktatur geputscht, aber schon nach einer kurzen &#8222;revolution\u00e4ren&#8220; Aufbruchstimmung machten die Milit\u00e4rs das, was sie gew\u00f6hnlich immer tun.<\/p>\n<p>Eine grunds\u00e4tzliche inhaltliche Kritik am Milit\u00e4r, die eine diskursorientierte Zeitung h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen, wurde fragw\u00fcrdigen und machtpolitischen N\u00fctzlichkeitserw\u00e4gungen geopfert.<\/p>\n<p>Tradition und publizistische Arbeit der DVZ stellten also kein Ruhmesblatt dar.<\/p>\n<p>Als nach 1989 das mit viel DDR-Geld aufgebaute Potemkinsche Propaganda-Dorf wie ein Kartenhaus zusammenfiel und mehrere hundert Stellen aufgegeben werden mussten, brach f\u00fcr viele LeserInnen eine Welt zusammen.<\/p>\n<p>Noch bevor in der DVZ-Ausgabe vom 8.12.1989 ein allerletztes mal Werbung f\u00fcr insgesamt zw\u00f6lf (!) ostfinanzierte, aber in der DVZ-Druckerei in Neuss gedruckte Zeitungen erschien, zeigten sich in Leserbriefen einige LeserInnen tats\u00e4chlich noch naiv-ersch\u00fcttert \u00fcber dieses enorme Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<h3>Eilfertige Verbeugung vor den Marktgesetzen<\/h3>\n<p>Da sich das F\u00fchrungspersonal und viele RedakteurInnen nicht gegen Herrschaft an sich engagierten, sondern lediglich eine spezielle Herrschaftsvariante favorisierten, hatten einige von ihnen keine gro\u00dfen Probleme, sich in der neuen kapitalistischen Welt zurechtzufinden.<\/p>\n<p>Der ehemalige DVZ-Chefredakteur Franz Sommerfeld ging zur Berliner Zeitung, in der er sich so vehement f\u00fcr den Transrapid einsetzte, dass er den Spitznahmen &#8222;Franz Rapid&#8220; erhielt ((3)) und schlussendlich 2009 in den Vorstand des Medienkonzerns DuMont &#8222;berufen&#8220; wurde ((4)).<\/p>\n<p>Auch die r\u00fcckblickende Charakterisierung des ehemaligen DVZ-Verlagsleiters des <em>Freitag<\/em> klingt in meinen Ohren nicht wirklich vertrauenerweckend: &#8222;Paul Neuh\u00f6ffer war der seltene Typus des Kommunisten, der die Gesetze des Marktes im Sinne seiner politischen Vorstellungen und ganz im Interesse des Unternehmens zu nutzen wu\u00dfte.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Um wieder zu Jakob Augsteins Ank\u00fcndung von der &#8222;beendeten \u00dcbergangsphase&#8220; beim <em>Freitag<\/em> zur\u00fcckzukommen: Sie zeichnet sich heute dadurch aus, dass in der ehemaligen &#8222;Ost-West-Zeitung&#8220; weder der Chefredakteur noch ein einziger Ressortleiter aus Ostdeutschland kommt ((6)).<\/p>\n<p>Daf\u00fcr hat der agile Medienjongleur Augstein mit Professor Christoph Meier-Siem f\u00fcr die beratende Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des <em>Freitag<\/em> den gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Gesellschafter der springereigenen TM-Media GmbH eingestellt ((7)).<\/p>\n<p>Der zeitweilige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Freitag Mediengesellschaft, Detlev Hustedt, kam ebenfalls von Springer. Er war zuvor stellvertretender Gesamtanzeigenleiter der <em>Welt<\/em>-Gruppe ((8)).<\/p>\n<p>Geht die Entwicklung so weiter, kann der <em>Freitag<\/em> bald mit <em>Haus und Garten<\/em> fusionieren und sich in <em>Feierabend<\/em> umbenennen. Die dazu passende Kolumne &#8222;Koch oder G\u00e4rtner&#8220; besteht ja schon l\u00e4ngst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. Januar 2012 schrieb der neue Verleger Jakob Augstein an seine Kunden, die LeserInnen der Wochenzeitung Freitag, folgenden Brief: &#8222;Die Herausgeber haben in einer Zeit des \u00dcbergangs entscheidend dazu beigetragen, dass der Freitag nicht nur am Leben, sondern auch auf Kurs blieb. Die Zeit des \u00dcbergangs ist nun vorbei. 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