{"id":11199,"date":"2012-03-01T00:00:12","date_gmt":"2012-02-29T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11199"},"modified":"2022-07-26T14:12:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:23","slug":"ein-anti-knast-bericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/ein-anti-knast-bericht\/","title":{"rendered":"Ein Anti-Knast-Bericht"},"content":{"rendered":"<p>Im November 2008 hielten wir in einer Kleingruppe den Castor-Transport von LaHague nach Gorleben \u00fcber zw\u00f6lf Stunden auf (die GWR berichtete).<\/p>\n<p>Dies war eine von vielen effektiven Ankettaktionen, die es in den letzten Jahren gab.<\/p>\n<p>Besonders war in unserem Fall, dass die Aktion den Castor unerwartet fr\u00fch blockierte. Eine unterhalb der Gleise eingelassene Ankettvorrichtung aus Beton und Kunststoffr\u00f6hren war an der eingleisigen Strecke zwischen dem pf\u00e4lzischen Berg und W\u00f6rth am Rhein vorhanden gewesen.<\/p>\n<p>Unser Aktionsort befand sich also nicht im Wendland, sondern nahe der deutsch-franz\u00f6sischen Grenze. Kurz nachdem zwei befreundete Aktivisten und ich in den Mittagsstunden des 08.11.2008 unsere Arme in die Kunststoffr\u00f6hren steckten, demonstrierten etwa 16.000 Menschen in Gorleben gegen den Transport.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns folgten Strafbefehle und Verfahren. Die Strafverfahren gegen vier Unterst\u00fctzerInnen, die urspr\u00fcnglich der Beihilfe zur N\u00f6tigung beschuldigt wurden, wurde zwar eingestellt &#8211; seit einer Weile stehen gegen diese vier allerdings Bu\u00dfgeldbescheide wegen &#8222;Versto\u00df gegen die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung&#8220; im Raum.<\/p>\n<p>Diesbez\u00fcglich wird es voraussichtlich zu Ordnungswidrigkeiten-Verfahren vor dem Amtsgericht Potsdam kommen.<\/p>\n<p>Im Gegenzug f\u00fcr Einstellung dieser vier Beihilfe-Verfahren mussten wir Angeketteten unsere Strafbefehle akzeptieren.<\/p>\n<p>Dass die damit rechtskr\u00e4ftige Geldstrafe abzusitzen war, war f\u00fcr mich klar. Denn so konnte ich zeigen, wie dieses System mit KritikerInnen wie uns umgeht. Eine Bezahlung w\u00e4re schlie\u00dflich genauso eine Bestrafung gewesen. Deshalb trat ich am 14. Oktober 2011 eine Freiheitsstrafe im sog. &#8222;Offenen Vollzug&#8220; der JVA Frankfurt III an.<\/p>\n<p>Ich kann gut verstehen, dass Personen sich in vielen F\u00e4llen auch entscheiden, Strafgelder zu bezahlen. Trotzdem war es f\u00fcr mich in diesem Fall die richtige &#8222;Entscheidung&#8220;, dies zu verweigern &#8211; doch was ist das \u00fcberhaupt f\u00fcr eine Entscheidung? Eine Wahl zwischen zwei \u00dcbeln, so frei, wie die Entscheidung einer Maus zu rennen oder gefressen zu werden. Doch &#8211; um in diesem Bild zu bleiben &#8211; auch M\u00e4use k\u00f6nnen sich wehren.<\/p>\n<h3>Bestraft werden sollten wir wegen unseres Protestes gegen Atomkraft<\/h3>\n<p>Indem wir uns dem Transport in den Weg gelegt hatten, hatten wir deutlich gemacht, dass wir die Vorgaben von Staat und Atomlobby nicht akzeptieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Eingesperrt wurde ich, weil ich diesem Staat kein Geld geben wollte. Also weil ich keine Struktur unterst\u00fctzen will, die mit ihren Mitteln Atomkraftwerke versteckt subventioniert, Transporte gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung von Tausenden PolizistInnen &#8222;durchpr\u00fcgeln&#8220; l\u00e4sst und kritische Menschen wie uns bestraft. Diese Aufz\u00e4hlung ist keineswegs vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Ein aktueller Grund gegen die Zahlung von Strafgeldern in die Staatskasse w\u00e4ren die geplanten Hermesb\u00fcrgschaften der deutschen Regierung f\u00fcr AKW-Neubauten in Brasilien, Indien, China und weiteren Staaten. Der sog. &#8222;Atomausstieg&#8220; ist eine Mogelpackung, wie auch die Erweiterung der Uranfabrik in Gronau zeigt.<\/p>\n<p>Dort wird Uran f\u00fcr die Weiterverarbeitung zu Brennst\u00e4ben angereichert und also auch an dem Betrieb von AKW anderswo mitverdient.<\/p>\n<p>Meine Entscheidung konnte im R\u00fcckblick unter anderem deshalb &#8222;richtig&#8220; sein, weil ich eine starke Unterst\u00fctzung von au\u00dfen erfuhr. Dazu geh\u00f6ren die Menschen aus dem politischen und pers\u00f6nlichen Freundeskreis, die mir regelm\u00e4\u00dfig schrieben, genauso wie fremde Personen, die Zeitungsartikel und Aufrufe zum Anlass nahmen, mir ermunternde Post zu schicken. Einige schrieben, dass sie sich durch meine Haft ermutigt f\u00fchlten, sich ebenfalls an den Protesten gegen Castortransporte zu beteiligen. Derartige R\u00fcckmeldungen st\u00e4rken und motivieren.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit in der Regel nicht ohne Einfluss auf die Haftbedingungen bleibt.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, in den Knast zu gehen und so die Strafe zur Aktion zu machen, kann auch Teil eines offensiven Umgangs mit staatlicher Repression sein. Beispielsweise l\u00e4uft die regelm\u00e4\u00dfige Androhung von Erzwingungshaft bei Bu\u00dfgeldern ins Leere, wenn sie nicht mehr geeignet ist, etwas zu erzwingen. Auch in strafrechtlichen F\u00e4llen wie meinem, kann die bewusste Inkaufnahme der Strafe offensiv gesehen werden, wenn mensch deutlich macht, dass diese uns nicht von weiterem Protest und Widerstand abhalten kann.<\/p>\n<h3>Haft<\/h3>\n<p>Inhaftierung wirkt mit allen Begleitumst\u00e4nden auf verschiedene Menschen unterschiedlich. M\u00f6glicherweise kann eine inhaltliche Besch\u00e4ftigung mit dem Thema Knast eine hilfreiche Vorbereitung sein.<\/p>\n<p>Die \u00dcberlegung konkreter Strategien zur Nutzung der einsamen Zeit im Haftraum ist angeraten. Mir hat es auch geholfen, die zeitliche Begrenzung der Haftzeit vor Augen zu haben.<\/p>\n<p>Der Aufbau eines Unterst\u00fctzernetzwerkes und die Entwicklung von Konzepten f\u00fcr einen Freikauf in Notf\u00e4llen ist sinnvoll.<\/p>\n<p>Mit all dieser Unterst\u00fctzung war meine Lage aber nicht mehr vergleichbar mit der Situation anderer inhaftierter Frauen, die kaum oder gar keine Briefkontakte haben. Eine junge Frau, die ich dort traf, hatte niemandem in ihrem pers\u00f6nlichen Umfeld von ihrer Haft erz\u00e4hlt. Da sie lediglich die Raten einer geringen Geldstrafe wegen Schwarzfahrens nicht schnell genug bezahlen konnte, hatte sie gehofft, innerhalb eines Monats wieder drau\u00dfen zu sein und ihrem Freund telefonisch mitgeteilt, sie sei mit einer Freundin in Holland.<\/p>\n<p>Als sie wegen einer weiteren Schwarzfahr-Strafe l\u00e4nger bleiben musste, wurde der bereits ohnehin misstrauische Partner \u00e4rgerlich und beendete die Beziehung.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter konnte sie eine Vertrauensperson erreichen, die sie freikaufte, doch ihre mehrj\u00e4hrige Beziehung konnte sie trotz starker Bem\u00fchungen nicht wieder herstellen. Dies ist nur eines von vielen Beispielen daf\u00fcr, wie Knast soziale Gef\u00fcge zerst\u00f6rt. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte mensch hier argumentieren, dass eine Beziehung, in der solche L\u00fcgenm\u00e4rchen aufgetischt werden, ohnehin kaum etwas wert sei &#8211; doch eine solche Wertung sollte den Beteiligten \u00fcberlassen bleiben. Auch eine Mutter, die ihrer Tochter erz\u00e4hlt, sie sei \u00fcber ein Jahr lang im Krankenhaus, k\u00f6nnen wir wohl erst dann richtig verstehen, wenn wir uns in ihrer Situation befinden.<\/p>\n<p>Ohnehin geh\u00f6ren die allein erziehenden M\u00fctter und ihre Kinder zu einer der Personengruppen, die meiner Ansicht nach am meisten unter den Folgen der Haft leiden. So stehe ich in Kontakt mit mehreren inhaftieren Frauen, die dar\u00fcber klagen, welche Folgen ihre Haft f\u00fcr ihre Kinder hat. Wenn kein Partner und keine freundliche Verwandtschaft da ist, werden die Kinder einfach ins Heim gesteckt. Die ohnehin schwierigen Haft-Besuche werden damit in vielen F\u00e4llen noch aufw\u00e4ndiger und seltener. Schulische Leistungen lassen nach, Lebenswandel und Freundeskreis \u00e4ndern sich. Von der Haftleitung bekommen die besorgten M\u00fctter dann in vielen F\u00e4llen nur zu h\u00f6ren, das h\u00e4tten sie sich schlie\u00dflich auch vor Begehung der jeweiligen Straftat \u00fcberlegen k\u00f6nnen, und offenbar sei ihnen erst jetzt eingefallen dass ihnen etwas an ihren Kindern l\u00e4ge.<\/p>\n<p>Doch unabh\u00e4ngig davon, ob es um Kinder oder weitere Verwandtschaft geht, habe ich Frauen erlebt, die angesichts einer Notlage ihrer Angeh\u00f6rigen in Freiheit aufgew\u00fchlt und angesichts ihrer pers\u00f6nlichen Lage dann hilflos waren.<\/p>\n<p>Eine Mitgefangene erz\u00e4hlte mir, dass sie einmal, als ihr Vater schwer krank im Krankenhaus lag, mit der Knast-Sozialarbeiterin die M\u00f6glichkeiten eines Sonderausgangs f\u00fcr einen Besuch durchsprach.<\/p>\n<p>Ein solcher Ausgang sei ggf. nur f\u00fcr die Beerdigung &#8211; nicht f\u00fcr Besuche zu Lebzeiten &#8211; m\u00f6glich, wurde ihr in dem Gespr\u00e4ch gesagt. Entsetzt antwortete die Inhaftierte, dass ihr Vater im Todesfall in sein Heimatland Marokko \u00fcberf\u00fchrt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8222;Also nach Marokko kann ich Sie nat\u00fcrlich nicht lassen&#8220;, entgegnete die Sozialarbeiterin nur.<\/p>\n<p>Bei der Besch\u00e4ftigung mit dem Thema Knast ist immer auch zu ber\u00fccksichtigen, dass die Vollzugsanstalten sich sehr in ihrem Vollzugsalltag unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So sind beispielsweise Kn\u00e4ste f\u00fcr Frauen ein wenig anders als die f\u00fcr M\u00e4nner. So m\u00fcssen z.B. in Hessen m\u00e4nnliche Strafgefangene in Anstaltskleidung herumlaufen, w\u00e4hrend Frauen meist eigene Kleidung erlaubt wird. Auch regional gibt es Unterschiede: so haben viele Bundesl\u00e4nder ein eigenes Strafvollzugsgesetz. Daran h\u00e4ngen wichtige Grundfragen, wie beispielsweise die Frage wann &#8222;offener Vollzug&#8220; m\u00f6glich ist, und die Person also evtl. auch gelegentlich mal den Knast verlassen darf.<\/p>\n<p>Im August 2010 war ich schon einmal zwei Wochen lang in der geschlossenen Anstalt im Baden-W\u00fcrttembergischen B\u00fchl inhaftiert.<\/p>\n<p>Dort war die Grundstimmung unter den Inhaftieren &#8222;geselliger&#8220; und vertrauter als im &#8222;offenen Vollzug&#8220; der JVA Frankfurt III, wo ein Teil der Frauen mehrere Wochenstunden Ausgang hatte und damit in vielen F\u00e4llen auch Kontakt zu nahestehenden Personen pflegen konnte. B\u00fchl schreckte ab mit Details wie u.a. Plastikgeschirr, Postkontrolle und streng stukturierten Abl\u00e4ufen &#8211; andererseits gab es dort &#8222;Freizeitangebote&#8220; wie gemeinsame Bastelstunden.<\/p>\n<p>Der Alltag in den Anstalten unterschied sich auch dadurch, dass es in B\u00fchl mehr Arbeit gab, und damit auch ein h\u00f6heres Risiko zur Zwangsarbeit verpflichtet zu werden Ein weiteres Beispiel: Da in B\u00fchl auch Untersuchungsgefangene sitzen, beschr\u00e4nkt dies auch die Haftbedingungen der dort sitzenden Strafgefangenen, so dass hier u.a. jedes Telefonat mitgeh\u00f6rt wird.<\/p>\n<h3>Aus der Haft entlassen<\/h3>\n<p>Am 21.12.2012 wurde ich nach 69 Tagen aus der Strafhaft entlassen. Nach \u00a7 17 Abs.1 HstVollzG wurde ich aufgrund der Weihnachtsfeiertage f\u00fcnf Tage eher als erwartet entlassen.<\/p>\n<p>Dass Strafe und Gef\u00e4ngnisse als solche schon nicht mit einer herrschaftskritischen Grundeinstellung vereinbar sind, versteht sich von selbst. Meine Beobachtungen im Knast, lassen mich allerdings sogar an der Umsetzung jeglichen Resozialisierungsgedanken innerhalb der rechtstaatlichen Logik zweifeln. Nicht nur deshalb spreche ich mich deutlich gegen Kn\u00e4ste und andere Strafsysteme aus und empfehle den Besuch von Anti-Knast-Demos oder auch Briefkontakte mit Langzeitinhaftierten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 2008 hielten wir in einer Kleingruppe den Castor-Transport von LaHague nach Gorleben \u00fcber zw\u00f6lf Stunden auf (die GWR berichtete). Dies war eine von vielen effektiven Ankettaktionen, die es in den letzten Jahren gab. Besonders war in unserem Fall, dass die Aktion den Castor unerwartet fr\u00fch blockierte. 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