{"id":11324,"date":"2012-05-01T00:00:12","date_gmt":"2012-04-30T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11324"},"modified":"2022-07-26T14:22:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:31","slug":"die-bevolkerung-lehnt-in-grosen-teilen-die-regierung-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/die-bevolkerung-lehnt-in-grosen-teilen-die-regierung-ab\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Bev\u00f6lkerung lehnt in gro\u00dfen Teilen die Regierung ab&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Monika: Du hast am 7. M\u00e4rz in der Stadtb\u00fccherei M\u00fcnster-Coerde \u00fcber Frauenrechte im Iran referiert. Das war eine Auftaktveranstaltung zum Weltfrauentag. Welche Bedeutung hat der Weltfrauentag f\u00fcr Dich?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari:<\/em> Der Unterschied zwischen den Situationen von Frauen in Iran und in Europa ist sehr gro\u00df. Darum sind die Bem\u00fchungen, die man in Iran f\u00fcr die Rechte der Frauen macht, in den Augen der hiesigen Menschen m\u00f6glicherweise sehr klein. Aber nur mit kleinen Schritten und Forderungen k\u00f6nnen wir etwas erreichen.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Wie bist Du geflohen und warum?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari:<\/em> Ich bin in erster Linie Schriftstellerin und Dichterin. Aber wenn man in Iran lebt, dann kann man nicht nur Dichterin sein, sondern muss sich mit den Problemen der Menschen auseinandersetzen. Ich habe durch meine Arbeit als Journalistin viel \u00fcber die Schwierigkeiten von Frauen und Homosexuellen in Iran erfahren. Dar\u00fcber habe ich geschrieben und mich mit anderen Aktivisten in einer Gruppe zusammengetan. Dann bekam ich Schwierigkeiten mit den Sicherheitsbeh\u00f6rden und wurde eingesperrt. Nach Zahlung einer Kaution kam ich aus dem Gef\u00e4ngnis frei und bin ich nach Deutschland geflohen.<\/p>\n<p><strong>Monika: Hast Du Dir ausgesucht nach Deutschland zu kommen, oder h\u00e4ttest du auch in ein anderes Land gewollt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari:<\/em> Da ich illegal aus Iran ausgereist bin, ohne g\u00fcltigen Pass, hatte ich keine Wahl.<strong> <\/strong>Asylsuchende wie ich verlassen ihre Heimat in einer sehr dramatischen und schwierigen Situation. Die meisten wissen gar nicht, wohin sie fliehen und kennen ihr Zielland nicht. Deswegen kann Asyl mit Emigration nicht wirklich gleich gesetzt werden. Ich habe mein &#8222;Zielland&#8220; nicht gew\u00e4hlt, Deutschland wurde sozusagen f\u00fcr mich gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Zur Situation im Iran: Du hast bei der Veranstaltung am 7. M\u00e4rz auch dar\u00fcber berichtet, wie die Situation von Homosexuellen im Iran konkret aussieht. Du hast erz\u00e4hlt, dass Schwule umgebracht werden, dass im Iran die Todesstrafe auf Homosexualit\u00e4t steht. Bei Frauen sieht das anders aus. Kannst Du das erl\u00e4utern und auf die Gr\u00fcnde f\u00fcr die unterschiedliche Behandlung von M\u00e4nnern und Frauen eingehen? <\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Ich glaube, das liegt daran, dass ein Mann in dieser Gesellschaft nicht weiblich sein darf. Ein homosexueller Mann verst\u00f6\u00dft gegen die Vorstellungen von einem &#8222;richtigen&#8220; Mann. Wir reden von einem Land mit patriarchalischen Gesetzen! Jeder Artikel, jede \u00c4u\u00dferung, die diese Gesetzte kritisieren, werden von den staatlichen Autorit\u00e4ten als Bedrohung f\u00fcr die Gesellschaft, f\u00fcr die Gesetzte und die Anschauungen der Leute dieser patriarchalischen Gesellschaft aufgefasst.<\/p>\n<p><strong>Monika: Hat sich die Situation von Frauen und Homosexuellen w\u00e4hrend Deines Lebens verbessert oder hat sie sich sogar verschlechtert? Wie hat sie sich ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Die Gesetze dieses Landes sch\u00fctzen Frauen und ihre Rechte noch immer nicht. Frauen k\u00f6nnen beispielsweise die Scheidung nicht beantragen, sondern nur der Mann. Au\u00dferdem bekommt der Mann das Sorgerecht f\u00fcr die Kinder und kann bestimmen, ob die Frau die Kinder sehen darf oder nicht.<\/p>\n<p>Das schreckt Frauen, die sich scheiden lassen wollen, nat\u00fcrlich ab. Dazu kommt, dass, wenn eine Frau heiraten will, sie das nicht selbst bestimmen kann, sondern der Vater entscheidet. Genauso ist es bei dem Wohnsitz der Frau oder ihrer Arbeit: Das alles wird von der Familie bestimmt. Diese Gesetzeslage forciert die Machtposition von M\u00e4nnern und die Rechtlosigkeit der Frauen. Man kann sich daher kaum frei f\u00fchlen, wenn die Gesetze deiner Heimat gegen deine Menschenrechte sind.<strong> <\/strong>In einem System wie in Iran werden Homosexuelle immer an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt bleiben. Sie haben keine Gelegenheiten \u00fcber ihr Leben und ihre sexuelle Orientierung zu sprechen, oder in das \u00f6ffentliche Bewusstsein zu treten. Wenn die Ideen und die Lebensart dieser Menschen verheimlicht wird, werden sie nicht nur immer eine Randgruppe bleiben, sondern auch weiterhin ignoriert. Die Gesetze des Irans sind stark homosexuellenfeindlich. Das wirkliche Leben der Homosexuellen entwickelt sich weit weg von der Gesellschaft. Sie k\u00f6nnen ihr Leben nicht einmal mit ihren Familien und Freunden teilen. Das kann zu Depressionen und anderen psychischen Probleme f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Wie siehst Du die Perspektiven einer feministischen Bewegung im Iran? Wie kann die persische Gesellschaft von unten ver\u00e4ndert werden? Siehst Du da Perspektiven? Gibt es auch au\u00dferhalb des Exils M\u00f6glichkeiten Druck von unten auszu\u00fcben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Wir haben im Iran meiner Meinung nach sehr engagierte Feministinnen, die sich f\u00fcr eine Verbesserung der Situation der Frauen engagieren. Viele Frauen bem\u00fchen sich selbstst\u00e4ndig zu werden und Arbeit zu finden, also auch finanziell unabh\u00e4ngig zu werden. Also, da gibt es auch positive Entwicklungen.<\/p>\n<p><strong>Monika: Du bist nach Deutschland gekommen und musstest hier Asyl beantragen. Was f\u00fcr M\u00e4ngel sind Dir im deutschen Asylrecht aufgefallen? Wie werden Fl\u00fcchtlinge behandelt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Als ich nach meiner Flucht in Deutschland angekommen bin, dachte ich, dass ich mit offenen Armen aufgenommen werde. Doch so wie man hier als Fl\u00fcchtling behandelt wird, f\u00fchlt man sich nicht mehr als Mensch. Internationale Menschenrechte gelten in Deutschland nicht, wenn man Fl\u00fcchtling ist. Die Unterk\u00fcnfte f\u00fcr Asylbewerber sind verwahrlost und die Hygieneeinrichtungen in schlechtem Zustand. Die Leute k\u00f6nnen, weil sie kein Deutsch sprechen, nicht selber f\u00fcr sich sorgen und ihre Rechte einklagen.<\/p>\n<p>So lange die Asylbewerber auf die Anerkennung warten, d\u00fcrfen sie den Ort, in dem sie jetzt wohnen, nicht verlassen.<\/p>\n<p>Es gibt St\u00e4dte, wo die Leute keine Erlaubnis bekommen, die deutsche Sprache zu lernen.<\/p>\n<p>Oft werden sie gezwungen, Ein-Euro-Jobs anzunehmen und bekommen nicht mal eine Wahl, welche Arbeit sie machen k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen z.B. die Stra\u00dfen reinigen, und wenn sie das nicht tun, dann wird ihnen das bisschen Geld, das sie zum Leben erhalten, gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Diese Situation von Asylbewerbern sind eine Beleidigung der Menschenrechte. Man wird zu Arbeiten gezwungen, die man nicht machen m\u00f6chte oder kann. Man ist lediglich ein Mensch zweiter Klasse.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Es ist wichtig das zu thematisieren und hier auch Druck auf die Bundesregierung auszu\u00fcben, damit z.B. die Residenzpflicht abgeschafft wird. Menschenw\u00fcrdige Bedingungen und ein Bleiberecht f\u00fcr alle sind auch Ziele unserer Zeitung. Es ist auch eine Frage der \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Die meisten Menschen wissen ja gar nicht, wie die Situation von Fl\u00fcchtlingen ist. Welche Chancen siehst Du, dass man die Residenzpflicht abschafft, dass man den Arbeitszwang abschafft? Hast Du eine Idee, wie und wo man ansetzen k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Das Wichtigste ist, dass die Leute die M\u00f6glichkeit bekommen, die deutsche Sprache zu lernen.<\/p>\n<p>Denn dann k\u00f6nnten sie unabh\u00e4ngiger sein. Sie k\u00f6nnten zum Arzt gehen, sie k\u00f6nnten sich eine Arbeitsstelle suchen. Sie k\u00f6nnten am gesellschaftlichen Leben in diesem Land teilhaben, und das w\u00fcrden sich die meisten Fl\u00fcchtlinge w\u00fcnschen. Aber das scheitert eben, wenn sie keinen Sprachkurs besuchen k\u00f6nnen, an der Sprachlosigkeit.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Nochmal zum Iran: Wir haben relativ wenig Informationen \u00fcber soziale Bewegungen im Iran. Mich interessiert zum Beispiel wie sich die Situation seit Beginn des Super-GAUs in Fukushima ver\u00e4ndert hat. Gibt es viele Menschen im Iran, die gegen Atomkraft und gegen das Nuklearprogramm des Regimes sind?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Wenn man \u00fcber Iran spricht, muss man zwischen der Bev\u00f6lkerung und dem Regime unterscheiden. Die Bev\u00f6lkerung lehnt in gro\u00dfen Teilen die Regierung und die Institutionen ab. Und ich bin \u00fcberzeugt, dass die meisten Menschen in Iran Atomwaffen ablehnen. Die Menschen im Iran sind Freiheit liebende Menschen, die sich gegen Ungerechtigkeiten und f\u00fcr Frieden einsetzen.<\/p>\n<p><strong>Monika: Eine ganz andere Frage: Du schreibst viel und machst journalistische Arbeit. Glaubst Du, dass das etwas bewirkt und Sachen ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Ich hoffe nat\u00fcrlich, dass meine Gedichte und Artikel Einfluss auf Iran und die Menschen dort haben.<\/p>\n<p>Aber sehr gro\u00df sind diese Hoffnungen nicht. Vielleicht wird es kleine Ver\u00e4nderungen geben, vielleicht erfahren die Menschen im Ausland, wie die Situation in Iran ist. Und es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn sich diese Informationen auf die Situation in Iran und auf die Leute dort auswirken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ich schreibe auch \u00fcber die Situation von Asylanten in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und m\u00f6chte besonders Iraner, die glauben, wenn sie den Iran als Illegale verlassen, dann ginge es ihnen besser, \u00fcber die Situation hier aufkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Im Iran fehlen Informationen dar\u00fcber, wie schwierig es ist, wenn man als Fl\u00fcchtling das Land verl\u00e4sst, egal ob nach Deutschland oder in andere L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcber Homosexuelle oder Homosexualit\u00e4t schreibe, hoffe ich, dass die Bev\u00f6lkerung und die Angeh\u00f6rigen von Homosexuellen verstehen, wie ein Leben von Homosexuellen in einer Gesellschaft, die sie ablehnt, ist.<\/p>\n<p><strong>Monika: Die Situation von Homosexuellen im Iran ist wesentlich dramatischer, als in Deutschland. Aber viele Menschen meinen ja, dass in Deutschland alles gut ist, dass es eine tolerante Gesellschaft ist, dass Homosexuelle respektiert werden und frei leben k\u00f6nnen. Wo siehst Du die Probleme von Homosexuellen in Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari:<\/em> Ich habe auch hier viele Kontakte zu Homosexuellen und bekomme einen guten Eindruck davon, wie ihr Leben in Deutschland ist. Verglichen mit Iran ist die Situation von Homosexuellen in Deutschland gut, aber sie haben trotzdem Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Leben.<\/p>\n<p>Viele Homosexuelle und Transsexuelle, die ich kennen gelernt habe, haben Probleme mit ihrem sozialen Umfeld, aber z.B. auch bei der Arbeitssuche.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Momentan wird in den Medien spekuliert, dass die israelische Regierung unter Netanjahu noch in diesem Jahr einen Milit\u00e4rschlag gegen die Nuklearanlagen im Iran befehlen k\u00f6nnte. Viele britische und US-Kriegsschiffe befinden sich im Persischen Golf. Es ist der gr\u00f6\u00dfte Truppenaufmarsch seit Beginn des US-Kriegs gegen den Irak. Wie sch\u00e4tzt Du die Situation ein?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari: <\/em>Wenn es einen Krieg gibt, dann betrifft das nat\u00fcrlich besonders die Menschen in Iran und Israel. Ansonsten ist das ein Spiel der Gro\u00dfm\u00e4chte. Es gibt Sanktionen gegen den Iran, wegen des Atomprogramms. Und das bedeutet, dass die Wirtschaft dort zusammenbricht und sich viele Menschen das Leben nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Die politischen &#8222;Spiele&#8220;, die Regierungen \u00fcberall betreiben, schaden vielen Menschen psychisch, physisch und wirtschaftlich.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Spiele&#8220; sind nichts Neues, sie werden weiter gehen und das Leben der Menschen beherrschen.<\/p>\n<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Die <em>Graswurzelrevolution<\/em> ist Teil der internationalen Friedensbewegungen. Sie geh\u00f6rt zur Internationalen der Kriegsgegner und Kriegsgegnerinnen, der War Resisters&#8216; International (WRI), in der rund 90 Organisationen aus 45 L\u00e4ndern organisiert sind. Siehst Du soziale Bewegungen im Iran, die Du als Teil der internationalen Antikriegsbewegung siehst und die man von hier aus auch unterst\u00fctzen k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n<p><em>Shaghayegh Zafari:<\/em> Es gibt Dissidentengruppen im Ausland, die politisch arbeiten und Aktionen durchf\u00fchren. Auch in Iran existieren viele Gruppen, die sich sozial und politisch engagieren. Oft k\u00f6nnen sie \u00fcber Facebook und Internet Kontakt ins Ausland halten und deutlich machen, dass es viele Menschen in Iran gibt, die ein anderes System f\u00fcr ihr Land fordern, die in Freiheit leben m\u00f6chten und keinen Krieg wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika: Du hast am 7. M\u00e4rz in der Stadtb\u00fccherei M\u00fcnster-Coerde \u00fcber Frauenrechte im Iran referiert. 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