{"id":11207,"date":"2012-03-01T00:00:24","date_gmt":"2012-02-29T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11207"},"modified":"2022-07-26T14:22:32","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:32","slug":"atomtransporte-quer-durch-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/atomtransporte-quer-durch-die-welt\/","title":{"rendered":"Atomtransporte quer durch die Welt"},"content":{"rendered":"<h3>Wer transportiert was wohin?<\/h3>\n<p>Um \u00fcberhaupt Atomstrom produzieren zu k\u00f6nnen, wird Uran abgebaut, wie z.B. in Kasachstan, Australien, Kanada und verschiedenen L\u00e4ndern Afrikas. Meist in der N\u00e4he der Abbauorte wird es in Uranm\u00fchlen zu Uranerzkonzentrat (sogenanntem Yellow Cake) verarbeitet. Dann wird es verschifft und in eine der vier Konversionsanlagen in Frankreich, Gro\u00dfbritannien, den USA oder Kanada gebracht. Diese Transporte erfolgen in normalen Containern.<\/p>\n<p>Z.B. transportiert die Firma Hapag-Llyod regelm\u00e4\u00dfig Uranerzkonzentrat von S\u00fcdafrika und Australien nach Narbonne in Frankreich. Dabei wird die radioaktive Fracht in Bremerhaven vom Schiff auf Z\u00fcge umgeschlagen. ((1))<\/p>\n<p>In den Konversionsanlagen wird das Uran in Uranhexafluorid (UF6) umgewandelt, welches in Urananreicherungsanlagen auf einen Gehalt von 3-5% radioaktivem Uran angereichert wird.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Anlagen stehen in Pierrelatte (Frankreich), Almelo (Niederlande) und Gronau. \u00dcber die Transporte zwischen Konversion und Anreicherung ist nicht viel bekannt, da sie als schwachradioaktive Transporte gelten und deshalb nicht einzeln vom Bundesministerium f\u00fcr Strahlenschutz (BfS) genehmigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Weiter in der Produktionskette geht es mit den Brennelementefabriken. Die einzige deutsche befindet sich in Lingen.<\/p>\n<p>Sie ist im Besitz des franz\u00f6sischen Atomkonzerns Areva.<\/p>\n<p>Aber der Gro\u00dfteil des angereicherten Urans aus Gronau geht nicht etwa in das nahe Lingen, sondern wird exportiert, unter anderem in die USA, S\u00fcdkorea, Brasilien und Frankreich ((2)).<\/p>\n<p>Daf\u00fcr importiert die Brennelementefabrik in Lingen das angereicherte Uran, oft in Form von Uranoxid, unter anderem aus Russland oder Schweden. Die Transporte aus Russland werden von der Northern Shipping Company durchgef\u00fchrt, \u00fcber die H\u00e4fen in St. Petersburg und Hamburg ((3)) und dann per LKW (meist mit der Spedition Kieserling aus der N\u00e4he von Hamburg). Die Transporte aus Schweden erfolgen per LKW \u00fcber normale Personenf\u00e4hren der Reederei Scandlines \u00fcber die Strecke Trelleborg-Rostock. ((4))<\/p>\n<p>Die produzierten Brennst\u00e4be werden in Atomkraftwerke gebracht. Von der Fabrik in Lingen werden alle deutschen Atomkraftwerke beliefert, sowie einige franz\u00f6sische, belgische, niederl\u00e4ndische und schwedische. ((5))<\/p>\n<p>Werden die abgebrannten Brennst\u00e4be wiederaufgearbeitet und Mischoxid-Brennst\u00e4be (MOX) mit Plutonium produziert (z.B. in Sellafield), so fallen auch hier wieder Transporte an &#8211; und bei Plutonium sind bereits winzigste Mengen t\u00f6dlich. Aktuell drohen MOX-Transporte von Sellafield \u00fcber belgische H\u00e4fen quer durch NRW zum AKW Grohnde.<\/p>\n<p>Bei jedem Produktionsschritt f\u00e4llt radioaktiver Abfall an. Dieser wird meist durch die Gegend transportiert, um zu suggerieren, das Atomm\u00fcllproblem w\u00e4re gel\u00f6st. Beispielsweise wurde bis 2009 abgereichertes Uran aus Gronau als Wertstoff deklariert und nach Russland exportiert. Jetzt wird es nach Pierrelatte (Frankreich) gebracht und von dort mit der Bahn als Uranoxid (U3O8) nach Gronau, zur Zwischenlagerung, zur\u00fcckgebracht.<\/p>\n<p>Das Anfangsst\u00fcck wird von der Bentheimer Eisenbahn transportiert. Danach \u00fcbernimmt die deutsche Bahn &#8211; auf zum Teil abenteuerlichen Transportwegen.<\/p>\n<p>Beobachtet wurde eine Abfahrt in Gronau, Umkoppeln und zweimalige Durchfahrt in M\u00fcnster, Fahrt nach Bad Bentheim mit 5,5 st\u00fcndigem Aufenthalt und zuletzt eine Durchfahrt in Osnabr\u00fcck. ((6)) \u00dcber die weitere Fahrtroute ist nichts bekannt. Das ist alles, aber nicht der direkte Weg.<\/p>\n<p>Allein 2011 fuhren 69 Atomm\u00fcllcontainer mit schwach- und mittelradioaktivem M\u00fcll von den Atomm\u00fcllkonditionierungsanlagen in J\u00fclich und Duisburg in das Zwischenlager in Ahaus. Die Castortransporte mit hochradioaktivem Material sind allen bekannt.<\/p>\n<h3>Gefahren und Sicherheitsvorkehrungen<\/h3>\n<p>Atomtransporte sind gef\u00e4hrlich &#8211; nicht nur ein Atomkraftwerk kann explodieren, auch ein Schiff untergehen oder ein LKW verungl\u00fccken. Zudem strahlt die radioaktive Fracht, Urantransporte sind deutlich messbar und jede Strahlung ist gesundheitssch\u00e4dlich.<\/p>\n<p>Besonders gef\u00e4hrlich sind die Transporte mit Uranhexafluorid, da dieses mit Wasser zu Flusss\u00e4ure reagiert &#8211; die normale Luftfeuchtigkeit reicht da aus. Flusss\u00e4ure ist stark \u00e4tzend und frisst sich zun\u00e4chst ohne gr\u00f6\u00dfere sichtbare Sch\u00e4den in die Haut, in tieferen Schichten entstehen schwere Ver\u00e4tzungen, Gewebe und Knochen werden angegriffen und schon eine kleine Ver\u00e4tzung kann zum Tode f\u00fchren. Bei einem Unfall mit Brand, der zu einer Explosion der Transportbeh\u00e4lter f\u00fchren k\u00f6nnte, m\u00fcssten etwa 5 km Umkreis evakuiert werden, da sich Flusss\u00e4ure \u00fcber die Reaktion mit der Luftfeuchtigkeit sehr schnell verteilt. ((7))<\/p>\n<p>Dabei fahren die Transporte zu jeder Tageszeit durch vollbesetzte Bahnh\u00f6fe. Die wartenden Fahrg\u00e4ste am Gleis werden nicht informiert, wenn der Zug direkt an ihnen vorbei rollt.<\/p>\n<p>Immer wieder kam es bei LKW-Transporten mit Uranhexafluorid zu Unf\u00e4llen, bei denen gl\u00fccklicherweise bisher die Uranhexafluorid-Beh\u00e4lter selber nur leicht besch\u00e4digt wurden.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2010 stoppte die Bremer Polizei einen Lastwagen auf dem Weg zur Urananreicherungsanlage Gronau. Dessen Gestell, auf welchem das Uranhexafluorid transportiert wurde, war teilweise durchgerostet. ((8))<\/p>\n<p>Informiert \u00fcber die Transporte sind meist nur die Speditionen, sowie bei den Transporten mit angereichertem Uran auch das Bundesministerium f\u00fcr Strahlenschutz und die Polizei (also faktisch auch die Innenministerien der Bundesl\u00e4nder).<\/p>\n<p>Die Kommunen und Feuerwehrwachen sind meist nicht \u00fcber die Transporte unterrichtet. Gerade bei der Feuerwehr, die im Falle eines Ungl\u00fccks Katastrophenschutzma\u00dfnahmen einleiten m\u00fcsste, w\u00e4re es wichtig, das Material und den richtigen Umgang damit zu kennen. Die Bev\u00f6lkerung wird nicht informiert.<\/p>\n<h3>Atomtransporte beobachten<\/h3>\n<p>\u00dcber kleine Anfragen an die jeweiligen Landtage ist es je nach Bundesland m\u00f6glich, im Nachhinein Informationen \u00fcber die durchgef\u00fchrten Transporte zu erhalten.<\/p>\n<p>Diese fallen unterschiedlich aus &#8211; in NRW wird manchmal behauptet nichts zu wissen, in Bremen werden die Daten mit den genauen Transportschiffen und Firmen herausgegeben.<\/p>\n<p>\u00dcber sorgf\u00e4ltige Recherchen konnten auch in Hamburg einige Transportfirmen und -schiffe ausgemacht werden.<\/p>\n<p>Die Bundestagsfraktion der Gr\u00fcnen lie\u00df die verschiedenen Anfragen auswerten und kam auf 10.000 Atomtransporte j\u00e4hrlich durch die BRD, die in direktem Zusammenhang mit der Erzeugung von Atomstrom stehen. ((9))<\/p>\n<p>Transporte ausfindig zu machen, Regelm\u00e4\u00dfigkeiten zu entdecken und dagegen aktiv zu werden, erfordert viel Handarbeit und Versuche m\u00f6glichst viel zu beobachten, insbesondere bei Transporten mit schwachradioaktivem Material, da diese nicht jedes Mal vom Bundesministerium f\u00fcr Strahlenschutz genehmigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aktive Gruppen suchen immer wieder Leute, die versuchen Atomtransporte zu beobachten und zu melden, wenn sie zuf\u00e4llig einen auf Stra\u00dfe oder Schiene entdecken. Ein Meldeformular gibt es unter <a href=\"http:\/\/www.urantransport.de\/links\/melden.html\">www.urantransport.de\/links\/melden.html<\/a><\/p>\n<h3>Wie ist ein solcher Transport zu erkennen?<\/h3>\n<p>Alle Transporte m\u00fcssen eigentlich als Gefahrguttransporte gekennzeichnet sein.<\/p>\n<p>Das Radioaktivit\u00e4tszeichen ist allgemein bekannt, bei Uranhexafluorid kommt noch die Kennzeichnung f\u00fcr \u00e4tzend (Reagenzglas mit Hand) hinzu, bei anderen Stoffen &#8222;Fissile&#8220; f\u00fcr spaltbares Material oder ein sterbender Fisch f\u00fcr umweltgef\u00e4hrdend.<\/p>\n<p>Orange Gefahrguttafeln beschreiben genau die Gefahren und den transportierten Stoff. Dabei steht eine 7 in der oberen Zahlenreihe f\u00fcr radioaktiv, eine 8 f\u00fcr \u00e4tzend, unten steht eine vierstellige Zahl, die den Stoff kennzeichnet, z.B. 2978 f\u00fcr Uranhexafluorid.<\/p>\n<p>Radioaktive Stoffe sind welche mit den Kennzeichen 2908-2919, 2977, 2978 und 3321-3333. Die Kennzeichnung ist bei Lastwagen unten am Fahrgestell oder hinten befestigt, bei Waggons an Planen oder unten am Fahrgestell.<\/p>\n<p>Lastwagen transportieren offene F\u00e4sser (f\u00fcr Uranhexafluorid), die auch als solche zu erkennen sind oder Container (z.B. f\u00fcr Uranoxid), bei denen dann hinten die Radioaktivit\u00e4tszeichen angebracht sind. Bei Z\u00fcgen wird das Uranhexafluorid in Planwagen mit rot-braun-grauen Planen oder ebenfalls mit sichtbaren F\u00e4ssern transportiert. F\u00fcr die Castortransporte gibt es die bekannten blauen Castorbeh\u00e4lter und die wei\u00dfe Verpackung mit L\u00fcftungsschlitzen.<\/p>\n<h3>Widerstand gegen die Transporte<\/h3>\n<p>Wenn ein Atomtransport oder eine Planung daf\u00fcr ver\u00f6ffentlicht wird, gibt es meist eine kurze Emp\u00f6rungswelle: &#8222;Wie, durch unsere Stadt fahren Atomtransporte?!&#8220;, denn die \u00d6ffentlichkeit wei\u00df in der Regel nichts vom regelm\u00e4\u00dfigen Umschlag der radioaktiven Fracht.<\/p>\n<p>Widerstand gegen die Transporte regt sich in letzter Zeit vor allem in den Hafenst\u00e4dten Hamburg, Bremen und Rostock, den Hauptumschlagspl\u00e4tzen f\u00fcr Atomtransporte. Es gibt immer wieder Mahnwachen, in Hamburg \u00f6ffentliche Begleitung von Schiffen mit radioaktivem Material an Bord, in Rostock eine Fahrraddemonstration auf der Autobahn gegen Atomtransporte mit Personenf\u00e4hren, in Bremen hat die rot-gr\u00fcne Landesregierung j\u00fcngst beschlossen, den Hafen f\u00fcr Kernbrennstoffe zu entwidmen.<\/p>\n<p>Das Gesetz zur \u00c4nderung der Hafenbetriebsordnung tritt am 1. M\u00e4rz in Kraft, ab da ist dann zumindest der Transport von Kernbrennstoffen \u00fcber Bremerhaven verboten. Darunter fallen insbesondere der geplante Transport von Atomm\u00fcll nach Gorleben und Mischoxid-Brennelementen nach Grohnde aus der Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield (Gro\u00dfbritannien).<\/p>\n<p>Die meisten Transporte, die \u00fcber die Bremer H\u00e4fen gehen, fallen nicht darunter, im letzten Jahr von 14 Atomtransporten kein einziger. Die Einfuhr von Uranerzkonzentrat \u00fcber Bremerhaven nach Frankreich bleibt so weiter m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Gesetz ist rechtlich umstritten &#8211; es ist unklar, ob es gegen das Warenvertriebsgesetz der EU verst\u00f6\u00dft, Rechtsgutachten der Industrie- und Handelskammer sowie von SPD, Gr\u00fcnen und Linken kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen.<\/p>\n<p>Vorerst gilt das Gesetz jedoch. F\u00fcr eine \u00c4nderung w\u00e4re eine Klage n\u00f6tig. Es besteht die Hoffnung, dass das Beispiel Schule macht und weitere Hafenst\u00e4dte ihre H\u00e4fen entwidmen und so der Atomindustrie ihre Nachschubwege kappen &#8211; aber dann bitte f\u00fcr alle Atomtransporte.<\/p>\n<p>In Cuxhaven half sogar, dass der B\u00fcrgermeister sich direkt an den Hafenbetreiber wandte und dieser dann auf dem privatwirtschaftlichen Wege die drohenden MOX-Transporte unterband. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Konflikte um die Hafenentwidmungen weiter entwickeln.<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten in Bremen war auch die Angst vor Protesten. Immer wieder gab es bei oder vor drohenden Transporten Proteste &#8211; beispielsweise mit Streckenaktionstagen entlang der Transportstrecken, mit Protestnoten, Leserbriefen, Mahnwachen, Demonstrationen, Sitzblockaden, Sabotage-Aktionen, Ankett- und Luftblockaden.<\/p>\n<p>2009 konnte nach mehreren erzwungen Stopps der Urantransporte der Export von Uranm\u00fcll von Gronau nach Russland gestoppt werden &#8211; gemeinsam mit russischen UmweltaktivistInnen.<\/p>\n<p>Ende 2010 sorgten die geplanten Castor-Transporte von Ahaus ins russische Majak f\u00fcr viel Wirbel, in Ahaus selber, aber auch in den m\u00f6glichen Hafenst\u00e4dten (die GWR berichtete). Aufgrund des starken Widerstands sagte Bundesumweltminister R\u00f6ttgen die Transporte deshalb in letzter Minute ab.<\/p>\n<p>Es gibt jede Menge M\u00f6glichkeiten &#8211; werdet aktiv!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer transportiert was wohin? Um \u00fcberhaupt Atomstrom produzieren zu k\u00f6nnen, wird Uran abgebaut, wie z.B. in Kasachstan, Australien, Kanada und verschiedenen L\u00e4ndern Afrikas. Meist in der N\u00e4he der Abbauorte wird es in Uranm\u00fchlen zu Uranerzkonzentrat (sogenanntem Yellow Cake) verarbeitet. 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