{"id":11415,"date":"2012-06-01T00:00:54","date_gmt":"2012-05-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11415"},"modified":"2022-07-26T14:22:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:30","slug":"nennen-wir-sie-eugenie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/nennen-wir-sie-eugenie\/","title":{"rendered":"Nennen wir sie Eugenie"},"content":{"rendered":"<p>Eugenies Familie, die davon nichts wei\u00df, arrangiert eine Ehe f\u00fcr Eugenie. Als diese sich weigert, werden Liebesbriefe und SMS gefunden. Ihre Br\u00fcder finden heraus, dass sie eine Frau liebt.<\/p>\n<p>Eugenie, die trotz Schl\u00e4gen nicht sagt, wer ihre Partnerin ist, wird daraufhin von ihrer Familie versto\u00dfen und es wird ihr von Familie und Freunden gedroht, sie umzubringen, da es f\u00fcr eine Muslima verboten sei, eine lesbische Beziehung einzugehen.<\/p>\n<p>Da sie eine Schande f\u00fcr die Familie sei, wird ihr geraten, das Land zu verlassen. Eugenie muss eine Anzeige f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte f\u00fcnf Jahre Gef\u00e4ngnis bedeuten k\u00f6nnen oder eine hohe Geldbu\u00dfe. Weiterhin wird sie per SMS bedroht und beschimpft. Sie kennt keine anderen Homosexuellen, und kann sich somit auch nirgendwo Hilfe und Unterst\u00fctzung holen.<\/p>\n<p>Sie wei\u00df, auch wenn sie an einen anderen Ort im Senegal \u00fcbersiedelt, wo sie niemand kennt, muss sie ihre Homosexualit\u00e4t immer heimlich leben.<\/p>\n<p>Es besteht immer die Gefahr, dass sie entdeckt wird und \u00dcbergriffe und Strafdrohungen von Neuem beginnen.<\/p>\n<p>Eugenie beschlie\u00dft, das Land zu verlassen. Sie versteckt sich bei ihrer Partnerin, besorgt sich \u00fcber eine Schlepperorganisation einen falschen Pass und fliegt nach Europa. Sie reist illegal auf dem Landweg in die Schweiz ein, da sie kein Visum erhalten hat.<\/p>\n<p>In der Schweiz beantragt Eugenie Asyl. Da sie nicht wei\u00df, wie die Schweiz zur Homosexualit\u00e4t steht, erz\u00e4hlt sie ihre Geschichte zwar wahrheitsgem\u00e4\u00df, aber nur in groben Z\u00fcgen. Als Fluchtgrund gibt sie Morddrohungen wegen ihrer lesbischen Beziehung und die drohende Zwangsverheiratung mit einem \u00e4lteren Mann an.<\/p>\n<p>Wer wie Eugenie einen falschen Pass besitzt, dessen Asylantrag wird in der Schweiz automatisch abgelehnt.<\/p>\n<p>Nur wenn der Zwang zur Flucht glaubhaft gemacht werden kann, kann dennoch ein Verfahren er\u00f6ffnet werden.<\/p>\n<p>Die Schweizer Beh\u00f6rden glauben Eugenie aber nicht, dass ihre Br\u00fcder zwar herausgefunden hatten, dass sie eine Beziehung zu einer Frau hatte, deren Namen aber nicht in Erfahrung bringen konnten. Sie beurteilen ihre Aussagen als stereotyp und realit\u00e4tsfremd.<\/p>\n<p>Ein Senegalese hilft ihr, Beschwerde gegen die Nichtbearbeitung (Nichteintreten) ihres Asylantrags zu stellen, diese wird jedoch abgelehnt.<\/p>\n<p>Eugenie lebt heute als Sans-Papiers in der Schweiz, besitzt also keinerlei Rechte und keinen Aufenthaltsstatus. Da sie von den Beh\u00f6rden jederzeit inhaftiert oder ausgeschafft (abgeschoben) werden k\u00f6nnte, ist sie nun untergetaucht.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Eugenie war die einzige, die w\u00e4hrend der Recherche zu einem Artikel \u00fcber in deutschsprachige L\u00e4nder gefl\u00fcchtete Lesben erz\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Nach gro\u00dfem anf\u00e4nglichem Interesse kam nichts mehr und der betroffene Personenkreis blieb weiterhin unsichtbar.<\/p>\n<p>Schwule Fl\u00fcchtlinge tauchen nur selten im Asylverfahren und ebenso selten in der homosexuellen Community auf.<\/p>\n<p>Lesbische Fl\u00fcchtlinge bleiben bis auf wenige Ausnahmen g\u00e4nzlich unsichtbar.<\/p>\n<p>Dies hat unter anderem den Grund, dass in vielen L\u00e4ndern, in denen m\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t unter Strafe steht, weibliche Homosexualit\u00e4t gar nicht zu existieren scheint (dies war auch in Deutschland der Fall, solange es den \u00a7175 noch gab).<\/p>\n<p>Lesbische Beziehungen werden hier anders, aber nicht unbedingt weniger schlimm sanktioniert.<\/p>\n<p>Lesbische Frauen werden oft von der Familie versto\u00dfen, was in L\u00e4ndern, wo Frauen kaum eine unabh\u00e4ngige Existenzm\u00f6glichkeit haben, fatal ist, oder in Zwangsehen abgeschoben und von einem Ehemann misshandelt, geschlagen, vergewaltigt, zwangsgeschw\u00e4ngert, und mit Tod oder Kinderentzug bedroht. Oder sie werden auf Grund ihres Lesbischseins wegen anderer, vorgeschobener Delikte, denunziert.<\/p>\n<h3>Dennoch gibt es sie:<\/h3>\n<ul>\n<li>Lesben, die nach Europa fliehen, weil sie offiziell wegen ihrer Homosexualit\u00e4t verfolgt werden,<\/li>\n<li>Lesben, die in ihrer Heimat kein unabh\u00e4ngiges Leben leben k\u00f6nnen, aber nicht bereit sind, sich einer erzwungenen oder \u00fcberlebensnotwendigen Ehe zu unterwerfen und deshalb in Europa Schutz und Unabh\u00e4ngigkeit suchen<\/li>\n<li>Lesben, die nicht fliehen, weil sie Frauen lieben, sondern aus politischen oder anderen Gr\u00fcnden, die sich nicht von denen heterosexueller Frauen unterscheiden. Nur die ersteren, die ihre Homosexualit\u00e4t als Fluchtgrund angeben, werden gezwungenerma\u00dfen wenigstens vor\u00fcbergehend w\u00e4hrend des Asylverfahrens sichtbar. Sie werden h\u00e4ufig nicht ernst genommen. Ihre Aussage bleibt oft (emotional bedingt) ungenau und erscheint dadurch unglaubw\u00fcrdig. Letztendlich werden sie deshalb als Asylsuchende abgewiesen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Oft erscheint den Beh\u00f6rden und Gerichten der Fluchtgrund nicht wichtig genug, k\u00f6nnten sie doch in einer anderen Stadt ihr Lesbischsein heimlich leben (\u00fcberlegt sich eineR dieser Beamten, wie es w\u00e4re, wenn er\/sie eine heimliche Beziehung leben m\u00fcsste?).<\/p>\n<p>Auch muss die drohende Strafe ein paar Jahre Gef\u00e4ngnis oder die Todesstrafe sein, um ausschlaggebend f\u00fcr einen Aufenthaltstitel zu werden. Au\u00dferstaatliche Bedrohung durch die Familie oder andere Personen z\u00e4hlen so gut wie gar nicht als Asylgrund.<\/p>\n<p>Bis Ende 2011 wurde in den meisten F\u00e4llen ein Gutachten gefordert, das die &#8222;irreversible Homosexualit\u00e4t&#8220; der Asylsuchenden best\u00e4tigte.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass sich sexuelle Orientierungen \u00e4ndern k\u00f6nnen, fielen dadurch bisexuelle Menschen oder Lesben, die schon fr\u00fcher eine Ehe eingegangen waren\/eingehen mussten, heraus. Allerdings ist laut der Antwort der Regierung auf eine kleine Anfrage durch die LINKE dieses Gutachten in Deutschland mittlerweile hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Die meisten Lesben aber bleiben unsichtbar, sind sie doch nach ihrer Erfahrung im Heimatland vorsichtig geworden, wissen nicht, was sie in Europa erwartet.<\/p>\n<p>Wichtiger als der Kontakt zu anderen Lesben ist verst\u00e4ndlicherweise zun\u00e4chst der Kontakt zu Landsleuten im Exil.<\/p>\n<p>Sprache und Herkunft verbindet in der Fremde mehr, als sexuelle Orientierung. Aber auch in diesen Communities m\u00fcssen sie sich als Lesben verstecken und bleiben so auch hier unsichtbar.<\/p>\n<p>Es verwundert nicht, dass nach all diesen Schwierigkeiten, Verletzungen und Dem\u00fctigungen durch Familie und Freund_innen zuhause, durch Beh\u00f6rden und Gesellschaft im Herkunfts- und erneut im Zufluchtsland, kaum eine Frau sich erinnern und ihre Geschichte erz\u00e4hlen will, wenn sie es dann doch geschafft hat.<\/p>\n<p>Bettys Geschichte (nennen wir sie Betty) habe ich selbst miterlebt:<\/p>\n<p>Sie kam aus Westafrika. Eines Tages tauchte sie in meiner Stadt auf und fragte nach Unterst\u00fctzung im Asylverfahren. Sie war aufgewachsen in einem engen anglikanischen Protestantismus, durchsetzt mit Resten traditionellen Hexenglaubens.<\/p>\n<p>Mit 16 Jahren auf dem Schulhof vergewaltigt, lebte sie mit ihrer Tochter bei der Gro\u00dfmutter. Mit Anfang 20 verliebte sie sich in eine Frau im naheliegenden Nachbarland.<\/p>\n<p>Sie wurde wiedergeliebt und es entwickelte sich eine Beziehung, die nicht im Verborgenen blieb. Betty wurde in ihrer Familie als (lesbische) Hexe gef\u00fcrchtet und versto\u00dfen, von der \u00f6rtlichen Polizei wurde sie wiederholt f\u00fcr mehrere Wochen inhaftiert. Bevor es zu einem Gerichtsverfahren kam, verlie\u00df Betty das Land und floh nach Deutschland, da die Verh\u00e4ltnisse im Heimatland ihrer Partnerin noch homophober waren. Hier fand sie Kontakt zu deutschen Lesben, die sie zun\u00e4chst mit offenen Armen aufnahmen und unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Betty musste in einer heruntergekommenen Sammelunterkunft bleiben, sie vertrug das deutsche Essen nicht, erhielt aber nur Sachleistungen und kein Geld, um sich zu kaufen, was ihr gut getan h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Aussichten des Asylverfahrens waren wenig hoffnungsvoll, da sie keine Beweise f\u00fcr ein im Herkunftsland drohendes Strafverfahren hatte und das eingeforderte Gutachten \u00fcber ihre irreversible Homosexualit\u00e4t (auch in Hinblick darauf, dass sie bereits eine Tochter hatte) nur schwer zu erbringen war.<\/p>\n<p>Betty ging es k\u00f6rperlich und psychisch bereits schlecht, als sie die Nachricht erhielt, dass ihre Partnerin bei einem Autounfall t\u00f6dlich verungl\u00fcckt war. Sie suchte Trost im Alkohol und in der afrikanischen Community.<\/p>\n<p>Als mich ihre Nachricht erreichte: &#8222;The full catastrophy &#8211; I am pregnant&#8220;, zweifelte ich zun\u00e4chst an meinem Englisch.<\/p>\n<p>Aber Betty hatte Gl\u00fcck, die verschwurbelten nationalistischen deutschen Gesetze halfen ihr.<\/p>\n<p>Betty, die in ihrer Heimat nicht bleiben konnte, weil sie eine Frau liebte, Betty, die in Deutschland kaum eine Chance hatte, wegen ihrer sexuellen Orientierung Asyl zu bekommen, war nun schwanger von einem afrikanischen Mann, dessen Fluchtgr\u00fcnde den deutschen Beh\u00f6rden einleuchtender erschienen waren als ihre und der mittlerweile sogar die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft besa\u00df.<\/p>\n<p>So konnte Betty in Deutschland bleiben, nicht als verfolgte Lesbe, nicht als Zuflucht suchende Frau, aber als Mutter eines deutschen Kindes.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Teil ihrer lesbischen Unterst\u00fctzerinnen allerdings lie\u00df Betty umgehend fallen wie eine hei\u00dfe Kartoffel.<\/p>\n<p>Bis auf wenige und viel zu geringe Ausnahmen fehlen bislang tragf\u00e4hige Strukturen, die homo- und bisexuellen oder Transgender (LGBT)-Fl\u00fcchtlingen Halt und Hilfestellung nach ihrer Ankunft im Zufluchtsland und w\u00e4hrend des Asylverfahrens geben. ((1))<\/p>\n<p>Im Gegenteil m\u00fcssen die Betroffenen auch bei den unterst\u00fctzenden Freundeskreisen, die oft aus b\u00fcrgerlich-konservativen und kirchlichen Kreisen kommen, eine Ablehnung ihrer sexuellen Orientierung f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Wagen sie sich in die gay-community, was schon allein aus finanziellen Gr\u00fcnden w\u00e4hrend des Asylverfahrens schwierig ist, so erfahren sie auch hier oft Ausgrenzung als Fremde oder eine besondere Be(ob)achtung als exotisches Beiwerk, ohne die M\u00f6glichkeit, Kontakte auf Augenh\u00f6he zu bekommen.<\/p>\n<p>Hieran muss dringend gearbeitet werden. Spezifische Hilfsangebote f\u00fcr LGBT-Fl\u00fcchtlinge, angefangen vom pers\u00f6nlichen Kontakt \u00fcber die Begleitung zu Beh\u00f6rden bis hin zur Hilfestellung im Asylverfahren sind ein wei\u00dfer Fleck auf der Landkarte, den es zu f\u00fcllen gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eugenies Familie, die davon nichts wei\u00df, arrangiert eine Ehe f\u00fcr Eugenie. Als diese sich weigert, werden Liebesbriefe und SMS gefunden. Ihre Br\u00fcder finden heraus, dass sie eine Frau liebt. 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