{"id":11221,"date":"2012-03-01T00:00:57","date_gmt":"2012-02-29T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11221"},"modified":"2022-07-26T14:22:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:31","slug":"diese-liebe-die-wie-ein-kind-im-dunkeln-zittert-vor-angst-macht-anderen-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/diese-liebe-die-wie-ein-kind-im-dunkeln-zittert-vor-angst-macht-anderen-angst\/","title":{"rendered":"&#8222;Diese Liebe, die wie ein Kind im Dunkeln zittert vor Angst, macht anderen Angst&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Mit Jacques Pr\u00e9vert werden vergilbte Fotos eines gem\u00fctlich an                 einem Bistrotisch vor einem Gl\u00e4schen Rouge sitzenden K\u00fcnstlers                 assoziiert, mit obligatorischer Zigarette im Mundwinkel &#8211; der                 Inbegriff des Pariser Boh\u00e9miens. <\/p>\n<p>Als geborener Flaneur im Baudelaire&#8217;schen und prosituationistischen                 Geist kannte, liebte, schilderte und besang er tats\u00e4chlich jeden                 Winkel von Paris und inkarnierte diese Stadt der Auf- und Durchbr\u00fcche                 mit konstantem Recht und unverbl\u00fcmtem Tiefgang, diese viel behoffte                 Stadt der Liebe &#8211; &#8222;unsere Liebe bleibt da, dickk\u00f6pfig wie ein                 Maultier&#8220; ((1)).<\/p>\n<p>Seine LandesgenossInnen werden sich noch an den einen oder anderen                 Textfetzen aus der Schulzeit erinnern, Zeilen von Liedern, &#8222;qui                 nous ressemblent&#8220; (&#8222;die uns \u00e4hnlich sehen&#8220;) ((2))                 und die \u00e4lteren unter ihnen den einen oder anderen Filmdialogschnipsel                 &#8211; &#8222;Paris est tout petit pour ceux qui s&#8217;aiment comme nous d&#8217;un                 aussi grand amour&#8220; (&#8222;Paris ist winzig f\u00fcr solche wie uns, welche                 sich mit einer so gro\u00dfen Liebe lieben&#8220;) ((3)).               <\/p>\n<h3>Ach, das ist von Pr\u00e9vert?!<\/h3>\n<p>Stimmt, S\u00e4tze mit Ohrwurmpotential wie diese haben sich von ihrem                 Urheber l\u00f6sen d\u00fcrfen, sind frei und f\u00fcr alle da. Ganz im Sinne                 ihres Zauberers, denn f\u00fcr den war Popularit\u00e4t als Zug\u00e4nglichkeit                 im positiv-humanistischen Verst\u00e4ndnis ein hoher Wert. <\/p>\n<p>Freiheit, Gerechtigkeit, Unabh\u00e4ngigkeit und Humor sind das Zentrum                 seines Lebens und Werkes, Liebe und Freundschaft \u00fcber alle Klippen                 hinweg das Herz. So sind neben den Drehb\u00fcchern die meisten aphoristisch                 konzipierten Texte und Gedichte Pr\u00e9verts an Freunde geschriebene                 Gelegenheitstexte, wie uns gegen\u00fcber Anne Remlinger, die Verantwortliche                 der Nachlassverwaltung &#8222;Fatras&#8220;, betonte. <\/p>\n<p>Ganz im Geiste Pr\u00e9verts begegneten wir ihr unvorhergesehen anl\u00e4sslich                 unseres Besuchs in der Fond&#8217;action Boris Vian (vgl. GWR 366, S.                 17): Jacques Pr\u00e9vert war seit 1955 Vians Nachbar in der Cit\u00e9 V\u00e9ron,                 den ehemaligen Theaterlogen des Moulin Rouge, gewesen. Sie waren                 Freunde. <\/p>\n<p>&#8222;Erst auf Betreiben des Verlegers Ren\u00e9 Bertele ist eine Auswahl                 dieser Texte 1945 unter dem Titel ,Paroles&#8216; erschienen. Dieses                 B\u00fcchlein war ein regelrechtes Verlegerph\u00e4nomen in Frankreich,                 noch nie zuvor hatten sich lyrische Texte so gut verkauft. Das                 Buch wurde in viele Sprachen \u00fcbersetzt, allerdings nie vollst\u00e4ndig                 ins Deutsche. Jedenfalls machte es Jacques Pr\u00e9vert einem sehr                 breiten Publikum bekannt.&#8220;<\/p>\n<p>Paradoxerweise verstellte gerade Pr\u00e9verts gro\u00dfz\u00fcgige Verst\u00e4ndlichkeit                 und Pr\u00e4tentionslosigkeit den Blick auf seine Sch\u00e4rfe, Subversivit\u00e4t                 und Komplexit\u00e4t. Daraus erkl\u00e4rt sich, dass er, von schulisch p\u00e4dagogischen                 Zielsetzungen abgesehen, vom universit\u00e4ren Milieu noch immer gemieden                 und von &#8222;Intellektuellen&#8220; geflissentlich \u00fcbersehen wird. <\/p>\n<p>Dabei wirft der Entstehungs- und Rezeptionskontext dieses Bestsellers                 ein Licht auf Pr\u00e9verts seismographische Delikatesse und Raffinesse.                 Auf unsere Frage n\u00e4mlich, ob solche kurzen z\u00e4rtlich-bissigen Humor                 mit subtiler Ernsthaftigkeit verbindenden Texte nicht den Bed\u00fcrfnissen                 der Menschen am Ende des Zweiten Weltkrieges entgegen gekommen                 seien, best\u00e4tigte uns Anne Remlinger: &#8222;Die Texte stammten gro\u00dfteils                 aus den Drei\u00dfiger Jahren, waren also nicht direkt in der Kriegszeit                 entstanden. Doch reflektierten sie das sp\u00fcrbare Aufkommen des                 Faschismus und die sozialen Ungerechtigkeiten.&#8220; <\/p>\n<p>Seine Zeilen vermochten die Menschen in ihrer Wachsamkeit sowie                 ihrer Hoffnung und ihrem Glauben an fundamentale menschliche Werte,                 Eigenschaften und Emotionen zu st\u00e4rken. Jacques Pr\u00e9vert liebte                 die Menschen, vor allem die &#8222;kleinen&#8220;. Und gerade deshalb war                 er ihr sch\u00e4rfster Beobachter und Kritiker.<\/p>\n<p>Wenn er w\u00e4hrend des Krieges nicht direkt politisch und \u00f6ffentlich                 Stellung bezog, zeugte das nicht von Desinteresse, sondern reflektierte                 seine zutiefst subversive, radikal freie und gr\u00fcndlich anarchische                 Veranlagung und Gesinnung. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Besatzungszeit hielt sich Pr\u00e9vert vornehmlich im                 S\u00fcden auf, filmte unter anderem &#8222;Die Kinder des Olymp&#8220;, versammelte                 dort seine Freunde. Er versteckte j\u00fcdische Freunde, insbesondere                 den ber\u00fchmten Komponisten Joseph Kosma (&#8222;Feuilles mortes&#8220;) und                 den j\u00fcdischen Szenenbildner Alexander Trauner. <\/p>\n<p>&#8222;Diese ganze Geschichte ist bis heute kaum erforscht. Wir haben                 mit Entsetzen festgestellt, dass bis heute die Erben von Maurice                 Thiriet, der als Kosmas nichtj\u00fcdischer Assistent alle Rechte f\u00fcr                 dessen Musik ersatzweise innehielt, Kosmas Filmtantiemen einkassieren.                 Hier steht die Rehabilitation noch aus.&#8220; Das Problem sei nur,                 dass sich niemand f\u00fcr zust\u00e4ndig erkl\u00e4re.<\/p>\n<p>Als rehabilitationsbed\u00fcrftig erweisen sich auch die surrealistischen                 Arbeiten Pr\u00e9verts, welche sich durch sein ganzes Schaffen hindurch                 &#8211; von den Drei\u00dfiger Jahren bis in seine Sp\u00e4tzeit in der Cit\u00e9 V\u00e9ron                 &#8211; verfolgen lassen. Beim Besuch seines Apartments \u00fcberraschten                 und beeindruckten uns besonders seine Collagen und Montagen, die                 in ihrer witzigen-scharfen Pr\u00e4zision und abgr\u00fcndig-phantastischen                 Poesie seinen Texten ebenb\u00fcrtig sind und auch auf sie eine ungewohnt                 surrealistische Perspektive werfen. <\/p>\n<p>Ihren Ursprung nahm letztere in den Drei\u00dfiger Jahren in der &#8222;Rue                 du ch\u00e2teau&#8220;, in der Pr\u00e9vert mit dem surrealistischen Maler Yves                 Tanguy und dem Erfinder des franz\u00f6sischen Kriminalromans, der                 s\u00e9rie noire, Marcel Duhamel wohnte &#8211; in freundschaftlicher Konkurrenz                 zu Andr\u00e9 Breton und seiner Surrealisten-Gruppe, mit dem sich Pr\u00e9vert                 literarisch, aber nicht pers\u00f6nlich, \u00fcberwarf. Pr\u00e9vert hatte einen                 auf Breton gem\u00fcnzten Text &#8222;Mort d&#8217;un Monsieur&#8220;\/&#8220;Tod eines Herrn&#8220;                 ver\u00f6ffentlicht, in welchem er dessen Autoritarismus und Dogmatismus                 aufs Korn nahm. <\/p>\n<p>Pr\u00e9vert war antiklerikal, gegen jede Form von Herrschaft, Gewalt                 und Ungerechtigkeit, und \u00e4u\u00dferte sich dementsprechend in einer                 sich Klassifizierungen und Vereinnahmungen entziehenden Weise.                 Dem Anschein nach leicht und lustig, doch letztlich tief ernst                 und rebellisch. <\/p>\n<p>Dieses Engagement zeigte sich in seiner Beteiligung am Arbeitertheater                 der Groupe d&#8217;Octobre, am Kreis der rebellischen Lebensk\u00fcnstlerInnen                 und -denkerInnen von St. Germain-des-Pr\u00e9s, des Mai 68 sowie seiner                 bereitwilligen Unterst\u00fctzung junger K\u00fcnstlerInnen an seinem Lebensende.<\/p>\n<p>Pr\u00e9vert war zu sehr anarchischer Natur, um explizit irgendeiner                 Gruppe zuzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wenn es ein Etikett gibt, welches er wohl in seiner murmelnden                 Weise bewilligt h\u00e4tte, dann das des Freundes. Und ein Freund bleibt                 er seinen LeserInnen bis heute. &#8222;\u2026 Liebe, ich flehe dich an, f\u00fcr                 dich, f\u00fcr mich, f\u00fcr alle, die sich lieben und geliebt haben, ja                 ich schreie dich an, f\u00fcr dich, f\u00fcr mich und alle anderen, die                 ich nicht kenne, bleib da &#8211; da, wo du bist\u2026&#8220; ((4))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Jacques Pr\u00e9vert werden vergilbte Fotos eines gem\u00fctlich an einem Bistrotisch vor einem Gl\u00e4schen Rouge sitzenden K\u00fcnstlers assoziiert, mit obligatorischer Zigarette im Mundwinkel &#8211; der Inbegriff des Pariser Boh\u00e9miens. Als geborener Flaneur im Baudelaire&#8217;schen und prosituationistischen Geist kannte, liebte, schilderte und besang er tats\u00e4chlich jeden Winkel von Paris und inkarnierte diese Stadt der Auf- und &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/03\/diese-liebe-die-wie-ein-kind-im-dunkeln-zittert-vor-angst-macht-anderen-angst\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Diese Liebe, die wie ein Kind im Dunkeln zittert vor Angst, macht anderen Angst\" - graswurzelrevolution","description":"Mit Jacques Pr\u00e9vert werden vergilbte Fotos eines gem\u00fctlich an einem Bistrotisch vor einem Gl\u00e4schen Rouge sitzenden K\u00fcnstlers assoziiert, mit obligatorischer Zig"},"footnotes":""},"categories":[624,1042,1027,1035],"tags":[],"class_list":["post-11221","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-367-marz-2012","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine","category-wunderkammer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11221","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11221"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11221\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}