{"id":11423,"date":"2012-06-01T00:00:42","date_gmt":"2012-05-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11423"},"modified":"2022-07-26T13:31:06","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:06","slug":"legt-die-leos-an-die-kette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/legt-die-leos-an-die-kette\/","title":{"rendered":"Legt die Leos an die Kette!"},"content":{"rendered":"<p>Er l\u00e4sst sich provozierend zitieren: &#8222;Ich h\u00e4tte das nicht getan.&#8220;                 Es w\u00e4re ein Leichtes, zumindest den im Sommer 2011 im Bundessicherheitsrat                 vorl\u00e4ufig abgesegneten Export von bis zu 270 Leopard 2-Panzern                 nach Saudi-Arabien bundeskanzlerisch zu entsch\u00e4rfen: Mit einer                 &#8222;Zur-Zeit-nicht-aktuell&#8220;-Stellungnahme. Es f\u00e4llt ihr offenkundig                 schwer und das hat Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Helmut Schmidt unterstellt mit seinem &#8222;Ich h\u00e4tte das nicht getan&#8220;,                 als ob die Entscheidung der Bundesregierung abschlie\u00dfend ist.                 Er wei\u00df nat\u00fcrlich, dass solche vorl\u00e4ufigen Entscheidungen im Licht                 internationaler und innenpolitischer Politiklagen revidierbar                 sind. Der Ex-Kanzler zielt mit seiner Schelte auf eine Revitalisierung                 der \u00f6ffentlichen Debatte im Vorfeld des Wahljahres 2013. Er will                 mit einer erneuten Entscheidung im Bundessicherheitsrat einer                 restriktiveren Waffenexportpolitik Geltung verschaffen. Ein zartes                 &#8222;Gr\u00fcn&#8220; f\u00fcr den Leo-Export kann zu einem st\u00fcrmischen &#8222;Rot&#8220; werden,                 wenn der \u00f6ffentliche Druck den Panzerdeal f\u00fcr Merkel zur politischen                 H\u00f6lle macht. Merkels prinzipienfester Marktopportunismus k\u00f6nnte                 auch zu einem gewaltigen Binsenirrtum f\u00fchren, wenn sie dieses                 Konfliktpotential untersch\u00e4tzt. <\/p>\n<h3>Sturmzeichen<\/h3>\n<p>Bisher lie\u00df sich der Panzerexport noch hinter der Wolke der Geheimhaltung                 verstecken. <\/p>\n<p>Die Bundesregierung wagte ihre Entscheidung nicht wirklich zu                 verteidigen, sondern \u00fcberlie\u00df das Politikern aus der dritten Reihe.                 Merkel und de Maizi\u00e8re wirkten von der Waffenlobby getrieben,                 nicht eben glaubw\u00fcrdig. Die fast einhellige scharfe \u00f6ffentliche                 Kritik an dem Leo-Export, seine fast leidenschaftliche Behandlung                 im Bundestag und die Tatsache, dass 70 &#8211; 80 % der Bev\u00f6lkerung                 Waffenexporte &#8211; und insbesondere nach Saudi-Arabien &#8211; ablehnten,                 zeigt die Glut unter der Asche eines nur vordergr\u00fcndig beruhigten                 Themas.<\/p>\n<p>Wenn selbst die Anh\u00e4ngerInnen von CDU\/CSU und FDP mehrheitlich                 gegen Waffenexporte sind, dann ist die Bundesregierung damit konfrontiert,                 den Panzerexport gegen den Willen der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit                 der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger durchsetzen zu wollen.<\/p>\n<p>Der deutsche Michel und insbesondere die deutsche Michaela wollen                 nicht mehr, dass die Waffen von Heckler &#038; Koch Hunderttausenden                 den Tod bringen und deutsche Panzer gegen arabische Demokratiebewegungen                 eingesetzt werden. <\/p>\n<p>T\u00e4terin in politischer Verantwortlichkeit ist auch Merkel &#8211; f\u00fcr                 die Menschenrechte angeblich nicht verhandelbar sind, obwohl diese                 in Saudi-Arabien nach Amnesty International-Angaben tausendfach                 t\u00e4glich verletzt werden. Und was wird Merkel tun, wenn in Saudi-Arabien                 eine Fatwa zur &#8222;Zerst\u00f6rung&#8220; aller fremden Kirchen auch die christlichen                 Kirchen trifft? <\/p>\n<p>Die Sturmzeichen mehren sich. Jenseits aller \u00d6ffentlichkeit sind                 die richtigen Dealer, die Regierung von Saudi-Arabien und der                 R\u00fcstungskonzern Krauss-Maffei-Wegmann nicht unt\u00e4tig geblieben,                 zu einem Vertragsabschlu\u00df zu kommen.<\/p>\n<p>Glaubt man arabischen Quellen und zwei Experten aus der Leo-Zulieferindustrie,                 dann gibt es noch Probleme. Eine einvernehmliche Kontraktgestaltung                 scheint aber nahe. Saudi-Arabien brennt auf das weltweit beste                 deutsche Produkt und ein &#8222;Sorglos-Paket&#8220;, das einen vielf\u00e4ltigen                 Einsatz erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Krauss-Maffei-Wegmann hat zwar \u00fcbervolle Auftragsb\u00fccher und deshalb                 keine Eile. F\u00fcr einen auf mehrere Jahre angelegten Liefervertrag                 aber liegt die Sorge vor einer wieder aufflammenden \u00f6ffentlichen                 Debatte mit unabsehbaren Folgen wie ein &#8222;Damoklesschwert&#8220; \u00fcber                 den Verhandlungen. So berichtet ein Manager aus der Zulieferindustrie.               <\/p>\n<p>Nach dem Kalk\u00fcl der R\u00fcstungslobbyisten sollte der Panzerdeal                 m\u00f6glichst weit vor dem Wahlkampf 2013 bundessicherheitsratsfest                 gemacht werden. Sollte diese strategische Option eingeschlagen                 werden, ist das \u00f6ffentliche Auffliegen vorprogrammiert. <\/p>\n<p>Es gibt zu viele Mitwisser f\u00fcr die erneute Entscheidung des Bundessicherheitsrats                 und zu viele Zulieferbetriebe, aus denen Informationen \u00fcber konkrete                 Auftr\u00e4ge sprudeln k\u00f6nnen. Ein solches Gro\u00dfprojekt l\u00e4sst sich nicht                 mehr an der \u00d6ffentlichkeit vorbeimogeln. <\/p>\n<p>Das macht erkl\u00e4rlicher, warum Merkels Schweigen auf l\u00e4ngere Sicht                 kaum durchzuhalten ist. Merkel versucht es als Schleiereule.<\/p>\n<h3>Proteste und ziviler Ungehorsam<\/h3>\n<p>Es spricht einiges daf\u00fcr, dass sich die gegen die Waffenexporte                 gerichtete Debatte von der Zivilgesellschaft her dynamisieren                 wird.<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es ein buntes B\u00fcndnis von \u00fcber 120 Gruppen in                 der &#8222;Aktion Aufschrei &#8211; Stoppt den Waffenhandel!&#8220;.<\/p>\n<p>Die Breite ist beeindruckend: Nichtregierungsorganisationen aus                 der Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit, Menschenrechts-                 und B\u00fcrgerrechtsorganisationen, kirchliche Organisationen wie                 Pax Christi, Brot f\u00fcr die Welt und MISEREOR, attac und Jugendorganisationen,                 \u00d6kologiegruppen. Schirmherrin ist Margot K\u00e4\u00dfmann. Ziel ist ein                 wirklicher Stopp des Waffenhandels mit einem grunds\u00e4tzlichen R\u00fcstungsexportverbot                 in Art. 26 (2) des Grundgesetzes und ein neues R\u00fcstungsexportgesetz.<\/p>\n<p>Alle Parteien sollen diese Forderungen in ihre Wahlprogramme                 f\u00fcr 2013 schreiben. <\/p>\n<p>&#8222;Aktion Aufschrei&#8220; hat sich aber auch der Verhinderung des Leo-Exports                 verschrieben. Auf dem Katholikentag Mitte Mai in Mannheim waren                 der Waffenhandel und der Panzerdeal Thema und 270 Holzpanzer optisch                 pr\u00e4sent. Im engen Verbund mit der &#8222;Aktion Aufschrei&#8220; bereiten                 Menschenrechts- und B\u00fcrgerrechtsorganisationen, Friedensgruppen                 und andere soziale Bewegungen Proteste f\u00fcr September\/Oktober entlang                 der R\u00fcstungsbetriebe f\u00fcr den Leo im Bodenseeraum, M\u00fcnchen, Kassel,                 D\u00fcsseldorf und am Tatort Berlin vor. Aktionen des zivilen Ungehorsams                 sind fest geplant und werden mit einem selbstverpflichtenden Aufruf                 zu m\u00f6glichst massenhaften Ungehorsamsakten f\u00fchren. <\/p>\n<p>Das zentral-dezentrale Mobilisierungskonzept zielt auf die politische                 Unverantwortlichkeit und eine systematische Rufsch\u00e4digung von                 R\u00fcstungsunternehmen. Sie werden sich mittelfristig selbst einen                 Kopf machen m\u00fcssen, wie die Umstellung der R\u00fcstungsproduktion                 auf eine nachhaltige zivile Fertigung aussehen k\u00f6nnte. Und sie                 werden mit ihrem Arbeitsplatzargument niemanden mehr beeindrucken,                 wenn nur noch 0,2 &#8211; 0,3 % der Erwerbst\u00e4tigen in der R\u00fcstungsproduktion                 t\u00e4tig sind.<\/p>\n<p>Noch nie waren wir dem Ziel so nahe, sich ein Deutschland ohne                 R\u00fcstungsgesch\u00e4fte vorstellen zu k\u00f6nnen, das die Wirtschaft nicht                 ernsthaft in Bedr\u00e4ngnis bringt. Die R\u00fcstungskonzerne werden aus                 naheliegenden Gr\u00fcnden nicht das Handtuch werfen. R\u00fcstung ist Renditerausch.                 Die Zivilgesellschaft wird die Bundesregierung zwingen m\u00fcssen,                 den Leo an die Kette zu legen: als ersten Schritt auf einem Weg,                 Waffenhandel und R\u00fcstungsproduktion mittelfristig abzuschaffen.                 Die Chance ist noch sehr klein, dass Merkel ihre Ketten gegen\u00fcber                 den USA und der R\u00fcstungsindustrie sprengt. <\/p>\n<h3>Und Kretschmann und Kraft? <\/h3>\n<p>Aber da auf Merkel und de Maizi\u00e9re wenig Verlass ist, k\u00f6nnen                 sich die Hoffnungstr\u00e4ger von SPD und B\u00fcndnis 90 \/ Die Gr\u00fcnen ins                 Zeug legen. Man darf bei Kretschmann schon noch unterstellen,                 dass er den Leo-Export f\u00fcr einen mittleren Wahnsinn h\u00e4lt. Aber                 er ist auch Ministerpr\u00e4sident eines sch\u00f6nen L\u00e4ndles, das aber                 gleichzeitig blutger\u00f6tet vor Leo-Zulieferbetrieben starrt: AMT                 in Konstanz, ZF in Friedrichhafen, Heckler &#038; Koch in Oberndorf\/Neckar,                 die in Saudi-Arabien eine riesige Waffenfabrik aufbauen konnten                 (mit Duldung von Schwarz-Rot). <\/p>\n<p>Auch Krafts Nordrhein-Westfalen starrt vor Leo-Zuliefern, z.B.                 Rheinmetall in D\u00fcsseldorf, wo die Panzerkanonen gefertigt werden.                 Bei soviel Rot-Gr\u00fcn-Perspektiven sollten Kretschmann und Kraft                 schon im Bundesrat aktiv werden, um ein Mitspracherecht f\u00fcr den                 Panzerexport anzumahnen. <\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnten auch einen Baden-W\u00fcrttemberg\/NRW-Gipfel zu den Waffenexporten                 ihrer jeweiligen L\u00e4nder veranstalten. <\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit w\u00e4re ihnen sicher &#8211; und Merkel                 und sie selbst k\u00e4men unter politischen Druck. <\/p>\n<h3>Spanischer Leo-Bluff?<\/h3>\n<p>Presseberichte aus Spanien suggerieren eine neue L\u00f6sung f\u00fcr das                 Panzergesch\u00e4ft mit Saudi-Arabien. Nicht Krauss-Maffei-Wegmann,                 der deutsche Hersteller aus M\u00fcnchen, soll den Berichten zufolge                 den Zuschlag f\u00fcr bis zu 270 Leopard-Panzer erhalten, sondern Spanien.<\/p>\n<p>Doch es handelt sich wohl eher um ein Konkurrenzget\u00f6se zum deutschen                 Hersteller Krauss-Maffei-Wegmann als um einen Vertrag, der demn\u00e4chst                 in trockenen T\u00fcchern sein k\u00f6nnte. Der Bericht in &#8222;El Pais&#8220; von                 Miguel Gonzalez (26.5.12) ber\u00fccksichtigt \u00fcberdeutlich die \u00f6konomische                 Interessenlage des spanischen Verteidigungsministeriums, das unl\u00e4ngst                 Verhandlungen in Riad gef\u00fchrt hat. Vertr\u00e4ge sind aber noch in                 weiter Ferne. Vieles ist offenkundig ungekl\u00e4rt. So spricht einiges                 f\u00fcr einen interessengeleiteten spanischen Bluff. <\/p>\n<p>Sollte Spanien tats\u00e4chlich den Zuschlag erhalten, w\u00e4re Merkels                 gr\u00fcnes Licht im Bundessicherheitsrat erforderlich. <\/p>\n<p>Ob Saudi-Arabien auch nur pokert, kann niemand beantworten. F\u00fcr                 Merkel k\u00f6nnten die spanischen Panzer eine elegante L\u00f6sung sein:                 Keine Leo-Debatte vor der Wahl 2013 und eine St\u00e4rkung der angeschlagenen                 spanischen Wirtschaft.<\/p>\n<p>Aber da an Lizenzen f\u00fcr Krauss-Maffei-Wegmann nur sparsame Brosamen                 abfallen, wird die deutsche R\u00fcstungsindustrie um den Saudi-Auftrag                 k\u00e4mpfen. <\/p>\n<p>Die neue Pokerrunde ist er\u00f6ffnet, eine Entscheidung nicht gefallen,                 solange Merkel das Schweigen noch durchhalten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er l\u00e4sst sich provozierend zitieren: &#8222;Ich h\u00e4tte das nicht getan.&#8220; Es w\u00e4re ein Leichtes, zumindest den im Sommer 2011 im Bundessicherheitsrat vorl\u00e4ufig abgesegneten Export von bis zu 270 Leopard 2-Panzern nach Saudi-Arabien bundeskanzlerisch zu entsch\u00e4rfen: Mit einer &#8222;Zur-Zeit-nicht-aktuell&#8220;-Stellungnahme. Es f\u00e4llt ihr offenkundig schwer und das hat Gr\u00fcnde. 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