{"id":11240,"date":"2012-04-01T00:00:32","date_gmt":"2012-03-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11240"},"modified":"2022-07-26T14:22:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:31","slug":"piratenprozess-in-hamburg-alles-unklar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/04\/piratenprozess-in-hamburg-alles-unklar\/","title":{"rendered":"&#8222;Piratenprozess&#8220; in Hamburg &#8211; alles unklar?"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Wir waren eine Gruppe von Fischern, die keine Fische mehr                 fangen konnten. Am schlimmsten war es, als der Tsunami kam. Alles                 wurde weg geschwemmt, unsere Boote, unsere H\u00e4user. Seit dem haben                 wir ein schlechtes Leben. Der Brunnen war vergiftet, man konnte                 nicht mehr daraus trinken. W\u00e4hrend des Tsunamis kamen Hilfsorganisationen                 und halfen uns, zu \u00fcberleben. Sie gaben uns Essen und so konnten                 wir uns notd\u00fcrftig ern\u00e4hren. Mit dem B\u00fcrgerkrieg gingen die Hilfsorganisationen                 weg und wir waren auf uns selbst angewiesen. Viele starben. Ich                 musste zwei Familien ern\u00e4hren, aber ich hatte nichts. Wir litten                 sehr an Hunger, eine lange Zeit lang. Ich habe mich danach gesehnt,                 eine M\u00f6glichkeit zu finden, wie ich etwas Essbares f\u00fcr meine Familie                 finden kann.&#8220;<\/i> &#8211; Aussage eines Angeklagten im sogenannten Piratenprozess.<\/p>\n<p>In dem Prozess gegen zehn somalische M\u00e4nner und Jugendliche vor                 dem Hamburger Landgericht hat es eine unerwartete Wendung gegeben.               <\/p>\n<p>Nach 77 langen und langwierigen Verhandlungstagen, an denen jedes                 Wort von Dolmetschern \u00fcbersetzt und in die Kopfh\u00f6rer der Angeklagten                 \u00fcbertragen werden musste, machte am 29. Februar 2012 einer der                 Angeklagten eine umfangreiche Aussage zum Tathergang, mit der                 er alle anderen Angeklagten schwer belastet. Am vorherigen Tag                 hatte das Gericht sich gerade entschlossen, das Verfahren aufzuteilen,                 um es zumindest f\u00fcr einen Teil der Angeklagten endlich zu Ende                 zu bringen. S\u00e4mtliche Angeklagten, darunter drei Jugendliche,                 befinden sich seit fast zwei Jahren in Untersuchungshaft. <\/p>\n<p>&#8222;Seit meiner Gefangennahme ist ein Kind geboren und ein anderes                 hat sprechen gelernt&#8220; &#8211; dieser Satz eines der Angeklagten, macht                 den Zeitraum deutlich.<\/p>\n<p>Jetzt wurde die Aufteilung des Verfahrens r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht                 und die Angeklagten m\u00fcssen sich auf weitere lange Tage im Gerichtssaal                 einrichten.<\/p>\n<p>Den Zehn wird vorgeworfen im April 2010 den unter deutscher Flagge                 fahrenden Frachter &#8218;Taipan&#8216; angegriffen und in ihre Gewalt gebracht                 zu haben. <\/p>\n<p>Die Mannschaft der &#8218;Taipan&#8216; hatte sich in einen sicheren Raum                 im Schiffsinneren zur\u00fcckgezogen, und eine holl\u00e4ndische Marineeinheit                 hatte die Piraten \u00fcberw\u00e4ltigt und festgenommen.<\/p>\n<p>Diese wurden dann nach Deutschland \u00fcberstellt, wo ihnen seit                 November 2010 der Prozess gemacht wird.<\/p>\n<p>Das Gericht hat den ersten Teil des Prozesses damit zugebracht,                 das Alter der Angeklagten zu bestimmen. Dabei wurden eine somalische                 Geburtsurkunde, die schriftlichen Aussagen einer Mutter, sowie                 die Best\u00e4tigung einer Schule geflissentlich ignoriert und stattdessen                 den angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen deutscher Gerichtsmediziner                 geglaubt. <\/p>\n<p>Mit den gleichen zweifelhaften Methoden werden seit Jahren minderj\u00e4hrige                 Fl\u00fcchtlinge vom Gerichtsmedizinischen Institut der Universit\u00e4t                 Hamburg &#8218;\u00e4lter gemacht&#8216; &#8211; womit deren Abschiebung erleichtert                 wird.<\/p>\n<p>Nebenbei forscht der Leiter des Instituts, Klaus P\u00fcschel, am                 Sch\u00e4del von St\u00f6rtebeker.<\/p>\n<p>Dann wurden die Mannschaften der &#8218;Taipan&#8216; und die der holl\u00e4ndischen                 Fregatte &#8218;Tromp&#8216; geh\u00f6rt sowie europ\u00e4ische &#8218;Somalia-Experten&#8216;.               <\/p>\n<p>Aus Somalia selbst wurde kein Zeuge geh\u00f6rt. S\u00e4mtliche Antr\u00e4ge                 der Verteidigung, Entlastungszeugen aus Somalia zu h\u00f6ren, die                 h\u00e4tten best\u00e4tigen k\u00f6nnen, dass die Angeklagten nicht ganz freiwillig                 auf der &#8218;Taipan&#8216; gelandet sind, wurden mit der Begr\u00fcndung abgelehnt,                 in Somalia g\u00e4be es kein Melde- und Postwesen und damit sei es                 unm\u00f6glich die Zeugen aufzufinden. Oder wie einer der Angeklagten                 zum Richter gesagt hat: &#8222;Ich kann alles nachweisen, aber ich glaube,                 Sie wollen es nicht wissen&#8220;. Ebenso abgelehnt wurden wiederholte                 Antr\u00e4ge, zumindest den jugendlichen Angeklagten Haftverschonung                 zu gew\u00e4hren und sie in einer Jugendwohnung unterzubringen. Einige                 der Angeklagten \u00fcberstehen die Situation nur noch mit Hilfe von                 Psychopharmaka. Einer sagt: &#8222;Meine Seele ist zerst\u00f6rt. Ich bin                 hierher gebracht worden, ich kann hier nicht mehr sein&#8220;.<\/p>\n<p>Der vorsitzende Richter Steinmetz hat zwar immer wieder beteuert,                 die Lebensumst\u00e4nde der Angeklagten zu ber\u00fccksichtigen, aber es                 sind Zweifel angebracht, ob er wirklich etwas verstanden hat.                 In einer f\u00fcr den Prozess typischen Szene berichtete einer der                 Angeklagten von der F\u00fclle des Essens im Knast in Hamburg und begann                 aufzuz\u00e4hlen, welches Gem\u00fcse er hier zum ersten Mal gegessen habe.                 Dies wurde prompt vom Richter abgew\u00fcrgt mit der Begr\u00fcndung, es                 ginge hier nicht darum, den Speiseplan des UG vorzulesen. Das                 v\u00f6llige Unverm\u00f6gen des Richters, sich in die Situation der Gefangenen                 hineinzuversetzen, wird auch in einem weiteren Dialog deutlich.                 Ein Angeklagter berichtet von der Flucht seiner Familie, mitsamt                 Esel. Die einzige Frage, die dem Richter dazu einfiel, war: &#8222;Ist                 der Esel selber gelaufen?&#8220;. Ein anderer Angeklagter bringt es                 auf den Punkt: &#8222;F\u00fcr Sie ist es unvorstellbar &#8211; Sie leben im Paradies,                 wir in der H\u00f6lle!<\/p>\n<p>Als dann Ende Januar endlich die Beweisaufnahme abgeschlossen                 schien und die Staatsanw\u00e4ltin ihr Pl\u00e4doyer gehalten hatte, herrschte                 Unglaube und Entsetzen unter den Angeklagten, deren Familien und                 unter den Prozessbeobachter_innen. Die Staatsanw\u00e4ltin hatte Haftstrafen                 von zwischen vier Jahren f\u00fcr den j\u00fcngsten Angeklagten und elfeinhalb                 Jahren gefordert. Die Angeklagten, die das Pl\u00e4doyer irrt\u00fcmlicherweise                 bereits f\u00fcr das Urteil gehalten hatten, waren fassungslos. Alle                 hatten dem Gericht bereitwillig \u00fcber ihre Lebensbedingungen in                 dem seit 20 Jahren vom B\u00fcrgerkrieg zerrissenen Land berichtet                 und versucht darzulegen, unter welchen Umst\u00e4nden sie auf die &#8218;Taipan&#8216;                 gelangt waren. Sie f\u00fchlten sich hintergangen und hatten kein Vertrauen                 mehr in das Gericht. Einer fragte: &#8222;Ich kenne mich hier nicht                 aus. Ich wei\u00df nicht, was Gerechtigkeit hier ist. Vertreten Sie                 nur Deutsche?&#8220;.<\/p>\n<p>Daraufhin ergriffen einige Prozessbeobachter_innen die Initiative                 und schrieben einen offenen Brief an die Angeh\u00f6rigen der Gefangenen,                 um einen Kommunikationsweg zu \u00f6ffnen. Eine Autorin sagt: &#8222;Wir                 haben beschlossen, \u00fcber das Internet einen Brief an die Familien                 und Freunde der Angeklagten zu schreiben, um sie wissen zu lassen,                 dass ihre S\u00f6hne, V\u00e4ter und Br\u00fcder hier nicht ganz allein sind.                 Dass es hier Menschen gibt, die sie besuchen und die es interessiert                 und ber\u00fchrt, woher sie kommen und was mit ihnen geschieht&#8220;. Inzwischen                 hat auch der somalische Sender Horn Cable TV, der auch in Gro\u00dfbritannien                 zu empfangen ist, \u00fcber diese Initiative berichtet.<\/p>\n<p>Im Laufe des Verfahrens hatte es auch schon etliche Veranstaltungen                 zum Thema Piraterie, zur Situation in Somalia und zum Prozess                 gegeben. Allerdings wurde diese Tatsache vom Gericht prompt als                 Begr\u00fcndung herangezogen, den Angeklagten Haftverschonung zu verweigern:                 Das Gericht unterstellte den Organisator_innen der Veranstaltungen,                 sich im Zweifelsfall auch als Fluchthelfer zu bet\u00e4tigen, daher                 bestehe erh\u00f6hte Fluchtgefahr.<\/p>\n<p>In diesen Veranstaltungen wurde auch die Frage nach dem Sinn                 und Zweck dieses Prozesses aufgeworfen. Da es kaum vorstellbar                 ist, dass das Gericht tats\u00e4chlich glaubt, mit einer Haftstrafe                 zuk\u00fcnftige Piraten, die bei einem Angriff ihr Leben riskieren,                 abzuschrecken, muss es um etwas anderes gehen. Von Anfang an war                 Deutschland an der Milit\u00e4rmission &#8218;Atalanta&#8216; beteiligt und im                 letzten Jahr war ein Deutscher vier Monate lang der Oberkommandierende.                 Atalanta ist der erste gemeinsame europ\u00e4ische Milit\u00e4reinsatz.                 Die offizielle Aufgabe ist der Schutz von Hilfslieferungen nach                 Somalia, in der Zwischenzeit sollen die Schiffe aber auch mal                 Jagd auf Piraten machen. Au\u00dfenminister Westerwelle begr\u00fcndet dies:                 &#8222;Die Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen, auch die Wahrnehmung                 von Rohstoff-Interessen, muss Teil unserer strategischen \u00dcberlegungen                 sein. Ich wundere mich, dass der von mir bef\u00fcrwortete Einsatz                 unserer Bundeswehr-Soldaten gegen Piraterie von einigen im Bundestag                 moralisch als nicht gerechtfertigt hingestellt wird&#8220; (Interview                 mit der Wirtschaftswoche, 4.2.2012). Dies sei allerdings nicht                 immer so, denn &#8222;dass wir wegen der Rohstoffe mit der Bundeswehr                 in Afghanistan seien, ist Unsinn&#8220;. Das verstehe wer will, aber                 eine Regierung, die allein in diesem Jahr 95 Millionen Euro f\u00fcr                 den Atalanta-Einsatz ausgibt, will vermutlich auch Resultate sehen.<\/p>\n<p>Dabei bekommen die Milit\u00e4rs zunehmend Konkurrenz. Unmittelbar                 nach dem \u00dcberfall wurde die &#8218;Taipan&#8216; nach Liberia ausgeflaggt,                 um private bewaffnete Sicherheitskr\u00e4fte an Bord f\u00fchren zu k\u00f6nnen.                 Dies ist derzeit nach deutschem Recht verboten, allerdings mehren                 sich die Stimmen, die nach einer Gesetzes\u00e4nderung verlangen. Eine                 Bewaffnung wird allerdings sowohl von der Marine, als auch von                 den Besatzungen als gef\u00e4hrliche Eskalation gesehen. Insbesondere                 die Kapit\u00e4ne sind besorgt, da sie letztendlich die Verantwortung                 f\u00fcr alle Vorg\u00e4nge auf dem Schiff haben und nicht immer sind die                 Sicherheitsdienste so schlau wie die auf einem britischen Schiff,                 die in dem Moment, als Piraten das Schiff betraten, \u00fcber Bord                 sprangen und sich schnell entfernten.<\/p>\n<p>Auch dabei geht es nat\u00fcrlich um wirtschaftliche Interessen. Die                 Financial Times sch\u00e4tzt, dass allein die zwei gr\u00f6\u00dften Sicherheitsfirmen                 monatlich 55 Millionen US-Dollar f\u00fcr ihre Dienste auf Handelsschiffen                 kassieren. Das ist ein Vielfaches dessen, was die Piraten an L\u00f6segeld                 erbeuten.<\/p>\n<p>Damit h\u00e4tten es die Industriel\u00e4nder zum dritten Mal geschafft,                 sich am andauernden B\u00fcrgerkrieg in Somalia zu bereichern. Erst                 entzogen sie der Bev\u00f6lkerung ihre Lebensgrundlage, indem sie die                 Fischbest\u00e4nde vor Somalia pl\u00fcnderten. Als dann kaum noch Fische                 vorhanden waren, verklappten sie ihren Giftm\u00fcll dort &#8211; eine Tatsache,                 die nur durch den Tsunami von 2004 im wahrsten Sinne des Wortes                 an die Oberfl\u00e4che kam. Jetzt wird mit der Bewaffnung der Handelsschiffe                 ein weiteres Mal von der Verzweiflung der Bev\u00f6lkerung profitiert.                 Und k\u00fcrzlich wurde bekannt, dass im Norden Somalias \u00d6lvorkommen                 gefunden wurden.<\/p>\n<p>Ob es da Zufall ist, dass deutsche Politiker zunehmend davon                 reden, die Piraterie an Land bek\u00e4mpfen zu wollen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir waren eine Gruppe von Fischern, die keine Fische mehr fangen konnten. Am schlimmsten war es, als der Tsunami kam. 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