{"id":11430,"date":"2012-06-01T00:00:05","date_gmt":"2012-05-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11430"},"modified":"2022-07-26T14:12:22","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:22","slug":"die-faud-zwischen-klassenkampf-und-pazifismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/die-faud-zwischen-klassenkampf-und-pazifismus\/","title":{"rendered":"Die FAUD zwischen Klassenkampf und Pazifismus"},"content":{"rendered":"<p>Vorweg: Keine der beiden Thesen l\u00e4sst sich wirklich beweisen. Wir haben nicht mehr die M\u00f6glichkeit, eine entsprechende Umfrage unter den damaligen Mitgliedern durchzuf\u00fchren, aus welchem Grund sie in die FAUD eingetreten sind. Im Folgenden m\u00f6chte ich aber einige Argumente f\u00fcr meine Position darstellen, in der Hoffnung auf eine spannende Diskussion.<\/p>\n<h3>1. Die FAUD als Klassenkampforganisation<\/h3>\n<p>Syndikalistische Organisationen sind Gewerkschaften, oder, wenn sie kleiner sind, Gewerkschaftsinitiativen. Im damaligen Sprachgebrauch waren es &#8222;wirtschaftliche Kampforganisationen&#8220;.<\/p>\n<p>Auch wenn der Fokus der FAUD damit auf der Auseinandersetzung mit den Unternehmern lag, bedeutet dies nicht, dass die AnarchosyndikalistInnen sich lediglich mit wirtschaftlichen Problematiken auseinander setzten. &#8222;Wirtschaftliche Kampforganisation&#8220; bedeutet vielmehr, dass auch politische Themen &#8211; etwa die Verhinderung eines Krieges &#8211; mit dem \u00f6konomischen Machtmittel der ArbeiterInnenklasse behandelt werden sollten, durch \u00f6konomische direkte Aktionen also, im besten Falle mit dem Generalstreik.<\/p>\n<p>Damit sind wir beim Kern meiner oben genannten These: Auch wenn die SyndikalistInnen selten eine deutliche Definition von &#8222;Klasse&#8220; abgaben, wies die Idee der direkten Aktion implizit auf einen Klassenbegriff hin, der der Klasse eine spezifische Macht zuwies, die ihr durch die Struktur des Kapitalismus zuf\u00e4llt und die sich in der M\u00f6glichkeit, durch den Streik die Wirtschaft lahm zu legen, zeigt.<\/p>\n<p>Eine solche Konzeption ist &#8211; zumindest in revolution\u00e4ren Zeiten &#8211; attraktiv, weil sie die ArbeiterInnen f\u00fcr wichtig und m\u00fcndig erkl\u00e4rt. Die Mitglieder der FAUD konnten sich als Subjekte f\u00fchlen, die tats\u00e4chlich die soziale Revolution machen. Nach dem Kapp-Putsch ist dieses Vertrauen der FAUD-Intellektuellen in die Arbeiterklasse langsam verschwunden. Dieser &#8222;Abschied von der Arbeiterklasse&#8220; spiegelt sich in den sinkenden Mitgliederzahlen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass die geistigen &#8222;F\u00fchrer&#8220; des Anarchosyndikalismus und die Massenbasis der sp\u00e4ten FVdG nicht aus denselben Milieus stammten: Unter den &#8222;F\u00fchrern&#8220; finden wir den alten Kern der FVdG, der dem traditionellen Handwerk entstammte, sowie einen eher intellektuellen Kreis von AnarchistInnen. Beide Kreise waren aber noch stark beeinflusst von der Tradition und den kulturellen Vorstellungen der Vorkriegs-SPD. ((1))<\/p>\n<p>Die neue Massenbasis nach dem Ersten Weltkrieg dagegen bestand aus radikalisierten Massenarbeitern ohne Organisationserfahrung. ((2))<\/p>\n<p>Thomas Welskopp erl\u00e4utert, dass die fr\u00fche deutsche Sozialdemokratie nur ein begrenztes &#8211; haupts\u00e4chlich handwerkliches &#8211; berufliches Spektrum organisieren konnte sowie ein intellektuelles Milieu, w\u00e4hrend sie Fabrikarbeiter fast und Landarbeiter vollst\u00e4ndig ausschloss &#8211; also genau das Milieu, das auch den &#8222;alten&#8220; Kern der syndikalistischen Bewegung pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Welskopp nennt sie daher eine &#8222;sozial spezifische Bewegung&#8220;, sie war keine allgemeine Arbeiterbewegung. Einerseits war dies genau die L\u00fccke, in die die radikalen Arbeiterorganisationen nach dem Ersten Weltkrieg springen konnten. Andererseits ist f\u00fcr die Organisationen des Linksradikalismus ((3)) dasselbe zu konstatieren wie f\u00fcr die fr\u00fche Sozialdemokratie: Sie &#8222;blieb eine extrem milieugebundene Bewegung und kann daher [\u2026] nur durch Rekurs auf die spezifischen Eigenschaften ihrer Basismilieus und auf die integrierende Funktion ihres Vereinslebens angemessen erkl\u00e4rt werden&#8220;. ((4))<\/p>\n<p>Was f\u00fcr die &#8222;freien&#8220; Gewerkschaften, die nach 1919 den ADGB bildeten, gilt, gilt auch f\u00fcr den Massenzustrom zur FAUD: &#8222;Der \u00fcberproportionale Zustrom von Ungelernten, Jugendlichen und Frauen ver\u00e4nderte nicht nur die soziale Zusammensetzung der Gewerkschaften, sondern schlug sich auch in einem Wandel der Bewusstseinslage und potentieller Aktionsformen nieder. Diese bisher unorganisierten neuen Mitglieder erfuhren ihre Sozialisation nicht wie die alten K\u00e4mpen der Arbeiterbewegung durch eine langj\u00e4hrige Lehrlingsausbildung und ein allm\u00e4hliches Hineinwachsen in die gewerkschaftliche Organisation und Disziplin. Pr\u00e4gend f\u00fcr sie wurde die Situation und die Solidargemeinschaft der Arbeitenden in den expandierenden Betrieben der R\u00fcstungsproduktion und die Kriegsatmosph\u00e4re mit Hunger, Verbitterung und Not.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Diese Differenzen zwischen &#8222;alten K\u00e4mpen&#8220; der FVdG und dem neuen proletarischen Milieu gab es auch in der FAUD, allerdings waren sie anders gepr\u00e4gt: In der Tat fand das neue Milieu hier ja eine Organisation vor, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg antimilitaristisch gesonnen war und keinen historischen Kompromiss geschlossen hatte.<\/p>\n<p>Wichtiger jedoch war die Tatsache, dass die neuen &#8222;MassenarbeiterInnen&#8220; ((6)) in der FAUD eine Organisation vorfanden, deren Theorie mit ihrer Bewusstseinslage und ihren spontanen Aktionsformen harmonierte.<\/p>\n<h3>2. Antimilitarismus als bestimmendes Moment in Nachkriegszeiten<\/h3>\n<p>Es ist richtig, dass die FAUD in ihren Publikationen dem Antimilitarismus eine besondere Stellung zukommen lie\u00df. Der Antimilitarismus der SyndikalistInnen ging \u00fcber einen allgemeinen Antimilitarismus hinaus: Das zerbrochene Gewehr, das bis heute die <em>Graswurzelrevolution<\/em> ziert, entstammt den anarchosyndikalistischen Kreisen, in denen auch schon vor dem Ersten Weltkrieg der Generalstreik als Mittel, diesen zu verhindern, diskutiert wurde.<\/p>\n<p>Die Repression des Kaiserreichs gegen die Lokalisten fokussierte in Zeiten des &#8222;Burgfriedens&#8220; deren Antimilitarismus. Wir k\u00f6nnen festhalten, dass der Antimilitarismus der FVdG vor dem Ersten Weltkrieg ein wesentliches Element zur Konstituierung eines bestimmten Gewerkschaftsmodells der deutschen Auspr\u00e4gung des Syndikalismus ist.<\/p>\n<p>Der Antimilitarismus war f\u00fcr die FVdG bzw. f\u00fcr den Vorkriegsanarchismus, der sich sp\u00e4ter (teilweise) in der FAUD mit den Lokalisten vereinte, konstituierend: Die pr\u00e4gende Massenstreikdebatte war auch eine Diskussion darum, ob ein Massen- oder Generalstreik zur Verhinderung eines Krieges m\u00f6glich sei. Dieser Gedanke war zentral f\u00fcr die VorkriegsanarchistInnen und den Protosyndikalismus der FVdG. ((7)) Das liegt nicht so sehr an dem Antimilitarismus als solchem, der einen bestimmten Gesinnungswandel zur Folge hatte, sondern vielmehr an den aus dieser Haltung folgenden juristischen, \u00f6konomischen und strukturellen Konsequenzen: Der Burgfrieden war nicht allein Sache der sozialdemokratischen Partei, sondern er bedeutete, wie Heinrich Potthoff herausgestellt hat, eine &#8222;Vorleistung der organisierten Arbeiterschaft.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>D.h. die b\u00fcrokratischen Spitzen der &#8222;Freien&#8220; Gewerkschaften hatten sich bewusst f\u00fcr eine Tolerierung der deutschen Kriegspolitik entschieden.<\/p>\n<p>In Folge dieser &#8222;Vorleistung&#8220; gewannen die Gewerkschaften in den b\u00fcrgerlichen, kriegsverherrlichenden und national taumelnden Kreisen eine moralische Anerkennung, die sie vorher nicht hatten, daraus folgend auch die Akzeptanz und rechtliche Anerkennung durch den Obrigkeitsstaat: &#8222;Die antigewerkschaftliche Repressionspolitik des Staates wurde gelockert, einengende Vorschriften zum Teil aufgehoben oder zumindest nicht mehr extensiv gehandhabt.&#8220; ((9)) Nur das Gro\u00dfkapital &#8211; die Schwerindustrie und damit auch die kriegswichtige Industrie &#8211; zog nicht mit bei dem neuen gewerkschaftsfreundlichen Kurs. Gerade hier aber bestand w\u00e4hrend des Krieges ein vergleichsweise hoher Organisationsgrad und durch den staatlichen R\u00fcstungsbedarf eine entsprechende ArbeiterInnenmacht.<\/p>\n<p>Letzten Endes wurden die Schwerindustriellen aus diesem Grund durch den wilhelminischen Staat und die Gewerkschaften zu einer gewerkschaftsfreundlicheren Politik gezwungen. Diese Politik seitens der Gewerkschafsb\u00fcrokratie bedeutete auch die Verst\u00e4rkung &#8222;schon vorhandene[r] oligarchische[r] Tendenzen, [\u2026] die Suspendierung der innergewerkschaftlichen Demokratie und die mangelhafte R\u00fcckkopplung zwischen Basis und F\u00fchrung[\u2026]&#8220;. ((10))<\/p>\n<p>Kurz und gut: Der Burgfrieden als konkretes Friedensangebot der &#8222;Freien&#8220; Gewerkschaften ist die Grundlage des bis heute bestehenden korporatistischen Gewerkschaftsmodells.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung hatte die FVdG nicht mitgemacht. Es gab schlicht nie ein historisches Friedensangebot von syndikalistischer bzw. lokalistischer Seite an die eigene Nation zugunsten eines Krieges zwischen Nationen, selbstverst\u00e4ndlich nicht. Folglich hat sich die Politik des Staates gegen\u00fcber dem Syndikalismus auch nicht ge\u00e4ndert: Syndikalistische Gewerkschaften hatten und haben immer damit zu k\u00e4mpfen, als Gewerkschaften anerkannt zu werden. ((11))<\/p>\n<p>An der Frage des Burgfriedens &#8211; also an der Frage des (Anti-)Militarismus &#8211; zerstritten sich die gewerkschaftlichen &#8222;feindlichen Br\u00fcder&#8220; endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Insofern ist zu konstatieren: Nach dem Ersten Weltkrieg hatten zahlreiche Mitglieder der &#8222;Freien&#8220; Gewerkschaften eine Diskrepanz mit ihren F\u00fchrungen vorzuweisen, die in erster Linie das Verh\u00e4ltnis zu Krieg und Militarismus betraf. Der Wandel vom &#8222;Verband von Diskutier- und Propagandavereinigungen&#8220; ((12)) zu einer Massenorganisation ist damit aber nicht zu erkl\u00e4ren: &#8222;Der Krieg selbst bietet nur eine unzureichende Erkl\u00e4rung f\u00fcr die weitverbreitete Unruhe unter den Arbeitern.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Es waren offenbar <em>nicht<\/em> entt\u00e4uschte freie GewerkschafterInnen, die sich der FAUD anschlossen. Denn die AnarchosyndikalistInnen hatten kein Monopol auf den Antimilitarismus, gerade nach dem Weltkrieg nicht. Erinnert sei nur daran, dass die Spaltung von SPD und USPD sowie die Gr\u00fcndung des Spartakus-Bundes und sp\u00e4ter der KPD hier ihre Urspr\u00fcnge haben: Es war keineswegs nur Karl Liebknecht, der gegen Kriegskredite gestimmt hat, sondern neben ihm auch Otto R\u00fchle, der sp\u00e4tere Mitbegr\u00fcnder der KAPD und der AAUE. ((14)) Beide Organisationen d\u00fcrfen ebenso wie die FAUD als radikale Kriegsgegner betrachtet werden, wurden aber &#8211; hoch gesch\u00e4tzt &#8211; nur halb so mitgliedsstark wie die FAUD zu Hochzeiten. ((15))<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg sa\u00df in erster Linie f\u00fcr ihre antimilitaristische Agitation im Gef\u00e4ngnis. Helga Grebing beschreibt, dass ein &#8222;gef\u00fchlsbestimmte[r] Pazifismus&#8220; noch keinen Einfluss auf das politische Verhalten der Arbeiterschaft hatte: &#8222;Die Sympathien der Arbeiter galten nicht [\u2026] dem radikalen Revolution\u00e4r, sondern dem Mann, der die Forderung \u201aNieder mit dem Krieg!&#8216; verfocht&#8220; ((16)) &#8211; diese Position war nach dem Ersten Weltkrieg \u00fcberall zu haben.<\/p>\n<p>Andererseits war zu viel Antimilitarismus bzw. Pazifismus ((17)) in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein Konsens in der ArbeiterInnenklasse, schlie\u00dflich befand man sich in einer revolution\u00e4ren Situation und vielen erschien der Gebrauch der Waffe unmittelbar notwendig. So wurde etwa Fritz K\u00f6ster auf einem Vortrag in Bremen regelrecht verh\u00f6hnt, als er die ca. 200 Zuh\u00f6renden aufrief, nur mit geistigen Waffen zu k\u00e4mpfen. ((18))<\/p>\n<p>Ekkehardt Krippendorff hat in seinem Buch &#8222;Staat und Krieg&#8220; darauf hingewiesen, dass nach den Weltkriegen der Antimilitarismus quasi common sense war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war &#8222;Nie wieder Krieg &#8211; nie wieder Faschismus&#8220; lange deutscher Konsens, sichtbar an dem erheblichen Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Die Kriegsm\u00fcdigkeit &#8211; wobei der Begriff &#8222;M\u00fcdigkeit&#8220; hier unpassend ist &#8211; in den ersten Jahren der Weimarer Republik betraf alle emanzipatorischen Gruppen. Der Ausgangsthese, der eigentlich widersprochen werden sollte, ist also durchaus zuzustimmen: W\u00e4re die FAUD nicht entschieden antimilitaristisch gewesen, h\u00e4tte sie sicher keinen Massenzulauf erlebt.<\/p>\n<p>Das hebt sie allerdings nicht von USPD, Spartakusbund, KPD, KAPD, AAU etc. ab. Als die FVdG sich 1919 in FAUD umbenannte, vertraten die Delegierten des Berliner Kongresses 111.675 Mitglieder.<\/p>\n<p>Bis 1921 hatte die FAUD ca. 150.000 Mitglieder. Der ADGB hatte zu Kriegsende ca. 1,6 Millionen Mitglieder, die sich bis 1922 verf\u00fcnffachten. Die SPD hatte 1919 etwas \u00fcber 1 Millionen Mitglieder, die USPD 750.000. Die KPD hatte bei Gr\u00fcndung ca. 80.000 Mitglieder. Zur Massenpartei wurde sie erst, als ein Teil der USPD sich ihr 1921 anschloss. Die KAPD als Abspaltung der KPD gr\u00fcndete sich 1920 ebenfalls mit ca. 80.000 Mitgliedern, die AAU-E soll nach Franz Pfemfert bei Gr\u00fcndung 1921 ca. 60.000 Mitglieder gehabt haben. Kurz: Die ArbeiterInnen wandten sich insgesamt linken Organisationen zu, deren Programm antimilitaristisch war. Das gilt begrenzt sogar f\u00fcr die (M)SPD.<\/p>\n<p>Ferner ist in diesem Zusammenhang auch der oft vergessene (oder bewusst verschwiegene?) Umstand bedeutsam, dass die FAUD auf ihrem Gr\u00fcndungskongress ihren Mitgliedern empfahl, in einer der linken Parteiorganisationen einzutreten, was zu diesem Zeitpunkt nur USPD oder Spartakusbund hei\u00dfen konnte. ((19))<\/p>\n<p>Das bedeutet auch, dass nicht einfach die Organisationen zusammengerechnet werden k\u00f6nnen. Es weist auch auf den Gewerkschaftscharakter der FAUD hin, denn dass Gewerkschafter auch noch in einer politischen Organisation sind, ist g\u00e4ngig. Wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass, wenn auch regional in unterschiedlichem Ma\u00dfe und nicht ohne Kritik, nicht wenige Mitglieder der FAUD noch einer anderen Organisation angeh\u00f6rten. ((20))<\/p>\n<p>Entscheidend ist hier nicht, dass die FAUD antimilitaristisch war, sondern wie sie diesen Antimilitarismus begr\u00fcndete und wie sich dies in der Praxis auswirkte.<\/p>\n<h3>3. Proletarischer Antimilitarismus<\/h3>\n<p>Die Ablehnung von Nationalismus und Krieg ist sicher ein Kernelement des Anarchosyndikalismus. Interessant ist aber in unserem Zusammenhang die Begr\u00fcndung dieser Ablehnung. Schon Pierre Ramus erkl\u00e4rte 1907 auf dem ersten internationalen antimilitaristischem Kongress: &#8222;Dieser Konflikt wird hervorgerufen durch die juristisch-legale Ausbeutung, die der Besitzende an dem Besitzlosen ver\u00fcbt, durch die Niederwerfung jeden Versuchs, jeden Vorsto\u00df vonseiten der Unterdr\u00fcckten, sich sein Lebensrecht zu erobern [&#8230;]. Solange es Hunger, Elend und Not gibt, gibt es auch einen Kampf [&#8230;]. Dieser Guerillakrieg ist die Keimzelle des Krieges zwischen den Nationen. [&#8230;] [A]uf industriellem Gebiet h\u00e4lt sich die moderne Gesellschaft ihre \u00f6konomische Reservearmee zurecht, auf politischem den offiziellen Militarismus.&#8220; ((21))<\/p>\n<p>Ramus&#8216; Argumentation ist origin\u00e4r materialistisch, sie differenziert eine \u00f6konomische Basis und einen ideologischen \u00dcberbau und zitiert mit der &#8222;Reservearmee&#8220; aus dem Marxschen Begriffsreservoire. Antimilitarismus ist f\u00fcr Ramus eine anarchistische Taktik.<\/p>\n<p>Mehr noch geht es den SyndikalistInnen auch hier um die M\u00f6glichkeit der Durchf\u00fchrung von Generalstreiks, insbesondere des Generalstreiks als Revolution: &#8222;Da [\u2026] der kapitalistische Staat vor allem auf der Armee beruht, [..] gilt es in erster Linie, deren Macht zu brechen. Dazu dient die antimilitaristische Propaganda. Der Antimilitarismus steht also in einem besonders engen und organischen Zusammenhange mit dem Syndikalismus. Die antimilitaristische Agitation in Verbindung mit der \u00f6konomischen Aktion bezeichnet den Punkt, wo das Proletariat der Neuzeit weit \u00fcber die fr\u00fcheren politischen Revolutions-Bewegungen hinausschreitet. [\u2026] Die Syndikalisten beginnen schon jetzt mit der Propaganda gegen den Militarismus und seinen Kadavergehorsam, damit die kommende Massenerhebung das furchtbarste Machtmittel der Plutokratie und des Gewaltstaates in einem m\u00f6glichst zweifelhaften, zerbr\u00f6ckelnden, geschw\u00e4chten Zustand antrifft.&#8220; ((22))<\/p>\n<p>Vor den Gewehrl\u00e4ufen von Milit\u00e4r und Polizei w\u00fcrde diese mit hoher Wahrscheinlichkeit ein schnelles Ende finden. ((23))<\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr die AnarchosyndikalistInnen waren Soldaten in erster Linie &#8222;Proletarier in Uniform&#8220; (Rosa Luxemburg). Antimilitaristische Agitation der SyndikalistInnen bedeutete daher kaum die Beleidigung von Soldaten &#8211; es erschien notwendig, diese auf die eigene Seite zu ziehen. Die H\u00e4nde, die das Gewehr zerbrechen, sind die H\u00e4nde des Soldaten selber.<\/p>\n<p>&#8222;Der J\u00fcngling, der durch die allgemeine Wehrpflicht in die Armee hineingepresst wird, bleibt immer noch Mensch und wartet mit Ungeduld des Momentes, wenn er die Uniform wieder mit dem Zivilrock tauschen kann [&#8230;]&#8220;, betonte Rocker 1919 w\u00e4hrend der Reichskonferenz der deutschen R\u00fcstungsarbeiter. ((24))<\/p>\n<h3>4. Fazit<\/h3>\n<p>Was die FAUD entschieden von anderen Organisationen abhob, war ihre Bereitschaft zur au\u00dferparlamentarischen Aktion, insbesondere in den Betrieben. Ferner, so wurde auch von undogmatisch-marxistischer Seite festgestellt, pr\u00e4sentierte sie das ausgereifteste Sozialisierungsprogramm, eine Kernfrage in der Revolutionszeit. ((25))<\/p>\n<p>Attraktiv war die FAUD sicher auch, weil sie als FVdG Organisationserfahrung jenseits der SPD hatte. Sicher ist auch der zumindest anfangs und zumindest offizielle undogmatische Umgang mit Parteimitgliedschaften ein Aspekt des Massenzulaufs gewesen.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich des proletarischen Antimilitarismus ist anzumerken, dass sich der Antimilitarismus der FVdG und der VorkriegsanarchistInnen nicht an Trends der \u00f6ffentlichen Meinung hielt. Die Mitgliedschaft der FVdG sank von 1907 bis 1910 von 17.000 auf 6.500 Mitglieder &#8211; auch ein Effekt des syndikalistischen Antimilitarismus, der hoffentlich niemanden bewegen w\u00fcrde, diesen deshalb zu verwerfen.<\/p>\n<p>Was aber vor allem den Nachkriegsandrang in die FVdG\/FAUD erkl\u00e4rt, ist, dass sie die einzige Gewerkschaft war, die als solche diese Positionen vertrat, zumindest bis zur Organisierung der AAU-Gruppen.<\/p>\n<p>Potthoff konstatiert eine heterogene &#8222;Gegenphalanx&#8220;, die &#8222;jede Kooperation mit der Regierung und erst recht [\u2026] mit der Unternehmerschaft&#8220; verwarf, &#8222;eine klassenk\u00e4mpferische Konfliktstrategie&#8220; bef\u00fcrwortete und &#8222;zur direkten Aktion im Betrieb und auf der Stra\u00dfe&#8220; tendierte ((26)) &#8211; also weit \u00fcber den Antimilitarismus hinaus (oder auch ganz ohne einen solchen) Theorie, Strategie und Methoden des Syndikalismus bef\u00fcrwortete. In USPD, Spartakusbund, sp\u00e4ter KPD und noch sp\u00e4ter KAPD fanden diese Massen verschiedene politische Organisierungsm\u00f6glichkeiten, aber nur eine gewerkschaftliche Alternative. Diese war die FVdG\/FAUD. Es war dann letzten Endes in diesem Sinne doch die von Rosa Luxemburg beschriebene Spontaneit\u00e4t der Massen, die diese in die Organisation mit einer angemessenen Theorie trieb. Das Eklatante am &#8222;Burgfrieden&#8220; war nicht die Zustimmung zum Krieg, sondern die Zustimmung gerade der Gewerkschaften zu einem sozialen Frieden. Carl Legien, Vorsitzender erst der Generalkommission und sp\u00e4ter des ADGB, war ein erkl\u00e4rter Gegner der Revolution.<\/p>\n<p>Der Antimilitarismus der FAUD wurde im Laufe der Weimarer Zeit nicht geringer &#8211; im Gegenteil, mit wachsendem Einfluss der anarchistischen TheoretikerInnen, allen voran Rudolf Rocker, aber z.B. auch Berthold Cahn oder Augustin Souchy, und gleichzeitig aufkommender Frustration \u00fcber die gescheiterte Revolution wurde das Thema deutlich in den Mittelpunkt anarchistisch-syndikalistischer Propaganda gestellt.<\/p>\n<p>Die Massen blieben dennoch nicht, denn, wie Potthoff bemerkt hat, sie waren &#8222;heterogen&#8220;, w\u00e4hrend die FAUD sich zusehends ideologisierte und damit homogenisierte.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen zwar davon ausgehen, dass nach den unmittelbaren Nachkriegsjahren das Bed\u00fcrfnis nach antimilitaristischer Positionierung auch allgemein im Proletariat zur\u00fcckging, es war jedoch kaum dieser inhaltliche Aspekt, der die FAUD schrumpfen lie\u00df. Mit dem Ende der revolution\u00e4ren Aufbruchsstimmung d\u00fcrften vielmehr die Erfolge wie der 8-Stunden-Tag, die Arbeitslosenversicherung, gute Tarifabschl\u00fcsse die ArbeiterInnen in die offenen Arme des ADGB getrieben haben.<\/p>\n<h3>5. Ausblick<\/h3>\n<p>Historische Debatten in libert\u00e4ren Zusammenh\u00e4ngen sind immer auch Debatten um den Zustand der heutigen Situation und des heutigen Engagements. In der Diskussion um den Antimilitarismus der FAUD geht es auch um die Frage, wie die anarchosyndikalistische FAU (Freie ArbeiterInnen Union) sich heute positioniert.<\/p>\n<p>Nachdem sich die FAU in den 1980er bis in die sp\u00e4ten 1990er Jahre als relativ beliebige, teils sogar autonom wirkende Gruppe nach au\u00dfen dargestellt hat, sch\u00e4rft sie seit ca. zehn Jahren ihr gewerkschaftliches Profil &#8211; etwa an den Themen Hartz IV, Leiharbeit und Tarifeinheit sowie konkreten Aktionen wie der Unterst\u00fctzung des StrikeBikes oder dem Arbeitskampf im Berliner Kino Babylon. Diese Entwicklung spiegelt sich in ihrer Zeitung, der <em>Direkten Aktion (DA)<\/em>, wider. Eine Kritik an einem Fokus der <em>Direkten Aktion<\/em> auf Betriebs- und \u00f6konomische Themen trifft genauso wie eine Kritik an der <em>anti atom aktuell<\/em>, sie w\u00fcrde zuviel \u00fcber Atompolitik schreiben.<\/p>\n<p>Offenbar, so der implizite Vorwurf solcher Kritik waren der FAU Themen wie z.B. Antimilitarismus einmal wichtiger.<\/p>\n<p>Das spiegelt zum einen eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung: War etwa die Totale Kriegsdienstverweigerung in den 1990ern noch ein relevantes Thema, so ist dieses mit dem Ende der Wehrpflicht obsolet geworden. Zum Anderen hat sich die Mitgliederbasis der FAU ge\u00e4ndert: Auch schon vor der Abschaffung der Wehrpflicht wurden Einberufungen seltener. J\u00fcngere Mitglieder mussten also gar nicht gegen den Kriegsdienst k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Diese Kritik kommt grunds\u00e4tzlich aus Affinit\u00e4tsgruppen, also Gesinnungsgemeinschaften.<\/p>\n<p>Die FAU aber ist keine solche Gesinnungsgemeinschaft, sondern erhebt den Anspruch, wirtschaftliche Kampforganisation zu sein. Die &#8222;autonome&#8220; FAU der fr\u00fcheren beiden Jahrzehnte war bundesweit nicht gr\u00f6\u00dfer als heute alleine die Lokalf\u00f6deration der Berliner FAU.<\/p>\n<p>In wesentlich kleinerem Ma\u00dfstab hat dies dieselben Gr\u00fcnde wie der pl\u00f6tzliche Aufschwung zur Massenorganisation 1918\/19: die neue soziale Zusammensetzung der ArbeiterInnen (prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung), Entt\u00e4uschung \u00fcber die gro\u00dfen Gewerkschaften und eine Bef\u00fcrwortung des Prinzips der Direkten Aktion. Lohnabh\u00e4ngige und Erwerbslose, die sich f\u00fcr ihre eigenen Interessen engagieren, kommen nicht aufgrund antimilitaristischer Propaganda, sie kommen, wenn sie feststellen, dass sie gemeinsam ihre Lage verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch ist es nicht richtig, dass die Mitglieder der FAU sich nicht mehr f\u00fcr Antimilitarismus interessieren: An zahlreichen Orten sind Lokalf\u00f6derationen und Syndikate z.B. aktiv gegen Bundeswehrwerbung in den Arbeitsagenturen und &#8211; gemeinsam mit der ASJ (Anarchosyndikalistischen Jugend) &#8211; in Schulen. In der DA Nr. 202 wurde die Position der IG Metall zur R\u00fcstungsindustrie massiv kritisiert. Wie an den Beispielen ersichtlich ist, gilt aber heute genau wie in den 1920ern: Der Fokus der FAU liegt auf einem proletarischen Antimilitarismus. ((27))<\/p>\n<p>Eine Gewerkschaft im Werden muss sich letztlich auf ihre Kernthemen konzentrieren und das sind jene, die die Mitglieder konkret betreffen. Und das hat momentan selten mit Krieg und Milit\u00e4r zu tun. H\u00e4tte die FAU die Gr\u00f6\u00dfe des DGB und entsprechende Ressourcen, w\u00e4ren sicher auch Statements zu diesen wie anderen Themen h\u00e4ufiger. Schlie\u00dflich sieht sich die FAU zwar als wirtschaftliche Kampforganisation, aber auch &#8222;mehr als Gewerkschaft&#8220;: Die wirtschaftlichen Kampfmittel sollen auch Mittel zur politischen Ver\u00e4nderung sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg: Keine der beiden Thesen l\u00e4sst sich wirklich beweisen. Wir haben nicht mehr die M\u00f6glichkeit, eine entsprechende Umfrage unter den damaligen Mitgliedern durchzuf\u00fchren, aus welchem Grund sie in die FAUD eingetreten sind. Im Folgenden m\u00f6chte ich aber einige Argumente f\u00fcr meine Position darstellen, in der Hoffnung auf eine spannende Diskussion. 1. 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