{"id":11411,"date":"2012-06-01T00:00:08","date_gmt":"2012-05-31T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11411"},"modified":"2022-07-26T12:58:54","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:54","slug":"ich-habe-nicht-angezeigt-weil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/ich-habe-nicht-angezeigt-weil\/","title":{"rendered":"Ich habe nicht angezeigt, weil&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><i>#ichhabenichtangezeigt&#8230;.<\/i><\/h3>\n<p>In Anlehnung an franz\u00f6sische, italienische und englische Aktivistinnen                 haben sich die F\u00fcnf entschlossen, vergewaltigten Frauen und M\u00e4nnern                 eine Plattform zu bieten, auf der sie sich \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Damit sie nicht l\u00e4nger im Verborgenen bleiben, damit sie nicht                 weiterhin &#8222;die Dunkelziffer&#8220; sind, nur weil sie, aus welchen Gr\u00fcnden                 auch immer, den Vergewaltiger, in manchen F\u00e4llen auch die Vergewaltigerin,                 nicht angezeigt haben und damit in der Statistik der beurkundeten                 Vergewaltigungen und sexuellen \u00dcbergriffen nicht auftauchen.<\/p>\n<p>Jede einzelne Vergewaltigung, jeder sexuelle \u00dcbergriff ist eine                 pers\u00f6nliche Katastrophe und ein \u00dcbergriff zuviel. <\/p>\n<p>Es ist wichtig aufzuzeigen, wie gro\u00df die Anzahl an Vergewaltigungen                 und sexuellen \u00dcbergriffen in Wirklichkeit ist, um das vorherrschende,                 die Realit\u00e4t verharmlosende Bild von einzelnen Geschehnissen aufzubrechen.<\/p>\n<p><b><i>#ichhabnichtangezeigt, weil ich damals ein Kind war und                 ich sexuellen Missbrauch noch nicht verstanden habe. Weil es mein                 \u00e4ltester Bruder war, der daraus ein Spiel machte (&#8222;das bleibt                 ein Geheimnis, das erz\u00e4hlen wir nicht den anderen Br\u00fcdern oder                 den Eltern&#8220;).<\/i><\/b><\/p>\n<p><b><i>#ichhabnichtangezeigt, weil ich damals der Meinung war,                 dass es meine Schuld war<\/i><\/b><\/p>\n<p>Noch immer wird der Fokus haupts\u00e4chlich auf den b\u00f6sen Unbekannten                 und den der Sicherungsverwahrung entgangenen Straft\u00e4ter gerichtet,                 was schon mehrere Male bis zu Demonstrationen vor der Wohnung                 eines nach Verb\u00fc\u00dfung seiner Strafe entlassenen Sexualstraft\u00e4ters                 f\u00fchrte, wo die aufgebrachte Menge kurz vor der Lynchjustiz stand.               <\/p>\n<p>Wie viele in diesem, nicht selten von neofaschistischen Kr\u00e4ften                 aufgestachelten Mob, selbst vergewaltigende V\u00e4ter, Br\u00fcder oder                 Partner sind, die, m\u00f6glicherweise ohne jedes Schuldbewusstsein,                 regelm\u00e4\u00dfig mit Gewalt &#8222;ihre Rechte&#8220; einfordern, wird ein Geheimnis                 bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die naheliegende und viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr innerhalb von Familie,                 Nachbarschaft und Freundeskreis bleibt durch dieses \u00f6ffentlich                 immer noch gerne aufrecht erhaltene Bild des unbekannten &#8222;Triebt\u00e4ters&#8220;,                 der Frauen, die sich nachts allein auf dunklen Stra\u00dfen bewegen,                 &#8222;bestraft&#8220;<i>, <\/i>in den Hintergrund ger\u00fcckt und wird verharmlost.<\/p>\n<p>Dies tr\u00e4gt dazu bei, dass die innerfamili\u00e4ren oder im Freundeskreis                 auftretenden \u00dcbergriffe weiterhin oft nicht rechtzeitig als solche                 erkannt werden und dadurch den &#8222;Opfern&#8220; die M\u00f6glichkeit, sich                 zu sch\u00fctzen, verwehrt wird.<\/p>\n<p><b><i>#ichhabenichtangezeigt, weil ich glaubte, selbst Schuld                 zu sein, weil ich ein Kind war, weil es mein Freund war, weil                 ich Angst hatte, weil es mein Vater\/Bruder\/Cousin war und ich                 meine Familie nicht verlieren wollte<\/i><\/b><\/p>\n<p>&#8211; dies sind die h\u00e4ufigsten Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Nichtanzeige,                 die auf der Internetseite <a href=\"http:\/\/ichhabnichtangezeigt.wordpress.com\/\">http:\/\/ichhabnichtangezeigt.wordpress.com\/<\/a>                 auftauchen.<\/p>\n<p>Dabei geht es im Grunde gar nicht in erster Linie darum, warum                 nicht angezeigt wurde. Daf\u00fcr hat jede und jeder einen anderen,                 ihren oder seinen eigenen Grund. <\/p>\n<p>Es bedarf keiner Erkl\u00e4rung und keiner Rechtfertigung, woher dieser                 Grund stammt, warum der T\u00e4ter\/die T\u00e4terin nicht der Justiz \u00fcberantwortet                 wurde. Aber es existiert bisher keine andere M\u00f6glichkeit, \u00f6ffentlich                 und schwarz auf wei\u00df festzuhalten, wie viele Kinder, Jugendliche                 und Erwachsene zum Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen \u00dcbergriffen                 werden, au\u00dferhalb der M\u00f6glichkeit einer Anzeige.<\/p>\n<p>Hier liegt der gro\u00dfe Verdienst dieser Kampagne, die zun\u00e4chst                 auf einen Monat begrenzt war und nun erst einmal bis Mitte Juni                 verl\u00e4ngert worden ist: Schwarz auf wei\u00df \u00e4u\u00dferten und \u00e4u\u00dfern sich                 zahlreiche &#8222;Opfer&#8220; von Vergewaltigungen und sexuellen \u00dcbergriffen                 und zeichnen so ein erschreckendes, manchmal fast erschlagendes                 Bild des Ausma\u00dfes dieses gesellschaftlichen Missstandes.<\/p>\n<p><b><i>#ichhabnichtangezeigt\u2026 weil ich meinen Halbbr\u00fcdern nicht                 ihren Vater nehmen wollte. ich hatte ja schon keinen\u2026<\/i><\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr ein Kind gibt es keine schlimmere Bedrohung als den Verlust                 seiner Bezugspersonen.<\/p>\n<p>Aber auch Jugendliche und Erwachsene haben sich zumeist das gesellschaftlich                 immer noch hoch gehaltene und fest zementierte Bild der heilen\/heiligen                 Familie, bestehend aus Vater-Mutter-Kind, als unumst\u00f6\u00dflichen Wert                 zu eigen gemacht. &#8222;Blut ist dicker als Wasser&#8220;, &#8222;Am Ende bleibt                 ja doch immer nur die Familie, auf die man z\u00e4hlen kann&#8220; &#8211; solche                 Spr\u00fcche begleiten unser Leben auch heute noch von Beginn an und                 lassen so nur die Wenigsten erkennen, und noch Wenigere, selbst                 im Erwachsenenalter, den Mut fassen, f\u00fcr sich zu akzeptieren,                 dass keine Familie besser ist als eine schlechte Familie und dass                 Familie auch ein selbst ausgew\u00e4hlter Zusammenhang sein kann, wenn                 dieser besser funktioniert, als das Konstrukt, in das jemand hineingeboren                 wurde.<\/p>\n<p><b><i>#ichhabenichtangezeigt, weil&#8230;<\/i><\/b><\/p>\n<p>Den Initiatorinnen geht es in erster Linie darum, bei Polizei,                 Staatsanwaltschaften und Gerichten ein Klima zu schaffen, das                 es vergewaltigten Frauen und M\u00e4nnern einfacher macht als bisher,                 sich zu einer Anzeige zu entschlie\u00dfen, weil ihnen mehr geglaubt                 wird und sie bessere Hilfestellung erhalten sollen, als dies bisher                 der Fall ist.<\/p>\n<h3>Was wir wollen: <\/h3>\n<p>Unser Ziel ist es, die Missst\u00e4nde in unserer Gesellschaft aufzuzeigen,                 damit sowohl in der \u00d6ffentlichkeit als auch in den entsprechenden                 Institutionen sexualisierte Gewalt mit der Aufmerksamkeit behandelt                 wird, die denjenigen, die sie erlebt haben, zusteht. Damit es                 k\u00fcnftig leichter wird, Anzeige zu erstatten und damit geh\u00f6rt zu                 werden.<\/p>\n<p>Schon dieser erste Ansatz scheint kr\u00e4ftem\u00e4\u00dfig von den Organisatorinnen                 der Kampagne kaum noch l\u00e4nger weitergef\u00fchrt werden zu k\u00f6nnen.                 Und dennoch w\u00e4re es dringend geboten, im Anschluss an diese Aktion                 ein weitaus umfassenderes Ziel ins Auge zu fassen.<\/p>\n<p>Zum Einen w\u00e4re es sicher kein Fehler, eine solche oder eine \u00e4hnliche                 Plattform als Dauereinrichtung aufrechtzuerhalten, um die unglaubliche                 Anzahl von Vergewaltigungen und sexuellen \u00dcbergriffen auch in                 Zukunft anonym dokumentieren zu k\u00f6nnen, ohne die &#8222;Opfer&#8220; zu n\u00f6tigen,                 sich pers\u00f6nlich vor irgend jemandem zu outen, geschweige denn                 sie zu den Unannehmlichkeiten einer Anzeige zu zwingen, die viele                 nicht auf sich nehmen wollen, viele auch nicht auf sich nehmen                 werden, falls die Bedingungen sich verbessern sollten.<\/p>\n<p>Denn eine Anzeige bedeutet immer, sich noch einmal und immer                 wieder dem traumatischen Ereignis zu stellen und sich Menschen                 gegen\u00fcber zu \u00f6ffnen, mit denen die Betroffenen im Grunde nichts                 verbindet und denen sie im Normalfall nicht einmal vom Geburtstag                 ihrer Mutter oder vom letzten Urlaub erz\u00e4hlen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde f\u00fcr die Betroffenen, auf eine Anzeige zu                 verzichten, die durch keine Verbesserungen endg\u00fcltig aus der Welt                 ger\u00e4umt werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul>\n<li> sie sehen f\u00fcr sich keinen Sinn in einer Anzeige<\/li>\n<li> sie haben oder hatten selbst Probleme mit Polizei und Justiz                   und sind nicht bereit, sich erneut auseinander zu setzen.<\/li>\n<li> die Angst vor der Rache der angezeigten Person ist zu gro\u00df<\/li>\n<li> <i>&#8230;weil mein Vater von der Vergewaltigung wei\u00df, aber bisher                   den Namen nicht kennt und ich bef\u00fcrchte, dass er sonst zum M\u00f6rder                   wird<\/i><\/li>\n<li> <i>&#8230;<\/i><\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die eine Anzeige nicht als den f\u00fcr sie richtigen                 Weg sehen, bzw. auch als begleitendes Angebot zum Weg durch die                 Justiz, m\u00fcssen M\u00f6glichkeiten geschaffen werden, sich nach einem                 sexuellen \u00dcbergriff jemandem anvertrauen zu k\u00f6nnen, organisatorische,                 emotionale und therapeutische Hilfestellung und Unterst\u00fctzung                 im weiteren Alltag, das hei\u00dft auch bei der M\u00f6glichkeit, tragende                 Ersatzstrukturen f\u00fcr die Familie zu finden, zu erfahren.<\/p>\n<p>Ein weiterer und wohl der wichtigste Schritt muss sein, nicht                 nur an der Vereinfachung der Sanktionierung der Tat und den oben                 erw\u00e4hnten Hilfsangeboten f\u00fcr die Betroffenen zu arbeiten, sondern                 ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das die Anzahl solcher                 \u00dcbergriffe weniger werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auch hier gilt: Jede einzelne Vergewaltigung, jeder einzelne                 sexuelle \u00dcbergriff weniger ist ein Erfolg.<\/p>\n<p>Ans\u00e4tze hierzu gibt es, beispielsweise das Projekt der theaterp\u00e4dagogischen                 Werkstatt Osnabr\u00fcck &#8222;Mein K\u00f6rper geh\u00f6rt mir&#8220; ((2)).<\/p>\n<p>Aber auch zahlreiche andere Projekte schulischer wie au\u00dferschulischer                 Pr\u00e4ventionsarbeit, wie sie EigenSinn ((3))                 &#8211; Pr\u00e4vention von sexualisierter Gewalt an M\u00e4dchen und Jungen e.V.                 und andere anbieten, zeigen einen guten Weg auf, leiden aber allesamt                 an der fehlenden finanziellen Unterst\u00fctzung durch die \u00f6ffentliche                 Hand.<\/p>\n<p>Hier m\u00fcssen mit Nachdruck ausreichende, gro\u00dfz\u00fcgige Budgets und                 die Schaffung gen\u00fcgend neuer Stellen eingefordert werden, um mit                 fundierten Erkenntnissen, Fantasie und Engagement daran ansetzen                 zu k\u00f6nnen, dass k\u00fcnftig Kampagnen wie <i>#ichhabenichtangezeigt                 <\/i>&#8230;. m\u00f6glichst \u00fcberfl\u00fcssig gemacht werden.<\/p>\n<p>Bis dahin allerdings ist es ein weiter Weg und so w\u00e4re es auch                 dringend geboten, aktuell denen, die bereit sind, Kampagnen- und                 andere vorbereitende Arbeiten zu \u00fcbernehmen, finanzielle Unterst\u00fctzung                 bereitzustellen, um diese Kampagne weiterf\u00fchren und ausweiten                 zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>#ichhabenichtangezeigt&#8230;. 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