{"id":11204,"date":"2012-03-01T00:00:56","date_gmt":"2012-02-29T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11204"},"modified":"2022-07-26T14:22:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:31","slug":"die-selbstverstandlichkeit-des-alltags-ist-verschwunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/die-selbstverstandlichkeit-des-alltags-ist-verschwunden\/","title":{"rendered":"Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Alltags ist verschwunden"},"content":{"rendered":"<p>Hier in Deutschland, 9.000 km von Japan entfernt, f\u00fchlt sich f\u00fcr mich das Ungl\u00fcck vor etwa einem Jahr wie ein Ereignis aus der Vergangenheit an. Oder sogar als sei es eigentlich gar nicht passiert. Solange ich hier bin, kann ich es vielleicht verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Aber das atomare Ungl\u00fcck ist Realit\u00e4t, man kann es nicht mehr \u00e4ndern. Egal wie viel Zeit verstreichen wird, wie sehr ich meine Augen davon abwenden und vergessen m\u00f6chte, die Realit\u00e4t ist da.<\/p>\n<p>Denn die Situation ver\u00e4ndert sich nicht. Riesige Mengen an radioaktiven Stoffen, die im Umkreis von Fukushima Dai-ichi freigesetzt wurden, sind immer noch dort. Es gibt sie immer noch in den Fl\u00fcssen, im Meer, auf den Bergen und im Boden. Vor der Nahrungskette macht die Radioaktivit\u00e4t nicht halt.<\/p>\n<p>Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Alltags ist verschwunden. Mit tiefer Ruhe im Herzen in den Bergen und an den Fl\u00fcssen spazieren gehen, das Gras und die B\u00e4ume ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Wenn es schneit den Schnee ber\u00fchren. Fr\u00fcchte der Umgebung und Gem\u00fcse der Saison zu essen. Solche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten kann man nicht mehr wiederbringen. Und das gilt nicht nur f\u00fcr Menschen die innerhalb der Sperrzone von 20 km um das AKW Fukushima Dai-ichi lebten. Es ist be\u00e4ngstigend, dass das AKW Fukushima Dai-ichi immer noch nicht sicher, sondern noch heute in einem gef\u00e4hrlichen Zustand ist.<\/p>\n<p>Mein Vater sagte: &#8222;Wir essen keine Pilze dieses Jahr. Wir haben eine Mitteilung bekommen. Die Strahlungswerte sind zu hoch. Mit meinem Geigerz\u00e4hler, den ich endlich bekommen habe, habe ich die Umgebung gemessen. Aber ich kann nicht einfach jemandem sagen, wie hoch der Wert ist. Die Gemeindevertreter haben uns gesagt, dass wir nicht selbst die Abflussrinne oder den Stra\u00dfengraben messen sollen, also da, wo der Wert hoch ist. Die Regierung verwaltet alles, selbst soll man nichts unternehmen. Verstrahlte Erde darf man nicht selbst wegnehmen und sie an einen anderen Ort bringen. Das ist eine Vorgabe. Deswegen kann man die Erde nicht so einfach reinigen. Es gibt keinen Ort wo man sie hinbringen kann.&#8220;<\/p>\n<p>Ich habe aber gesagt: &#8222;Man muss dann diese Erde nach Fukushima Dai-ichi bringen. Man kann sowieso nicht mehr innerhalb von 5 bis 10 Kilometern wohnen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das stimmt. Alle wissen das. Eigentlich denken alle so. Die Leute k\u00f6nnen nicht mehr zur\u00fcck nach Hause. Aber den Menschen von dort kann das niemand so sagen. Und wenn man doch etwas sagt, werden die Bewohner sehr abweisend. Obwohl ihr Land stark verstrahlt ist, glauben sie, dass sie sicher irgendwann heimkehren werden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Um unser Haus herum ist alles OK. Mit meinem Geigerz\u00e4hler messe ich \u00fcberall weniger als 1 Mikro-Sievert. Aber die H\u00e4user unserer Nachbarn haben einfache Blechd\u00e4cher ohne Dachrinne und Gully. Das Regenwasser l\u00e4uft direkt auf den Boden. Ich habe die schwarze Erde dort gemessen. Da hat der Geigerz\u00e4hler stark ausgeschlagen. Dort sind mehr als 9,9 Mikro-Sievert. Ich war entsetzt. Bestimmt sind die Werte unter den Spielger\u00e4ten auf dem Spielplatz auch sehr hoch.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oh mein Gott, spielen Kinder auf dem Spielplatz? Und was machen die Nachbarskinder?&#8220;, fragte ich ihn. Er antwortete: &#8222;Kein Kind spielt drau\u00dfen. Seit dem 11. M\u00e4rz spielen auch meine Enkel nicht mehr drau\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;25 Jahre nach dem Atomunfall in Tschernobyl darf man immer noch keine Pilze aus Teilen des Bayrischen Waldes, ein paar tausend Kilometer entfernt, essen&#8220;, sagte ich. &#8222;Es wird nicht verschwinden, auch nicht nach vielen Jahren. Ein einmal radioaktiv kontaminierter Boden wird nicht mehr verschwinden. Auch nicht nach vielen Jahren&#8220;, murmelte er kraftlos.<\/p>\n<p>&#8222;Mit Mutter bin ich in Jododaira wandern gegangen, dort wo wir zusammen mit euch vor vier Jahren hingewandert sind. Dieses Jahr ist der violette Enzian unglaublich sch\u00f6n. In diesem Jahr waren die Blumen besonders lebendig und gl\u00e4nzend, sch\u00f6ner als je zuvor&#8220;, sagte mein Vater, wie \u00fcblich mit einem Lachen. Ich wei\u00df, dass mein Vater nicht will, dass unsere Konversation mit Verzweiflung endet.<\/p>\n<h3>Warum Fukushima?<\/h3>\n<p>Warum? Was haben die Leute in Fukushima getan? Die Leute dort lieben die Berge und die Natur. Wie viel muss man sie noch qu\u00e4len? Die Leute in Fukushima haben nichts getan. Es gibt jetzt zu viele Dinge, die man aufgeben und wegwerfen muss. Aber wie kann man das Land und die Berge verlassen, die man \u00fcber viele Generationen geerbt hat? Was ist mit dem Wald, den ausgedehnten Feldern, dem Vieh und der Meeresk\u00fcste? Wie kann man die Menschen dort entsch\u00e4digen? Das Opfer ist zu gro\u00df. Man findet keine Worte f\u00fcr das, was dort geschieht.<\/p>\n<p>Wenn diese Situation nur wenige Jahre anhielte, dann k\u00f6nnte man sie wahrscheinlich aushalten. Aber die Strahlung verschwindet nicht, auch nach 20 Jahren nicht.<\/p>\n<h3>Freitag, der 11. M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>Um 14:46 Uhr erlebte der Osten Japans ein Erdbeben der St\u00e4rke 9.0 und kurz darauf einen verheerenden Tsunami.<\/p>\n<p>Ich habe davon in Deutschland durch Nachrichten \u00fcber das Internet erfahren. In Japan gibt es st\u00e4ndig Erdbeben. Es ist nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches.<\/p>\n<p>Deswegen habe ich zun\u00e4chst gedacht, dass es eigentlich nicht so schlimm ist.<\/p>\n<p>Vorsichtshalber habe ich trotzdem versucht, meine Eltern anzurufen, aber ich konnte sie nicht erreichen. Sp\u00e4ter habe ich erfahren, dass meine Heimatstadt Fukushima-City vom Erdbeben der St\u00e4rke 5 ersch\u00fcttert wurde. Ich erschrak \u00fcber den Wert und machte mir jetzt gro\u00dfe Sorgen. Meine Beine fingen an zu zittern. Ich versuchte mehrmals meine Familie anzurufen, aber es ging nicht. Dann schickte ich meiner ganzen Familie E-Mails. Nach eine Weile schrieb mir meine Mutter kurz zur\u00fcck:&#8220;Mir geht es jedenfalls gut. Ich kann nicht nach Hause gehen. \u00dcber unser Haus wei\u00df ich nichts.&#8220;<\/p>\n<p>Dann bekam ich kurze Nachrichten von meinem Vater und dann von meinen zwei Schwestern, dass sie in Ordnung sind. Mein Herzschlag und das Zittern meiner Beine beruhigten sich ein bisschen. In diesem Augenblick kam mir noch nicht der Gedanke, dass etwas in einem Atomkraftwerk passiert sein k\u00f6nnte. Ich machte mir gro\u00dfe Sorgen um direkte Sch\u00e4den, um Verletzungen durch das zerst\u00f6rerische Erdbeben.<\/p>\n<p>20:50 Uhr: Anweisung zur Evakuierung von 1.864 Bewohnerinnen und Bewohnern im Radius von 2 km um das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi.<\/p>\n<p>21:23 Uhr: Anweisung zur Evakuierung der Bewohnerinnen und Bewohner im Radius von 3 km um das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi.<\/p>\n<p>Bewohnerinnen und Bewohner innerhalb eines 10 km Radius sollen ihre Wohnungen nicht verlassen. (Earthquake Information Nuclear and Industrial Safety Agency)<\/p>\n<h3>Samstag, der 12. M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>Das Erdbeben war das viertgr\u00f6\u00dfte der Welt seit 1900.<\/p>\n<p>Der Tsunami verschluckte in einem Augenblick H\u00e4user und Geb\u00e4ude ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Strassen erhoben sich wie eine Schlange und wurden zerrissen.<\/p>\n<p>Die Zahl der Toten und der Vermissten stieg von Sekunde zu Sekunde weiter an. Am Ende starben mehr als 20.000 Menschen. Viele werden noch vermisst. Ich bin sehr best\u00fcrzt vom Ausma\u00df des Leids.<\/p>\n<p>Es gibt ein AKW in Fukushima. Mein Mund wurde sehr trocken. Dann kam eine Kurznachricht, dass Reaktor 1 von Fukushima Dai-ichi explodiert ist. Ich ma\u00df selbst wie weit Dai-ichi von Fukushima-City entfernt ist. Es sind nur 65 km.<\/p>\n<p>Die Nachrichten in Deutschland berichteten schon, dass radioaktive Stoffe ausgetreten sind, dass die Bewohner in Gefahr sind, schreckliche Sachen. Ich wollte so schnell wie m\u00f6glich die Stimme meiner Familie h\u00f6ren. Aber das Telefon ging nicht.<\/p>\n<p>Die Evakuierungszone war immer noch nicht ausgeweitet worden, obwohl Reaktor 1 bereits explodiert war. Mein Herz w\u00e4re fast zerbrochen. Erst am Abend wurde die Evakuierungszone auf 20 km erweitert.<\/p>\n<p>5:44 Uhr: Anweisung zur Evakuierung von 61.000 Bewohnerinnen und Bewohnern im Radius von 10 km um das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi.<\/p>\n<p>18:25 Uhr: Anweisung zur Evakuierung von 178.988 Bewohnern im Radius von 20 km um das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi.<\/p>\n<p>Pressekonferenz von Premierminister Edano: &#8222;Die Messung der radioaktiven Stoffe wurde richtig gemacht. Die aktuellen Werte liegen im Bereich des zu erwartenden.&#8220; (Earthquake Information Nuclear and Industrial Safety Agency)<\/p>\n<h3>Sonntag, der 13. M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>Das Telefon ging immer noch nicht. Ich konnte nichts machen, nur Nachrichten schauen.<\/p>\n<p>Um eine Explosion von Reaktor 2 und 3 zu verhindern, wurde der Dekompressionsbetrieb (vent) gestartet. (Asahi.com,13. M\u00e4rz)<\/p>\n<p>Dekompressionsbetrieb bedeutet, dass radioaktive Stoffe direkt nach au\u00dfen gelangen, wo die Menschen leben.<\/p>\n<p>Es macht mich verr\u00fcckt, wenn ich mir vorstelle, dass das radioaktive Material allm\u00e4hlich ausstr\u00f6mt.<\/p>\n<p>Pressekonferenz des Premierminister Edano: &#8222;Es gibt keine Kernschmelze. Falls es zu einer Explosion kommt, wird es keinen Einfluss auf die Situation der Bewohner haben.&#8220; (Earthquake Information Nuclear and Industrial Safety Agency)<\/p>\n<h3>Montag, der 14. M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>Die Brennst\u00e4be von Reaktor 2 liegen frei. Es besteht die M\u00f6glichkeit einer Kernschmelze. Um 11:01 Uhr kommt es zu einer Wasserstoffexplosion in Reaktor 3. (Asahi.com, 14. M\u00e4rz 2011).<\/p>\n<p>Endlich konnte ich mit meiner Familie telefonieren. Meine Eltern konnten wieder ihren Computer und das Internet benutzen. Um 6.00 Uhr japanischer Zeit konnte ich endlich die Gesichter meiner ganzen Familie \u00fcber Skype sehen. Sie waren OK und unverletzt, obwohl sie ausgemergelt aussahen. Ich war von Herzen erleichtert in die Gesichter von ihnen allen schauen zu k\u00f6nnen. Ich wollte zu ihnen gehen. Ich hatte geh\u00f6rt, dass im Haus kaputte T\u00f6pfe und Geschirr zerstreut herumlagen.<\/p>\n<p>Das Haus meiner Schwester hatte Risse bekommen. In vielen Gebieten gab es keinen Strom. Man konnte kein Benzin kaufen. Der Boden war rissig, das Wasser au\u00dfer Betrieb. Um Lebensmittel zu kaufen, musste man im Supermarkt mehrere Stunden in einer Schlange anstehen, auch Familien mit Kindern. Es gab st\u00e4ndig Nachbeben, die den Menschen Angst machten. Man konnte nachts nicht gut schlafen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich machte das Ungl\u00fcck im AKW meinem Vater Sorge. Meine Familie sah gerade mit angehaltenem Atem die Nachrichten.<\/p>\n<p>Ich fragte, ob sie sich so weit weg wie m\u00f6glich vom AKW in Sicherheit bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mein Vater sagte erst: &#8222;Die Regierung evakuiert nur im Umkreis von 20 km, nicht 65 km entfernt. Fukushima-City ist noch ok, deswegen haben wir uns noch keine Gedanken gemacht.&#8220;<\/p>\n<p>Offenbar wird in Japan nicht alles in den Nachrichten berichtet. Was z.B. durch die Explosion passiert, wie hochradioaktive Stoffe freigesetzt werden, und welche Auswirkungen diese auf den menschlichen K\u00f6rper haben. Die Explosion, die Freisetzung radioaktiver Gase in die Umwelt, die unterschiedlichen Reaktionen auf das Geschehen in Japan und Deutschland verwirren mich. Mein Vater erhob sich schwer und nahm schlie\u00dflich eine Karte.<\/p>\n<p>&#8222;Wohin w\u00fcrden wir gehen?&#8220; murmelte er.<\/p>\n<p>Meine Schwester lief herum, sie f\u00fcllte so viel Wasser wie m\u00f6glich in einen Eimer, packte Lebensmittelkonserven und murmelte: &#8222;Wir machen was wir machen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Nachdem ich aufgelegt hatte, wurde mein Kopf neblig vor Sorge und Angst. Geht nur bitte, bitte so weit wie m\u00f6glich weg. Ich konnte nur beten, dass alle Menschen in Fukushima der Gefahr entgehen w\u00fcrden.<\/p>\n<h3>Dienstag, der 15. M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>06:14 Uhr: Ein Teil des Reaktorbeh\u00e4lters von Reaktor 2 wurde durch eine Explosion besch\u00e4digt. 09:38 Uhr: In Reaktor 4 kommt es zu einer Wasserstoffexplosion. Insgesamt kam es in 3 Kernreaktoren zu Explosionen. 10:22 Uhr: TEPCO meldet, dass in einer Messung eine Strahlendosis von 400 mSv pro Stunde (400.000\u00ecSv) gemessen wurden. (Asahi.com, 15. M\u00e4rz 2011)<\/p>\n<p>11:00 Uhr: Anweisung zur Evakuierung von 136.000 Bewohnern im Radius von 20-30 km um das Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi. (Earthquake Information Nuclear and Industrial Safety Agency)<\/p>\n<p>Um 3:00 Uhr japanischer Zeit bekam ich einen Anruf von meinem Neffen. Eilig sagte er: &#8222;Wir haben entschieden, dass die ganze Familie zu Omas Haus in der Pr\u00e4fektur Iwate flieht. Es gibt aber kein Benzin. Wir werden mit einer Pumpe Benzin von anderen Autos zusammenkratzen. Wir werden dir Bescheid sagen, wenn wir gut angekommen sind.&#8220; Nur mein Schwager blieb zur\u00fcck in Fukushima-City.<\/p>\n<p>Meine Mutter erz\u00e4hlte mir \u00fcber ihre Entscheidung zu fliehen. Ihr Cousin, der in einem AKW arbeitete, versuchte seit Tagen sie anzurufen. Er machte sich Sorgen um die Familie in Fukushima. Aber wegen des Erdbebens konnte er sie nicht erreichen. Erst heute kam er endlich telefonisch durch. Er meinte, die Informationen, Daten und Nachrichten von der Regierung w\u00e4ren besch\u00f6nigend. Die Situation sei schlimmer, als man es sich vorstellen k\u00f6nnte. &#8222;Ihr sollt sofort so weit wie m\u00f6glich fliehen.&#8220; Erst durch ihn, der in einem AKW arbeitet, hat meine Familie endlich erkannt, dass jetzt tats\u00e4chlich ein Notstand herrscht. Sie fingen an dar\u00fcber nachzudenken, wie man aus Fukushima-City entkommen k\u00f6nnte. Die Stra\u00dfen waren zerst\u00f6rt und man konnte kein Benzin kaufen. Deshalb beschlossen sie gemeinsam in dem achtsitzigen Auto meiner Schwester zu fahren. An diesem Nachmittag regnete es heftig in Fukushima. Mein Vater und mein Schwager bereiteten das Auto im starken Regen vor. Obwohl sie Regenm\u00e4ntel trugen waren sie v\u00f6llig durchn\u00e4sst.<\/p>\n<p>Meine Familie brachte alle ihre Autos an einen Ort um das Benzin mit einer Pumpe in ein Auto umzuleiten. Meine Familie, das sind mein Vater, meine Mutter, zwei Schwestern und ihr Ehemann. Beide haben je zwei Kinder. Das alleine sind schon 9 Personen. Plus zwei Hunde.<\/p>\n<p>Sie fragten auch einen 80j\u00e4hrigen Onkel, der in der N\u00e4he lebte, ob er auch mitkommen wollte. Aber er sagte er wolle nirgendwo anders hingehen: &#8222;Auch wenn noch mehr AKWs explodieren, lieber sterbe ich in Fukushima.&#8220; Sie hatten keine Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che mit Freunden und Nachbarn. Der Mann meiner \u00e4lteren Schwester sagte: &#8222;Ich kann meine Arbeit nicht wegwerfen. Wenn ich zur\u00fcckkehre verliere ich meine Arbeitstelle.&#8220; Ich versuchte ihn zu \u00fcberzeugen, zusammen mit den Anderen zu fliehen, aber es klappte nicht.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Norden holten sie noch den 7-j\u00e4hrigen Sohn meiner Cousine ab und fuhren dann weiter in die Pr\u00e4fektur Iwate, ca. 300 km n\u00f6rdlich von Fukushima-City, wo Gro\u00dfmutter und ihre Familie wohnen.<\/p>\n<p>Ich hoffte, dass sie gut dort ank\u00e4men. An diesem Tag wurden die h\u00f6chsten Werte der Strahlenbelastung in Fukushima gemessen. Und der Wind wehte in Richtung Nordwesten.<\/p>\n<p>&#8222;Fahrt so schnell wie m\u00f6glich. Ohne auf dem Weg anzuhalten um unversehrt davonzukommen. Lasse sie genug Benzin haben&#8220;, betete ich.<\/p>\n<p>Nach elf Stunden schrieb meine Schwester mir eine E-Mail aus Iwate: &#8222;gut angekommen. Hier gibt es eine sch\u00f6ne Schneelandschaft.&#8220; Die Spannung l\u00f6ste sich und ich setzte mich auf den Boden.<\/p>\n<p>Es regnete heftig in ganz Fukushima. Der Wind wehte nach Nordwest. Dadurch wurden hochradioaktive Stoffe weit verteilt, in Richtung Fukushima-City. Wenn die Werte, die die Regierung melden lie\u00df, korrekt sind, dann lag die r\u00e4umliche Strahlendosis in Fukushima-City, 65 km entfernt vom AKW, um 15:00 Uhr bei 0.10\u00ecSv, aber um 17:00 Uhr bereits bei 20.00\u00ecSv. (Teil 11, \u00dcberwachung der Umweltradioaktivit\u00e4t, Messungen der Regierung von Japan. Aber diese Informationen wurden erst nach \u00fcber einer Woche freigegeben.<\/p>\n<p>Von meiner Schwester h\u00f6rte ich sp\u00e4ter, dass in Fukushima-City die Menschen stundenlang mit den Kindern drau\u00dfen standen um Lebensmittel zu kaufen.<\/p>\n<p>Nach dem Erdbeben wollten die Leute ihre Kinder nicht alleine zu Hause lassen. W\u00e4hrend der Kernschmelze und den aufeinander folgenden Explosionen, an drei Tagen mit hoher Strahlendosis. Die Regierung verschwieg ihnen die Wahrheit.<\/p>\n<p>Wenn die Leute wenigstens den ganzen Tag im Haus h\u00e4tten bleiben k\u00f6nnen, dann w\u00e4re die Dosis ein bisschen geringer gewesen.<\/p>\n<h3>Montag, 21. M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>&#8222;Radioaktive Stoffe \u00fcberschreiten die Grenzwerte in der landwirtschaftlichen Ernte&#8230; keine Auswirkungen auf die Gesundheit.&#8220; In Rohmilch und Gem\u00fcse aus f\u00fcnf Pr\u00e4fekturenim Nordosten der Kanto-Region , z.B. Ibaraki und Fukushima, wurden radioaktive Stoffe \u00fcber den gesetzlichen Grenzwerten der Regierung festgestellt. (Nikkei.com am 21. M\u00e4rz 2011)<\/p>\n<h3>Dienstag, 22 M\u00e4rz 2011<\/h3>\n<p>&#8222;Radioaktive Stoffe in Regen detektiert&#8230;keine Auswirkungen auf die Gesundheit.&#8220;<\/p>\n<p>Hohe Werte an radioaktivem Jod. Durch Kontakt mit Regenwasser gibt es keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit. (Yomiuri Online, 22. M\u00e4rz 2011)<\/p>\n<p>Ich erfuhr durch eine Nachricht meiner Mutter auf meinem Anrufbeantworter, dass sie wieder in ihre Heimat zur\u00fcckgekehrt waren. Die ganze Familie kam schon zur\u00fcck nach Hause, nach Fukushima-City.<\/p>\n<p>Ich konnte meine \u00dcberraschung nicht verbergen. Es stimmt, meine Gro\u00dfmutter lebt nicht allein, sondern mit ihrem Sohn und seiner Familie zusammen. Zehn weitere Personen k\u00f6nnen nicht so lange Zeit dort bleiben. Es gibt zu wenig Platz.<\/p>\n<p>Sicherlich gibt es auch andere famili\u00e4re und private Gr\u00fcnde. Man kann dort nicht in die Schule oder arbeiten gehen.<\/p>\n<p>Eine Woche kann man maximal bleiben. Dennoch wollte ich glauben, dass sie nur vor\u00fcbergehend zur\u00fcckgekehrt sind und die Kinder irgendwo anders hinbringen. Aber meine 10 und 15 Jahre alten Neffen und meine 18-j\u00e4hrige Nichte, schienen entschlossen zu sein, zu Hause in Fukushima-City zu bleiben. Aus einer anderen Sicht, von weit weg, kann man das wahrscheinlich nicht glauben und man fragt sich &#8222;warum&#8220;?<\/p>\n<p>Ich konnte es auch nicht glauben. Aber wenn man nur die japanischen Nachrichten sieht und japanische Zeitungen liest, dann denken wahrscheinlich viele Leute wie meine Familie.<\/p>\n<p>Die Strahlungswerte, die jeden Tag von der Regierung gemeldet wurden, sanken. In den Nachrichten wurde mit Nachdruck vermittelt, dass es keine besorgniserregenden Auff\u00e4lligkeiten g\u00e4be. Ein Professor der Universit\u00e4t Nagasaki, der als Berater f\u00fcr das gesundheitliche Risikomanagement von Strahlung in der Pr\u00e4fektur Fukushima t\u00e4tig ist, sagte mit voller \u00dcberzeugung in den Medien: &#8222;100 Millisievert pro Jahr sind kein Problem.&#8220;<\/p>\n<p>Meine Mutter hatte von einem Bekannten, der Arzt f\u00fcr Radiologie ist, geh\u00f6rt, dass er durch seine Arbeit selbst eine Menge Strahlung bekomme. Das sei aber \u00fcberhaupt kein Problem. Er lasse sogar seine Kinder so normal wie fr\u00fcher in Fukushima leben. Wenn ich mir vorstelle, dass die Leute in Japan so was h\u00f6ren, dann bin ich schockiert.<\/p>\n<p>Die Zahl der Fl\u00fcchtlinge erreichte am 12. M\u00e4rz 2011 einen Spitzenwert von etwa 132.540 Menschen. Danach verringerte sich die Zahl.<\/p>\n<p>Am 9. April 2011 befanden sich innerhalb und au\u00dferhalb der Pr\u00e4fektur Fukushima etwa 44.700 Menschen in Evakuierung. (Fukushima Minpo Zeitung, 10. April 2011)<\/p>\n<h3>Dienstag, der 12. April 2011<\/h3>\n<p>Am 12. April hat die Atomsicherheitskommission von Japan verk\u00fcndet, dass der gr\u00f6\u00dfte anzunehmende Unfall in Fukushima eingetreten ist.<\/p>\n<p>(asahi.com, 12. April 2011)<\/p>\n<p>Bis heute habe ich diesen Schock nicht \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Mein Kopf war total leer. Mein Herz ist wie von schwarzem Teer gef\u00fcllt. Die Regierung, die sonst alle Daten versteckt, erkl\u00e4rte \u00f6ffentlich, dass der nukleare Unfall in Fukushima genauso ernst ist wie einst in Tschernobyl.<\/p>\n<p>Wenn ich mir vorstelle wie viel radioaktives Material bis jetzt freigesetzt worden ist und noch freigegeben wird&#8230; Es ist einfach zu schrecklich.<\/p>\n<h3>Dienstag, der 19. April 2011<\/h3>\n<p>Als Antwort auf den nuklearen Unfall in Fukushima-Dai-ichi, erlie\u00df das Ministerium f\u00fcr Bildung am 19. Januar eine erste Erkl\u00e4rung \u00fcber die Verwendung von Grundschulen und Kinderg\u00e4rten in der Pr\u00e4fektur Fukushima. Die zu erwartende j\u00e4hrliche Belastung (Exposition) ist zu ermitteln. An Schulen oder Spielpl\u00e4tzen darf diese nicht mehr als 20 mSv betragen, bzw. nicht mehr als 3,8 Mikro-Sievert pro Stunde. Aktivit\u00e4ten im Freien sind einzuschr\u00e4nken. 20 mSv sind die Obergrenze f\u00fcr die j\u00e4hrliche externe Strahlenexposition der Bev\u00f6lkerung (asahi.com, 20. April 2011).<\/p>\n<p>Die j\u00e4hrliche externe Strahlenexposition der Bev\u00f6lkerung war gesetzlich auf maximal 1 mSv festgelegt ((*)). Jetzt wurde sie auf 20 mSv erh\u00f6ht. Wie kann man einen Grenzwert um das 20-fache erh\u00f6hen? Auch f\u00fcr kleine Kinder? Nur durch diese Ma\u00dfnahme konnte eine Reihe von Schulen und Spielpl\u00e4tzen freigegeben werden. Die Kinder wissen nichts und spielen drau\u00dfen. In Tschernobyl wurden Gebiete mit einer j\u00e4hrlichen Dosis von 5 mSv evakuiert. Der Grenzwert in Fukushima ist viermal so hoch.<\/p>\n<p>Professor Kosako (61), von der University of Tokyo und Berater des Kabinetts, k\u00fcndigte am 29. Juni auf einer Pressekonferenz in Tokyo an, als Berater zur\u00fcckzutreten. Prof.<\/p>\n<p>Kosako kritisierte, dass die Ma\u00dfnahmen der Regierung nach dem nuklearen Unfall in Fukushima-Dai-ichi Gesetze und Richtlinien missachten, und behelfsm\u00e4\u00dfig seien. Vor allem die Anhebung der Grenzwerte der j\u00e4hrlichen Strahlenexposition auf 20 mSv an Schulen und Spielpl\u00e4tzen durch das Ministerium f\u00fcr Bildung kritisiert er heftig. &#8222;Das ist eine erstaunlich hohe Zahl. Wenn ich das akzeptiere, bedeutet es das Ende meines wissenschaftlichen Lebens. Ich m\u00f6chte meine Kinder auf keinen Fall in solch einer Situation lassen&#8220;, sagte er. (asahi.com, 20 April 2011)<\/p>\n<h3>Donnerstag, der 21. April 2011<\/h3>\n<p>Der Bereich bis 20 km um das AKW Fukushima Dai-ichi wird zur Sperrzone. Durchgang verboten. (Earthquake Information Nuclear and Industrial Safety Agency)<\/p>\n<h3>Freitag, der 22. April 2011<\/h3>\n<p>Festsetzen neuer geplanter Evakuierungszonen. Weil die kumulative Dosis von 20mSv pro Jahr nach dem Unfall erreicht wird, z.B. im Dorf Iitate, muss innerhalb eines Monats Zuflucht in einem anderen Ort gesucht werden.<\/p>\n<p>(Homepage der &#8222;Earthquake Information Nuclear and Industrial Safety Agency&#8220; vom 22. April 2011).<\/p>\n<p>Iitate ist ein Dorf in dem 6.000 Menschen wohnten. Es liegt ca. 40 km nordwestlich von Fukushima Dai-ichi entfernt.<\/p>\n<p>Als eine regionale Spezialit\u00e4t bekannt sind die Rinder von dort. Viele Bewohner und Bewohnerinnen von Iitate versuchten im Einklang mit der Natur zu leben. Es gab dort viele \u00f6kologische Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Iitate war ein Modelldorf f\u00fcr \u00d6ko-H\u00e4user. Ziel war es, die Kohlendioxidproduktion zu halbieren. Aber jetzt ist das Dorf radioaktiv kontaminiert worden, man kann dort nicht mehr wohnen. Was f\u00fcr eine Ironie. Mehr als einen Monat waren die umweltbewussten Bewohnerinnen und Bewohner hoher Strahlung ausgesetzt. Sie haben das Fleisch und Gem\u00fcse aus eigenem Anbau gegessen und Wasser aus dem Dorf getrunken. Jetzt ist daraus eine Evakuierungszone geworden.<\/p>\n<h3>Dienstag, der 14. Juni 2011<\/h3>\n<p>Wegen des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi hat ein m\u00e4nnlicher Landwirt (50 Jahre) in Soma, Pr\u00e4fektur Fukushima, Selbstmord begangen. Der Mann wurde am 11. Juni erh\u00e4ngt in einer H\u00fctte gefunden. Mit wei\u00dfer Kreide stand an die Wand des Schuppens geschrieben: &#8222;Ich habe die Energie f\u00fcr die Arbeit verloren&#8220;, &#8222;Lasst nicht zu, dass auch andere Milchbauern verstrahlt werden.&#8220; (Yomiuri Online, 14. Juni 2011)<\/p>\n<p>Meine Mutter, sie ist Krankenschwester, besuchte ein Fl\u00fcchtlingslager in Fukushima, weil sie den Leuten dort helfen wollte. Dort lebten 500 Menschen, die aus Minamisoma evakuiert wurden. Nachdem sie mit vielen Leuten gesprochen hatte, war ihr Eindruck, dass niemand denkt, sie k\u00f6nnten niemals mehr in ihre Heimat zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Dort sa\u00df auch eine alte Frau mit nach unten geneigtem Kopf. Meine Mutter fragte: &#8222;F\u00fchlen Sie sich schlecht? Ist alles in Ordnung?&#8220; Sie antwortete: &#8222;Ich habe meine Kuh zur\u00fcckgelassen. Ich kann nicht l\u00e4nger warten. Ich will sofort wieder nach Hause gehen.&#8220;<\/p>\n<p>In Fukushima wollen die Menschen wahrscheinlich gar nicht wissen, wie gef\u00e4hrlich die Strahlung und der Unfall tats\u00e4chlich sind. Still sein und schweigen ist ein Gebot der Stunde. Denn wenn sie diese Informationen h\u00e4tten, verl\u00f6ren sie die Lebenskraft. Sie m\u00f6chten h\u00f6ren, dass alles in Ordnung ist. Denn wie k\u00f6nnten sie mit der Wahrheit morgen weiter leben?<\/p>\n<p>Von den Menschen in Fukushima glauben viele, es sei wichtig, die Reste der lokalen Gemeinschaft zu erhalten. Wenn ich mit ihnen telefoniere, dann verschlucke ich die Worte: &#8222;Warum lebt ihr noch dort? Bitte zieht weg von dort&#8220;.<\/p>\n<p>Dies liegt daran, dass jeder verzweifelt ist. Sie versuchen verzweifelt den Ort irgendwie bewohnbar und lebenswert zu machen. Viele Menschen in Fukushima sagen: &#8222;Wir versuchen erst alles, wie die Reinigung des kontaminierten Landes. Und wenn es dann trotzdem nicht geht, dann m\u00fcssen wir wahrscheinlich fl\u00fcchten.&#8220;<\/p>\n<p>Aus der Ferne kann man vielleicht sagen, Fukushima ist nicht mehr bewohnbar. Einige denken, die Leute sollten fl\u00fcchten. Leben in Angst und Sorge um Nahrung, Wasser und Boden. Wie kann man \u00fcber viele Jahre den Stress aushalten? An solch einem Ort m\u00f6chte man nicht wohnen. Ich denke, es ist bei mir genau so. Ich w\u00fcrde weit weg von Fukushima ziehen.<\/p>\n<p>Aber ist das wirklich so einfach?<\/p>\n<h3>Freitag, der 1. Juli 2011<\/h3>\n<h3>&#8222;Selbstm\u00f6rderin im Bereich der geplanten Evakuierungszone&#8220;<\/h3>\n<p>Am Nachmittag wurde die Leiche einer 58 j\u00e4hrigen Frau auf einer Brandst\u00e4tte im Feld in der Stadt Kawamata (Pr\u00e4fektur Fukushima) gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass sie sich selbst verbrannt hat, weil sie in Folge des nuklearen Unfalls ihre Arbeit verloren hat. (NHK, 1. Juli 2011)<\/p>\n<p>Was tun Sie mit einem neuen Haus auf dem noch Schulden liegen und das man nicht mehr verkaufen kann? Kann man einfach irgendwohin umziehen?<\/p>\n<p>Aber wohin? An einen Ort wo Sie keine Freunde und Bekannten haben? Finden Sie dort eine neue Arbeit. Was ist mit der Altersgrenze? Was f\u00fcr eine Arbeit? Ist das gleiche Gehalt m\u00f6glich? K\u00f6nnen Ihre Kinder auf eine neue Schule gehen? Werden die Kinder dort diskriminiert werden?<\/p>\n<p>Ein Mann aus Fukushima ist wegen seiner Arbeit in die Pr\u00e4fektur Shizuoka gefahren und wollte tanken. An der Tankstelle hing ein Schild: &#8222;Wir lehnen Leute aus Fukushima ab.&#8220;<\/p>\n<p>Anderen wurde die Bedienung in Restaurants und Hotels verweigert. (Fukushima Minpo Zeitung 9. April 2011)<\/p>\n<p>Enge Freunde von mir in Fukushima erz\u00e4hlten: &#8222;Ein Sch\u00fcler ging mit einer Tasche, auf der &#8218;Fukushima Highschool&#8216; stand, nach Tokyo. Dort haben andere Jugendliche ihn beschimpft: &#8218;Komm nicht nach Tokyo. Infizier uns nicht mit Radioaktivit\u00e4t.'&#8220;<\/p>\n<p>Nach dem Wechsel an neue Schulen, so habe ich geh\u00f6rt, gibt es Mobbing und Diskriminierung. Die anderen Kinder denken, Radioaktivit\u00e4t sei ansteckend. F\u00fcr diejenigen, die gezwungen sind an eine neue Schule zu gehen, ist der Stress kaum auszuhalten.<\/p>\n<p>Eine Flucht kann auch das Verh\u00e4ltnis zwischen den Bewohnern verschlechtern. Menschen werden voneinander getrennt. Manchmal gehen die Meinungen zwischen verheirateten Paaren auseinander und Risse entstehen in der Beziehung. Leute, die fl\u00fcchten, werden als &#8222;Feiglinge!&#8220; verurteilt und beschimpft: &#8222;L\u00e4ufst du einfach so weg?!&#8220; Die Region hat ein starkes Gef\u00fchl von Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Nach dem Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Dai-ichi TEPCO wurden in einer Studie der Regierung die Schilddr\u00fcsen von mehr als 1.000 Kindern in der Pr\u00e4fektur Fukushima untersucht. Bei fast der H\u00e4lfte der Kinder wurde radioaktives Jod festgestellt. (NHK 13. August 2011)<\/p>\n<p>Aber dennoch, Kinder sollen um jeden Preis fl\u00fcchten. Ich habe eine 3-j\u00e4hrige Tochter. Ich kann mein Kind nicht mit solch einem Risiko leben lassen. Ich muss mein Kind besch\u00fctzen. Andere Eltern mit Kindern haben sicherlich die gleiche Idee. Wenn nach f\u00fcnf Jahren Schilddr\u00fcsenkrebs auftritt, dann ist es zu sp\u00e4t. Dann denke ich, ich h\u00e4tte nicht mit meinem Kind in den Bergen spazieren gehen sollen. Ich h\u00e4tte mein Kind kein Leitungswasser trinken lassen sollen. Ich h\u00e4tte mein Kind nicht in der Schule essen lassen sollen. Ich h\u00e4tte mein Kind nicht l\u00e4ngere Zeit drau\u00dfen Sport machen lassen sollen. Was machen Sie, wenn das Kind sp\u00e4ter krank wird? Wenn Sie dann weinen ist es zu sp\u00e4t.<\/p>\n<h3>Wir m\u00fcssen jetzt sofort eine Entscheidung f\u00fcr unser Leben treffen<\/h3>\n<p>Akzeptieren Sie die Gefahr schwerer Krankheiten, und bleiben sie in ihrer Heimat?<\/p>\n<p>Oder geben Sie ihr Haus und Land auf?<\/p>\n<p>Aber warum m\u00fcssen wir diese schmerzvolle Wahl treffen?<\/p>\n<p>Was uns zu solch einer schwierigen Entscheidung zwingt ist ein Atomkraftwerk! Wegen eines AKWs werden die Menschen aus Fukushima geopfert. G\u00e4be es keine AKW, m\u00fcssten wir nicht solche Entscheidungen in unserem Leben treffen.<\/p>\n<p>Fukushima ist keine ausged\u00f6rrte W\u00fcste. Es ist auch kein flaches Land wo niemand wohnt. Es gibt dort Berge mit \u00fcppigen reichen W\u00e4ldern, fruchtbare B\u00f6den reich an Obst und Gem\u00fcse, Rinder- und Pferdeweiden. Auf einer Fl\u00e4che von 13.782 Quadratkilometern leben hier 2.000.000 Menschen.<\/p>\n<p>Langsam erkennen wir die unvorstellbare Ausbreitung der radioaktiven Kontamination.<\/p>\n<p>Sieben Monate nach Beginn der Katastrophe wurde auf einer Karte, herausgegeben von der Regierung der Pr\u00e4fektur Fukushima, die Ausbreitung der Kontaminationen ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Aus dem Dorf Iitate wurde die Entdeckung von Plutonium gemeldet. Deutsche und japanische Experten sagten immer Plutonium k\u00f6nnte nicht so weit fliegen, weil es schwer ist. Es wurde jedoch in diesem Dorf 45 km vom Atomkraftwerk entfernt entdeckt. Was f\u00fcr f\u00fcrchterliche Dinge werden noch gefunden? Ich m\u00f6chte fast die Augen zumachen, und die Ohren zuhalten.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Strahlung sollen seit Oktober 2011 in einer Gesundheitsbefragung aller 2.000.000 Einwohner der Pr\u00e4fektur Fukushima erforscht werden. Bei 360.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren werden die Strahlendosis gemessen und Schilddr\u00fcsenkrebs-Tests durchgef\u00fchrt, um die Strahlendosis und ihre Auswirkung ab dem Tag des Erdbebens im Laufe ihres Lebens zu ermitteln.<\/p>\n<h3>Wer hat den Bau der AKWs erlaubt?<\/h3>\n<p>Wer ist verantwortlich? Wer hat die Etablierung von AKWs angetrieben? Wie kann man diese unglaublich gef\u00e4hrlichen AKWs genehmigen?!<\/p>\n<p>Wenn das Atomkraftwerk weit weg vom eigenen Haus ist, f\u00fchlt es sich dann sicher an?<\/p>\n<p>Wenn man Strom hat, ist es dann in Ordnung? Wenn Ihr Land sich entwickelt, sind Sie dann gl\u00fccklich? Das Wasser und die Erde sind schon verseucht. Es ist zu sp\u00e4t. Auch die DNA ist gesch\u00e4digt. Ab jetzt werden immer mehr Menschen krank.<\/p>\n<p>Wer ist f\u00fcr dieses Verbrechen verantwortlich?<\/p>\n<p>In einer unvorstellbaren Gr\u00f6\u00dfenordnung wird das Leben vieler Menschen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der Stich im Herz und diese Wirklichkeit. Ich will, dass so viele Leute wie m\u00f6glich erkennen, was so ein GAU f\u00fcr Auswirkungen hat. Menschen, die weit entfernt leben, denken ihr Leben hat nichts mit Atomkraft zu tun. Ich m\u00f6chte, dass genau diese Leute vom Schmerz und dem Leid der Menschen in Fukushima wissen.<\/p>\n<p>Wer wird der oder die N\u00e4chste sein?<\/p>\n<p>Jeden kann es treffen.<\/p>\n<p>Diese Trag\u00f6die kann \u00fcberall geschehen. Und wenn es passiert, dann ist der Schaden irreparabel. Radioaktive Kontamination verschwindet nicht nach mehreren Jahrzehnten oder nach Hunderten Jahren.<\/p>\n<p>Bitte versuchen Sie, die Kosten f\u00fcr das Leben zu berechnen.<\/p>\n<p>Denken Sie an sich selbst. Denken Sie an Ihr Kind. Denken Sie an ihre wichtige Familie.<\/p>\n<h3>Sicherheit von Atomkraftwerken?<\/h3>\n<p>Die gibt es nicht. Wenn Sie anderer Meinung sind, zeigen Sie uns, wo es 100% sichere Atomkraft in der Welt gibt.<\/p>\n<h3>26. April 1986 in Tschernobyl und 11. M\u00e4rz 2011 in Fukushima<\/h3>\n<p>Was haben die Menschen w\u00e4hrend der vergangenen 25 Jahre getan?<\/p>\n<p>Bevor es zu sp\u00e4t ist, bevor die gleiche Katastrophe noch einmal passiert, was k\u00f6nnen wir noch weiter tun?<\/p>\n<p>Meine Heimat und ihre Kinder wurden geopfert. Wenn man daraus nichts gelernt hat, dann gibt es keine Hoffnung mehr.<\/p>\n<p>Ich bitte alle Menschen, die Opfer nicht zu vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier in Deutschland, 9.000 km von Japan entfernt, f\u00fchlt sich f\u00fcr mich das Ungl\u00fcck vor etwa einem Jahr wie ein Ereignis aus der Vergangenheit an. Oder sogar als sei es eigentlich gar nicht passiert. Solange ich hier bin, kann ich es vielleicht verdr\u00e4ngen. 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