{"id":11373,"date":"2012-05-01T00:00:45","date_gmt":"2012-04-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11373"},"modified":"2022-07-26T13:56:39","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:39","slug":"newo-ziro-neue-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/newo-ziro-neue-zeit\/","title":{"rendered":"&#8222;Newo Ziro &#8211; Neue Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher stand am &#8222;Deutschen Eck&#8220; das monumentale Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. in hochherrschaftlicher Pose, um an die Reichsgr\u00fcndung zu erinnern. Die an der M\u00fcndung der Mosel in den Rhein protzig zur Schau gestellte Verk\u00f6rperung milit\u00e4rischen Gro\u00dfmachtstrebens wurde sp\u00e4ter zerst\u00f6rt und 1990 in Erinnerung an die &#8222;Wiedervereinigung&#8220; erneuert.<\/p>\n<p>Hier befindet sich heute das Bundesgartenschaugel\u00e4nde von Koblenz, wo ganze Heerscharen kaffeetrinkender und mampfender GermanInnen in deutscher Gem\u00fctlichkeit ihren Tagesausflug absolvieren.<\/p>\n<p>Gleich nebenan leben seit mehreren Generationen Sinti und Roma ein ganz anderes Leben.<\/p>\n<p>Die FilmemacherInnen Monika Nolte und Robert Krieg zeigen diesen Kontrast in einer eindrucksvollen Szene: Im Talhintergrund befindet sich die ebenso bekannte wie zweifelhafte Postkartenidylle mit dem Rhein-Mosel-Eck. Im Vordergrund gibt auf einem Berg windumweht das &#8222;Lulo Reinhardt Projekt&#8220; des Django Reinhardt-Gro\u00dfneffen mit seinen Instrumenten ein Crossover zum Besten.<\/p>\n<h3>In diesem Film ist Musik!<\/h3>\n<p>Traditioneller Gypsy-Swing einerseits und seine kreative Weiterentwicklung und Ver\u00e4nderung andererseits sind die beiden Grundt\u00f6ne, die die unterschiedlichen Seiten, Erfahrungen und Lebenseinstellungen der Koblenzer Sintigemeinschaft anklingen lassen.<\/p>\n<p>In wechselnder Szenenfolge gruppieren sich vier Hauptportraits von Koblenzer Sintis um das zentrale Geschehen auf dem j\u00e4hrlich stattfindenden Musikfest &#8222;Djangos Erben&#8220;.<\/p>\n<p>Bawo Reinhardt, Vater von Lulo, singt unter Beifall auf der B\u00fchne mit rauer, trauriger Stimme \u00fcber die immer noch aktiven Schattenseiten aus der Vergangenheit:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wer versteht uns, wer glaubt uns?<br \/>\n<\/em><em>Warum sind wir noch hier?<br \/>\n<\/em><em>Warum m\u00f6gen uns die Leute nicht?<br \/>\n<\/em><em>Jeder braucht doch ein paar Freunde!<br \/>\n<\/em><em>Warum geht das nicht mit uns?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die 13j\u00e4hrige Sibel Mercan und ihr Onkel Lulo Reinhardt besuchen einen alten, inzwischen zugewachsenen Lagerplatz in der N\u00e4he des Rheins, wo Lulo und seine Verwandtschaft in der Natur und mit Pferden ein weitgehend freies Leben f\u00fchren konnten, bis sie von dort vertrieben wurden. Die kalte, dunkle Notunterkunft &#8222;Feste Franz&#8220;, in der die Sintifamilien schon w\u00e4hrend der Nazi-Zeit und bis 1950 zwangsweise einquartiert wurden, blieb hingegen in schlechter Erinnerung.<\/p>\n<p>Heute leben viele Sinti im Stadtteil Koblenz-Asterstein in einer bescheidenen Siedlung.<\/p>\n<p>Einige Wohnwagen stehen in den Einfahrten. Viele f\u00fchlen sich hier trotzdem wohl, pflegen ihre Gemeinschaft. Einige h\u00e4ngen Deutschlandflaggen an ihre H\u00e4user. Hier\u00fcber sch\u00fcttelt der 70j\u00e4hrige Auschwitz-\u00dcberlebende Bawo Reinhardt nur den Kopf und denkt an die ermordeten Sinti und Roma im KZ. Die deutsche Nationalhymne mag er ebenfalls nicht h\u00f6ren. Als Kleinkind wurde ihm die H\u00e4ftlingsnummer in den Arm t\u00e4towiert. In zunehmendem Alter kommen die schrecklichen Erinnerungen wieder und plagen ihn. Trotzdem l\u00e4sst er sich nicht h\u00e4ngen und unterrichtet als &#8222;gute Seele&#8220; der Siedlung Jugendliche und Kinder in Romanes, damit sie trotz ihrer Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft nicht den Bezug zu ihrer Identit\u00e4t als Sinti verlieren.<\/p>\n<p>&#8222;Wovon lebst Du?&#8220; wurde Bawo Reinhardt von anderen Deutschen immer wieder misstrauisch gefragt und beklagt ihre Doppelmoral. Wenn man Gesch\u00e4fte macht oder als Anbieter von Waren andere Menschen anspricht, dann wird man normalerweise als &#8222;Vertreter&#8220; bezeichnet. Ein Sinti oder Roma ist nach Ansicht von Teilen der Mehrheitsgesellschaft ein &#8222;Hausierer&#8220; &#8211; nein schlimmer, der Zigeuner bettelt! In der hintergr\u00fcndigen Szene mit Sascha Reinhardt als vorweihnachtlichem Verk\u00e4ufer der beliebten &#8222;deutschen Edeltanne&#8220; bleiben die zwischenmenschlichen Begegnungen zwischen Verk\u00e4ufer und K\u00e4ufer kurz und oberfl\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Sintikinder werden schon fr\u00fch in der Schule als &#8222;schlecht&#8220; und &#8222;schwierig&#8220; aussortiert und bleiben oft chancenlos. Sie haben nach Ansicht einiger \u00e4lterer Sinti keine andere M\u00f6glichkeit, als in ihre Fu\u00dfstapfen zu steigen und &#8222;Gesch\u00e4fte&#8220; zu machen, Handel zu betreiben, sich irgendwie durchzuschlagen.<\/p>\n<p>Widerlegt wird diese Meinung durch den 50j\u00e4hrigen Musiker Lulo und seine 13j\u00e4hrige Nichte Sibel, die als Klassenbeste aufs Gymnasium geht, leidenschaftlich gerne Fu\u00dfball spielt &#8211; und Kung Fu praktiziert, mit drei G\u00fcrteln als Leistungsnachweis. Die zwischen verschiedenen Kulturen wandernde Sibel bringt ihr Lebensgef\u00fchl auf den Punkt: &#8222;Vom Sindh bis an den Rhein war es ein langer Weg. Heute ist unsere Heimat hier. NEWO ZIRO hei\u00dft NEUE ZEIT. Wie wird unsere Zukunft aussehen?&#8220;<\/p>\n<p>In bewegenden Bildern zeigen die FilmemacherInnen, wie das M\u00e4dchen auf dem Fu\u00dfballplatz und in der Sporthalle spielerisch \u00fcber sich hinausw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Und falls in Zukunft ihr gegen\u00fcber ein Rassist oder Sexist frech werden w\u00fcrde, dann w\u00fcrde sie sich zu wehren wissen.<\/p>\n<p>Allerdings: Die strengen traditionellen Vorstellungen der Sinti verlangen von ihr, in ein- oder zwei Jahren mit dem Fu\u00dfballspielen aufzuh\u00f6ren, einen Rock zu tragen und eine althergebrachte Frauenrolle einzunehmen. Im Film akzeptiert die Dreizehnj\u00e4hrige dies noch mit leichtem Bedauern. Wird sie dies in Zukunft auch so sehen?<\/p>\n<p>In den Gespr\u00e4chen mit ihrem Onkel Lulo vergewissert sich Sibel ihrer Sinti-Wurzeln. Ihre Vorfahren lebten vor etwa 800 Jahren im Sindh, dem heutigen Pakistan. Auf ihren Wanderungen nach Mitteleuropa kamen sie mit vielen unterschiedlichen Kulturen in Ber\u00fchrung und \u00fcbernahmen Teile davon.<\/p>\n<p>Da Lulo nicht bei der typischen &#8222;Gypsy-Musik&#8220; stehen bleiben wollte, sondern seine eigene Musik spielen will, kaufte er eine spanische Gitarre und wandte sich unter anderem dem Flamenco zu. Er kn\u00fcpfte damit an die Musik der weitl\u00e4ufigen Verwandtschaft an.<\/p>\n<p>Anoushka Shankar und Dotschy Rheinhardt haben aktuell mit ihren neuen CDs ebenfalls auf die Verbindungslinien zwischen indischer- und Flamencomusik aufmerksam gemacht. F\u00fcr den Gitarristen Lulo er\u00f6ffnet seine Musik nicht nur neue M\u00f6glichkeiten in der Ausdrucksform, sondern ebenfalls die Freiheit, sich zeitweise von seinen famili\u00e4ren Bindungen zu entfernen, auf Weltreisen zu gehen und ganz andere Einfl\u00fcsse beispielsweise aus Lateinamerika zu verarbeiten. Indem er seinen eigenen Stil findet, unterscheidet er sich von traditionellen Sintimusikern, bei denen jeder mit jedem Variationen des Immergleichen spielt. So ein Freigeist irritiert die Leute zuhause, er\u00f6ffnet aber auch die M\u00f6glichkeit f\u00fcr sich selbst, von seiner Musik als vielseitiger und erfolgreicher Gitarrist zu leben.<\/p>\n<p>Immer wieder werden in diesem atmosph\u00e4risch dichten Film mitrei\u00dfende Szenen vom Sinti-Musikfest am Deutschen Eck gezeigt. Das Publikum ist gemischt. Im Film kunstvoll eingef\u00fcgt befinden sich zwischen l\u00e4ngeren Gespr\u00e4chen und Einstellungen viele Momentaufnahmen von Einzelnen oder kleinen Gruppen. In diesen Miniaturen gelingt es, innige Augenblicke der Gl\u00fcckseeligkeit und Ausgelassenheit in intensiver Bildsprache einzufangen. Sie bleiben im Ged\u00e4chtnis der ZuschauerInnen haften und kontrastieren so manche triste Realit\u00e4t des Sinti-Lebens.<\/p>\n<p>In Gespr\u00e4chen werden die unterschiedlichen Erfahrungen und pers\u00f6nlichen Sichtweisen der einzelnen Personen zu intimen Portraits aneinandergef\u00fcgt. Wir erfahren bisher weitgehend unbekannte Details \u00fcber das Leben der Sinti. Geradezu libert\u00e4r ist ihr Brauch in Eigentumsfragen, in dem der Nachlass von Toten verbrannt wird, anstatt Gegenstand von unerquicklichen Erbschaftsstreitigkeiten zu werden. Daf\u00fcr gibt es dann \u00c4rger mit der deutschen Polizei.<\/p>\n<p>Die grundlegende Frage, wie weit sich die Sinti der Mehrheitsgesellschaft \u00f6ffnen sollten, ohne dabei ihre Identit\u00e4t zu verlieren, schwingt in diesem Film immer mit. Die Antworten fallen unterschiedlich und sehr pers\u00f6nlich aus. Trotzdem ist es ein hochpolitischer Film, nicht nur aufgrund der Geschichte. Roma und Sinti wurden in der Nazizeit entrechtet, verfolgt und systematisch ermordet.<\/p>\n<h3>Dem V\u00f6lkermord fielen 500.000 Sinti und Roma zum Opfer<\/h3>\n<p>Heute sind die Abschiebungen von Roma in das Kosovo, die unversch\u00e4mte Hetze der Schweizer Zeitung &#8222;Weltwoche&#8220; gegen Roma vor ein paar Wochen und die ressentimentgeladenen Ermittlungen der deutschen Polizei im Mordfall Kiesewetter gegen das &#8222;Zigeunermilieu&#8220;, aber nicht gegen neofaschistische TerroristInnen, bittere Realit\u00e4t. Dies ist der richtige Film zur rechten Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher stand am &#8222;Deutschen Eck&#8220; das monumentale Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. in hochherrschaftlicher Pose, um an die Reichsgr\u00fcndung zu erinnern. 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