{"id":11360,"date":"2012-05-01T00:00:58","date_gmt":"2012-04-30T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11360"},"modified":"2022-07-26T14:22:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:30","slug":"der-zapatismus-hat-viele-libertare-elemente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/der-zapatismus-hat-viele-libertare-elemente\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Zapatismus hat viele libert\u00e4re Elemente&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Monika: Was ist Zapatismus? Was verstehst Du darunter? Was                 sollten wir darunter verstehen?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Die Bewegung der Zapatistas lehnt sich an den Namen                 von Emiliano Zapata [1879 &#8211; 1919] an. Zapata war ein b\u00e4uerlich-indigener                 Revolution\u00e4r in der Mexikanischen Revolution. Die begann 1910,                 als oppositionelle Gruppen damit anfingen, den Diktator Porfirio                 D\u00edaz zu st\u00fcrzen. Der Aufstand gegen D\u00edaz war der Beginn von K\u00e4mpfen,                 die gro\u00dfe Teile Mexikos bis in die 1920er Jahre erfassten. Dabei                 wurde zum Teil auch eine echte soziale Revolution verwirklicht.                 Tragend f\u00fcr die sozialrevolution\u00e4re Seite der Revolution war vor                 allem die zapatistische Bewegung, die sich auch auf die Ideen                 der anarchistischen Magonistas st\u00fctzte, die unter der Parole <i>Tierra                 y Libertad<\/i> (&#8222;Land und Freiheit&#8220;) einen indigenen Kollektivismus                 und libert\u00e4ren Sozialismus propagierten.<\/p>\n<p>Zapata hat ma\u00dfgeblich zum Sturz der damaligen Diktatur beigetragen.                 Er hat mit seinen Leuten f\u00fcr eine d\u00f6rfliche Selbstverwaltung gek\u00e4mpft.                 Es gab da auch viele Frauen, die gek\u00e4mpft haben. Es ging Zapata                 nie darum, die zentrale Macht von Mexiko zu \u00fcbernehmen, sondern                 darum, die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen, eine Basisdemokratie                 aufzubauen. Die Leute sollten dort, wo sie leben, bestimmen und                 \u00fcber ihr eigenes Schicksal entscheiden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Seinen Namen haben die Neozapatistas als <i>Zapatistische Armee                 zur nationalen Befreiung<\/i> (EZLN) aufgegriffen, um an diese                 Tradition anzukn\u00fcpfen. Sie haben 1994 in Chiapas, im S\u00fcdosten                 Mexikos, einen bewaffneten Aufstand gemacht, unter dem Motto &#8222;Ya                 Basta! Land und Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p>Das war eine interessante Zeit. Bei vielen Menschen herrschte                 nach dem Fall der Mauer und dem Niedergang des &#8222;Realsozialismus&#8220;                 die Stimmung, dass der Kapitalismus sich durchgesetzt habe. Es                 wurde ein &#8222;Ende der Geschichte&#8220; behauptet, der Kapitalismus sei                 die einzig m\u00f6gliche Wirtschafts- und Gesellschaftsform. <\/p>\n<p>Genau in diesem Moment sagten die Zapatistas sinngem\u00e4\u00df: &#8222;Es reicht                 uns! Das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Wir wollen etwas                 ganz anderes: Eine Gesellschaft ohne kapitalistische Ausbeutung,                 Rassismus und patriarchale Unterdr\u00fcckung.&#8220; <\/p>\n<p>Die Zapatistas haben es geschafft, dass viele Gro\u00dfgrundbesitzer                 sich verkr\u00fcmelt haben. Sie selbst sagen nicht, &#8222;wir haben die                 L\u00e4ndereien besetzt&#8220;, sondern &#8222;wir haben sie uns wieder angeeignet&#8220;                 und haben sie an Tausende Familien verteilt. Jetzt k\u00f6nnen die                 Leute besser leben als zuvor. Sie haben also nicht nur politisch                 gek\u00e4mpft, sondern auch die materiellen Bedingungen der Menschen                 verbessert. <\/p>\n<p><b>Bernd: Die Zapatistas k\u00e4mpfen seit 1994 im Grunde weitgehend                 gewaltfrei. Die EZLN setzt seitdem keine Waffen mehr ein. Kannst                 Du beschreiben, wie sich das entwickelt hat? Wie ist die internationale                 Bewegung entstanden ist? Was war die Motivation eine zapatistische                 Gruppe ins Leben zu rufen?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Kurz vorab zu meinen Einsch\u00e4tzungen: Ich kann und                 will keineswegs f\u00fcr die Zapatistas sprechen. Sie sprechen f\u00fcr                 sich selbst und alle Leute, die es interessiert, k\u00f6nnen ihre Erkl\u00e4rungen                 leicht finden, in diversen Sprachen. Meine Aussagen beruhen zwar                 auf langj\u00e4hrigen Erfahrungen vor Ort, aber wir m\u00fcssen uns dabei                 immer unserer privilegierten Position als wei\u00dfe Menschen aus Europa,                 vor allem ich als Mann, bewusst sein &#8211; und diese Aspekte permanent                 hinterfragen. Zur\u00fcck zur Bewegung: Sie ist sehr heterogen. Sie                 ist entstanden aus urbanen Linken in den St\u00e4dten und aus den Traditionen                 der indigenen K\u00e4mpfe vor Ort. Au\u00dferdem gab es einen gewissen Einfluss                 der katholischen Basiskirche, also die Str\u00f6mungen der Befreiungstheologie.                 Und nat\u00fcrlich gab es noch die K\u00e4mpfe der Frauen. Diese Mischung                 hat dazu gef\u00fchrt, dass sie Abstand genommen haben von einem avantgardistischen                 Konzept. Weite Teile der engagierten Zivilbev\u00f6lkerung Mexikos                 haben 1994 gesagt: &#8222;Eure Forderungen sind legitim, aber wenn ihr                 weiter bewaffnet k\u00e4mpft, werdet ihr niedergerungen und ermordet&#8220;.               <\/p>\n<p>Darauf haben die Zapatistas gesagt: &#8222;Wir gehorchen der Bev\u00f6lkerung,                 der Gesellschaft&#8220; und beschlossen, dass sie ihre Waffen bis auf                 Weiteres nicht mehr benutzen. <\/p>\n<p>Besonders interessant war auch die historische Situation, denn                 es schien so, als h\u00e4tte sich ohne nennenswerte Widerst\u00e4nde global                 der Kapitalismus durchgesetzt, auch ideologisch. Die Zapatistas                 haben gesagt, die politischen und \u00f6konomischen Eliten seien l\u00e4ngst                 gut vernetzt und wir m\u00fcssten uns als Linke von unten neu vernetzen.                 Aus diesem Kontext ist dann ein Netzwerk entstanden, nach dem                 Motto &#8222;wir m\u00fcssen eine Internationale der Hoffnung bilden&#8220;. Es                 war nicht marxistisch, leninistisch, maoistisch orthodox, sondern                 ein buntes Gewebe von Leuten, die zusammen gekommen sind. Essenziell                 war das <i>Intergalaktische Treffen gegen Neoliberalismus und                 f\u00fcr die Menschheit<\/i> 1996, das im Aufstandsgebiet der Zapatistas                 stattfand. <\/p>\n<p>Da sind Tausende in ein Aufstandsgebiet gereist, wurden von der                 mexikanischen Armee kontrolliert, aber weil die Sympathie so gro\u00df                 war, mussten die Leute durchgelassen werden. Da haben Menschen                 miteinander gesprochen, die das sonst wahrscheinlich nie getan                 h\u00e4tten. Das gilt als einer der Gr\u00fcndungsmythen der globalisierungskritischen                 Bewegung.<\/p>\n<p><b>Bernd: Du warst gerade wieder mehrere Monate in Mexiko, hast                 Mexiko oft bereist und dort gute Kontakte. Wie sind Deine Eindr\u00fccke                 von der Entwicklung der zapatistischen Bewegung? Wie sieht es                 konkret in den zapatistischen Gemeinden aus?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Mexiko ist ein extrem vielf\u00e4ltiges Land. Es gibt                 gro\u00dfe Unterschiede im Alltagsleben. Wir h\u00f6ren ja im Moment haupts\u00e4chlich                 etwas vom Drogenkrieg. Das ist berechtigt, weil sich dieser Aspekt                 des aggressiven militaristischen Kapitalismus einerseits wegen                 der krisenhaften Situation in Mexiko so breit machen konnte und                 andererseits aufgrund von au\u00dfenpolitischen Aspekten. Die USA,                 wo weltweit am meisten Drogen nachgefragt werden, haben Kolumbien                 mit einem Krieg \u00fcberzogen. <\/p>\n<p>Daraufhin sind viele Drogenkartelle ausgewichen und werden durch                 die mexikanischen Narcos vertreten.<\/p>\n<p>Aber: Es ist nicht \u00fcbertrieben zu sagen, dass die autonomen Gebiete                 der Zapatistas, wo der Staat im Prinzip nicht anwesend ist, zu                 den sichersten D\u00f6rfern im ganzen Land geh\u00f6ren. <\/p>\n<p>Dazu kommt noch, dass die zapatistischen Frauen &#8211; auch gegen                 den Widerstand ihrer eigenen Genossen &#8211; ein Alkohol- und Drogenverbot                 durchsetzen konnten. Das hat die Gewalt in ihren Gemeinden stark                 reduziert.<\/p>\n<p>Sie sind immer noch eine diszipliniert organisierte Bewegung.                 Das f\u00fchrt dazu, dass die Situation meist eigentlich &#8222;tranquilo&#8220;,                 ruhig ist.<\/p>\n<p>Es handelt sich um eine Massenbewegung, die es geschafft hat,                 Fortschritte im Bereich Gesundheit, Bildung und Frauenbeteiligung                 zu erreichen, allen internen Widerspr\u00fcchen und autorit\u00e4ren Ausf\u00e4llen                 der zapatistischen Armee zum Trotz.<\/p>\n<p>Auch als Soziologe ist es f\u00fcr mich fast ein Wunder, dass die                 Bewegung \u00fcberhaupt noch existiert: Ob der milit\u00e4rischen Umzingelung,                 ob des ganzen Geldes, mit dem die Menschen auch immer wieder korrumpiert                 werden und aus der Bewegung rausgekauft werden sollen. Leider                 geht die Gewalt gegen einige zapatistische und andere oppositionelle                 Gemeinden weiter, der Staat ist nach Beobachtungen der Zapatistas                 eindeutig involviert und unabh\u00e4ngige Menschenrechtsorganisationen                 erheben weiterhin schwere Vorw\u00fcrfe gegen alle Regierungsebenen<\/p>\n<p><b>Bernd: Du hast ein Standardwerk zum Thema Zapatismus geschrieben:                 &#8222;La Lucha Sigue! [Der Kampf geht weiter!], das 2006 in zweiter                 Auflage im Unrast Verlag erschienen ist. Momentan schreibst Du                 an einer Doktorarbeit zum Thema. Was w\u00fcrdest Du sagen, was der                 Zapatismus seit 1994 f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung und besonders auch f\u00fcr                 die Frauen gebracht hat?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Ich glaube, das Wichtigste ist, dass die zapatistische                 Bewegung eine Allt\u00e4glichkeit des Widerstandes partizipativ produziert.                 Die Jugendlichen und auch die Frauen werden stark in die Organisation                 einbezogen.<\/p>\n<p>Es gibt eine d\u00f6rfliche Selbstverwaltung. Mehrere D\u00f6rfer schlie\u00dfen                 sich in autonomen Landkreisen zusammen. Diese schlie\u00dfen sich wiederum                 in einer Zone zusammen. Von diesen Zonen gibt es f\u00fcnf. Dort gibt                 es jeweils einen &#8222;Rat der guten Regierung&#8220; &#8211; so nennen sie das                 in Abgrenzung zur offiziellen, schlechten Regierung. Da werden                 dann Bauern und B\u00e4uerinnen eingesetzt. Da geht es nicht um Kader                 oder Politkommissare, sondern es sind wirklich die Leute die da                 arbeiten, die dann auch in der Regel nach einer Woche wieder zur\u00fcck                 auf ihr Feld gehen. Das f\u00fchrt dazu, dass erfolgreich vermieden                 wird, eine neue politische Klasse zu etablieren. Es sollen m\u00f6glichst                 viele Menschen lernen, die Selbstverwaltung auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Das geht auf indigene Traditionen zur\u00fcck, auch auf verschiedene                 linke Str\u00f6mungen, nicht zuletzt auf die anarchistischen Str\u00f6mungen                 um die Br\u00fcder Flores Mag\u00f3n.<\/p>\n<p>Die Situation der Frauen ist interessant. Es ist ja nicht nur                 in Deutschland so, dass wir unter einem Patriarchat leiden, und                 nat\u00fcrlich besonders die Frauen, sondern in Mexiko ist es noch                 einmal heftiger. In den indigenen Gemeinden gibt es stark verwurzelte                 autorit\u00e4re Traditionen. Aber die zapatistischen Frauen konnten                 ein revolution\u00e4res Frauengesetz durchsetzen, was sich in unseren                 westlich-urbanen Ohren vielleicht ein bisschen &#8222;reformistisch&#8220;                 anh\u00f6rt, weil es geht darum; wir haben die gleichen Pflichten und                 die gleichen Rechte, aber die Frauen wurden zuvor in aller Regel                 zwangsverheiratet!<\/p>\n<p>Die Zapatistinnen halten es f\u00fcr revolution\u00e4r und ihr Wort z\u00e4hlt,                 sie kennen ihre Realit\u00e4t. Interessant ist, dass in der EZLN von                 mehr Gender-Gerechtigkeit gesprochen werden kann. M\u00e4nner m\u00fcssen                 genauso reproduktive Arbeit leisten, Scheidungen und Verh\u00fctung                 sind anders als in vielen D\u00f6rfern kein Tabu, es gibt auch mehr                 Bildung, aber es ist nichts Romantisches, wie uns immer gesagt                 wurde, sondern ein hartes Leben im Untergrund.<\/p>\n<p>Und wenn wir uns alle an die eigene Nase fassen: Wie lange hat                 es gedauert, hier ein bisschen in Richtung Geschlechtergerechtigkeit                 vorw\u00e4rts zu kommen?!<\/p>\n<p><b>Monika: Du hast erz\u00e4hlt, dass die Zapatistas am Anfang bewaffnet                 gek\u00e4mpft haben. Glaubst Du, dass sie die Aufmerksamkeit der Bev\u00f6lkerung                 auch erlangt h\u00e4tten, wenn sie von vornherein unbewaffnet gek\u00e4mpft                 h\u00e4tten?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Ich glaube, dass das schon ein Faktor war, dass sie                 den mexikanischen Staat herausgefordert haben. Wir m\u00fcssen uns                 aber klar machen, dass Chiapas bis heute quasi ein feudalistischer                 Bundesstaat ist. Also, es gibt Gro\u00dfgrundbesitzer &#8211; auch deutscher                 Abstammung &#8211; und die hatten die Leute v\u00f6llig unterworfen. Es gab                 so ekelhafte Sachen, wie das &#8222;Recht der ersten Nacht&#8220;, d.h., bevor                 die jungen Frauen geheiratet haben, hatte der Gro\u00dfgrundbesitzer                 de facto das Recht, sie zu vergewaltigen. Das sind Gr\u00fcnde, die                 verst\u00e4ndlich machen, warum die Leute gesagt haben: &#8222;Das reicht                 uns! Wir k\u00f6nnen das nicht nur mit Slogans machen, sondern wir                 m\u00fcssen die Leute wirklich enteignen und entmachten.&#8220; Den Zapatistas                 ist es weitgehend ohne Blutvergie\u00dfen gelungen, die Gro\u00dfgrundbesitzer                 zu verjagen und ihre Macht teilweise zu brechen. Gleichwohl wurden                 die Gro\u00dfgrundbesitzer von ihren Klassenbr\u00fcdern, also von der politischen                 Elite, reich entlohnt. Die haben in der Regel riesige Abfindungen                 bekommen und dann irgendwo anders ihre neuen Gesch\u00e4fte gegr\u00fcndet.                 Also, da muss man niemanden bedauern von den Gro\u00dfgrundbesitzern.<\/p>\n<p>Ich glaube, man kann das mit den Waffen nicht wegkriegen, so                 sympathisch das ist, dass sie jetzt nicht mehr bewaffnet k\u00e4mpfen.                 Aber ich glaube, 1994, bei dieser Aggressivit\u00e4t der Regierung,                 war friedlicher Protest schwer. Es gab keine \u00d6ffentlichkeit, die                 sich emp\u00f6rt hat und keinen funktionierenden Rechtsstaat. <\/p>\n<p><b>Monika: Dann war das quasi Selbstverteidigung?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Ja. Es ging nicht um einen Eroberungskrieg, sondern                 es war Selbstverteidigung. <\/p>\n<p><b>Bernd: Die GWR ist ja eine gewaltfrei-libert\u00e4re Zeitung. Du                 hast in der GWR auch schon \u00fcber &#8222;Die Bienen&#8220; geschrieben, eine                 gewaltfreie Bewegung in Mexiko. K\u00f6nntest Du dazu etwas erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz:<\/i> &#8222;Las Abejas&#8220;, auf deutsch &#8222;die Bienen&#8220;, sind aktiv                 in sechs Landkreisen in 29 Gemeinden. Sie teilen die Forderungen                 der Zapatistas nach d\u00f6rflicher Selbstverwaltung, was auch die                 Selbstbestimmung \u00fcber die Ressourcenausbeutung und \u00fcber sogenannte                 Entwicklungsprojekte bedeutet. Und sie sind sehr erfolgreich.                 Sie kommen vorw\u00e4rts, sind jetzt wie die Zapatistas dabei, eigene                 Bildungs- und Gesundheitssysteme aufzubauen, haben ein Radio,                 eine Internetseite,&#8230; All das war fr\u00fcher undenkbar. Sie wurden                 ausgegrenzt vom mexikanischen Staat. Das ist jetzt also eine ziemliche                 Erfolgsgeschichte. Sie arbeiten Schulter an Schulter mit den Zapatistas.                 In der Hauptgemeinde in Act\u00e9al wohnen sie auch mit Unterst\u00fctzerinnen                 und Unterst\u00fctzern der EZLN zusammen. <\/p>\n<p><b>Bernd: Du schreibst auch f\u00fcr die Zeitung &#8222;Tierra Y Libertad                 (Land und Freiheit) &#8211; Nachrichten aus Mexiko und mehr. In der                 aktuellen Nr. 71 geht es um Biopiraterie, um das Thema &#8222;Finger                 weg von unseren Pflanzen&#8220;. Kannst Du dazu etwas erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz:<\/i> Chiapas ist ein extrem ressourcenreicher Bundesstaat:                 Es gibt S\u00fc\u00dfwasser, \u00d6l, Gas und neben Bodensch\u00e4tzen wie Goldvorkommen                 oder Uran, vor allem die biologische Vielfalt. <\/p>\n<p>Da gibt es von verschiedenster Seite gro\u00dfes Interesse das zu                 kontrollieren, von mexikanischen Eliten und Konzernen aber auch                 aus Kanada, den USA, Europa, Asien, China, und jetzt auch aus                 Brasilien, um an den Lakandonischen Regenwald ranzukommen, der                 auch durch die Erkl\u00e4rungen der EZLN bekannt ist. Das Problem bei                 der Biopiraterie ist ja, dass Konzerne Allgemeingut privatisieren                 wollen, weil sie minimale \u00c4nderungen an bestimmten Pflanzen vornehmen                 wollen und dann meinen, sie geh\u00f6ren ihnen. Das w\u00fcrde dazu f\u00fchren,                 dass die Menschen das bezahlen m\u00fcssen, was ihre Vorfahren entwickelt                 haben.<\/p>\n<p>Kleinb\u00e4uerliche Gesellschaften kommen gr\u00f6\u00dftenteils ohne Geld                 aus, d.h., sie k\u00f6nnen eine Autonomie realisieren, die wir uns                 in Deutschland kaum vorstellen k\u00f6nnen. Sie sind zu 80% autonom.                 Wenn sie ihr Saatgut und ihr Wissen \u00fcber Heilpflanzen austauschen,                 dann ist es m\u00f6glich, auf eigene Faust vorw\u00e4rts zu kommen, nicht                 korrupt werden zu m\u00fcssen, sich nicht an den Machtspielchen zu                 beteiligen. Die Forderung &#8222;Finger weg von unserem Saatgut!&#8220; ist                 legitim und wird auch von der Bev\u00f6lkerung getragen. Sie ern\u00e4hren                 sich ja t\u00e4glich von ihrem Mais, ihren Bohnen, ihren K\u00fcrbissen                 etc. Das ist eine 8.000 Jahre alte Kultur, die sogenannte Milpa,                 also das Feld zur Selbstversorgung. Da wachsen Mais, Bohnen, Chili,                 Tomate, Reis, Gew\u00fcrze und andere Sorten. Es gibt einen UNO-Bericht,                 der besagt, dass es die beste Form ist, das Land zu bewirtschaften.                 Die Bohnen wachsen an dem getrockneten Mais heran und die Pflanzen                 geben sich gegenseitig N\u00e4hrstoffe.<\/p>\n<p>Das ist nicht zu romantisieren, es gibt auch Brandrodung usf.                 Aber die Milpa zur Selbstversorgung ist etwas ganz anderes, als                 den Regenwald zu roden, um dort Rinder zu z\u00fcchten. <\/p>\n<p><b>Monika: Also geht es in dem Kontext auch um Genmanipulation?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz:<\/i> Ja, indirekt schon. Nat\u00fcrlich geht es Konzernen wie                 Bayer oder Monsanto darum, Saatgut und Pestizide zu vermarkten.                 Und es gibt ja das sogenannte Terminator-Gen, das in genmanipulierte                 Sorten eingebaut wird, und daf\u00fcr sorgt, dass der Maiskolben nicht                 mehr als Saatgut taugt. Das ist ein Problem bei einer Kultur,                 die sich selber reproduziert, relativ vorbei am kapitalistischen                 Markt. Sie haben interne, kleine M\u00e4rkte und tauschen ihre Produkte                 aus. Aber das ist etwas anderes als der aggressive agroindustrielle                 Markt. <\/p>\n<p><b>Bernd: W\u00e4hrend Deines Aufenthalts in Mexiko habt ihr einen                 Film gedreht (2). Kannst du dazu etwas sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Wir stellen einen Film fertig, der hei\u00dft &#8222;Wenn das                 Land zur Ware wird&#8220;. Da geht es darum, dass die kleinb\u00e4uerlich                 indigenen L\u00e4ndereien von der Selbstversorgungswirtschaft zwangskonvertiert                 werden zu Monokulturen und zu touristischen Gro\u00dfprojekten. Das                 ist eine existentielle Bedrohung f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n<p>Was von der Regierung von Chiapas gepusht wird, sind die Monokulturen                 von \u00d6lpalmen, haupts\u00e4chlich zur Herstellung von Fetten, die in                 der Nahrungsmittelindustrie verwendet werden. Langfristig wird                 auch die Herstellung von Biotreibstoffen angestrebt.<\/p>\n<p>Das dritte Thema des Films sind die &#8222;nachhaltigen Landst\u00e4dte&#8220;.                 Es gibt ein Programm der Regierung von Chiapas mit gro\u00dfer Unterst\u00fctzung                 der mexikanischen Bundesregierung, die Leute umzusiedeln. In Chiapas                 existieren 14.000 Siedlungen mit weniger als 100 Menschen. Die                 Regierung sagt, &#8222;Der Grund f\u00fcr die Armut ist die Verstreuung dieser                 kleinen Gemeinden, denn wir k\u00f6nnen unm\u00f6glich in 14.000 Gemeinden                 Wasser und Strom legen&#8220;. Das klingt zun\u00e4chst plausibel, aber es                 ist eine alte Taktik aus dem Kolonialismus. Das haben die Deutschen                 in Kamerun gemacht, die Franzosen in Algerien, Franco hat es innerhalb                 von Spanien gemacht, mit den anarchistischen und kommunistischen                 D\u00f6rfern.<\/p>\n<p>Es ist ein Mittel zur totalen Kontrolle der Bev\u00f6lkerung. Es geht                 um politische Kontrolle und um Freisetzung der L\u00e4ndereien. Ich                 habe gerade die UNO positiv zitiert, jetzt zitiere ich sie negativ:                 Es geben sich einige Beraterinnen und Berater daf\u00fcr her, zu sagen:                 &#8222;Diese neuen Landst\u00e4dte, diese Zwangsumsiedlung von Kleind\u00f6rfern                 in eine neue l\u00e4ndliche Stadt, w\u00fcrde die acht Milleniumsziele f\u00fcr                 nachhaltige Entwicklung erf\u00fcllen&#8220;. <\/p>\n<p>Es ist \u00fcbel. Als im September 2009 die erste Landstadt in Chiapas                 eingeweiht wurde, wurden 65 Botschafter aus Mexiko-Stadt herangekarrt,                 in ein Kuhkaff nach Chiapas, um ihr zu applaudieren. Damit auch                 das Fernsehen etwas zum Berichten hat. Erfreulicher Weise haben                 die sozialen Bewegungen fr\u00fch die Bedeutung dieses Programms erkannt.                 Es gilt mittlerweile als mehr oder minder gescheitert. Das ist                 sch\u00f6n. Ich bin da nicht objektiv. Ich finde, es ist eine Zumutung                 f\u00fcr die Menschen. Es wird ihnen einfach ihre Lebensweise unm\u00f6glich                 gemacht. Sie werden zwangsumgesiedelt, sie werden konvertiert                 von Kleinbauern und Kleinb\u00e4uerinnen in ein neues Proletariat.               <\/p>\n<p>Dann gibt es da die sogenannten Maquiladoras, wo sie in Billiglohnfabriken                 schuften m\u00fcssen. Das ist ein aggressives Programm. Zum Gl\u00fcck hat                 sich das wohl mittlerweile so herum gesprochen, dass das wohl                 scheitern wird.<\/p>\n<p>Diese drei Themen: \u00d6lpalmenmonokulturen, die gro\u00dfen Tourismusprojekte,                 die auch Probleme mit sich bringen, weil es auch um Landraub geht,                 und die Landst\u00e4dte sind die Themen des Films. Wir machen ihn auf                 deutsch und spanisch, damit er in den Gemeinden verteilt werden                 kann. Uns ist immer wieder gesagt worden, dass diese Filme etwas                 bringen. Die Leute haben in ihren D\u00f6rfern kein Internet, aber                 irgendeine Familie hat immer einen DVD-Player und wenn dann ein                 Film kommt, dann ist das auch immer ein kleines Event f\u00fcr das                 Dorf.<\/p>\n<p>Es ist ein Privileg, das wir in all den Jahren erlebt haben,                 diese Widerstandsprozesse auch ein bisschen unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Bernd: In der GWR 221 ist 1997 ein Artikel unter dem Titel                 &#8222;Ist der Zapatismus ein Anarchismus?&#8220; erschienen. Wie w\u00fcrdest                 Du diese Frage beantworten?<\/b><\/p>\n<p><i>Luz: <\/i>Ich w\u00fcrde sagen, der Zapatismus ist kein Anarchismus,                 hat aber viele libert\u00e4re Elemente. Die zapatistische Befreiungsarmee                 EZLN ist nichts demokratisches, wobei sie auch sagen, wir haben                 uns gegr\u00fcndet, um zu verschwinden. Aber vor allem die Alltagsselbstorganisation                 hat f\u00fcr mich klare libert\u00e4re Z\u00fcge. Ein wichtiges Motto der Bewegung                 ist: &#8222;mandar obedeciendo&#8220;, also das &#8222;gehorchende Befehlen&#8220;. Das                 hei\u00dft, dass die Leute, die ein Amt haben, nur da sind, um ihren                 Job zu machen. Es gibt keine gro\u00dfe Idee von Funktion\u00e4rstum. Funktionstr\u00e4gerinnen                 oder -tr\u00e4ger k\u00f6nnen jeder Zeit ersetzt werden. Das haben wir auch                 schon erlebt, als ein \u00e4lterer Mann, der sich w\u00e4hrend des Aufstandes                 seine Lorbeeren verdient hat, sp\u00e4ter als Pr\u00e4sident eines autonomen                 Landkreises ein Auto von der staatlichen Stromkommission angenommen                 hat. Er wurde dann wegen Korruption abges\u00e4gt. <\/p>\n<p>Du musst nicht ideologisiert sein, um beim Zapatismus mitarbeiten                 zu k\u00f6nnen, sondern es ist etwas allt\u00e4gliches, was mit deinen Bed\u00fcrfnissen                 im Alltag zu tun hat. Dieses Prinzip des &#8222;gehorchenden Befehlens&#8220;                 sorgt daf\u00fcr, dass die Leute keine politischen Kampagnen machen                 und sagen &#8222;ich m\u00f6chte den Job haben&#8220;, &#8222;ich m\u00f6chte der und der                 Funktion\u00e4r sein&#8220;, sondern es l\u00e4uft eher so, dass die Gemeinde                 vorschl\u00e4gt, &#8222;mach du doch diesen Job&#8220;.<\/p>\n<p>Das ist etwas ganz anderes, als unser Verst\u00e4ndnis vom professionalisierten                 Politikmachen.<\/p>\n<p>Das ist ein Ergebnis auch von Analysen von anderen sozialen Bewegungen                 aus Lateinamerika. Sie sagen &#8222;fragend gehen wir voran&#8220;, sie haben                 keine &#8222;Mao-Bibel&#8220;, die alle befolgen, lesen und auswendig lernen                 m\u00fcssen und dann wird die Menschheit gl\u00fcckselig, sondern: &#8222;wir                 machen Fehler&#8220;. Da schlie\u00dft sich der Kreis, da k\u00f6nnen wir viel                 von lernen, auch f\u00fcr die Politik hier. <\/p>\n<p><b>Bernd: Du wolltest etwas erz\u00e4hlen vom &#8222;Rebellischen Zusammentreffen&#8220;                 und zur Organisierung der zapatistischen Solidarit\u00e4tsbewegungen                 international?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Luz:<\/i> Es ist nicht mehr so laut um die Zapatistas, der                 ber\u00fchmte Subcomandante Marcos schreibt nicht mehr so viel, aber                 die Bewegung ist Realit\u00e4t. Die Solidarit\u00e4tsbewegung ist da, wenn                 sie vielleicht auch quantitativ kleiner geworden ist. Wir als                 Ya-Basta-Netz (3), ein Netzwerk im deutschsprachigen Raum, sind                 auch vernetzt mit anderen Gruppen in Europa, aus den USA, aus                 S\u00fcdamerika. Wir machen seit zwei Jahren ein sogenanntes rebellisches                 Zusammentreffen. Das ist ein offenes Treffen. Da geht es nicht                 nur um die &#8222;Antis&#8220;, akademische oder szenefixierte Kritik an den                 herrschenden Zust\u00e4nden, an Kapitalismus, Militarismus, Patriarchat                 und Umweltzerst\u00f6rung, sondern auch um den Aufbau von Alternativen.                 Was gibt es schon f\u00fcr Projekte? Und es gibt absichtlich viele                 Pausen bei diesen Treffen, weil es immer die Pausen sind, wo die                 Leute sich wirklich kennen lernen. <\/p>\n<p>Es ist ein Versuch, zur unabh\u00e4ngigen Organisierung von links                 unten beizutragen in einer antikapitalistischen und antisystemischen                 Perspektive. Wir glauben nicht, dass es durch die Parteien machbar                 ist, sondern, dass es durch die Leute in einem st\u00e4ndigen Reflexionsprozess                 passieren muss. Das n\u00e4chste Treffen findet vom 25. Juli bis 1.                 August 2012 im Wendland statt, einer Region, wo es spektren\u00fcbergreifenden                 sozialen Widerstand von unten gibt, mit beachtlichen Teilerfolgen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika: Was ist Zapatismus? Was verstehst Du darunter? Was sollten wir darunter verstehen? Luz: Die Bewegung der Zapatistas lehnt sich an den Namen von Emiliano Zapata [1879 &#8211; 1919] an. Zapata war ein b\u00e4uerlich-indigener Revolution\u00e4r in der Mexikanischen Revolution. Die begann 1910, als oppositionelle Gruppen damit anfingen, den Diktator Porfirio D\u00edaz zu st\u00fcrzen. Der Aufstand &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/der-zapatismus-hat-viele-libertare-elemente\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Der Zapatismus hat viele libert\u00e4re Elemente\" - graswurzelrevolution","description":"Monika: Was ist Zapatismus? Was verstehst Du darunter? Was sollten wir darunter verstehen? 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