{"id":11318,"date":"2012-05-01T00:00:47","date_gmt":"2012-04-30T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11318"},"modified":"2022-07-26T14:22:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:30","slug":"das-gesicht-des-morders-zeigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/das-gesicht-des-morders-zeigen\/","title":{"rendered":"Das Gesicht des M\u00f6rders zeigen"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff des &#8222;Verschwindens&#8220; &#8211; des &#8222;argentinischen Todes&#8220;,                 wie der Philosoph und Schriftsteller Jos\u00e9 Pablo Feinmann ihn nannte                 &#8211; b\u00fcrgerte sich ein, als Bezeichnung einer besonders grausamen                 und perfiden Form des Staatsterrorismus: Angesichts der weltweiten                 Emp\u00f6rung \u00fcber die Morde im benachbarten Chile nach dem Putsch                 der Milit\u00e4rs unter General Pinochet beschlossen die argentinischen                 Gener\u00e4le, die Spuren ihrer Verbrechen geschickter zu verwischen.               <\/p>\n<p>Mobile Greifkommandos entf\u00fchrten die Opfer meist bei Nacht aus                 ihren H\u00e4usern und Wohnungen und verschleppten sie in eines der                 \u00fcber 600 geheimen Haftzentren, wo sie &#8211; manchmal \u00fcber Monate &#8211;                 bestialisch gefoltert wurden. <\/p>\n<p>In einigen (seltenen) F\u00e4llen lie\u00df man die Opfer nachher wieder                 frei. Meist jedoch tauchten sie nie wieder auf. Sie &#8222;verschwanden&#8220;,                 wurden nach extra-legalen Hinrichtungen in anonymen Massengr\u00e4bern                 verscharrt, oder bet\u00e4ubt, aber noch lebend, aus Flugzeugen \u00fcber                 dem Meer oder der M\u00fcndung des R\u00edo de la Plata abgeworfen.<\/p>\n<p>Ihre Namen erschienen in keinen Dokumenten und ihre Angeh\u00f6rigen                 erfuhren nichts \u00fcber ihr Schicksal &#8211; zum Teil bis heute nicht.               <\/p>\n<p>Schwangere Frauen, die ebenso wenig von Folter und Mord verschont                 blieben wie Behinderte, Jugendliche oder Kinder, wurden so lange                 am Leben gelassen, bis sie entbunden hatten. Danach ermordete                 man die Frauen und setzte ihre Kinder mit einem Pappschild auf                 der Stra\u00dfe aus. <\/p>\n<p>Weit h\u00e4ufiger allerdings wurden ihre Kinder an regimetreue Familien                 &#8222;verschenkt&#8220;, um die &#8222;Saat der Subversion&#8220; in der n\u00e4chsten Generation                 ausl\u00f6schen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Nach aktuellen Sch\u00e4tzungen wuchsen ca. 500 Kinder ohne jede Kenntnis                 ihrer wahren Herkunft auf &#8211; nicht selten in den Familien der M\u00f6rder                 ihrer Eltern. <\/p>\n<p>Wer &#8222;subversiv&#8220; war, entschieden die Milit\u00e4rs h\u00f6chst gro\u00dfz\u00fcgig:                 Mitglieder der bewaffneten Guerillaorganisationen der <i>Montoneros<\/i>                 und des <i>Revolution\u00e4ren Volksheeres<\/i> (ERP) wurden ebenso                 ermordet wie liberale Geistliche, engagierte GewerkschafterInnen,                 Betriebsr\u00e4te, LehrerInnen und HochschullehrerInnen mit kritischen                 Ansichten oder \u00c4rztInnen, die den Fehler begangen hatten, ihre                 Dienste in den Armenvierteln von Buenos Aires anzubieten. <\/p>\n<p>Trotz der Praxis des &#8222;Verschwindenlassens&#8220; konnte man sich, national                 wie international, kaum Illusionen \u00fcber die Mordlust der Milit\u00e4rs                 machen. <\/p>\n<p>1977 beschrieb General Ib\u00e9rico Saint-Jean, Gouverneur der Provinz                 Buenos Aires, die Logik der Verfolgung so: &#8222;Zuerst werden wir                 alle Untergrundk\u00e4mpfer umbringen; danach deren Unterst\u00fctzer; dann                 die Sympathisanten, sp\u00e4ter die Gleichg\u00fcltigen und zum Schluss                 die Zaghaften&#8220;. <\/p>\n<p>Gleichwohl war die gesellschaftliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Herrschaft                 der Gener\u00e4le, zumindest in den ersten Jahren ihrer Diktatur, beachtlich.               <\/p>\n<p>Die katholische Kirche Argentiniens, praktisch alle Parteien                 bis zur Kommunistischen Partei, Verb\u00e4nde der Gro\u00dfindustrie und                 sogar Gewerkschaften unterst\u00fctzten, mal mehr, mal weniger begeistert                 den von den Milit\u00e4rs dekretierten &#8222;Prozess der nationalen Reorganisation&#8220;                 und hielten eine &#8222;Politik der harten Hand&#8220; gegen die politische                 Subversion im Land f\u00fcr ein notwendiges \u00dcbel. <\/p>\n<p>Lediglich einige kleine Linksparteien und die Organisation der                 <i>Madres de la Plaza de Mayo<\/i> [&#8218;M\u00fctter des Mai-Platzes&#8216;] standen                 der Diktatur von Anfang an feindlich gegen\u00fcber und klagten deren                 Verbrechen unerm\u00fcdlich an. <\/p>\n<p>In der Bundesrepublik machte die sozial-liberale Koalition unter                 Helmut Schmidt gute Gesch\u00e4fte mit den Milit\u00e4rs, sprang als deren                 wichtigster Waffenlieferant ein, als sich die USA unter Jimmy                 Carter angesichts des Ausma\u00dfes der Verbrechen vom argentinischen                 Markt zur\u00fcckzuziehen begann und sicherte die katastrophale Wirtschaftspolitik                 der Junta mit Staatsb\u00fcrgschaften ab. <\/p>\n<p>Berti Vogts, als Kapit\u00e4n der deutschen Nationalmannschaft zur                 Weltmeisterschaft 1978 nach Argentinien gereist, meinte, auf die                 Morde im Gastgeberland angesprochen, er verstehe die Aufregung                 nicht. Er habe &#8222;noch keinen politischen Gefangenen gesehen&#8220;. <\/p>\n<h3>Der Beginn der Straflosigkeit. Schuld und Verantwortung nach                 1983<\/h3>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der Diktatur blieb die \u00fcberw\u00e4ltigende                 Mehrzahl der T\u00e4ter jahrzehntelang unbehelligt. <\/p>\n<p>Nach einer kurzen Phase der Strafverfolgung, die sich auf die                 Spitzen der Junta um General Jorge Rafael Videla beschr\u00e4nkte,                 erlie\u00df die erste demokratische Regierung unter Ra\u00fal Alfons\u00edn das                 &#8222;Schlusspunktgesetz&#8220; sowie das &#8222;Gesetz \u00fcber den legitimen Gehorsam&#8220;,                 die jede weitere juristische Verfolgung unm\u00f6glich machten. <\/p>\n<p>Die kurzzeitige Fokussierung der b\u00fcrgerlich-demokratischen Eliten                 in den fr\u00fchen achtziger Jahren auf die Verletzung der Menschenrechte,                 die sie w\u00e4hrend der Diktatur kaum interessiert hatten, war eine                 durchschaubare Strategie, um von eigener Verantwortung abzulenken.               <\/p>\n<p>Alfons\u00edns Nachfolger im Amt, der populistische Peronist Carlos                 Menem, begnadigte schlie\u00dflich die verurteilten Gener\u00e4le, um einem                 gesellschaftlichen Prozess der &#8222;Vers\u00f6hnung&#8220; zuzuarbeiten, der                 in Wahrheit nur jene sozialen Eliten in ihren Positionen best\u00e4tigte,                 die sich schon mit der Diktatur arrangiert hatten. <\/p>\n<p>Das politisch verordnete Beschweigen der Vergangenheit sorgte                 daf\u00fcr, dass sich zahllose Folterer, M\u00f6rder und Kindsentf\u00fchrer                 m\u00fchelos in die Gesellschaft des &#8222;neuen Argentiniens&#8220; eingliedern                 konnten.<\/p>\n<p>Milit\u00e4r und Polizeiapparat, die Hauptschuldigen der Verbrechen,                 blieben mehr oder weniger unver\u00e4ndert. <\/p>\n<p>2003 erkl\u00e4rte dann der argentinische Nationalkongress das &#8222;Schlusspunktgesetz&#8220;                 und das &#8222;Gesetz \u00fcber den legitimen Gehorsam&#8220; in einer spektakul\u00e4ren                 Entscheidung f\u00fcr nichtig. <\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter best\u00e4tigte das Oberste Gericht die Verfassungswidrigkeit                 beider Gesetze. Seither wurden in Argentinien mehr als 100 Verfahren                 gegen ehemalige Folterer und M\u00f6rder angestrengt &#8211; ein bemerkenswerter                 Erfolg politischer und zivilgesellschaftlicher Menschenrechtsarbeit.<\/p>\n<p>Allerdings beschr\u00e4nkt sich die juristische Verfolgung erneut                 auf die an den Verbrechen unmittelbar Beteiligten &#8211; auf die tats\u00e4chlichen                 <i>T\u00e4ter<\/i>, deren Prozesse, wie etwa im Falle von Capit\u00e1n Astiz,                 einem der \u00fcbelsten und unbelehrbarsten Folterer der Junta, zu                 medialen Gro\u00dfereignissen wurden. <\/p>\n<p>Das internationale Strafrecht ahndet bis heute die <i>Schuld<\/i>,                 nicht die <i>Verantwortung<\/i>.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen Menschen, die sich schwerster Menschenrechtsverletzungen                 schuldig gemacht haben, verfolgt und vor Gericht gestellt werden.                 Aber es w\u00e4re zu \u00fcberlegen, ob nicht auch jene, die gesellschaftliche                 Strukturen schufen, stabilisierten und legitimierten, in denen                 M\u00f6rder und Folterer ihr blutiges Handwerk aus\u00fcben konnten, die                 sie rekrutierten, finanzierten, belobigten oder aus ihrem Tun                 pers\u00f6nliche, politische oder finanzielle Vorteile zogen, national                 wie international ebenso hart zu bestrafen w\u00e4ren. <\/p>\n<p>Hoffnungsvolle Entwicklungen des internationalen Rechts weisen                 in diese Richtung. <\/p>\n<p>Denn Profiteure m\u00f6rderischer Regime blieben bis heute, trotz                 der Urteile von N\u00fcrnberg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs,                 von rechtlicher Verfolgung weitgehend unber\u00fchrt.<\/p>\n<h3>Zur Verantwortung ziehen. Die Arbeit der Organisation <i>H.I.J.O.S.<\/i><\/h3>\n<p> <i><\/i>Interessanterweise wird die Anklage bislang nicht justiziabler                 Verantwortlichkeiten f\u00fcr Staatsverbrechen in Argentinien seit                 langem erhoben und hat auch praktische Konsequenzen &#8211; allerdings                 nicht vor den Gerichten.<\/p>\n<p>Hauptdarstellerin dieser Entwicklung ist die Organisation <i>H.I.J.O.S<\/i>.                 Am 3. November 1994 organisierte eine Gruppe von AbsolventInnen                 der Fakult\u00e4t f\u00fcr Architektur an der Universit\u00e4t La Plata eine                 Veranstaltung zu Ehren jener Fakult\u00e4tsmitglieder, die w\u00e4hrend                 der Diktatur ermordet worden waren beziehungsweise &#8222;verschwanden&#8220;.                 Der Tag stand unter dem Motto: &#8222;Erinnerung, Ged\u00e4chtnis und Engagement&#8220;.               <\/p>\n<p>In langwierigen und m\u00fchevollen Nachforschungen gelang es den                 OrganisatorInnen, Nachkommen und Familienangeh\u00f6rige der Geehrten                 zu finden und sie f\u00fcr eine Teilnahme zu gewinnen. Die so entstandenen                 Kontakte vertieften sich, bis im April 1995 <i>H.I.J.O.S.<\/i>                 entstand. Zum ersten landesweiten Treffen im Oktober kamen nach                 Angaben der Organisation bereits 350 TeilnemerInnen aus ganz Argentinien.                 Im April 1996 waren es 600. Heute hat <i>H.I.J.O.S.<\/i> Niederlassungen                 in allen argentinischen Provinzen, aber auch in Uruguay, Mexiko,                 Spanien, den Niederlanden, Frankreich und Schweden. <i>H.I.J.O.S.<\/i>,                 spanisch f\u00fcr &#8222;S\u00f6hne&#8220; (obwohl in diesem Fall wohl besser mit &#8222;Nachkommen&#8220;                 \u00fcbersetzt werden sollte), steht f\u00fcr <i>Hijos por la Identidad                 y la Justicia contra el Olvido y el Silencio<\/i> [&#8218;Nachkommen                 f\u00fcr die Identit\u00e4t und die Gerechtigkeit gegen das Vergessen und                 das Schweigen&#8216;]. <\/p>\n<p>Die Organisation vervollst\u00e4ndigt das Spektrum der argentinischen                 Menschenrechtsorganisationen, die sich wie eine zivilgesellschaftliche                 &#8222;Familie&#8220; um die Leerstelle der Generation der &#8222;Verschwundenen&#8220;                 gruppieren: Neben den bereits erw\u00e4hnten <i>Madres de la Plaza                 de Mayo<\/i> gibt es die <i>Abuelas de la Plaza de Mayo<\/i> [&#8218;Gro\u00dfm\u00fctter                 des Mai-Platzes&#8216;], die in erster Linie nach Spuren ihrer geraubten                 Enkelkinder suchen, und eben <i>H.I.J.O.S.<\/i>, die Organisation                 der unmittelbaren und mittelbaren Nachfahren. <\/p>\n<p>Unter den drei Organisationen ist <i>H.I.J.O.S.<\/i> ohne Zweifel                 die radikalste. Mittlerweile in mehrere Fl\u00fcgel gespalten, pr\u00e4sentiert                 sich die Organisation unter dem Motto: &#8222;Wir vergessen nicht. Wir                 verzeihen nicht. Wir vers\u00f6hnen uns nicht&#8220;. <\/p>\n<p>Auf ihrer Homepage hei\u00dft es: &#8222;Wir sind nicht einverstanden mit                 jenen Gesetzen und Verordnungen, die die M\u00f6rder und Verantwortlichen                 f\u00fcr den V\u00f6lkermord in Freiheit lassen, denn ein Land wird niemals                 Frieden finden, wenn nicht die Schuldigen bestraft und aller Welt                 gezeigt wird, dass Verschwindenlassen, Folter und Mord die schlimmsten                 Verbrechen sind, die man begehen kann. Wir wollen nicht, dass                 diese M\u00f6rder behandelt werden wie gew\u00f6hnliche Leute&#8220;. <\/p>\n<p>Zu ihren Prinzipien &#8211; neun an der Zahl &#8211; geh\u00f6rt die unbedingte                 Unabh\u00e4ngigkeit von offiziellen Institutionen und Parteien. Entscheidungen                 werden im Konsens getroffen. <\/p>\n<p>Offen steht die Organisation prinzipiell jeder Person, die sich                 auf ihre Statuen einlassen will.<\/p>\n<p>Der Altersdurchschnitt ist auch heute noch bemerkenswert niedrig.                 <i>H.I.J.O.S.<\/i> ist mit Veranstaltungen \u00fcber die Diktatur an                 Schulen pr\u00e4sent und f\u00fcr junge, st\u00e4dtische Engagierte attraktiv.<\/p>\n<p>Erinnerung versteht die Organisation ausdr\u00fccklich als &#8222;eine Verpflichtung,                 sich sozial zu engagieren, die eigene Zukunft zu gestalten. [&#8230;]                 Wir wollen keine abstrakte und bequeme Erinnerung, sondern eine                 aktive&#8220;. <\/p>\n<p>In Buenos Aires teilt <i>H.I.J.O.S.<\/i> das Lokal mit der Gewerkschaft                 der Motorrad-Kuriere, der einzigen unabh\u00e4ngigen Gewerkschaft des                 Landes. <\/p>\n<p>Bei der Einweihung des Lokals im Jahr 2000 gab Manu Chao ein                 unangek\u00fcndigtes Konzert. <\/p>\n<p>Es geht <i>H.I.J.O.S.<\/i> nicht allein um die Abrechnung mit                 ehemaligen M\u00f6rdern, Verantwortlichen und Profiteuren der Diktatur.                 Sie wollen mit ihren Aktionen auch die solidarischen Strukturen                 &#8211; vor allem in den \u00e4rmeren Vierteln &#8211; wiederherstellen helfen,                 die der Terror der Milit\u00e4rs nachhaltig zerschlug.<\/p>\n<p>In Argentinien, so der Romancier Tom\u00e1s Eloy Mart\u00ednez, seien damals                 eben nicht nur Menschen verschwunden, sondern auch Seen, Berge,                 Bahnh\u00f6fe, halb erbaute St\u00e4dte&#8230; Sch\u00f6nheit, Hoffnung und Raum                 f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben.<\/p>\n<h3>Der <i>Escrache<\/i><\/h3>\n<p> <i><\/i>Die spektakul\u00e4rsten Aktionen von <i>H.I.J.O.S.<\/i> jedoch,                 und jene, die auch international die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit erregt                 haben, sind die sogenannten <i>Escraches<\/i>. <i>Escrachar<\/i>,                 ein Wort aus dem <i>Lunfardo<\/i>, der Sprache der Einwanderer,                 der Hafenarbeiter von Buenos Aires, der niederen Schichten und                 des Tango, das zahlreiche Vokabeln europ\u00e4ischer Sprachen aufgenommen                 hat (in diesem Fall aus dem Italienischen) bedeutet &#8222;kenntlich                 machen&#8220;, &#8222;demaskieren&#8220;, &#8222;entlarven&#8220;. <\/p>\n<p>&#8222;Die Straflosigkeit&#8220;, erkl\u00e4rt <i>H.I.J.O.S.<\/i>, &#8222;hat daf\u00fcr gesorgt,                 dass viele M\u00f6rder, Folterer und Komplizen frei herumlaufen.<\/p>\n<p>Wir begegnen ihnen auf der Stra\u00dfe, sie sind unsere Nachbarn,                 und viele f\u00fchren noch immer die Waffen, die wir ihnen bezahlen                 &#8211; zu unserem &#8218;Schutz&#8216;. [&#8230;] Mit dem <i>Escrache<\/i> wollen wir                 die Identit\u00e4t dieser Personen \u00f6ffentlich machen. <\/p>\n<p>Damit ihre Arbeitskollegen wissen, was f\u00fcr eine Rolle sie w\u00e4hrend                 der Diktatur gespielt haben; damit die Nachbarn wissen, dass neben                 ihnen ein Folterer wohnt; damit man sie in der B\u00e4ckerei erkennt,                 in der Bar oder im Supermarkt. <\/p>\n<p>Wenn es schon keine Verurteilung gibt, so gibt es wenigstens                 eine soziale Strafe. Wir zeigen sie auf der Stra\u00dfe als das, was                 sie sind: Verbrecher. Damit sie keine \u00f6ffentlichen \u00c4mter bekleiden                 k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Damit Politiker und Unternehmer (die ihre Vergangenheit f\u00fcr gew\u00f6hnlich                 kennen) sie hinauswerfen oder verurteilen m\u00fcssen, um der Schande                 zu entgehen, vor aller Welt einzugestehen, dass sie M\u00f6rder besch\u00e4ftigt                 haben &#8211; oder um keine Kunden oder Stimmen zu verlieren&#8220;. <\/p>\n<p><i>Escraches<\/i>, die sich mit bemerkenswerter Schnelligkeit                 organisieren lassen und ein weites Spektrum jugendkultureller                 und zivilgesellschaftlicher Gruppen mobilisieren k\u00f6nnen, machen                 T\u00e4ter, aber auch Parteig\u00e4nger und Profiteure der Verbrechen der                 Junta durch ein wildes, buntes, allerdings durchg\u00e4ngig gewaltfreies                 Spektakel vor ihrem Wohnsitz und\/oder ihrer Arbeitsstelle \u00f6ffentlich                 kenntlich. <\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen sich ebenso sehr gegen zweifelsfrei identifizierte                 M\u00f6rder und Folterer richten wie gegen Gesch\u00e4ftsleute, die sich                 an den Morden der Junta bereicherten, Politiker, die unmenschliche                 Dekrete unterzeichneten oder Presseleute, die sich allzu eifrig                 an der l\u00fcgenhaften Propaganda der Junta beteiligten und daran                 heute nur ungern erinnert werden wollen. <\/p>\n<p>&#8222;Einer der ersten <i>Escraches<\/i>&#8222;, schreibt Estela Schindel                 in einem lesenwerten Beitrag \u00fcber die Vergangenheitspolitik in                 Argentinien, &#8222;betraf einen Arzt, der in der ESMA [Technikschule                 des Milit\u00e4rs in Buenos Aires, heute Gedenkst\u00e4tte; gr\u00f6\u00dftes der                 illegalen Haft- und Folterzentren mit zeitweise \u00fcber 4000 H\u00e4ftlingen,                 Anm. MB] Geburten von inhaftierten Schwangeren einleitete. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend vier aufeinanderfolgender Freitage demonstrierten etwa                 30 Personen vor dem Privathaus des Arztes und vor dem Krankenhaus,                 in dem er arbeitete und wiesen mit Transparenten auf seine Vergangenheit                 hin. Am vierten Freitag wurde der ehemalige Geburtshelfer entlassen                 und musste umziehen&#8220;. <\/p>\n<p>Dieser Arzt, Jorge Magnaco, war von einer \u00dcberlebenden wiedererkannt                 worden, die nichtsahnend zur Behandlung ins Krankenhaus gegangen                 war und dort ihrem ehemaligen Peiniger wiederbegegnete. <\/p>\n<p>Als sie ihre Entdeckung <i>H.I.J.O.S.<\/i> mitteilte, schritt                 die Organisation zur Tat. Der Erfolg lie\u00df die Zahl der <i>Escraches<\/i>                 in den Folgejahren sprunghaft ansteigen &#8211; und das trotz zum Teil                 massiver Einsch\u00fcchterungsversuche und Feindseligkeiten, die bis                 zu Folterungen und Mordversuchen an einzelnen Mitgliedern reichten,                 einer starken staatlichen Repression und einer fast durchg\u00e4ngig                 negativen Berichterstattung. <\/p>\n<p>Praktisch alle zwei Wochen kam es irgendwo zu einem neuen <i>Escrache<\/i>                 vor dem Haus eines Folterers oder Profiteurs. <\/p>\n<p>Der Ablauf der Aktionen ist relativ \u00e4hnlich: F\u00fcr gew\u00f6hnlich zieht                 ein Demonstrationszug vor das Haus und\/oder die Arbeitsst\u00e4dte                 des T\u00e4ters oder Verantwortlichen. Das Haus wird mit roter Farbe                 &#8211; dem Blut der Opfer &#8211; markiert oder auf andere Weise kenntlich                 gemacht. <\/p>\n<p>Ist die &#8222;Demaskierung&#8220; einmal vollzogen, verwandelt sich der                 Zug, fast wie bei einer Beerdigung in New Orleans, wo nach der                 Grablegung das Leben mit Musik und Tanz gefeiert wird, in einen                 wilden, fr\u00f6hlichen Karneval. <\/p>\n<p>Darin ersch\u00f6pft sich die \u00c4chtung der T\u00e4ter allerdings nicht.                 Plakate mit dem Konterfei des <i>Ecrachado<\/i> werden \u00fcberall                 im Viertel aufgeh\u00e4ngt, Informationen \u00fcber seine Taten sind frei                 verf\u00fcgbar. Er kann praktisch keinen Schritt mehr tun, ohne \u00fcberall                 \u00fcber seine Vergangenheit zu stolpern. <i>H.I.J.O.S.<\/i> versucht                 gegenw\u00e4rtig, die Frequenz der <i>Escraches<\/i> zu reduzieren,                 um jede Aktion intensiv mit dem sozialen Umfeld des T\u00e4ters vorbereiten                 zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und sicherlich auch, um verheerende Fehler zu vermeiden (etwa                 die \u00c4chtung eines Unschuldigen). Theater- und K\u00fcnstlerInnengruppen                 beteiligen sich auf vielf\u00e4ltige Weise an den Aktionen. So entwarfen                 zum Beispiel bildende K\u00fcnstler in Buenos Aires parodistische Stra\u00dfenschilder,                 die den Weg zu den Heimen von Folterern oder illegalen Haftzentren                 weisen.<\/p>\n<p>Nicht selten offenbaren die <i>Escraches<\/i> auf bedr\u00fcckende                 Weise, wie d\u00fcnn die Patina des vorderhand demokratischen Miteinanders                 in Argentinien tats\u00e4chlich ist. <\/p>\n<p>Gewaltt\u00e4tige \u00dcbergriffe der Polizei und fadenscheinige Anklageerhebungen                 sind keine Seltenheit. <\/p>\n<p>Besonders pikant war der Fall eines <i>Escrache<\/i>, bei dem                 TeilnehmerInnen verhaftet und angeklagt wurden, weil sie das &#8222;Recht                 auf Privatbesitz&#8220; verletzt h\u00e4tten, als sie in den Garten eines                 ehemaligen Milit\u00e4rs eindrangen. <\/p>\n<p>Das Haus geh\u00f6rte diesem jedoch eigentlich gar nicht. Er hatte                 es sich w\u00e4hrend der Diktatur illegal angeeignet. <\/p>\n<p>Die urspr\u00fcnglichen BesitzerInnen waren &#8222;Verschwundene&#8220;. Es w\u00e4re                 durchaus m\u00f6glich gewesen, dass das leibliche Kind der Ermordeten                 w\u00e4hrend des <i>Escrache<\/i> im gestohlenen Garten seiner Eltern                 stand &#8211; um dann mit einer Anklage wegen &#8222;Verletzung von Privatbesitz&#8220;                 vor Gericht gestellt zu werden. <\/p>\n<h3>Ein Blick in die Zukunft?<\/h3>\n<p>Insbesondere die Ausweitung der <i>Escraches<\/i> auf f\u00fchrende                 Politiker und Wirtschaftsunternehmer d\u00fcrfte dazu beigetragen haben,                 dass <i>H.I.J.O.S.<\/i> in Argentinien nahezu durchg\u00e4ngig in den                 Medien als &#8222;Chaotentruppe&#8220; und &#8222;St\u00f6rer der \u00f6ffentlichen Ordnung&#8220;                 beschimpft wird. <\/p>\n<p>Die Angst, der materielle Status Quo k\u00f6nnte durch derlei Aktionen                 langfristig gef\u00e4hrdet und die Elitensolidarit\u00e4t ein weiteres Mal                 aufgek\u00fcndigt werden, ist mit H\u00e4nden zu greifen.<\/p>\n<p>Dabei sind die <i>Escraches<\/i>, so Schindel, mittlerweile fast                 so etwas wie ein eigenst\u00e4ndiges Kulturph\u00e4nomen geworden, eine                 Mischung aus Karneval, Stra\u00dfenfest, Happening, Musik, Kunst und                 Protest mit einer eigenen Formensprache. <\/p>\n<p>&#8222;Die letzte Erneuerung, der so genannte <i>Escrache m\u00f3vil<\/i>,                 besteht aus einer bunten Karawane, die auf Motorr\u00e4dern, Fahrr\u00e4dern                 und Lastwagen \u00fcber mehrere Stunden hinweg an verschiedenen Wohnh\u00e4usern                 von ehemaligen Milit\u00e4rs vorbeif\u00e4hrt.&#8220; <\/p>\n<p>Die gewaltfreie Aktionsform des <i>Escrache<\/i> hat auch au\u00dferhalb                 Argentiniens und sogar in Europa NachahmerInnen gefunden. <\/p>\n<p>Allerdings hat diese Nachahmung mitunter zu einer Verw\u00e4sserung                 des urspr\u00fcnglichen Konzepts gef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Verzaubert von einem gewissen radikalen Schick und der M\u00f6glichkeit,                 endlich etwas tun zu k\u00f6nnen, verkamen manche <i>Escraches<\/i>                 zu einem linken Denunziantenkarneval, bei dem man einfach jedem                 rote Farbe an die Mauer spritzen konnte, der einem nicht gefiel.               <\/p>\n<p>Dabei geh\u00f6rte &#8211; und geh\u00f6rt &#8211; zu den unbedingten St\u00e4rken der <i>Escraches<\/i>                 in Argentinien, dass sie die R\u00fcckbindung an die Menschen aus den                 Vierteln suchen, diese in die Planung mit einbeziehen und deren                 Einverst\u00e4ndnis bei der sozialen \u00c4chtung der Betreffenden unbedingt                 n\u00f6tig ist. <\/p>\n<p>Ohne diesen R\u00fcckhalt und ein soziales Klima, das die Kennzeichnung                 von T\u00e4tern und Verantwortlichen von schwersten Verbrechen angesichts                 fortgesetzter Straflosigkeit grunds\u00e4tzlich guthei\u00dft, w\u00e4ren die                 <i>Escrachen<\/i> nichts weiter als ein Radikalen-Rummel und w\u00fcrden                 sich \u00fcber kurz oder lang selbst ins politische Abseits stellen.<\/p>\n<p>Auch die Neigung von <i>H.I.J.O.S.<\/i>, s\u00e4mtliche Opfer der Diktatur                 pauschal als &#8222;Widerstandsk\u00e4mpfer&#8220; anzusehen, deren politisches                 Erbe es &#8211; wenn auch, so wird betont, &#8222;kritisch&#8220; &#8211; wiederzuerwecken                 gelte, ist im Kontext der argentinischen Vergangenheitspolitik                 zwar verst\u00e4ndlich, aber diskussionsbed\u00fcrftig. Denn beileibe nicht                 alle Opfer der Diktatur h\u00e4tten sich \u00fcber eine solche Etikettierung                 gefreut. <\/p>\n<p>Gleichviel, sind die <i>Escraches<\/i> in Argentinien weit mehr                 als &#8222;nur&#8220; ein buntes, fr\u00f6hliches Politspektakel. Sie sind, letztlich                 ein Akt gewaltfreier, zivilgesellschaftlicher Rechtsfindung.<\/p>\n<p><i>H.I.J.O.S.<\/i> geht das Wagnis ein, strafw\u00fcrdige, aber (noch)                 nicht justiziable Vergehen gegen die Menschenrechte zu definieren,                 zu belegen und unabh\u00e4ngig von der bestehenden Rechtsordnung auf                 eine Weise zu bestrafen, die politisch produktiv ist, da sie moralische                 Werte festigt und verteidigt. <\/p>\n<p>Die <i>Escraches<\/i> haben mitunter massiven Druck auf die politische                 Nomenklatura ausge\u00fcbt und k\u00f6nnten vielleicht langfristig ihren                 Anteil daran haben, dass bei neuerlichen Verbrechen gegen die                 Menschlichkeit in Zukunft nicht mehr nur die T\u00e4ter vor Gericht                 stehen werden, sondern auch jene, die aus ihren Morden skrupellos                 Nutzen zu ziehen verstanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff des &#8222;Verschwindens&#8220; &#8211; des &#8222;argentinischen Todes&#8220;, wie der Philosoph und Schriftsteller Jos\u00e9 Pablo Feinmann ihn nannte &#8211; b\u00fcrgerte sich ein, als Bezeichnung einer besonders grausamen und perfiden Form des Staatsterrorismus: Angesichts der weltweiten Emp\u00f6rung \u00fcber die Morde im benachbarten Chile nach dem Putsch der Milit\u00e4rs unter General Pinochet beschlossen die argentinischen Gener\u00e4le, die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/das-gesicht-des-morders-zeigen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das Gesicht des M\u00f6rders zeigen - graswurzelrevolution","description":"Der Begriff des \"Verschwindens\" - des \"argentinischen Todes\", wie der Philosoph und Schriftsteller Jos\u00e9 Pablo Feinmann ihn nannte - b\u00fcrgerte sich ein, als Bezei"},"footnotes":""},"categories":[628,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-11318","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-369-mai-2012","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11318"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11318\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}