{"id":11183,"date":"2012-03-01T00:00:26","date_gmt":"2012-02-29T22:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11183"},"modified":"2022-07-26T14:22:32","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:32","slug":"der-silberraubbau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/der-silberraubbau\/","title":{"rendered":"Der Silberraubbau"},"content":{"rendered":"<p>8. Januar 2012 in Zentralmarokko (Provinz Ouarzazate), in Imiter, einer kleinen Gemeinde, 35 Kilometer \u00f6stlich von Tinghir.<\/p>\n<p>Ich steige aus dem Taxi. Mit mir vier weitere Europ\u00e4erInnen. Vor uns der auf 1400 Meter liegende Mont Alebban, den wir erst bezwingen m\u00fcssen, ehe wir am Puls des Protests angekommen sind: auf dem Gipfel befindet sich n\u00e4mlich der Wasserturm, der die Region und damit auch die lokale Silbermine haupts\u00e4chlich mit Wasser versorgt, oder besser: versorgen sollte.<\/p>\n<p>Seit aber 2004 am Fu\u00dfe des H\u00fcgels ein zweiter Brunnen gebohrt wurde, welcher die Mine zus\u00e4tzlich ern\u00e4hrt, begannen die Wasserreserven markant zu schwinden. Vergangenen Sommer hatten die 8000 DorfbewohnerInnen dann nur noch wenige Minuten pro Tag flie\u00dfend Wasser. Sie mussten zusehen, wie ihre Felder austrockneten, die Ernte vor die Hunde ging &#8211; einmal mehr. Hinzu kam, dass den lokalen Studenten (sie kehrten aus Marrakesh usw. zur\u00fcck) die vertraglich fest geregelten Saison-Jobs in der Mine verweigert wurden.<\/p>\n<p>So wurde erstmals demonstriert und sp\u00e4ter, am 1. August 2011, besetzten \u00fcber 1.000 B\u00fcrgerInnen in einem Akt zivilen Ungehorsams den Wasserturm und schlossen den Schieber der Wasserleitung (siehe Foto), die zur Silbermine f\u00fchrt. Sie hatten das Geschehen satt, dr\u00fcckten auf diese Weise ihren Unmut aus, und verschafften sich so wieder Zugang zu Wasser. Auf ein Leben in W\u00fcrde &#8211; der Reichtum der Mine w\u00fcrde dies m\u00f6glich machen &#8211; warten sie allerdings noch immer.<\/p>\n<h3>Reicher Fundort, arme Bev\u00f6lkerung<\/h3>\n<p>Die Silbermine in Imiter wird seit 1969 \u00fcber die <em>Soci\u00e9t\u00e9 m\u00e9tallurgique d&#8217;Imiter SMI <\/em>ausgebeutet, welche vom staatlichen Bureau <em>Recherches et Participations Mini\u00e8res BRPM<\/em> ins Leben gerufen wurde. 1996 wurde die SMI privatisiert, die Mehrheit geh\u00f6rt seither der <em>Omnium Nord Africain ONA<\/em>, der gr\u00f6\u00dften Industrie- und Finanzgruppe Marokkos.<\/p>\n<p>An dieser wiederum ist der marokkanische Staat \u00fcber die <em>Soci\u00e9t\u00e9 Nationale d&#8217;Investissement SNI<\/em> mit gut einem Drittel der Aktien beteiligt. Das hei\u00dft: indirekt ist der marokkanische Staat f\u00fcr die Ausbeutung verantwortlich und damit auch f\u00fcr die Misere der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Denn: Metall ist im islamischen Marokko als Gemeingut der Bev\u00f6lkerung und des Staates deklariert. Normalerweise m\u00fcssten im Rahmen des im Koran verankerten <em>zakat<\/em> 20 Prozent des Benefiz den Armen und Bed\u00fcrftigen, in diesem Falle der Lokalbev\u00f6lkerung, zugute kommen. Nicht so aber in Imiter: vom enormen Reichtum der gr\u00f6\u00dften Silbermine Afrikas (zehntgr\u00f6\u00dfte weltweit), welche 200 Tonnen j\u00e4hrlich abbaut, einen Jahresumsatz von etwa 300 Millionen Dirham (ein Euro = ung. 10 Dirham) und einen Gewinn von gut 100 Millionen Dirham aufweist, bekommt die Lokalbev\u00f6lkerung nichts ab.<\/p>\n<p>Der Reichtum der Mine f\u00e4llt weder \u00f6konomisch noch sozial auf die gut 8000 Fellachen zur\u00fcck. Im Gegenteil: das Grundwasser trocknet sukzessive aus und die giftigen Abf\u00e4lle wie z.B. Cyanid oder Quecksilber stellen ein gro\u00dfes Risiko f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung und die Umwelt dar.<\/p>\n<p>Bereits 1986, 1996 und 2004 lehnten sich die B\u00fcrgerInnen gegen die Ausbeutung und dessen Folgen auf, ohne aber, dass sich an der t\u00e4glichen Misere wirklich etwas \u00e4nderte.<\/p>\n<h3>Sozio-\u00f6konomische Forderungen<\/h3>\n<p>Zur\u00fcck im Sit-In: vor Ort sind einige Dutzend Zelte, es wehen vorwiegend Berber-, aber auch Marokko-Fahnen im lauen Wind. Die Stimmung ist friedlich, es wird Minzentee getrunken und Brot in Oliven\u00f6l get\u00fcncht. Frauen und M\u00e4nner sind da, vorwiegend Arbeitslose, aber auch den Unterricht boykottierende Sch\u00fclerInnen. Sie solidarisieren sich mit ihren Eltern und machen seit Wiederbeginn der Schule im Herbst blau und drohen mit einem <em>ann\u00e9e blanche<\/em>.<\/p>\n<p>Muha, ein junger, arbeitsloser Aktivist, erl\u00e4utert die Forderungen der aufgebrachten Bev\u00f6lkerung: &#8222;Wir wollen, dass die Ausbeutung fortan solidarisch und im legalen Rahmen geschieht. Soll hei\u00dfen: offizielle Bewilligungen, die im Respekt mit der Umwelt und der landwirtschaftlichen T\u00e4tigkeiten der DorfbewohnerInnen stehen.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr die jahrlangen Verluste fordern die Fellachen eine Entsch\u00e4digung. Die lokalen Arbeitslosen, viele von ihnen sind diplomiert, sollen von der SMI angestellt werden. Und schlie\u00dflich werden Investitionen in die Infrastruktur der Gemeinde und der Region Boumalne Dad\u00e8s, d.h. Verbesserung der Strassen, der medizinischen Versorgung und der Schule gefordert, &#8222;um uns sozio-\u00f6konomisch ein w\u00fcrdiges Leben zu erm\u00f6glichen&#8220;, res\u00fcmiert Muha.<\/p>\n<h3>Der Kampf geht weiter<\/h3>\n<p>Das Sit-In dauert mittlerweile schon mehr als sechs Monate, doch Verhandlungen zwischen der Lokalbev\u00f6lkerung und der SMI sind noch immer erfolglos. Brahim, auch er ein arbeitsloser Aktivist, erkl\u00e4rt: &#8222;Die SMI hat vorgeschlagen einige Finanzierungen zu machen, um die sozialen Probleme zu l\u00f6sen, nie aber eine globale L\u00f6sung vorgeschlagen.&#8220; Er aber sieht es als die nicht abzuleugnende Aufgabe der SMI, sich an der Entwicklung der Region zu beteiligen. &#8222;Es ist schlicht inakzeptabel mit einer derartigen Wertsch\u00f6pfung [Anm. d. Red.: im ersten Semester hat die SMI den Umsatz um 35.6 Prozent gesteigert] unsere Forderungen zu ignorieren.&#8220;<\/p>\n<p>Der pazifistische Kampf geht also weiter, auch f\u00fcr den Minenarbeiter und Aktivisten Moustafa Ouchtoubane, welcher anfangs Dezember zu vier Jahren Haft wegen Silberraub und Teilnahme an Demonstrationen der MinengegnerInnen verurteilt wurde. Er ist nur einer der vielen politischen H\u00e4ftlinge in Marokko. Ein Unterst\u00fctzungskomitee f\u00fcr Ouchtoubane ist derzeit am Entstehen.<\/p>\n<p>Muha meint: &#8222;Je l\u00e4nger wir unseren Protest aufrechterhalten, desto mehr leidet die Silbermine. Und ich kann dir versichern, die Leute hier werden nicht so schnell loslassen!&#8220;<\/p>\n<p>Gegen 17 Uhr steige ich mit meinen vier europ\u00e4ischen FreundInnen vom Mont Alebban hinunter. Wir schlie\u00dfen uns dem Marsch ins Dorf zur\u00fcck an.<\/p>\n<p>Es sind gut 200 Personen, vorwiegend Frauen, welche einmal mehr protestieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8. Januar 2012 in Zentralmarokko (Provinz Ouarzazate), in Imiter, einer kleinen Gemeinde, 35 Kilometer \u00f6stlich von Tinghir. Ich steige aus dem Taxi. Mit mir vier weitere Europ\u00e4erInnen. Vor uns der auf 1400 Meter liegende Mont Alebban, den wir erst bezwingen m\u00fcssen, ehe wir am Puls des Protests angekommen sind: auf dem Gipfel befindet sich n\u00e4mlich &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/der-silberraubbau\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der Silberraubbau - graswurzelrevolution","description":"8. 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