{"id":11244,"date":"2012-04-01T00:00:38","date_gmt":"2012-03-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11244"},"modified":"2022-07-26T14:12:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:23","slug":"politische-okologie-und-die-notwendigkeit-eines-langen-atems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/04\/politische-okologie-und-die-notwendigkeit-eines-langen-atems\/","title":{"rendered":"Politische \u00d6kologie und die Notwendigkeit eines langen Atems"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Wie sch\u00e4tzt Du die Situation der Anti-Atomkraft-Bewegung, jetzt, ein Jahr nach Beginn des Super-GAUs in Fukushima, ein?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk:<\/em> Man kann leider feststellen, dass ein gewisser Teilerfolg in Sachen Atom-Ausstieg in der Bev\u00f6lkerung als Gesamterfolg verbucht wird. So ist die Anti-Atom- Bewegung, nach dem gro\u00dfen Aufschwung nach Fukushima, leider wieder im Niedergang, da die Leute sich nach dem, in unseren Augen faulen, Ausstiegskompromiss, haben zufrieden stellen lassen.<\/p>\n<p><strong>Monika: Du bist promovierter Arzt und engagiert in der Anti-Atomkraft-Bewegung sowie in anderen Organisationen und Zusammenh\u00e4ngen. Wie schaffst Du es, Dein Engagement und den oft als stressig beschriebenen Beruf, unter einen Hut zu bringen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk: <\/em>Ich versuche die Arbeit, die ich leidenschaftlich gerne mache, ein St\u00fcck weit zu begrenzen und habe es irgendwie geschafft mich, neben meinem Job, der sozial-\u00f6kologischen Politik zu widmen, ohne mich in irgendeiner Partei zu engagieren. Das geht nur dadurch, dass man die professionelle Arbeit begrenzt. Ich habe in meiner Gemeinschafts-Praxis z.B. eine Vier-Tage-Woche.<\/p>\n<p>Auch die Arbeit als Notarzt habe ich etwas begrenzt, so dass gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr politische Aktivit\u00e4ten bleibt.<\/p>\n<p><strong>Jonathan: Wann hast Du Dein kritisches Verh\u00e4ltnis zur Atomkraft entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael: <\/em>Das war schon relativ fr\u00fch. Ich wurde im Grunde genommen schon Anfang der 70er Jahre politisiert. Dann haben wir 1974 die Platzbesetzung des AKWs in Wyhl, bei Freiburg, begeistert aufgenommen. Das hat mich vom politisch-emanzipatorischen Aspekt schon sehr beeindruckt und das f\u00fchrte zu einer genauen Auseinandersetzung mit Atomenergie und der Problematik von atomarer Energieerzeugung an sich.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Du bist aktives Mitglied u.a. im <em>Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden<\/em>. Was sind da Eure Arbeitsschwerpunkte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was macht Ihr als Gruppe?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk: <\/em>Dieser Arbeitskreis ist eine der \u00e4ltesten Initiativen der Republik. Er wurde 1976 anl\u00e4sslich der gro\u00dfen Brokdorf-Demonstration gegr\u00fcndet. Wir haben als Schwerpunkte haupts\u00e4chlich Anti-AKW, allerdings jetzt auch regionalbezogene Themen wie den Ausbau des Flughafens in Frankfurt. ((2))<\/p>\n<p>Der Arbeitskreis hat aber auch immer Regional- und Stadtentwicklungspolitik gemacht und wenn das anliegt, auch antifaschistische Aktionen.<\/p>\n<p><strong>Monika: Du bist schon lange in der Umweltbewegung aktiv. Hast Du merkliche Ver\u00e4nderungen wahrgenommen, z.B. im Bezug auf das Engagement der Bev\u00f6lkerung und die Wahrnehmung in der Politik?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk:<\/em> Als wir Anfang der 70er Jahre angefangen haben \u00fcberhaupt die breite \u00d6ffentlichkeit zu informieren, ging es einem oftmals so, dass man als Spinner verschrieen wurde, oder die Leute haben gedacht wir w\u00fcrden im Strickpullover bei Kerzenlicht an der M\u00f6hre knabbern, was nat\u00fcrlich Unsinn ist. Aber es ist uns gelungen, auch nach Tschernobyl, ein realistisches Bild der Gefahren von Atomkraft so zu verbreiten, dass die Meinung gekippt ist und ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung der Bundesrepublik sich gegen atomare Energie ausspricht.<\/p>\n<p>Am Anfang war das Verbreiten dieses Bildes der Gefahren von Atomkraft eine m\u00fchselige Kleinarbeit, sozusagen vom politischen Abseits in das Zentrum einer sozialen Bewegung. Hier oft auch leider den Okkupationsversuchen politischer Parteien ausgesetzt.<\/p>\n<p>Ohne Beispiel sind nat\u00fcrlich die Gr\u00fcnen, die mit dieser Bewegung gro\u00df geworden sind und jetzt leider in den letzten Jahrzehnten eine faule Kompromisspolitik betreiben, die auch zum Weiterbetrieb atomarer Anlagen in Deutschland beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Zu den Gr\u00fcnen noch einmal konkret: Siehst Du Parallelen zwischen den Protesten gegen Stuttgart 21 und der Flughafen-Bewegung? Auch im Zusammenhang mit den Mediationsverfahren und der Befriedigungspolitik, die von Seiten der Parteien ausgeht?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk: <\/em>Es ist schon sehr fr\u00fch feststellbar gewesen, dass dort die emanzipative Bewegung aktiv war, also Leute, die sich vorher nicht engagiert hatten, dann anfangen Dinge zu hinterfragen, sei es Stuttgart 21 ebenso wie Flugl\u00e4rm oder Zerst\u00f6rung des \u00f6kologischen Umfelds durch den Frankfurter Flughafen. Wenn dann gro\u00dfe Menschenmassen anfangen, sich zu engagieren, ist das der herrschenden Politik nat\u00fcrlich ein Dorn im Auge.<\/p>\n<p>Entsprechend gibt es Methoden, das dann relativ fr\u00fch wieder einzubinden oder besser noch zu unterbinden. Was damals an der Startbahn West noch eine gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzung wurde, das f\u00fcrchtet die offizielle Politik nat\u00fcrlich, wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb hat man jetzt verschiedene Methoden ins Leben gerufen bzw. \u00fcbernommen, vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum, wie z.B. Mediationsverfahren. Das sind Verfahren, die der Bev\u00f6lkerung als Kompromissfindungsverfahren verkauft werden. Sie haben aber letztendlich oft nur den Zweck, Protestbewegungen, die auf der Stra\u00dfe ihre Highlights feiern und andere Leute motivieren k\u00f6nnen, an den Verhandlungstisch zur\u00fcckzukriegen und dort Proteste in zivilem Rahmen, von der Stra\u00dfe weg an den &#8222;Gr\u00fcnen Tisch&#8220; zur\u00fcckzuf\u00fchren, um diese zu entsch\u00e4rfen und harmlos zu machen. Das hat sich gezeigt in den Verhandlungen mit Heiner Geissler in Stuttgart.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach h\u00e4tte man sich gar nicht darauf einlassen sollen.<\/p>\n<p>Hier am Frankfurter Flughafen mit der geplanten, jetzt in Betrieb genommenen Landebahn Nord, hat man aufgrund der Proteste damals bei der Startbahn West direkt von Anfang an auf ein Mediationsverfahren gesetzt. Da haben sich allerdings \u00fcber sechzig B\u00fcrgerinitiativen verweigert, so dass das Verfahren zwar durchgef\u00fchrt wurde, aber letztendlich ohne Beteiligung der B\u00fcrgerinitiativen. Das war ein richtiger Schritt, denn das absolut magere Ergebnis dieses Mediationsverfahrens, wird heute von den Politikern und den Flughafenbetreibern nicht eingehalten, was zeigt, dass dieses Verfahren eine Verarsche der Bev\u00f6lkerung war.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Welche emanzipatorischen Ans\u00e4tze, mit denen man dagegen vorgehen k\u00f6nnte, siehst Du?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk:<\/em> Gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen entwickeln sich nur aufgrund des Drucks der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es dann ein Problem wie dieser Druck umgesetzt wird, auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Wir sto\u00dfen dann auch irgendwann an die parlamentarische &#8222;Verwurstung&#8220; und da ist man dann nat\u00fcrlich mit der einen oder anderen Partei konfrontiert. Aber diese Parteien handeln letztendlich nur nach dem Druck, der von au\u00dfen kommt.<\/p>\n<p>Parteien denken immer nur unter dem Aspekt von vier oder f\u00fcnf Jahres-Legislaturperioden. Sie denken nicht dar\u00fcber hinaus, sondern orientieren sich am Machterhalt. Grunds\u00e4tzlich ist das eine Maxime, die wir ablehnen. Grunds\u00e4tzliche gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen, ob \u00f6kologischer oder sozialer Natur, werden nur dadurch erreicht, dass die Leute konsequent ihre Meinung auf der Stra\u00dfe umsetzen und proklamieren.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Du bist seit 1976 auch aktiv im <em>Anarchistischen Forum Wiesbaden<\/em>. Was ist f\u00fcr Dich Anarchismus?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk:<\/em> Anarchie ist f\u00fcr mich erst einmal ein gro\u00dfer Lernprozess. Man muss Eigenverantwortung lernen und das ist nat\u00fcrlich nicht immer bequem. Auf der einen Seite hat die Anarchie, oder die Suche nach einer anarchistischen L\u00f6sung, also einer m\u00f6glichst herrschaftsfreien Gesellschaft, viel mit dem Lernen eigener Verantwortung zu tun.<\/p>\n<p>Andererseits ist Anarchie durchaus auch ein Lustprozess, weil die kleinen Erfolge, die wir in dieser Auseinandersetzung haben, erheblich zum Wohlbefinden des einzelnen Menschen beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Welche libert\u00e4ren Perspektiven siehst Du momentan und wie sch\u00e4tzt Du die libert\u00e4re Bewegung in Deutschland, aber auch international ein?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk:<\/em> Ich denke, dass gerade angesichts einer weltweiten \u00f6konomisch-sozialen Krise, die Leute sehr schnell die Erfahrung machen werden, dass sie letztendlich ins Schleudern geraten, wenn sie sich immer nur auf die Parteien verlassen, so dass sie nicht weiterkommen.<\/p>\n<p>Es gibt schlussendlich bez\u00fcglich der Eigeninitiative keine Alternative, nur im Lernen von Eigenverantwortung gibt es echte emanzipatorische Basisbewegungen. D.h., wir sind sozusagen durchaus die L\u00f6sung eines Problems, was aber nicht hei\u00dft, dass die L\u00f6sung billig und um die Ecke zu haben ist.<\/p>\n<p>Es bedeutet viel Arbeit und auch nach Land oder Situation, das Runterbrechen und Gucken was da anliegt.<\/p>\n<p>Das ist in Griechenland z.B. ganz anders als im vergleichsweise in Fett und Wohlstand schwimmenden Deutschland, oder meinetwegen Situationen in der &#8222;Dritten Welt&#8220;, die ja ganz andere Lebensbedingungen haben.<\/p>\n<p>Man kann da also nicht alle \u00fcber einen Kamm scheren.<\/p>\n<p>Was aber \u00fcberall gleich ist, ist das Ausgehen von den Bed\u00fcrfnissen der Bev\u00f6lkerung, das solidarische Verhalten gegen\u00fcber anderen Leuten, das Sich-nicht-gegeneinander-ausspielen-lassen, dass man \u00fcber den pers\u00f6nlichen Tellerrand hinausguckt und vor allem das Gucken, dass einzelne Menschen nicht wieder die Macht an sich rei\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Jonathan: Welche Perspektiven siehst Du generell f\u00fcr den bundesweiten Atomausstieg?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk:<\/em> Der bundesweite Teilausstieg ist f\u00fcr mich momentan in einer Art Zwischenschritt.<\/p>\n<p>Was viele nicht wissen, oder verdr\u00e4ngt haben, ist, dass die eher neueren AKWs weiterlaufen.<\/p>\n<p>Wir haben noch mindestens drei Bundestagswahlen, bis zu dieser geplanten endg\u00fcltigen Abschaltung im Jahre 2021.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, in dieser Zeit fallen Unmengen Atomm\u00fcll an, die Produktion von Kernstoffen l\u00e4uft weiter, wir haben die Probleme in Asse, die Probleme der Endlagerung generell, also sind wir im Grunde genommen von einer realen Umsetzung noch sehr weit entfernt und es ist noch viel Arbeit bis dahin.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon, dass unsere Nachbarl\u00e4nder munter weiter Atomkraft produzieren.<\/p>\n<p>Strahlung macht an Landesgrenzen keinen Halt.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Hast Du noch ein Schlusswort an die Leserinnen und Leser der GWR?<\/strong><\/p>\n<p><em>Michael Wilk: <\/em>Lasst Euch nicht verdrie\u00dfen. Genie\u00dft den Tag, aber bleibt bei der Stange!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Wie sch\u00e4tzt Du die Situation der Anti-Atomkraft-Bewegung, jetzt, ein Jahr nach Beginn des Super-GAUs in Fukushima, ein? Michael Wilk: Man kann leider feststellen, dass ein gewisser Teilerfolg in Sachen Atom-Ausstieg in der Bev\u00f6lkerung als Gesamterfolg verbucht wird. 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