{"id":11292,"date":"2012-04-01T00:00:45","date_gmt":"2012-03-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11292"},"modified":"2022-07-26T14:12:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:23","slug":"erich-honeckers-achselhohlendunste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/04\/erich-honeckers-achselhohlendunste\/","title":{"rendered":"Erich Honeckers Achselh\u00f6hlend\u00fcnste"},"content":{"rendered":"<p>Diese Verse schrieb Rainer Maria Rilke einst \u00fcber die erstarkenden Neukatholiken in Deutschland.<\/p>\n<p>Die heutigen DDR-Nostalgiker aber beschreiben sie ebenso gut. Wachsende soziale Unzufriedenheit und Proteste haben dazu gef\u00fchrt, dass sich allenthalben, knirschend-kalkig, steif und doch erschreckend lebendig, Partei- und Widerg\u00e4nger vergangener ostdeutscher Politwirklichkeiten aus ihren Gr\u00fcften sch\u00e4len, um in den Reihen einer neuen, engagierten Generation umherzuwanken und es wieder einmal schon immer gewusst zu haben.<\/p>\n<p>Die &#8222;Bibliothek des Widerstands&#8220;, eine 2010 vom Laika-Verlag in Zusammenarbeit mit der Tageszeitung <em>junge welt <\/em>herausgegebene, mehrb\u00e4ndige Buchreihe zum politischen Widerstand im 20. Jahrhundert<em>, <\/em>ist ein besonders unappetitliches Beispiel f\u00fcr die Strategie, die diese Untoten dabei verfolgen, um sich (wieder) im politischen Feld zu verankern.<\/p>\n<p>Dabei ist die Grundidee zur &#8222;Bibliothek des Widerstands&#8220; eigentlich vielversprechend: Unterschiedliche Protest- und Widerstandsbewegungen (zum Beispiel die <em>Weathermen<\/em> oder die <em>Black Panther Party<\/em> in den USA), staatliche Verbrechen (etwa die Ermordung der deutschen Entwicklungshelferin Elisabeth K\u00e4semann im Argentinien der Milit\u00e4rdiktatur) und politische Kampagnen des 20. Jahrhunderts werden bandweise vorgestellt und von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren beleuchtet.<\/p>\n<p>Beigef\u00fcgt ist jedem Band eine DVD mit einem oder mehreren (zum Teil heute schwer zu findenden) Dokumentarfilmen.<\/p>\n<p>Das ist der K\u00f6der, nach dem das Publikum schnappen soll. Denn die Herausgeber der Reihe, Willi Baer und Karl-Heinz Dellwo, haben nichts besseres zu tun, als geradezu zwanghaft jede Bewegung und jedes Ereignis mit einem Parfum aus Erich Honeckers Achselh\u00f6hlend\u00fcnsten zu betr\u00e4ufeln.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: In Band 9 der Reihe, &#8222;Pante\u00f3n Militar. Kreuzzug gegen die Subversion: Argentinien 1976-1983&#8220;, findet sich der Beitrag eines Herren Klaus Eichner \u00fcber den Terror in Argentinien und die Arbeit der dortigen Geheimdienste.<\/p>\n<p>Der Beitrag ist, h\u00f6flich gesprochen, m\u00e4\u00dfig. Aber noch ist ja nichts passiert: Es gibt schlimmere Texte als Eichners.<\/p>\n<p>Wer dann allerdings am Ende des Bandes in die Kurzbiographien der Beitr\u00e4ger schaut, erlebt eine \u00dcberraschung. Klaus Eichner, Jahrgang 1939, war &#8222;Mitarbeiter des MfS von 1957 bis 1990 [!]. Letzter Dienstgrad Oberst. Zun\u00e4chst in der Spionageabwehr, danach in der Aufkl\u00e4rung (HVA) t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Seit 1974 Analytiker in der Abteilung Gegenspionage, spezialisiert auf amerikanische Geheimdienste&#8220; (S. 136).<\/p>\n<p>Das &#8222;MfS&#8220;, dies sei allen Leserinnen und Lesern verraten, die erst nach 1989 auf die Welt gekommen sind, war das &#8222;Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit&#8220; der DDR. Die Stasi.<\/p>\n<p>Es gibt gewiss hunderte ausgewiesener Fachleute zum Terror in Argentinien und der &#8222;Operation Kondor&#8220;, jener blutigen Kooperation der CIA mit einer Reihe s\u00fcdamerikanischer Geheimdienste, um &#8222;politisch Subversive&#8220; in S\u00fcd- und Nordamerika, aber zum Teil auch in Europa, ermorden zu lassen. F\u00fcr Baer und Dellwo aber muss es ein Stasi-Agent sein. Eichner wird nicht nur als neutraler Fachmann vorgestellt. Seine Schn\u00fcfflervita wird zum <em>Ausweis<\/em> seiner Kompetenz in Sachen internationaler Menschenrechte. Ehemalige H\u00e4ftlinge aus den Folterzellen der DDR m\u00f6gen das nat\u00fcrlich anders sehen.<\/p>\n<p>Wer nun an einen Ausrutscher glaubt, sei herzlich eingeladen, auch einen Blick in die \u00fcbrigen B\u00e4nde der &#8222;Bibliothek des Widerstands&#8220; zu werfen. Allerdings, bitte, ohne sie zu kaufen! Die propagandistische Ausrichtung ist teilweise derart grobschl\u00e4chtig, dass man unwillk\u00fcrlich anf\u00e4ngt, auch den wenigen vern\u00fcnftigeren Beitr\u00e4gen zu den B\u00e4nden zu misstrauen. Zwar m\u00fchen sich die Herausgeber redlich, ein Mischverh\u00e4ltnis unter den Texten zu finden, in dem der schnarrende Ton Karl Eduard von Schnitzlers nicht immer gleich auff\u00e4llt. Oft aber gen\u00fcgt ein blo\u00dfes Durchbl\u00e4ttern, um zu erkennen, wes Geistes Kind man vor sich hat. In Band 2 zum Beispiel (\u00fcber die US-amerikaische Aktivistin Angela Davis) sind es nicht einmal die Texte oder AutorInnen, sondern die beigef\u00fcgten <em>Bilder<\/em>, die B\u00e4nde sprechen. Es ist fast r\u00fchrend: Auf Seite 56 sch\u00fcttelt eine l\u00e4chelnde Angela Davis dem Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honecker die Hand. Auf Seite 64 sieht man Angela Davis auf dem Podium der Weltjugendfestspiele der DDR fr\u00f6hlich winken, umrahmt von Margot Honecker und anderen Notablen. Was der Kampf der <em>Black Panther Party<\/em> mit dem diktatorischen Staatssozialismus Erich Honeckers zu tun haben soll, erschlie\u00dft sich mir nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Linkspolitischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts wird eine realsozialistische Duftmarke aufgespr\u00fcht. Es gibt in der k\u00e4mpferischen Vita von Davis sicherlich kaum etwas Unwichtigeres als ihren Trip in die DDR. Zusammenh\u00e4nge aber werden von Dellwo und Baer nicht hergestellt, sondern suggeriert: &#8222;Seht her, die DDR! Heimat der Verfolgten und Vertriebenen, ewige St\u00fctze des Kampfes um Gerechtigkeit in der ganzen Welt. Seid ihr nicht genauso traurig wie wir, dass sie nicht mehr da ist?&#8220;. Nein, sind wir nicht.<\/p>\n<p>Die &#8222;Bibliothek des Widerstands&#8220; ist &#8211; leider &#8211; eine Mogelpackung. Die eigentlich h\u00fcbsche Idee einer multimedialen Dokumentation linkspolitischen Protests im 20. Jahrhundert ist von Leuten ruiniert worden, in deren Kopf die Mauer noch steht. Dass sich die vielen treuen Knechte der DDR 1990 nicht schlagartig in Luft aufl\u00f6sen w\u00fcrden, war zu erwarten. Dass sie sich aber nun mit plumpen Mitteln f\u00fcr die neuen Protestbewegungen salonf\u00e4hig machen wollen; dass sie noch immer tr\u00e4umen von einem Meinungsmonopol, das sie sich notfalls durch Geschichtsklitterung zusammenstottern, sollte Anlass geben, \u00fcber k\u00fcnftige B\u00fcndnisstrategien gr\u00fcndlich nachzudenken.<\/p>\n<p>Von der &#8222;Bibliothek des Widerstands&#8220; jedenfalls sollten kritische Geister, die sich verl\u00e4sslich informieren wollen, lieber die Finger lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Verse schrieb Rainer Maria Rilke einst \u00fcber die erstarkenden Neukatholiken in Deutschland. Die heutigen DDR-Nostalgiker aber beschreiben sie ebenso gut. 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