{"id":11315,"date":"2012-05-01T00:00:31","date_gmt":"2012-04-30T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11315"},"modified":"2022-07-26T14:22:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:31","slug":"wo-stehen-die-arabischen-aufstande-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/wo-stehen-die-arabischen-aufstande-heute\/","title":{"rendered":"Wo stehen die arabischen Aufst\u00e4nde heute?"},"content":{"rendered":"<p>Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat mit seinem Roman <em>Das Dorf des Deutschen<\/em> Aufsehen erregt. Er beschrieb als erster arabischer Schriftsteller selbstkritisch die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung durch in Algerien untergetauchte Nazis f\u00fcr die Befreiungsorganisation Front de Lib\u00e9ration Nationale (FLN) in den F\u00fcnfzigerjahren, die im antikolonialen Krieg ihren Nazi-Kampf gegen Frankreich fortsetzten. ((1))<\/p>\n<p>Innerhalb der FLN gab es einen gro\u00dfen Anteil judenfeindlicher Str\u00f6mungen, w\u00e4hrend die antikoloniale Konkurrenzstr\u00f6mung der &#8222;Messalisten&#8220; (sog. MNA, um Messali Hadj, von Camus unterst\u00fctzt) sofort jede Kampagne abbrach, sobald sich antij\u00fcdische Tendenzen zeigten.<\/p>\n<p>Sansal erinnert an den algerischen Befreiungskrieg als B\u00fcrgerkrieg: &#8222;Wir k\u00e4mpften gegen die Kolonialtruppen und gegen uns selbst, es k\u00e4mpften FLN gegen MNA, Araber gegen Berber, Religi\u00f6se gegen Laizisten, und so bereiteten wir k\u00fcnftigem Hass und k\u00fcnftigen Spaltungen schon den Boden. [&#8230;] Die Befreiung brachte keine Freiheit und Freiheiten schon gar nicht.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Sansal lebt als Schriftsteller &#8211; noch &#8211; in Algerien, seine B\u00fccher sind dort jedoch verboten. Er ist Camusianer geblieben.<\/p>\n<p>Mit seiner Stimme soll hier zun\u00e4chst an die Anf\u00e4nge der arabischen Aufst\u00e4nde erinnert werden. In seiner Rede zum Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vom 16. Oktober 2011 beschrieb er sie geradezu euphorisch:<\/p>\n<p>&#8222;Wir sp\u00fcren alle, dass sich seit der tunesischen Jasminrevolution in der Welt etwas ge\u00e4ndert hat. Was in der verkn\u00f6cherten, komplizierten und schwarzseherischen arabischen Welt unm\u00f6glich schien, ist nun eingetreten: [&#8230;] Was derzeit geschieht, ist meines Erachtens nicht nur eine Jagd auf alte bornierte und harth\u00f6rige Diktatoren, und es beschr\u00e4nkt sich nicht auf die arabischen L\u00e4nder, sondern es kommt eine weltweite Ver\u00e4nderung auf, eine kopernikanische Revolution: Die Menschen wollen eine echte universelle Demokratie, ohne Grenzen und ohne Tabus. Die Menschen lehnen Diktatoren ab, sie lehnen Extremisten ab, sie lehnen das Diktat des Marktes ab, sie lehnen den anma\u00dfenden und feigen Zynismus der Realpolitik ab, sie verweigern sich dem Schicksal, auch wenn jenes das letzte Wort haben mag, sie lehnen sich gegen alle Arten von Verschmutzern auf; \u00fcberall emp\u00f6ren sich die Leute und widersetzen sich dem, was dem Menschen und seinem Planeten schadet.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Sansal erinnerte in seiner Rede noch an eine weitere Friedenspreistr\u00e4gerin, die nicht nur stellvertretend f\u00fcr den Frauenwiderstand in Algerien, sondern f\u00fcr die Rolle der Frauen insgesamt bei den arabischen Revolten steht:&#8220;Im Jahr 2000 wurde hier meine Landsfrau Assia Djebar geehrt, die viel f\u00fcr die Durchsetzung des eigentlich selbstverst\u00e4ndlichen Gedankens getan hat, dass auch bei uns in den arabisch-muslimischen L\u00e4ndern die Frau ein freies Wesen ist, und dass es ohne Frauen im Vollbesitz ihrer Freiheit keine gerechte Welt geben kann, sondern nur eine kranke, l\u00e4cherliche und geh\u00e4ssige, die ihr Dahinsterben nicht wahrnimmt.<\/p>\n<p>Ich kann hier sagen, dass ihr Kampf Fr\u00fcchte getragen hat: &#8222;Echter Widerstand, also ein Widerstand voller W\u00fcrde und Z\u00e4higkeit, wird in Algerien [und in den arabischen L\u00e4ndern, erinnert sei etwa an die Jemenitin Tawakkul Karman; d.A.] heute haupts\u00e4chlich von Frauen geleistet.&#8220; ((4))<\/p>\n<h3>Libyen und Kollateralschaden Sahelkrieg<\/h3>\n<p>Am schnellsten zerstob die Anfangseuphorie im libyschen B\u00fcrgerkrieg in Verbindung mit Waffenlieferungen, westlichen \u00d6linteressen und dem NATO-Bombardement.<\/p>\n<p>Es sei daran erinnert, dass eine Vielzahl der libyschen Revolution\u00e4re anfangs in alle Kameras sagten, sie w\u00fcrden ihre Waffen nur dazu gebrauchen, um Gaddafi zu st\u00fcrzen, danach w\u00fcrden sie sie wieder abgeben und frei ihrem Wunschberuf nachgehen.<\/p>\n<p>Solche Illusionen stehen oft am Anfang des bewaffneten Widerstands. Der zun\u00e4chst v\u00f6llig legitime Aufstand gegen das blutige Gaddafi-Regime f\u00fchrte nach dem Sturz Gaddafis keineswegs zur Waffenr\u00fcckgabe der Milizion\u00e4re. Libyen ist heute ein waffenstarrendes Land, in dem die innenpolitische Lage mit ihren rund 60 Folterlagern unter Kontrolle der zum Teil verfeindeten Milizen sind. ((5))<\/p>\n<p>L\u00e4ngst wird der libysche B\u00fcrgerkrieg exportiert und befeuert Kriege in der ohnehin leidgeplagten Sahelzone.<\/p>\n<p>In Mali gab es am 22. M\u00e4rz 2012 einen Putsch gegen den halbwegs demokratisch gew\u00e4hlten A.T. Tour\u00e9 durch junge Milit\u00e4rs, die ihm vorwarfen, nicht energisch genug gegen die Tuareg-Milzen im Norden Malis vorzugehen. Der Putsch verschaffte diesen Milizen, die sich seit 2011 Mouvement national de lib\u00e9ration de l&#8217;Azawad (MNLA) nennen und sich mit den salafistischen An\u00e7ar Eddine (Helfer des Glaubens), die wiederum eng mit der Al-Qaida au Maghreb islamique (AQMI) zusammenarbeiten, verb\u00fcndeten, Zeit und Raum, den Norden Malis milit\u00e4risch zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Der Konflikt hat zum Teil seine historischen Ursachen in der kolonialen Grenzziehung mitten durch die W\u00fcste. Das jetzt besetzte Nord-Mali umfasst 65 % des Territoriums Gesamt-Malis (zweimal so gro\u00df wie Deutschland) mit rund 14 Mio. Menschen, von denen bereits 200.000 geflohen sind.<\/p>\n<p>Die Putschisten in S\u00fcd-Mali konnten sich nicht halten und \u00fcbergaben die Macht an eine neue zivile Regierung unter D. Traor\u00e9, die nun in Kooperation mit den Anrainerstaaten alles daran setzt, die MNLA und die Salafisten im Norden, die sich wenige Tage nach ihrem Sieg bereits zerstritten und getrennt haben, milit\u00e4risch anzugreifen.<\/p>\n<p>Interessant ist, wer bei dieser Tuareg\/Salafisten-Offensive milit\u00e4risch gek\u00e4mpft hat. Im j\u00fcngsten Bericht von <em>Le Monde diplomatique<\/em> hei\u00dft es dazu: Die MNLA habe &#8222;gut tausend K\u00e4mpfer, davon 400 Ex-Waffenbr\u00fcder von [&#8230;] Gaddafi.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Die Absurdit\u00e4t geht noch weiter: Denn die Salafisten ihrerseits rekrutierten ihre Milizion\u00e4re \u00fcber AQMI-Hilfen ebenfalls zu einem gro\u00dfen Teil aus Libyen, sodass Gaddafi-B\u00fcttel und islamistische Anti-Gaddafi-Milizen in Nord-Mail bereits Seit&#8216; an Seit&#8216; gegen die Armee Malis k\u00e4mpften. Eine Reporterin von <em>Le Monde<\/em> zitiert westafrikanische Quellen wie den mauretanischen Nachrichtendienstler El-Maaly, der von weiteren &#8222;Schl\u00e4fer-Zellen von K\u00e4mpfern, die sich in Libyen gebildet haben [spricht]. &#8218;Das ist Nachschub&#8216;, sagt er. Am 23. M\u00e4rz haben K\u00e4mpfer von AQMI nicht gez\u00f6gert, sich bei einer Milit\u00e4rparade zu filmen. Das wurde in Arabisch auf YouTube verbreitet. Ein Video zeigt einen Konvoi von 30 Pick-Ups, ausger\u00fcstet mit Raketenwerfern, [&#8230;] mit drei Feuerwehrwagen am Schluss, von denen einer noch die Aufschrift &#8218;Die Rebellen von Syrte&#8216; trug.&#8220; ((7))<\/p>\n<h3>Einmal bewaffnet &#8211; immer bewaffnet!<\/h3>\n<p>Der bewaffnete Kampf \u00fcberspringt schnell alle fr\u00fcheren Fronten, die urspr\u00fcnglichen Kampfziele werden zweitrangig, wer einmal bewaffnet k\u00e4mpft, sucht sich nach dem Sieg einfach neue Kampfziele. Solch eine Verkettung kann am Anfang bek\u00e4mpft werden, aber kaum noch, wenn der Zug einmal abgefahren ist.<\/p>\n<p>Angesichts des neuen B\u00fcrgerkriegs in Mali wird in der Region selbst von Politikern von einer Afghanisierung der Sahel-Zone gesprochen und die aktuelle Intensivierung der Kriege als &#8222;Kollateralschaden der libyschen Krise&#8220; bezeichnet. ((8))<\/p>\n<p>Die Sahel-Zone sitzt auf einem Pulverfass, das nun durch Milizion\u00e4re und Waffen aus Libyen befeuert wird: B\u00fcrgerkrieg in Mali, \u00d6lkrieg zwischen Sudan und unabh\u00e4ngigem S\u00fcd-Sudan, B\u00fcrgerkrieg in Somalia, eine &#8222;Bewegung f\u00fcr Gerechtigkeit&#8220; &#8211; was sonst? &#8211; will gerade in Darfur erneut den bewaffneten Kampf aufnehmen, eine islamistische Guerilla im Nord-Niger k\u00e4mpft seit Jahren gegen den neokolonialistischen Uran-Abbau franz\u00f6sischer Atomfirmen und die Armee des Niger, und zu guter Letzt: J\u00fcngst rief noch der Pr\u00e4sident des Tschad, Idriss D\u00e9by, dem j\u00fcngst die franz\u00f6sische Armee zum Machterhalt verhalf ((9)), zu einer gro\u00dfen Allianz zwischen MNLA, AQMI, den West-Sahara-Guerillas der Polisario und seiner Regierung auf.<\/p>\n<p>Derweil gibt es aktuell D\u00fcrre und Hunger im Sahel und 5-7 Millionen Menschen br\u00e4uchten dringend medizinische Versorgung.<\/p>\n<h3>Syrien: Der verpasste Strategiewechsel<\/h3>\n<p>Als in den ersten Wochen nach dem 15. M\u00e4rz 2011 die Menschen in den meisten St\u00e4dten Syriens massenhaft und gewaltfrei auf die Stra\u00dfe gingen, hatte die \u00fcberkonfessionelle Einheit der Protestbewegung noch Bestand.<\/p>\n<p>Haytham Manna, der Pr\u00e4sident des &#8222;Arabischen Komitees f\u00fcr Menschenrechte&#8220; konnte am 15. April 2011 sechzehn beteiligte St\u00e4dte, darunter Damaskus und Aleppo, vermelden: &#8222;Die Revolte kommt gut voran, in einem vern\u00fcnftigen Rhythmus. Sie umfasst nunmehr alle Konfessionen, die Minderheiten, die Christen sowie die Alawiten [schiitische Minderheit, zu der der Assad-Clan z\u00e4hlt; d.A.], die Araber wie auch die Kurden.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Die Ausdauer und der Mut der gewaltlos Demonstrierenden in Syrien \u00fcber Monate hinweg war schier unglaublich.<\/p>\n<p>Bevor der \u00dcbergang zur Bef\u00fcrwortung des bewaffneten Kampfes begann, hatte dieser Widerstand immerhin erreicht, dass heute die Herrschaft des Assad-Clans und seiner Geheimdienste innerhalb Syriens desavouiert ist. Und allen deutschen Linken, der marxistischen Tageszeitung <em>junge Welt<\/em> und jenen AntiimperialistInnen, die noch immer meinen, das Syrien Assads sei ein irgendwie sozialistisches, antiimperialistisches Bollwerk, das es zu sch\u00fctzen gilt, sei ins Stammbuch der Nimmer-Lernenden geschrieben: Eine Staatsclique, die \u00fcber Monate hinweg die eigene Bev\u00f6lkerung mit brutaler milit\u00e4rischer Repression bek\u00e4mpft, hat jeden ideologischen Kredit verspielt!<\/p>\n<p>Rony Brauman, Aktivist von &#8222;M\u00e9decins Sans Fronti\u00e8res&#8220; und franz\u00f6sischer Intellektueller, pries noch Ende November 2011, nach dem Sturz Gaddafis in Libyen, die Gewaltfreiheit der syrischen Revolte als beispielhaftes Gegenmodell zu Libyen, obwohl damals der Formierungsprozess der &#8222;Freien Syrischen Armee&#8220; (FSA) aus ehemaligen Deserteuren der Assad-Armee bereits im Gange war. ((11))<\/p>\n<p>Heute gibt es zwar weiter auch unbewaffnete Demonstrationen und nicht-gewaltsam vorgehende Komitees (Local Coordinating Committes) und Komitees der SRGC (Syrian Revolution General Commission) im Land, die von der Kampagne &#8222;Adopt a Revolution&#8220; unterst\u00fctzt werden. Doch nicht alle LCC sind gewaltfrei. Die Selbstdarstellung der LCC erw\u00e4hnt auf ihrer Homepage kein Bekenntnis zum gewaltfreien Widerstand, wie es &#8222;Adopt a Revolution&#8220; gleichwohl behauptet. ((12)) Die Informationen \u00fcber die SRGC sind kaum zu \u00fcberpr\u00fcfen, deren Website steht bisher nur auf Arabisch zur Verf\u00fcgung. Und die ASKYA (Assembly of Syrian Kurdish Youth Abroad) ist vor allem eines: &#8222;abroad&#8220;, also im Exil.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Entwicklung des Widerstands kam der Ruf nach bewaffnetem Widerstand sogar leider zun\u00e4chst aus den Komitees der Basis. Der au\u00dferhalb Syriens agierende Syrische Nationalrat (SNC) rief dann Anfang M\u00e4rz 2012 offen zur westlichen Milit\u00e4rintervention auf. Inzwischen ist der SNC in westliche und US-amerikanische Strategien eingespannt, die davon ausgehen, es sei realistischer, die FSA zu bewaffnen, als eine 330.000 Mann starke Armee wie die Assads mit einer direkten NATO-Milit\u00e4rintervention klein zu kriegen. Darin treffen sie sich mit den Interessen Saudi-Arabiens, das zu den wichtigsten Waffenlieferanten der FSA z\u00e4hlt. ((13))<\/p>\n<p>Alain Gresh von <em>Le Monde diplomatique<\/em> beschreibt den Syrischen Nationalrat inzwischen als &#8222;von Islamisten dominiert, mit einigen liberalen Figuren als Fassade.&#8220; ((14)) Dem Regime sei es gelungen, die \u00fcberkonfessionelle Einheit aus den Anfangstagen zu spalten, die Opposition habe ihren Einfluss bei Alawiten und KurdInnen verloren. Alain Gresh:<\/p>\n<p>&#8222;Die Opposition zeigt sich unf\u00e4hig, ernsthafte Garantien f\u00fcr die Zukunft zu bieten. Sie sieht sich nun damit konfrontiert, dass sich einstige Unterst\u00fctzer von ihr abwenden. Die Kurden, die unter den ersten waren, die mitdemonstrierten [&#8230;], halten sich nun zur\u00fcck, abgeschreckt durch die Weigerung des SNC, ihre Rechte anzuerkennen.&#8220; ((15))<\/p>\n<p>Interessant ist, dass Alain Gresh f\u00fcr das &#8222;Nationalkomitee f\u00fcr den demokratischen Wandel&#8220; (NCC) zu einer anderen Einsch\u00e4tzung kommt als Christine Schweitzer in ihrer Antwort auf die Kritik von Marischka\/Wagner, die in dieser GWR abgedruckt ist: Dem SNC werde von vielen AktivistInnen vorgeworfen, die Alawiten und TurkmenInnen zu marginalisieren, &#8222;besonders vom NCC, das sich der Konfessionalisierung und der Militarisierung des Aufstands widersetzt, ebenso wie der ausl\u00e4ndischen Milit\u00e4rintervention&#8220; und das Gresh keineswegs so isoliert von der Bev\u00f6lkerung darstellt wie Schweitzer. ((16))<\/p>\n<p>Die vom SNC protegierte FSA ihrerseits, die zahlenm\u00e4\u00dfig mit rund 4-7000 K\u00e4mpfern gegen die noch immer nicht substantiell gespaltene syrische Armee keine Chance hat, ist dagegen zersplittert und der j\u00fcngste Human Rights Watch-Bericht wirft ihr religi\u00f6s motivierte Angriffe auf AlawitInnen und SchiitInnen vor. ((17))<\/p>\n<p>Durch diese Rekonfessionalisierung, die der SNC und der bewaffnete Widerstand vorantreiben, werden diese Minderheiten nur wieder in die Arme des Regimes getrieben und verbarrikadieren sich dort. Fazit: Ein &#8222;Mix&#8220; ist nicht wirklich eine Alternative zum bewaffneten Kampf, denn genau besehen war noch jeder bewaffnete Kampf in der Geschichte real ein &#8222;Mix&#8220;.<\/p>\n<p>Aus gewaltfrei-anarchistischer Sicht war das Problem der Dynamik des syrischen Widerstands das \u00fcber fast ein dreiviertel Jahr w\u00e4hrende Festhalten an offenen Stra\u00dfendemonstrationen, auch dann noch, als Polizei, Geheimdienste und Milit\u00e4r wiederholt ohne Hemmungen in die Menge schossen.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich war die Revolte zu fast 100 Prozent gewaltfrei, und zwar spontan gewaltfrei.<\/p>\n<p>Doch solche zerm\u00fcrbenden offenen Erschie\u00dfungen \u00fcber sehr lange Zeit hinweg mussten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einem Umschlag im Denken der Betroffenen f\u00fchren, welche fast alle keine Strategie bewusster gewaltfreier Aktion kennen. Es zeigte sich bitter das Fehlen einer gewaltfreien Aufstandsstrategie, die zu anderen, weniger direkt angreifbaren Aktionsformen auf Massenbasis \u00fcbergehen kann, wie das etwa Gandhi oder etwa auch der burmesische gewaltfreie Widerstand \u00fcber Jahre hinweg immer wieder taten und damit auch bittere Niederlagen wie in Burma 1988 oder 2009 unbeschadet und vor allem ohne innere Militarisierung \u00fcberstehen konnten.<\/p>\n<p>Es fehlte ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die strategische Kombination von Boykottstrategien, Streiks (eher dezentral in Form von Betriebsbesetzungen als offen), Sabotage besonders bei Zulieferfirmen des Milit\u00e4rs sowie breit angelegte Verweigerungskampagnen f\u00fcr Regierungsb\u00fcrokraten und in Soldatenkreisen.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcssten Deserteuren Alternativen angeboten werden, anstatt sie f\u00fcr eine Gegenarmee zu verwenden.<\/p>\n<p>Weil ab einem bestimmten Zeitpunkt solche gezielten und bewusst angewandten Aktionsstrategien fehlten, schlug die St\u00e4rke der anf\u00e4nglichen spontanen Gewaltfreiheit der Massen schlie\u00dflich in eine Schw\u00e4chung des spontan-gewaltfreien Bewusstseins um: Die Erfahrung, auf offener Stra\u00dfe immer wieder vom Kugelhagel umgem\u00e4ht zu werden, lie\u00df den Ruf gerade von unten, gerade von vielen Basiskomitees nach Bewaffnung laut werden.<\/p>\n<p>So findet sich Syrien heute im B\u00fcrgerkrieg wieder, aus dem nur schwer ein Ausweg erkennbar scheint.<\/p>\n<h3>Tunesien\/\u00c4gypten: Die Unterbewertung der islamischen Kultur<\/h3>\n<p>Tunesien und \u00c4gypten sind die Ursprungsl\u00e4nder der arabischen Revolte, in denen auch heute noch der Sog in den B\u00fcrgerkrieg auf relativ niedrigstem Niveau bleibt bzw. aufgehalten werden kann. Trotzdem sind, vor allem in \u00c4gypten, Tendenzen erkennbar, die in eine solche Richtung zeigen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Tage der gewaltfreien Massenrevolten hielten sich die islamistischen Parteien in beiden L\u00e4ndern noch bewusst im Hintergrund. So bekamen viele BeobachterInnen den hoffnungsvollen, aber falschen Eindruck, dass sie bei der Revolte keine dominierende Rolle spielen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Massenminorit\u00e4t, die die gewaltfreie Revolte zun\u00e4chst durchf\u00fchrte, war nicht mit der jeweiligen Gesamtbev\u00f6lkerung gleichzusetzen, deren Abstimmungsverhalten bei den dann folgenden freien Wahlen ein ganz anderes Bild bot.<\/p>\n<p>Es war auch naiv zu glauben &#8211; und entsprach eher dem Wunschbild der herrschenden westlichen Medien -, etwa ein Wael Ghoneim, seines Zeichens Google-Manager ((18)), w\u00e4re ein repr\u00e4sentativer Aktivist dieser Revolte.<\/p>\n<p>Nur rund 10-20% aller Haushalte in Tunesien und \u00c4gypten haben heute Internet, doch bereits die Anfangsrevolte konnte nur siegen, weil schlie\u00dflich auch gro\u00dfe Teile der nicht-wohlsituierten und gut ausgebildeten Bev\u00f6lkerung auf die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze gingen &#8211; und die waren in Tunesien und \u00c4gypten erstens arm, zweitens ohne Internetanschluss und drittens mehr oder weniger an den islamischen Kulturraum und deren Tradition gebunden.<\/p>\n<p>Der islamische Kulturhintergrund des Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung kann bei diesen Revolten nicht ausgeklammert werden &#8211; die Hoffnung, in der sich westliche Medien und viele antideutsche und\/oder atheistische Linke einig waren, dass die Revolte nicht durch die langwierige Auseinandersetzung mit der islamischen Kultur und Tradition hindurch m\u00fcsse, erwies sich als tragischer, eurozentrischer Kurzschluss, der dann bei den Wahlen offenbar wurde.<\/p>\n<h3>In \u00c4gypten waren die Auseinandersetzungen vom November 2011 vorl\u00e4ufig entscheidend<\/h3>\n<p>Von vielen unbemerkt begann die zweite Tahrir-Platz-Besetzung, die von vielen schnell als &#8222;zweite Revolution&#8220; bezeichnet wurde, mit einer Sitzblockade von rund 600 DemonstrantInnen am 19. November.<\/p>\n<p>Massenhafte Sitzblockaden wurden in dieser Zeit immer wieder durchgef\u00fchrt und hielten noch bis Mitte Dezember 2011 an ((19)), gingen aber laut der Berichterstattung in blutigen, opferreichen und sehr militanten K\u00e4mpfen auf dem Tahrir-Platz und einer an ihn grenzenden Seitenstra\u00dfe, wo militante Jugendliche k\u00e4mpften, unter.<\/p>\n<p>Diese Bewegung hatte ihr emanzipatorisches Motiv darin, dass zum ersten Mal offen das Milit\u00e4r, das ja nach dem Sturz Mubaraks faktisch die Macht \u00fcbernommen hatte, als Gegner begriffen und angegriffen wurde.<\/p>\n<p>Dadurch wurde ein verallgemeinerter Glaube an die Sympathie oder zumindest &#8222;Neutralit\u00e4t&#8220; des Milit\u00e4rs gebrochen. Gleichzeitig blieb aber durch die Militanz der Angriffe eine strategisch zu erhoffende und f\u00fcr einen Erfolg unbedingt n\u00f6tige Spaltung der Armee &#8211; wie sie noch in der &#8222;ersten&#8220; Revolution in gro\u00dfen Teilen stattgefunden hatte (auch Mubarak kam aus dem Milit\u00e4r) &#8211; aus.<\/p>\n<p>Die Armee, auch die Soldaten, schwei\u00dfte die Militanz der Angriffe zusammen. Sie nahm eindeutig auf der anderen Seite der Barrikade Stellung und schoss nun auch zusammen mit der Polizei in die Menge.<\/p>\n<p>Aus Angst vor einem B\u00fcrgerkrieg blieb in dieser &#8222;zweiten&#8220; Revolution darum der Zuspruch einer gr\u00f6\u00dferen Massenbewegung wie noch bei der &#8222;ersten&#8220; Revolution aus, wodurch damals zum Beispiel die sogenannte &#8222;Kamelschlacht&#8220; von der Bewegung gewonnen werden konnte.<\/p>\n<p>Statt diesen Sieg wiederholen zu k\u00f6nnen, r\u00e4chten sich schlie\u00dflich am 1. Februar 2012 die Polizei und das Milit\u00e4r an den jugendlichen Militanten des Tahrir-Platzes, die vor allem aus Fans des Kairoer Fussballclubs Al-Ahly (5-10000 Mitglieder) bestanden, mit dem Stadion-Massaker von Port Said, wo \u00fcber 70 Menschen, meist Al-Ahly-Anh\u00e4nger ermordet wurden. Von dieser quasimilit\u00e4rischen Niederlage hat sich die Tahrir-Bewegung bis heute nicht erholt.<\/p>\n<p>Politisch gesehen finde ich \u00fcbrigens, dass militante Fu\u00dfballfans kein Schutz vor einem Abgleiten in b\u00fcrgerkriegsartige Zust\u00e4nde sind &#8211; und das nicht nur in \u00c4gypten. ((20))<\/p>\n<p>Inzwischen dominieren die islamischen Parteien (Muslimbr\u00fcder und Salafisten) die verfassungsgebende Versammlung in \u00c4gypten (nur 6 Frauen und 6 Christen von 100 Mitgliedern), linke und s\u00e4kulare Kr\u00e4fte haben sie aus Protest verlassen. ((21)) Entgegen vorheriger Zusagen, auf einen eigenen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten verzichten zu wollen, haben die Muslimbr\u00fcder erst j\u00fcngst erkl\u00e4rt, dass sie nun doch einen eigenen Kandidaten aufstellen wollen.<\/p>\n<p>Sie erheben damit einen hegemonialen Anspruch, das politische Leben \u00c4gyptens, das der Minderheiten und auch das der Frauen kontrollieren zu wollen, die auch die vorbereitete Machtteilung mit der Armee infrage stellen k\u00f6nnte und f\u00fcr zus\u00e4tzlichen Konfliktstoff sorgt. ((22))<\/p>\n<p>Eine Hoffnung scheint die gefestigte Widerstandskultur in Tunesien und \u00c4gypten zu sein, die bis jetzt immer wieder gezeigt hat, dass sie nie mehr Unterdr\u00fcckung ohne Widerstand hinzunehmen bereit ist.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr deren Wirkm\u00e4chtigkeit ist jedoch, dass sich das Widerstandspotential nicht in einem wohlsituiert-s\u00e4kular-modernistischen Milieu einigelt, sondern ihr Solidarit\u00e4tspotential bei kommenden, hoffentlich gewaltarmen Konfrontationen wieder verbreitern kann.<\/p>\n<p>Dazu ist eine Auseinandersetzung mit den und m\u00f6glichst eine Spaltung der islamistischen Milieus vonn\u00f6ten. Dies kann nur erreicht werden, wenn man sich auf die islamische Kultur einl\u00e4sst, Unterschiede (Islamismus, Orthodoxie, Sufismus\/Ketzerstr\u00f6mungen) wahrnimmt und auch versteht, dass eine einfache Nachahmung westlich-kapitalistischer Lebensweise (und Demokratie) angesichts einer jahrhundertelangen kolonialen und kulturellen Ausbeutung und Dominanz f\u00fcr die Menschen dort kein attraktives Ziel ist. Stattdessen kann man nach emanzipatorischen und gewaltfreien islamischen Traditionen Ausschau halten, die es im islamischen Kulturraum vielfach gibt (Mahmud Taha, Abdul Ghaffar Khan, das Pal\u00e4stinensische Zentrum f\u00fcr Gewaltlosigkeit in Pal\u00e4stina usw. usf.) und die es gegen die dominanten, gewaltsamen islamistischen Str\u00f6mungen stark zu machen gilt. Es geht nicht um einen &#8222;Kampf der Kulturen&#8220; (US-Think-Tank-Theoretiker Huntington), sondern um einen interpretatorischen Kampf innerhalb der Kulturen. Dazu gibt es ein Konzept, das in GWR-Artikeln sowie in Buchform bereits ver\u00f6ffentlicht wurde. ((23))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat mit seinem Roman Das Dorf des Deutschen Aufsehen erregt. Er beschrieb als erster arabischer Schriftsteller selbstkritisch die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung durch in Algerien untergetauchte Nazis f\u00fcr die Befreiungsorganisation Front de Lib\u00e9ration Nationale (FLN) in den F\u00fcnfzigerjahren, die im antikolonialen Krieg ihren Nazi-Kampf gegen Frankreich fortsetzten. 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