{"id":11385,"date":"2012-06-01T00:00:04","date_gmt":"2012-05-31T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11385"},"modified":"2022-07-26T13:56:39","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:39","slug":"und-uber-uns-kein-himmel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/und-uber-uns-kein-himmel\/","title":{"rendered":"&#8230; und \u00fcber uns kein Himmel"},"content":{"rendered":"<p>Das ist die Geschichte eines Jungen, der durch mehrere H\u00f6llen gegangen ist. &#8222;Ich habe Gl\u00fcck gehabt&#8220;, sagt Fritz Blume (Name ge\u00e4ndert, die Red.) heute, &#8222;es h\u00e4tte alles noch viel schlimmer kommen k\u00f6nnen. Was ist der Aufenthalt in einem Irrenhaus gegen Auschwitz?&#8220;<\/p>\n<p>Die Verbrechen des &#8222;Dritten Reiches&#8220; im Namen der &#8222;Rassenhygiene&#8220; und der &#8222;Vernichtung lebensunwerten Lebens&#8220; geh\u00f6ren zu den Kapiteln der deutschen Zeitgeschichte, die jahrzehntelang nicht aufgearbeitet wurden. Um den &#8222;Volksk\u00f6rper rein zu halten&#8220; wurden die Menschen in &#8222;gesund&#8220; oder &#8222;krank&#8220;, &#8222;rassisch wertvoll&#8220; oder &#8222;rassisch minderwertig&#8220; eingeteilt.<\/p>\n<p>Dieser Fiktion einer rassenbiologisch definierten &#8222;Volksgemeinschaft&#8220; fielen nach neuesten Sch\u00e4tzungen ca. 200.000 Menschen zum Opfer &#8211; sie wurden vergast, abgespritzt oder verhungerten. Eines der ersten Gesetze, das die Nationalsozialisten erlie\u00dfen, war das &#8222;Gesetz zur Verh\u00fctung erbkranken Nachwuchses&#8220;, dessen rechtm\u00e4\u00dfiges Zustandekommen bis heute nicht angezweifelt wird. Mehr als 400.000 Menschen wurden wegen &#8222;erblicher Minderwertigkeit&#8220; zwangsweise sterilisiert.<\/p>\n<p>1935 wird Fritz Blume in Anr\u00f6chte am Rande des Sauerlandes geboren.<\/p>\n<p>Er ist das Kind einer au\u00dferehelichen Beziehung seiner Mutter. Der betrogene Ehemann misshandelt seine Frau wegen ihres Seitensprungs so schwer, dass sie sich und zwei ihrer Kinder im Dorfteich zu ertr\u00e4nken versucht. Ein Kind stirbt, und die Verwandten der Mutter erkl\u00e4ren sie f\u00fcr geistesgest\u00f6rt, um sie vor dem drohenden Todesurteil wegen Kindesmord zu bewahren. Die Mutter wird in eine Irrenanstalt eingewiesen und zwangssterilisiert, die Kinder werden auf Heime verteilt.<\/p>\n<p>Fritz kommt als Einj\u00e4hriger in das katholische Waisenhaus Lippstadt, das von Vincentinerinnen gef\u00fchrt wird. In der Horst Wessel-Schule erf\u00e4hrt der Schulrektor, ein \u00fcberzeugter Faschist und Anh\u00e4nger der &#8222;Rassenhygiene&#8220;, die Vorgeschichte Fritz Blumes. Auf sein Betreiben wird ein Antrag auf Erfassung und Begutachtung im Sinne des &#8222;Euthanasie&#8220;-Konzepts der Nationalsozialisten gestellt. Fritz Blume wird von einem Gutachter &#8222;asoziales Verhalten&#8220; und &#8222;Anstaltspflegebed\u00fcrftigkeit wegen Geisteskrankheit&#8220; attestiert. Das bedeutet in dieser Zeit h\u00f6chste Todesgefahr.<\/p>\n<p>Fritz Blume ist acht Jahre alt, als er in die Heilanstalt Dortmund-Aplerbeck gebracht wird. Hinter den Mauern der &#8222;Kinderfachabteilung&#8220; werden Hunderte von Kindern ermordet. Von hier aus werden Menschen in die Vernichtungsanstalten geschickt.<\/p>\n<p>Das nationalsozialistische Regime hatte allen Menschen den Krieg erkl\u00e4rt, die aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden die \u00f6ffentliche F\u00fcrsorge in Anspruch nehmen mussten. Wer zum Beispiel in einem Waisenhaus aufwuchs, galt als &#8222;sozial minderwertig&#8220;. Wenn ein Psychiater einen F\u00fcrsorgez\u00f6gling beurteilte und in einem Gutachten f\u00fcr geisteskrank erkl\u00e4rte, kam das einem Todesurteil gleich. Die betroffenen Kinder wurden in Irrenh\u00e4user eingewiesen und in eigens eingerichteten &#8222;Kinderfachabteilungen&#8220; abgespritzt. Die NS-Euthanasie, die T\u00f6tung geistig und k\u00f6rperlich behinderter Menschen war der erste systematisch durchgef\u00fchrte Massenmord des NS-Regimes. Das konnte nicht verborgen bleiben und l\u00f6ste Unruhe in der Bev\u00f6lkerung aus. Um die Loyalit\u00e4t der Deutschen nicht zu verlieren, die f\u00fcr den Russlandfeldzug dringend ben\u00f6tigt wurde, stellten die Nationalsozialisten 1942 offiziell die massenhafte Ermordung von Menschen in der \u00f6ffentlichen F\u00fcrsorge ein.<\/p>\n<p>Das Programm der Nazis lautete jetzt: &#8222;Ausmerze durch Hunger und Arbeit&#8220;. Zu dem Hunger kam die K\u00e4lte. Kinderarbeit war obligatorisch. Wer sein &#8222;Pensum&#8220; nicht erf\u00fcllte, dem wurde das Butterbrot entzogen. F\u00fcr &#8222;Minderwertige&#8220;, &#8222;Ballastexistenzen&#8220; und &#8222;unn\u00fctze Brotesser&#8220; wurde nicht geheizt. In der &#8222;Idiotenanstalt&#8220; St. Johannisstift in Marsberg im Sauerland k\u00e4mpften die Kinder um ihr \u00dcberleben. Der St. Johannisstift wurde von katholischen Nonnen gef\u00fchrt. Sie verpr\u00fcgelten die ihnen Anvertrauten regelm\u00e4\u00dfig. Das geh\u00f6rte zum Leben wie das Beten, die Zwangsjacke, Kaltwasserb\u00e4der und Unterwasserfolter. Wenn dabei ein Kind ertrank, hie\u00df das im Anstaltsjargon &#8222;der Seemannstod&#8220;.<\/p>\n<p>Die katholischen Nonnen waren selbst Opfer der herrschenden Ideologie. Ihr &#8222;geistiger Vater&#8220; war der Paderborner Priester und Moraltheologe Joseph Mayer, der ein Standardwerk \u00fcber den rassischen Niedergang der Deutschen und \u00fcber die Gefahren f\u00fcr den &#8222;gesunden Volksk\u00f6rper&#8220;, die von F\u00fcrsorgez\u00f6glingen ausgehen, geschrieben hatte.<\/p>\n<p>Er unterrichtete und indoktrinierte die jungen Frauen, die meistens aus b\u00e4uerlichen Familien stammten und nur wenig Allgemeinbildung genossen hatten.<\/p>\n<h3>Kriegsende und Zusammenbruch des Nazi-Reichs \u00e4nderten kaum etwas an der Situation in den Anstalten.<\/h3>\n<p>Die \u00dcberzeugung, dass es sich bei den Anstalts- und Heiminsassen um &#8222;sozial Minderwertige&#8220; handele, von denen eine Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft ausgehe, bildete auch nach 1945 die ideologische Grundlage der \u00f6ffentlichen F\u00fcrsorge. Die der Heimunterbringung und Zwangspsychiatrisierung Ausgelieferten hatten jenseits der Mauern keine Lobby, die sich f\u00fcr ihre Rechte einsetzte. Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Institutionen der \u00f6ffentlichen F\u00fcrsorge und die Kirchen als &#8222;nat\u00fcrliche F\u00fcrsprecher der Schwachen&#8220; waren selbst tief verstrickt in das System, das die ihnen Anvertrauten vor 1945 der Vernichtung preisgegeben hatte. In den 50er und 60er Jahren verschwanden Tausende Jugendliche, die sich nicht &#8222;angepasst&#8220; verhielten oder aus Familienverh\u00e4ltnissen stammten, die nicht der sozialen Norm entsprachen, hinter Heim- und Anstaltsmauern. Hier erlebten sie Zwangspsychiatrisierung, Gewalt und Dem\u00fctigung in einem Ausma\u00df, das sie bis heute traumatisiert.<\/p>\n<p>Fritz Blume scheute sich nicht, das begangene Unrecht \u00f6ffentlich zu machen. Er verschaffte sich Geh\u00f6r in einer Nachkriegsgesellschaft, die auch nach 1945 die Misshandlung &#8222;sozial Minderwertiger&#8220; stillschweigend duldete. Er \u00fcberwand die Scham, das Gebot des Schweigens und setzte sich damit erneut dem Stigma aus, nicht Teil der &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Geschichte eines Jungen, der durch mehrere H\u00f6llen gegangen ist. &#8222;Ich habe Gl\u00fcck gehabt&#8220;, sagt Fritz Blume (Name ge\u00e4ndert, die Red.) heute, &#8222;es h\u00e4tte alles noch viel schlimmer kommen k\u00f6nnen. 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