{"id":11278,"date":"2012-04-01T00:00:45","date_gmt":"2012-03-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11278"},"modified":"2022-07-26T14:22:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:31","slug":"von-der-demokratisierung-der-stadte-zur-sozialen-okologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/04\/von-der-demokratisierung-der-stadte-zur-sozialen-okologie\/","title":{"rendered":"Von der Demokratisierung der St\u00e4dte zur Sozialen \u00d6kologie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Wann und wie begannen Deine politischen Aktivit\u00e4ten?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Politisch bin ich in den 60er Jahren geboren worden. Ich wurde aktiv in der New Left in Kanada, ebenso in der Bewegung f\u00fcr nukleare Abr\u00fcstung und in der Antikriegsbewegung. Es begann als militanter Aktivist und Organisator in diesen Bewegungen. Aber schnell befasste ich mich auch mit den Theorien der sozialen Bewegungen. Zuerst mit denen der Neuen Linken und dann mit der Friedens- und Antikriegsbewegung. 1961 gr\u00fcndete ich ein internationales Friedensforschungsmagazin, &#8222;Our Generation against Nuclear War&#8220;, das sp\u00e4ter in den 70ern zur libert\u00e4ren Theorieschrift &#8222;Our Generation&#8220; erweitert wurde, mit Herausgebergruppen in Toronto, New York, Montr\u00e9al und London. Aus diesen Beitr\u00e4gen entwickelte sich die Erkenntnis, wie wir die Gesellschaft ver\u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es geht eben nicht nur darum, die Entscheidungen der Regierungen zu beeinflussen, sondern wir m\u00fcssen den Entscheidungsprozess selbst ver\u00e4ndern. Wo werden die Entscheidungen einer Gesellschaft getroffen? Wie kann eine Gesellschaft demokratisiert werden? Wie k\u00f6nnen politische und wirtschaftliche Entscheidungen normalen Menschen transparent gemacht werden? Wie k\u00f6nnen Machtverh\u00e4ltnisse transparent gemacht werden? Wie k\u00f6nnen wir an Entscheidungsprozessen teilhaben?<\/p>\n<p><strong>GWR: Aus dieser Arbeit und den entstehenden Bezugsgruppen entwickelte sich der Verlag Black Rose?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Um die Analysen, die in diesem wichtigen Jahrzehnt entstanden, weiterzugeben und weiterzuentwickeln, gr\u00fcndete ich mit einer Gruppe von Freunden 1969 den Buchverlag Black Rose Books. Das Ziel bestand darin, zum Schreiben von kritischen Analysen zu ermutigen. Immer in der Wechselwirkung von Theorie und Praxis auf lokaler Ebene und doch mit einem internationalen Anspruch. Deshalb gingen wir in den 70er Jahren von der Theorie wieder verst\u00e4rkt in die Praxis mit der Absicht, die Ideen der &#8222;participatory democracy&#8220; (Teilhabe an der Demokratie) auf der Stadtebene auszuprobieren, durch selbstorganisierte Zentren, Organisation der Stadtteile und der Stadt. Dies entsprach auch Ideen der 70er, die die Menschen in den Stadtteilen organisieren wollten, um den dort lebenden Menschen eine Einflussnahme zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Mit den Zentren sollte eine feste Grundlage f\u00fcr Debatten, neue Ideen und Entscheidungen f\u00fcr Aktionen geschaffen werden, die im Gegensatz zu dem Kommen und Gehen von sozialen Bewegungen eine kontinuierliche Basis schaffen und auf die Stadt oder die Region ausstrahlen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gab es in Montr\u00e9al einen Schwerpunkt der Auseinandersetzungen in den 70er Jahren?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Wie leben die Leute? Welche Sicherheiten haben sie? Das Problem des Rechts auf eine Wohnung war f\u00fcr mich die wichtigste Frage. Deshalb organisierten wir eine gro\u00dfe Bewegung, mitten in der Stadt, f\u00fcr non-profit-cooperative-housing [etwa vergleichbar mit unseren gemeinn\u00fctzigen Wohnungsgenossenschaften].<\/p>\n<p>Wir wollten ein Gebiet mit 6 Bl\u00f6cken vor dem Abriss bewahren, das von einem gro\u00dfen Investor in Luxusappartements und Hotels umgestaltet werden sollte. Wir begannen 1968 einen 12 Jahre langen Kampf um diese neighbourhood (Stadtteil), in der 1800 Menschen lebten. Erst zu Beginn der 80er Jahre waren wir erfolgreich und konnten die gr\u00f6\u00dfte gemeinn\u00fctzige Wohnungsgenossenschaft in Kanada bilden mit 647 verschieden gro\u00dfen Wohnungen und H\u00e4usern. Sie wurde aus 22 kleinen Wohnungsgenossenschaften als F\u00f6deration gebildet, nach libert\u00e4ren Vorstellungen.<\/p>\n<p>Damit wurde das Recht auf Wohnen als ein soziales Recht der Menschen Realit\u00e4t. Das war zugleich die Umsetzung der Theorie, wie Teilhabe und Selbstgestaltung in der Stadt funktionieren kann.<\/p>\n<p>Es schuf eine soziale Basis, politisch und kulturell f\u00fcr zuk\u00fcnftige Aktionen. Aus der Praxis heraus wurden diese Aktionen wieder in Our Generation und den B\u00fcchern von Black Rose Books reflektiert.<\/p>\n<p><strong>GWR: Kannst Du noch etwas zum Alltag der Wohnungsgenossenschaft verdeutlichen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Die 22 kleinen Wohnungsgenossenschaften m\u00fcssen h\u00e4ufig kooperieren. Im Mittelpunkt steht die basisdemokratische Kontrolle von allen Fragen, die das Wohnen betreffen.<\/p>\n<p>Jeden Monat hat jede der 22 eine Mitgliederversammlung ihrer BewohnerInnen und dort wird \u00fcber alle Fragen, die die Genossenschaft betreffen, entschieden. Also \u00fcber alles: wieviel jemand bezahlen muss, was repariert werden muss, wer f\u00fcr was verantwortlich ist usw. &#8211; einschlie\u00dflich der Entscheidung f\u00fcr was Geld ausgegeben wird.<\/p>\n<p>Wichtig dabei ist, dass der Grund und Boden, auf dem die 22 Genossenschaften stehen, der Gemeinschaft geh\u00f6rt. Das nennen wir in Kanada einen land trust, damit ist ausgeschlossen, dass ein Haus verkauft oder gekauft werden kann. Das bedeutet, dass ein Gebiet von 6 Blocks im Zentrum einer Stadt wie Montr\u00e9al aus der kapitalistischen Marktwirtschaft rausgenommen werden konnte!<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast erw\u00e4hnt, dass die Genossenschaft eine wichtige Basis f\u00fcr sp\u00e4tere Aktionen darstellte. Um welche ging es dabei?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> In den 80ern wurden wir mehr und mehr auf die \u00f6kologischen Fragen aufmerksam. Es war ja sch\u00f6n, eine non-profit Wohnung zu haben, aber es gab ja z.B. viel zu viele Autos auf der Stra\u00dfe, eine zu hohe Luftverschmutzung, Wasserverschmutzung, einen Mangel an Gr\u00fcnfl\u00e4chen und das gro\u00dfe Problem, dass zuviel Haushaltsm\u00fcll und Industriem\u00fcll produziert wurde.<\/p>\n<p>Wohin soll dieser Abfall entsorgt werden? Die Ideen von Recycling und Wiederverwendung wurden vorangebracht.<\/p>\n<p>In den 90ern gr\u00fcndeten wir dann innerhalb unserer Genossenschaft das Urban Ecology Centre, das wichtige \u00f6kologische Probleme diskutieren und Informationsveranstaltungen anbieten konnte. Die Stadt konsumiert Ressourcen aus der Umgebung und exportiert ihren Abfall dorthin zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Damit meine ich nicht nur z.B. verschmutztes Wasser oder Abfallverbrennungsanlagen auf dem Land, sondern auch Wegwerfprodukte der kapitalistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte daran erinnern, dass die fr\u00fche Umweltschutzbewegung sich zumeist auf die Natur drau\u00dfen richtete, z.B. den Schutz der Wale, die Verschmutzung der Fl\u00fcsse und Seen, die Rettung des Waldes oder die Reduzierung des Abfalls ganz allgemein.<\/p>\n<p>Dabei wurde aber das verursachende Problem, die Konsequenzen der Verst\u00e4dterung nicht angegangen.<\/p>\n<p>Diesen neuen Denkansatz bereiteten wir im Social Ecology Centre vor. Dazu ver\u00f6ffentlichten wir bei Black Rose Books die Philosophie von Murray Bookchin und Beitr\u00e4ge aus dem Institute for Social Ecology in Vermont, weil der Ansatz der Sozialen \u00d6kologie Bookchins die Umweltkrise mit der Stadt und einer politischen Perspektive in Verbindung brachte.<\/p>\n<p>Konkret wurden im Social Ecology Centre Aktivit\u00e4ten und Ideen entwickelt, auch f\u00fcr Pilotprojekte au\u00dferhalb der Genossenschaft, z.B. f\u00fcr effiziente Energienutzung, Renovierung von H\u00e4usern mit W\u00e4rmed\u00e4mmung, alternative Transportformen, weil es ein schlechtes \u00f6ffentliches Verkehrsnetz gab, unterst\u00fctzten wir die Fahrradinitiativen. Wir hatten damals und haben heute eine starke militante Fahrradbewegung in Montr\u00e9al.<\/p>\n<p>Aus diesen vielen Ans\u00e4tzen entwickelte sich erneut die Frage, wie bekommen wir das zusammen, um eine demokratischere und \u00f6kologische Stadt zu schaffen? Denn mit dem Ansatz des libert\u00e4ren Kommunalismus Bookchins war uns klar, es kann keine \u00f6kologische Stadt ohne Demokratisierung geben und es kann keine Demokratisierung ohne \u00f6kologische Ver\u00e4nderungen geben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gleichzeitig habt ihr bei Black Rose Books aber auch den internationalen Aspekt weiterverfolgt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Wir waren in Kanada der erste Verlag, der die politischen B\u00fccher Noam Chomskys verlegte. Wir verlegten ca. 15 seiner wichtigeren B\u00fccher.<\/p>\n<p>Chomskys Ansatz ist wichtig, weil er deutlich macht, wie die politischen Eliten, vor allem die US-amerikanischen Eliten \u00fcber die Medien bestimmte Entscheidungen US-amerikanischer Au\u00dfen- und Verteidigungspolitik beeinflussen. Wir gingen damit auf unsere Wurzeln in der Antikriegsbewegung zur\u00fcck, als wir in den 60ern gefordert hatten, dass auch die Verteidigungspolitik f\u00fcr normale B\u00fcrgerInnen durchsichtig und entscheidungsf\u00e4hig gemacht werden muss, weil wir \u00fcberzeugt sind, dass die PolitikerInnen und sogenannte ExpertInnen nicht die Antwort auf alle Fragen haben.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, diese &#8222;Eliten&#8220; entscheiden Dinge wie den Vietnam-Krieg, die dann katastrophale Auswirkungen haben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Mit Chomskys politischem Wirken hat Black Rose wiederum einen direkten Bezug zur heutigen Anti-Globalisierungsbewegung.<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre entstand eine neue soziale Bewegung, eine Internationale gegen die Neue Weltordnung, gegen die Globalisierung, gegen die Reorganisation der Weltwirtschaft, die von der Ideologie des Neoliberalismus dominiert wird. Die neue Weltordnung mit ihren Organisationen wie der Welthandelsorganisation, dem IWF, der Weltbank etc., die sich jedes Jahr in Davos in der Schweiz beim Weltwirtschaftsforum treffen und dort die wirtschaftlichen Entscheidungen diskutieren und festlegen, wie die 400 gr\u00f6\u00dften multinationalen Konzerne als die Hauptakteure der Weltwirtschaft diesen Kurs pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>In Seattle in den USA begann eine neue Form des Widerstands. Einige Monate nach der &#8222;Battle of Seattle&#8220; ((2)) begann sich eine neue Grundlage zu entwickeln. In Europa trafen sich zun\u00e4chst Menschen von Attac und Le Monde Diplomatique in Frankreich, in Brasilien Menschen aus den Gewerkschaften und verschiedenen B\u00fcrgerrechtsorganisationen. Sie entschieden nach einigen Treffen eine neue Internationale zu gr\u00fcnden, das Weltsozialforum.<\/p>\n<p>Dem Weltsozialforum sollte die gro\u00dfe Bedeutung zukommen, alle Sozialen Bewegungen und B\u00fcrgerrechtsorganisationen zu repr\u00e4sentieren, die sich der Charta, den Statuten anschlie\u00dfen. Ich verweise auf das Internet, in dem die Prinzipien nachgelesen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die generelle Idee ist, dass gro\u00dfe internationale Treffen an verschiedenen Stellen auf der S\u00fcdhalbkugel organisiert werden, um zu kl\u00e4ren und die Aktionen zu diskutieren, wie die derzeitige von den wirtschaftlichen Eliten entworfene Weltwirtschaft zu stoppen und zu ver\u00e4ndern ist.<\/p>\n<p>Das erste Treffen, das 2001 stattfand, wurde in Porto Alegre im S\u00fcden Brasiliens im Bereich Rio Grande abgehalten. Porto Alegre ist eine Stadt, die sehr demokratisch funktioniert.<\/p>\n<p>Dort wurde die Idee eines &#8222;participatory budget&#8220; geboren, dabei kann die Stadtbev\u00f6lkerung in Diskussionen von Fr\u00fchjahr bis Herbst Einfluss auf die Ausgabenpolitik der Stadt nehmen. Die These war, dass es als politischer Akt zwar f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung gut sein k\u00f6nnte, eine linke Stadtregierung zu w\u00e4hlen, aber dass dies nicht ausreicht. Eine Stadt muss viele wirtschaftliche Entscheidungen treffen, so dass es wichtig f\u00fcr die Stadtbev\u00f6lkerung ist, an diesen wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen direkt beteiligt zu werden, die Priorit\u00e4ten mitzubestimmen.<\/p>\n<p>Porto Alegre ist eine Stadt von der Gr\u00f6\u00dfe Montr\u00e9als mit fast 2 Millionen Einwohnern. Die Stadt begann ein sehr radikales Experiment.<\/p>\n<p>\u00dcber einen Zeitraum von mehreren Jahren wurden mehr und mehr Menschen einbezogen, Hunderte am Anfang, Tausende heute, die in lokalen Versammlungen mitentscheiden, was die Stadt tut, um das Wohnen, die Gesundheit, den \u00f6ffentlichen Verkehr, den Umweltschutz etc. zu verbessern.<\/p>\n<p>Es wurde organisiert, dass die Geldausgaben nicht mehr allein in der Verantwortlichkeit der gew\u00e4hlten PolitikerInnen liegen, sondern dass es jeden Bewohner der Stadt angeht. Ein solcher Ansatz f\u00fcr eine ganze Stadt wurde vorher noch nie umgesetzt. Als &#8222;Nebeneffekt&#8220; wird damit die Korruption verhindert, denn alles wird transparent, jeder kann nachvollziehen, woher das Geld kommt, wie die Entscheidungsprozesse laufen, wo es hin soll, wof\u00fcr es ausgegeben wird und welches Ergebnis dies bringt.<\/p>\n<p>Es war deshalb sehr interessant, dass eine Stadt das erste Weltsozialforum ausrichtete, die neben einer politischen auch eine wirtschaftliche Demokratisierung der Entscheidungsprozesse eingef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du warst 2001 in Porto Alegre. Welchen Eindruck und welche Ideen f\u00fcr Eure weitere Arbeit hast Du von dort nach Kanada zur\u00fcckgebracht?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Als Mitbegr\u00fcnder des Urban Ecology Centres of Montr\u00e9al wurde ich als Delegierter dorthin geschickt. Ich habe viele internationale Treffen erlebt, aber was mich in Porto Alegre beeindruckte, war, dass das Programm des Forums in drei Abteilungen gegliedert war: eine f\u00fcr die globalen, eine f\u00fcr die regionalen und eine f\u00fcr die lokalen Fragestellungen. Und dass die Art, wie das Treffen angelegt war, eine Dialektik zwischen diesen drei Abteilungen f\u00f6rderte. Ein ganzheitlicher Ansatz zu erfassen, was gerade vorgeht in der Welt und was ver\u00e4ndert werden muss.<\/p>\n<p>Das zweite, das mich besonders interessierte, war die Tatsache, dass, bevor das Weltsozialforum eigentlich begann, bereits drei Tage vorher, sich Vertreter und Stadtr\u00e4te vieler St\u00e4dte aus der verschiedenen Teilen der Welt zusammensetzten und sich konkret \u00fcber ihre Probleme in der Stadt und den Stadtteilen austauschten. Das schuf die Basis f\u00fcr das Weltsozialforum, das sich daran anschloss.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast Dein Anarchismusverst\u00e4ndnis selbst immer auf lokale Aktionen und Einflussnahme bezogen. Siehst Du eine Verbindung und neue Chancen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Die Aktionen hatten immer mit einem lokalen Bezug zu tun. Die Gemeinschaft zu organisieren auf einer basisdemokratischen Grundlage.<\/p>\n<p>Wichtig am Weltsozialforum ist z.B., dass es keine Konferenz ist, die Entscheidungen trifft oder die zum Pr\u00e4sentieren von Resolutionen oder Abstimmungen von Resolutionen benutzt wird. Stattdessen gab es hunderte von Workshops zu verschiedensten Fragestellungen. Das Ziel des Forums war, es den an bestimmten Fragen interessierten Menschen zu erm\u00f6glichen mit Gleichgesinnten internationale Netzwerke aufzubauen, um Kampagnen auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene zu initiieren. Deshalb ist der Zweck des Weltsozialforums der, dass die Menschen, die an den Workshops, den Seminaren und Vollversammlungen teilgenommen haben, in eigener Verantwortung vor Ort ihre Aktionen starten, sie mit anderen koordinieren etc. und nicht, dass die Konferenz Beschl\u00fcsse fasst, wie etwas getan werden soll oder nicht. Der ganze Prozess ist horizontal, sehr libert\u00e4r, sehr anarchistisch.<\/p>\n<p>Als ich nach Montr\u00e9al zur\u00fcckkam, war ich \u00fcberzeugt, dass wir etwas machen m\u00fcssen, das auf der Stadtebene der Forumsidee entsprach. Wir diskutierten im st\u00e4dtischen Zentrum f\u00fcr \u00d6kologie mit Interessierten wie wir beginnen k\u00f6nnten und beschlossen, eine erste B\u00fcrgerversammlung (citizen summit) zur Zukunft der Stadt einzuberufen. Das war erfolgreich.<\/p>\n<p>Wir begannen einen Prozess, in dem wir viele Menschen zusammenbrachten, die gegenseitig ihre Besorgnisse und Priorit\u00e4ten austauschten, Netzwerke bildeten und lernten, wieviel Solidarit\u00e4t unter den verschiedenen Netzwerken zur Unterst\u00fctzung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Das schuf eine soziale und politische Kraft in der Stadt mit Leuten, die viele Absichten und Ziele miteinander teilen. So wird angerufen, bei der oder jener Kampagne zu helfen, aber immer mit der Idee im Hintergrund, dass wir mit dem Ziel, gemeinsame Ideen voranzutreiben, in einer Stadt und ihren Stadtteilen arbeiten.<\/p>\n<p>Seit dieser ersten B\u00fcrgerversammlung im Jahr 2001 haben wir 5 citizen summits organisiert. 2001 waren es 250 Menschen, im Jahr 2009 bei der 5. Versammlung kamen \u00fcber 1000. Vertreten waren alle Stadtteile, die Gewerkschaften, alle sozialen Bewegungen \u00fcber die gesamte Stadt Montr\u00e9al.<\/p>\n<p>Wir entwickelten als Graswurzelidee eine Vision, eine Agenda, wie wir uns die Stadt Montr\u00e9al vorstellen. Diese Arbeit beeinflusste den Stadtrat, im Jahr 2002, ein Jahr nach unserem ersten citizen summit organisierte die Stadt ihren eigenen offiziellen citizen summit.<\/p>\n<p>Wir nahmen daran teil, um diese Versammlung zu beeinflussen. Wir beeinflussten sie auf vielf\u00e4ltige Weise, aber der wichtigste Punkt bestand darin, dass wir die Idee entwickelten, dass die Stadt eine eigene Charta mit B\u00fcrgerrechten erlassen soll.<\/p>\n<p>1948 nahm die Versammlung der Vereinten Nationen die Erkl\u00e4rung der allgemeinen Menschenrechte auf. Obwohl die Annahme keine gesetzliche Grundlage hatte, sondern nicht viel mehr als ein ethischer Anspruch war, hat sich der Gedankengang seither in vielen Teilen der Welt durchgesetzt. Heute sprechen wir oft selbstverst\u00e4ndlich von den allgemeinen Menschenrechten und denken dabei oft, dass sie schon immer anerkannt und gegolten haben, aber sie sind in Wahrheit gerade mal etwas mehr als 60 Jahre Konsens.<\/p>\n<p>Und es ist gerade mal ungef\u00e4hr 15 Jahre her, dass in Europa, ausgehend von Barcelona, eine Anzahl von St\u00e4dten sogenannte St\u00e4dte-Chartas annahmen, in denen die B\u00fcrgerrechte festgehalten werden. So dass die Bewegung f\u00fcr B\u00fcrgerrechte in der Stadt (bisher waren B\u00fcrgerrechte an den Staat gekn\u00fcpft) zu wachsen begann, und damit auch die Frage, welchen Stellenwert habe ich in der Stadt?<\/p>\n<p>Nach der Versammlung 2002 akzeptierte die Stadt Montr\u00e9al die Vorbereitung einer Stadt-Charta f\u00fcr die B\u00fcrgerrechte und B\u00fcrgerpflichten. Ich wurde als Leiter in die ehrenamtliche Gruppe gew\u00e4hlt, diese Charta inhaltlich auszugestalten.<\/p>\n<p>Diese Arbeit dauerte zwei bis drei Jahre und wurde anschlie\u00dfend vom Stadtrat und vom B\u00fcrgermeister akzeptiert.<\/p>\n<p>Inzwischen hat die UNESCO und die Abteilung der UN, die f\u00fcr Wohnen und St\u00e4dte verantwortlich zeichnet, diese Montr\u00e9al-Charta als wichtiges demokratisches Werkzeug bezeichnet auf dem Weg zu einer Demokratisierung der St\u00e4dte.<\/p>\n<p>In dieser Charta ist besonders der Paragraf 16h wichtig, der Auskunft \u00fcber das B\u00fcrgerrecht gibt, initiativ zu werden.<\/p>\n<p>Das bedeutet, das Recht und die Verantwortung der B\u00fcrgerInnen zu intervenieren, neue \u00f6ffentliche politische Initiativen in Gang zu bringen, ohne auf die PolitikerInnen oder Wahlen warten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>So wurde Ende 2011 z.B. dieser Paragraf durch eine soziale Bewegung genutzt, die das Ziel verfolgt, Landwirtschaft in die Stadt zu bringen, also wie k\u00f6nnen Lebensmittel in der Stadt angebaut werden?<\/p>\n<p>Auf D\u00e4chern, Balkonen, Gr\u00fcnfl\u00e4chen, ganz konkret um Gem\u00fcse anzubauen, Tiere zu halten etc. Das Programm wird nun im Fr\u00fchjahr 2012 auf einer gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Versammlung diskutiert und entschieden werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie hat es funktioniert? Wieviele Menschen mussten sich hinter diese Forderung stellen? Gibt es ein Quorum f\u00fcr die Stadt oder die Stadtteile?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Um diesen Antrag durchzubringen musste die Initiativgruppe 15.000 UnterzeichnerInnen sammeln und die soziale Bewegung, die diesen Antrag einbrachte, sammelte in 2,5 Monaten 29.000 Unterschriften, ein gro\u00dfer Erfolg und damit eine gro\u00dfe Mobilisierung, die die Forderung stellt, wir wollen \u00fcber unsere Stadtteile selbst entscheiden und \u00fcberlassen es nicht nur dem Stadtrat.<\/p>\n<p><strong>GWR: Spielt Montr\u00e9al eine Ausnahmerolle in Kanada?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Nein, wir haben politische Verbindungen zu anderen St\u00e4dten mit \u00e4hnlicher Entwicklung, zu Toronto, Vancouver, Ottawa und wir kennen \u00e4hnliche Initiativen in anderen St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung ist wichtig, denn seit den 60er, 70er und 80er Jahren ist es deutlich geworden, dass die Regierungen von Nationalstaaten aus verschiedensten Gr\u00fcnden nicht wirklich in der Lage sind, Antworten auf die Umweltkrise zu finden. Viele internationale Vertr\u00e4ge wurden diskutiert, viele unterschrieben, speziell gegen Ende der 80er, aber die Krise dauert an. So wird die Vorstellung einer st\u00e4dtischen \u00d6kologie und \u00f6kologischen Praxis immer st\u00e4rker diskutiert mit Verbindungen zur Theorie der Sozialen \u00d6kologie.<\/p>\n<p>Der Vorteil besteht gerade darin, dass man auf der Stadtebene viele praktische Dinge umsetzen und damit zeigen kann, dass es einen besseren Weg zu leben gibt, dass eine bessere Lebensqualit\u00e4t m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Konkret wird es beim Wohnen, beim \u00f6ffentlichen Verkehr, bei der Umweltverschmutzung, bei der st\u00e4dtischen Landwirtschaft etc. und dabei entsteht das Bewusstsein, wir haben die Graswurzelbewegung, wir haben die Mobilisierung, dann k\u00f6nnen wir bestimmte wichtige Dinge ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>GWR: \u00c4hnliches haben wir auf der Konferenz \u00fcber Soziale \u00d6kologie in Lissabon im August 1998 diskutiert, als sich 125 Libert\u00e4re aus 44 St\u00e4dten zusammensetzen, um herauszufinden, wie sich libert\u00e4r kommunalistische Praxisans\u00e4tze in den verschiedenen St\u00e4dten voranbringen lassen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> Ja, gehen wir in der Geschichte etwas zur\u00fcck: Es ist wichtig, dass man zu sozialen Bewegungen in anderen St\u00e4dten Kontakt h\u00e4lt, deshalb habe ich damals einigen Leuten vorgeschlagen, eine internationale Konferenz \u00fcber libert\u00e4ren Kommunalismus abzuhalten, mit der Aufgabenstellung, wie k\u00f6nnen wir in den St\u00e4dten ein neues Bewusstsein, eine neue Politik initiieren, um die St\u00e4dte zu ver\u00e4ndern. Wir haben dann eine erste Konferenz, praktisch organisiert von den portugiesischen AnarchistInnen, in Lissabon durchgef\u00fchrt, mit Teilnehmern, die davon ausgingen, dass die Soziale \u00d6kologie Ansatzpunkte f\u00fcr eine neue Bewegung schaffen kann. Die Konferenz war ein Anfang, begrenzt aber gut und wir wollten das fortf\u00fchren mit neuen Netzwerken. Aber nach diesem interessanten Auftakt ging es dann nicht erfolgreich weiter und war nicht lebensf\u00e4hig.<\/p>\n<p><strong>GWR: Warum wurde damals Portugal ausgew\u00e4hlt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dimitri Roussopoulos:<\/em> 1974 gab es die Nelkenrevolution in Portugal, in der die Diktatur Salazar abgeschafft wurde. In dieser Revolution wurden viele Formen der Kollektivierung neu belebt, sowohl in der Landwirtschaft wie im Stadtleben. Es wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die den Staat dezentralisierte.<\/p>\n<p>Eine Situation, die den AnarchistInnen viele Einflussm\u00f6glichkeiten gab und die wiederum viele brasilianische ExilantInnen in Portugal beeinflusste, die vor der brasilianischen Diktatur aufgrund der gemeinsamen Sprache nach Portugal geflohen waren. Diese revolution\u00e4ren Erfahrungen beeinflussten Brasilien. Als die Demokratie nach Brasilien zur\u00fcckkehrte, wurde mit der neuen brasilianischen Verfassung, die wohl am meisten dezentralisierte Verfassung der Welt geschaffen. Eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr die politische und wirtschaftliche Entwicklung der St\u00e4dte in Brasilien. Daraus entwickelte sich die Idee des &#8222;participatory budget&#8220; in Porto Alegre.<\/p>\n<p>Der Prozess, der sich dort entwickelte, beeinflusste wiederum den Prozess des Weltsozialforums. In der Verfahrensweise l\u00e4uft das auf libert\u00e4re Weise und sollte von all denen genau angesehen werden, die Politik von unten auf gegen das von oben herab organisieren wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wann und wie begannen Deine politischen Aktivit\u00e4ten? Dimitri Roussopoulos: Politisch bin ich in den 60er Jahren geboren worden. Ich wurde aktiv in der New Left in Kanada, ebenso in der Bewegung f\u00fcr nukleare Abr\u00fcstung und in der Antikriegsbewegung. Es begann als militanter Aktivist und Organisator in diesen Bewegungen. 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