{"id":11433,"date":"2012-06-01T00:00:23","date_gmt":"2012-05-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11433"},"modified":"2022-07-26T13:31:06","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:06","slug":"den-knoten-achten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/den-knoten-achten\/","title":{"rendered":"Den Knoten achten!"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Allerdings hat das Tuch, das aus diesen F\u00e4den gewebt wurde,                 eine dominierende Farbe: Es ist ein rotes, und das hei\u00dft ein politisches                 Tuch.&#8220; (13)<\/p>\n<p>&#8222;Greift nur hinein ins volle Menschenleben, wo ihr&#8217;s anpackt,                 da ist&#8217;s interessant.&#8220; <\/p>\n<p>Dieses Goethewort gilt f\u00fcr jedes Menschenleben. Auch und gerade,                 wenn es nie zu sich gekommen ist, weil Zeit und Gesellschaft die                 in jedem Leben gegebene Chance, sich zu entwickeln, zu lernen,                 Eigenes vorzustellen, verstellt und zunichte gemacht haben. Goethes                 von ihm in schier unfassbarer F\u00fclle gelebtes Wort gilt f\u00fcr die                 autobiographischen Aufzeichnungen des Goethe-Enthusiasten Ekkehart                 Krippendorff (EK) in eigent\u00fcmlichem Ma\u00dfe. Und das macht sie eigent\u00fcmlich                 spannend, leselustig und mit zehn Mal sich erneuerndem Lesegewinn.<\/p>\n<p>Von den zehn Lebensf\u00e4den, erkenntlich nicht in einem Schreibzug                 ausgelegt und gewiss mit Bedacht nicht zusammengezwirbelt, gar                 als fertiges Tuch endlich pr\u00e4sentiert, beginnt jeder f\u00fcr sich,                 verl\u00e4uft nicht an festem zeitlichen oder thematischen Gel\u00e4nder                 entlang und strebt nicht krippendorffteleologisch zu einem vorhersehbaren                 Ziel. Mich, seit Ende der sechziger Jahre mit EK befreundet, von                 seinem Vorhaben nicht informiert, hat die anscheinend nicht verhakte                 Kette in jedem f\u00fcr sich geltenden Glied, in jedem Anfang, Verlauf                 und Ende \u00fcberrascht und immer erneut hingezogen. <\/p>\n<p>Au\u00dfer ihrem Autor als Subjekt, als gespiegelten und neu schaffend                 spiegelndes \u201aObjekt&#8216;, sprechen die eigenthematisch zentrierten                 biographischen Essays nur grob zeitt\u00fcmlich und aspektereich jeweils                 f\u00fcr sich selbst. F\u00e4den mit Namen als da sind (Anf\u00fchrungszeichen                 bitte hinzudenken): Krieg, Theater, Universit\u00e4ten, Nazismus, Amerika,                 Juden, Italien, DDR, Musik, Religion und als Anhang, &#8211; nun in                 meinen Worten &#8211; krippendorffsche Namenskunde. In freundschaftlicher                 Ironie gesprochen, erkl\u00e4rt sie, selbstredend durch historische                 und familiengeschichtliche Hinweise angereichert, vor allem das                 doppelte den Namen wie mit Ausrufezeichen endende &#8222;ff&#8220;, das man                 als Narr ein nahes politisches Leben lang sorgsam zu gebrauchen                 lernt. Es handelt sich um den politisch am zartesten ber\u00fchrten                 Postkurs sozusagen.<\/p>\n<p>Man mag zusammenhangserpicht die wie disparaten Essays doch gruppieren.                 Dies kam mir, als ich jedes einzelne St\u00fcck mir in seiner thematisch                 &#8211; literarischen \u201aLogik&#8216; und seinen Auff\u00e4lligkeiten notiert hatte.<\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnte man die ersten vier Kapitel als Ausdruck der konstituierenden                 Umst\u00e4nde der Zeit und Krippendorffs personenzentrierter Methode                 ansehen: Krieg, Theater, Universit\u00e4t, Nazismus. Amerika, Juden,                 Italien und die DDR signalisierten EKs kosmopolisch ebenso weiten                 wie lokal, regional heimatlich pointierten wie weitgespannten                 Horizont. Die beiden letzten F\u00e4den, Musik und Religion erf\u00fcllten                 vom Ende her, den Beginn aufhebend, die urmusikalische Symphonie,                 die EK gem\u00e4\u00df &#8211; mit meiner dem\u00fctigen Nachfolge &#8211; Menschen und ihre                 Politik, sprich ihren sich erf\u00fcllenden Umgang miteinander durcht\u00f6nen                 sollte. <\/p>\n<p>&#8222;Zumindest der europ\u00e4ischen Musiksprache der Klassik und Romantik                 scheint es zu gelingen, einen unmittelbaren Zugang zu Menschen                 in allen Kontinenten, Kulturen und Religionen zu finden &#8211; wenn                 ihr Gelegenheit dazu gegeben wird. Und dann wirkt sie, und sei                 es auch nur f\u00fcr einen kurzen historischen Augenblick, friedensstiftend,                 weil sie eine Sprache spricht, die sich in den Diskursen der Macht                 und ethnischen Exklusivit\u00e4t entzieht. \u2026 Diese, das Politische                 transzendierende und zugleich einbeziehende Dimension der Musik                 habe ich erst in den letzten Jahren entdeckt und erkannt\u2026 (377ff.;                 vgl. besonders das auf Seite 380 zitierte Interview von Isaak                 Stern). <\/p>\n<p>Darum auch das EK und allen Menschen zu g\u00f6nnende, lebenslange                 Substanz gew\u00e4hrende Gl\u00fcck: &#8222;In den vielen Jahren des musikalischen                 Dilettierens \u2026hat es vielleicht zwei, h\u00f6chstens drei kurze Augenblicke                 gegeben, wo die Musik pl\u00f6tzlich durch mich hindurch spielte ,                 wo &#8218;es&#8216; durch mich musizierte und ich gewisserma\u00dfen neben mir                 stand, staunend \u00fcber das, was wir da Wunderbares im Zusammenspiel                 scheinbar ohne eigenes Zutun hervorbrachten.&#8220; EK spielt Bratsche.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Zeit und Leben konstituierenden, freilich alles andere                 als mechanisch bedingenden Umst\u00e4nden und dem, was ich als EKs                 Methode, dargelegt am &#8222;Theater&#8220;-Kapitel, bezeichnet habe. <\/p>\n<p>Wer im Fr\u00fchjahr 1934 &#8218;arisch&#8216; deutsch geboren wurde &#8211; wie der                 Rezensent drei Jahre sp\u00e4ter -, wuchs im vorschattenden nazistischen                 Krieg in einer mit kaum gekannten Ausnahmen versehenen gesamtgesellschaftlich                 totalen Institution auf. Das hei\u00dft mitsamt der kn\u00e4blichen Marinebegeisterung                 &#8222;war selbstverst\u00e4ndlich (alles) vom Krieg besetzt&#8220; (27). <\/p>\n<p>Der Krieg war nazistisch getr\u00e4nkt bis hin zum Endsieg samt der                 selbstverst\u00e4ndlichen F\u00fchrerpr\u00e4misse mit &#8222;Jungvolk&#8220; und &#8222;F\u00e4hnlein&#8220;                 &#8211; \u00dcbung. Die F\u00e4den &#8222;Krieg&#8220; und &#8222;Nazismus&#8220; sind darum schier gleichsinnig.<\/p>\n<p>Kindliche &#8222;Unschuld&#8220; wirkte im Elterhaus mit sympathisch mitgehenden                 Eltern doppelt. Zum einen inhalierte der Knabe noch ohne eigene                 Hemmungen Kriegerisches, Nazistisches im Doppelpack. Und was aus                 ihm ohne die &#8222;Bedingungslose Niederlage&#8220; (8.5.1945) geworden w\u00e4re?               <\/p>\n<p>Der passivische Ausdruck trifft den Kern unserer meist nicht                 nur kindlich prim\u00e4ren &#8222;Au\u00dfenleitung&#8220; (David Riesman). Zum anderen                 war es m\u00f6glich nach dem spannend, ja sympathisch erfahrenen Einmarsch                 der GIs aus den USA &#8211; bald folgten den Vereinbarungen der vier                 Alliierten entsprechend in der N\u00e4he Halberstadts russische Soldaten                 -, dass Ekkehart, der Kleine, sich auf die neue Situation schwerelos                 einstellte. Allenfalls so etwas wie vor-traumatische, sp\u00e4ter aufsteigende                 und nachhaltige Reste blieben zur\u00fcck. So konnte es im Kontext                 gewandelter und sich wandelnder Umst\u00e4nde geschehen, dass sich                 die \u00dcberzeugung formte.<\/p>\n<p>Zuerst: &#8222;Nie wieder Krieg auf deutschem Boden!&#8220;. Ihr analog war                 die Einsicht, in einem Brief an die Eltern 1962 aus den USA formuliert.                 &#8222;Ich bin sehr bitter geworden in allem, was meine &#8218;Nationalit\u00e4t&#8216;                 angeht. Und ich wei\u00df, dass ich Grund dazu habe.&#8220; (225 f.) <\/p>\n<p>Der noch eher vordergr\u00fcndigen \u00dcberzeugung folgte auf den lernenden                 Wegen des Heranwachsenden, des Studierenden und dann des selbst                 wissenschaftlich Forschenden und politisch Agierenden ohne k\u00fcnstliche                 und pseudoneutrale Trennung, die radikale Ablehnung von Krieg                 und Milit\u00e4r als angeblichen &#8222;Mitteln der Politik&#8220;, wahrhaft jedoch                 Anti-Politik schlechthin. Als allgemeines Lernergebnis formuliert:                 &#8222;Woraus sich eine kompromisslose Milit\u00e4rgegnerschaft speist? Ich                 kann f\u00fcr mich drei Wurzeln angeben: Die erste ist die fr\u00fche Kriegserfahrung                 und die mich st\u00e4ndig begleitende, unabl\u00e4ssige Besch\u00e4ftigung mit                 der NS-Vergangenheit mit politisch radikalisierender Konsequenz                 &#8211; von da an war der Schritt zur Milit\u00e4rkritik nicht weit. Die                 zweite ist eine wissenschaftlich geleitete Erkenntnis: Aus der                 intensiven Besch\u00e4ftigung mit Staats-Kriegsgeschichte hatte ich                 die \u201ahistorische Logik politischer Unvernunft&#8216; herausdestilliert                 und gelernt, dass deren Verdinglichung, Milit\u00e4r und Krieg, nur                 zu entkommen ist, indem man versucht, beiden wenigstens wissenschaftlich                 die Legitimation zu entziehen &#8211; mit der Perspektive k\u00fcnftig m\u00f6glicher                 \u201aMilit\u00e4rfreiheit'(meine sp\u00e4te Besch\u00e4ftigung mit der gro\u00dfen Figur                 Mahatma Gandhis und seiner Lehre von der Gewaltfreiheit hat dem                 zus\u00e4tzliches Gewicht und Substanz gegeben). Die dritte Wurzel                 unbedingter Milit\u00e4rgegnerschaft erwuchs aus der negativen Erfahrung                 mit den durch Befreiungs- und Revolutionskriege zur Macht gekommenen                 neuen politischen Klassen in der Dritten Welt: Kuba, Angola, Mosambik                 und nicht zuletzt Vietnam. \u2026Die Erfahrung \u2026 hat mich eines Besseren                 belehrt,\u2026: Kein guter Zweck wird durch die schlechten Mittel (Gewalt,                 Krieg) geheiligt, er wird vielmehr deren erstes Opfer.&#8220; [S.65                 f.]<\/p>\n<p>Diesem Lernergebnis analog ist im &#8222;Nazismus&#8220;-Faden nicht nur                 das, was EK nach einem Besuch im KZ sein &#8222;Dachau-Gel\u00fcbde&#8220; nennt                 (231, m\u00f6ge es jede und jeder f\u00fcr sich konsequent ablegen k\u00f6nnen).                 Ihr entspricht vielmehr eine vom sophokleischen \u00d6dipus inspirierte                 Einsicht: &#8222;Vielleicht kommt man der Eigendynamik meiner ganz unschuldig                 naiv-neugierigen pers\u00f6nlichen Suche nach Wahrheit \u00fcber das Dritte                 Reich am N\u00e4chsten mit Hilfe der gro\u00dfen Erkenntnis-Parabel von                 \u201aK\u00f6nig \u00d6dipus&#8216;: \u00d6dipus will die Ursachen der Krankheit herausfinden,                 von der die thebanische Gesellschaft befallen ist &#8211; und muss am                 Ende entdecken, dass er selbst unwissend das Unheil \u00fcber die Stadt                 gebracht hat; die zun\u00e4chst leidenschaftlich-pflichtgem\u00e4\u00df angeordnete                 und vom K\u00f6nig auch selbst betriebene Ursachenforschung bringt                 die Wahrheit ans Licht, die rational-instrumentell, in traditionellen                 Kategorien von \u201aVerbrechen&#8216; und \u201aStrafe&#8216; nicht zu fassen ist.                 Im Falle des Nazismus war das der Holocaust, der im Diskurs der                 F\u00fcnfziger Jahre verdr\u00e4ngt worden war mittels der routinem\u00e4\u00dfigen                 Erw\u00e4hnung der \u201asechs Millionen Juden'&#8220; [S.222] (und, versch\u00e4rft                 der Rezensent, durch sp\u00e4ter aufgesetzte Gesichtsmasken aufw\u00e4ndiger                 symbolisch ohne Konsequenzen verleugnet wird).<\/p>\n<p>Angesichts der doppelt nazistisch und kriegsgeschlossenen Situation,                 in der der Junge Ekkehart bis 1945 aufwuchs, k\u00f6nnen die letzten                 Jahre des Jugendlichen, dann die des Studenten nur als solche                 des fast traumhaften Aufbruchs ins Freie und Selbstst\u00e4ndige bezeichnet                 werden. &#8211; Die Krippendorffs waren zwischenzeitlich nach D\u00fcsseldorf                 umgezogen. &#8211; Und das trotz der bedr\u00fcckend miefigen Adenauerzeit                 voll des aus allen Ritzen muffelnden Verdachts: &#8222;Ich rieche, rieche                 Kommunistenfleich&#8220;, dem negativen, gegen DDR und Sowjet-Union                 stabilisierten aggressiven Selbstbewusstsein der BRD. Zurecht                 unterstreicht EK eine der Hauptfunktionen des ideologischen, also                 blinden Antikommunismus. &#8222;Die Universit\u00e4ten taten im Kleinen das,                 was im Gro\u00dfen in der Tat eine reflektierte Strategie der sich                 formierenden politischen Klasse der Bundesrepublik war.<\/p>\n<p>Durch Antikommunismus ideologisch den \u201ainneren Frieden&#8216; herzustellen                 und mit der Restauration des Kapitalismus die \u201abrauchbaren&#8216; Teile                 der deutschen \u00f6konomischen Eliten &#8211; und nicht zuletzt der Ministerialb\u00fcrokratie                 und die h\u00f6heren Offiziere der Wehrmacht f\u00fcr den Aufbau der Bundeswehr                 &#8211; zu rehabilitieren, die <i> re-education<\/i> abzuschlie\u00dfen und                 den alten Kampf gegen die Linke wieder aufzunehmen.&#8220;(135) <\/p>\n<p>Trotz des restaurativen Geists der Epoche also (Walter Dirks)                 boten die Universit\u00e4ten der 50ger, der 60ger Jahre den privilegierten                 B\u00fcrgers\u00f6hnen und sich mehrenden T\u00f6chtern eine Freiheit des Studierens                 ohne knospende Vernunft erfrierenden Pr\u00fcfungsdruck, selbstbestimmte                 Lernchancen mitten in der ihrerseits restaurierten Ordinarienuniversit\u00e4t                 und der anschlie\u00dfenden Karriere zuhauf. Angesichts des NS-Kriegshintergrunds                 und angesichts des heute geltenden Vordergrunds, der nur als \u00f6konomisch                 b\u00fcrokratisches Verbrechen an Kindern und Jugendlichen qualifiziert                 werden kann, &#8222;Exzellenz&#8220; invers, war dies ein Privilegium der                 Situation und der sozialen Herkunft, das f\u00fcr diejenigen, die es                 genie\u00dfen konnten, kaum hoch genug zu werten ist. <\/p>\n<p>K\u00e4me man auf die Universit\u00e4t mitten im erneuerten dreiteiligen                 Bildungssystem zu sprechen, w\u00e4re allerdings mehr Wasser als Wein                 angezeigt. EK erlebte jedenfalls nicht nur letzte Lichtungen einer                 zu Tode programmierten Lebensform rund um eine schon welk gewordene                 &#8222;Idee der Universit\u00e4t&#8220;. Er schlug sich trotz aller H\u00fcrden professoraler                 Machtarroganz, ja, er wurde in eins mit seinen dadurch mitbewirkten                 amerikanischen und italienischen Lehrjahren (durchgehend solchen                 des Lernens), zur gepr\u00e4gten Person, deren pers\u00f6nliche und wissenschaftliche                 Substanz gerade darum sich kosmopolitisch entwickelte.<\/p>\n<p>Den an zweiter Stelle ein St\u00fcck weit ausgeworfenen Lebensfaden,                 genannt &#8222;Theater&#8220; habe ich nur deshalb nachger\u00fcckt, weil er in                 nicht eigens erw\u00e4hnten F\u00e4den \u00fcberall mitspinnt und krippendorffisch                 Charakteristisches zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Vom fr\u00fchen Berufswunsch, Regisseur zu werden, \u00fcbers Kennen- und                 Liebenlernen von Eve Slatner, seiner baldigen Frau, rund ums Brechttheater                 mit Helene Weigel und anderen unvergessenen Schauspielern am Schiffbauerdamm                 bis hin zum Wunsch, im Alter als Theaterkritiker noch vorf\u00fchren                 zu k\u00f6nnen, was &#8211; abwandelnd mit Kant zu reden &#8211; eine Kritik theatralischer                 Urteilskraft vorstellungskr\u00e4ftig mit Fundament ausmachte, reicht                 das, was EK am Theater fasziniert. Es zeigt, seine anhaltend jugendliche                 Bereitschaft, sich &#8222;betreffen&#8220; zu lassen, mit jedem St\u00fcck nicht                 nur Brechts, worauf er es gem\u00fcnzt hat, &#8222;ein St\u00fcck Welt, Welterfahrung,                 Welterkenntnis, Weltanschauung&#8220; (92) zu lernen. Also selbst an                 &#8222;Welt&#8220; zuzunehmen. Und dass es gerade das Theater ist, dem solche                 &#8222;Sendung&#8220; zugemutet wird, hat gewiss ausl\u00f6send mit dem ersten                 mimetisch lernenden Feuer zu tun, das den jungen EK entz\u00fcndet                 hat. <\/p>\n<p>In ihm kommt aber EKs mehr und dauernde Zugewandtheit zu Menschen                 und zur Wirklichkeit in ihnen und durch sie zum Ausdruck. <\/p>\n<p>Diese Empathie &#8211; das zeitweise inflation\u00e4r gebrauchte Wort, das                 trifft, m\u00f6ge man nicht nachsehen, sondern original \u00fcben &#8211; mit                 k\u00fcnstlerisch Gestaltetem und Gestalten eingetaucht in m\u00f6glichst                 textgenaues Theater und kompositionsgetreue Musik unbeschadet                 aller darum souver\u00e4nen Kunst der Interpretation, hat mit dem Menschlichen                 fast \u00dcbermenschlichen der Kunst zu tun, wie es theatralisch musikalisch                 uns fassbar wird und gerade im Spiel, in der Mehrdimensionalit\u00e4t                 und ihrer Tiefenwirkung \u00fcber uns, uns inne machend, hinausgeht                 (nur ein au\u00dferkrippendorffscher Hinweis auf Wassili Grossmans                 wundersamen Bericht \u00fcber die Wirkung eines Malereiwunders am Beginn                 der Tauwetterzeit in Moskau mag angemessen sein: &#8222;Die Sixtinische                 Madonna&#8220; in dessen Ausatzband &#8222;Tiergarten&#8220;). Mit EKs &#8222;theatralischer                 Sendung&#8220; als Sendungsbewusstsein ungew\u00f6hnlicher Lern-, Bewusstwerdungs-                 und Nachahmungs-, ja Handlungsm\u00f6glichkeiten d\u00fcrfte es zusammenh\u00e4ngen,                 dass er zuweilen in Gefahr ger\u00e4t, Menschen vorbildhaft und handlungsf\u00e4hig                 als Einzelpersonen zu hoch zu stellen, so auch die Wirkung von                 Theater- und Musikst\u00fccken an und f\u00fcr sich. Zuweilen neigt er in                 gleicher Weise dazu, siehe seine \u00c4u\u00dferungen zu Obama im Amerika-Kapitel,                 m\u00f6gliche und n\u00f6tige Analyse noch so \u00e4rgerlicher Sachzusammenh\u00e4nge                 an den Rand zu dr\u00e4ngen. Als w\u00e4re es nicht ein Zeichen von &#8222;Arroganz                 der Macht&#8220;, griechisch: Hybris, wenn ein begabter, ungew\u00f6hnlicher                 Mann am Beginn des 21. Jahrhunderts in einem Herrschafts- und                 Machtdickicht sondergleichen wie in Washington D. C., Zentrale                 des Imperiums auf der Kippe USA, pr\u00e4sidiale Gestaltungskraft herbeiredet                 und schon auf dem Weg dazu &#8211; Yes we can &#8211; ,unvermeidlich in noch                 nicht pers\u00f6nlich verschuldeter politisch \u00f6konomischer und folgerichtig                 menschlicher Korruption versumpft. Shakespeare, dessen Politik                 in seinen dramatisch profilierten, sprachlich ungeheuren Zuspitzungen                 EK trefflich plastisch ebenso geschildert hat, wie seine Kom\u00f6dien,                 als &#8222;Spiele aus dem Reich der Freiheit&#8220;, k\u00f6nnte so nicht entt\u00e4uscht                 werden.<\/p>\n<p>Ich kann die anderen Lebensf\u00e4den und sei es nur punktuell mit                 den einen oder anderen Schl\u00fcsselzitat nicht mehr, auf EKs H\u00e4nde                 schauend, nachdr\u00f6seln. Nur zwei Aspekte will ich noch ber\u00fchren.                 Zum einen \u00fcberlegen, soweit das ein Mitsiebziger vermag, warum                 EKs Lebensf\u00e4den sich gerade auch f\u00fcr J\u00fcngere zu lesen lohnten.                 Zum anderen, will ich nach dem &#8222;Knoten&#8220; Ausschau halten, der in                 der \u00dcberschrift als Ausgang, noch nicht in F\u00e4den ausgelegt, genannt                 wird.<\/p>\n<h3>Zur Leseattraktion<\/h3>\n<p>F\u00fcr Krippendorffsche Zeitgenossinnen und Zeitgenossen versteht                 sie sich auch in den Kapiteln nahezu von selbst, die in andere,                 ihnen nicht ihm \u00e4hnlich gut gekannte L\u00e4nder f\u00fchren oder nicht                 gleicher Weise besessene F\u00e4higkeiten betreffen. Und mag es auch                 produktiver \u00c4rger sein. <\/p>\n<p>Trefflich, ohne andere als politische oder im Urteil abweichende                 Stolperstellen geschrieben, zeichnet sich EKs Schreibe aus durch                 ihre aufkl\u00e4rende Durchsichtigkeit. Fast jeder Satz stimuliert                 Assoziationen und weckt \u00e4hnliche oder quer liegende Erinnerungen                 samt den dazu geh\u00f6renden Reflexionen. Man schaut in Krippendorffs                 Spiegel und sieht sich und seine Zeit als eigene Zeit in Distanz                 und N\u00e4he.<\/p>\n<p>Allenfalls bedauert man, dass nicht noch andere Lebensf\u00e4den dazu                 geschlagen wurden. Etwa der durch Seitenblicke einsichtige bundesrepublikanische.<\/p>\n<h3>anarchische Stimulanzien<\/h3>\n<p>Wie verh\u00e4lt es sich aber mit J\u00fcngeren, nach &#8222;der Zeiten ungeheurem                 Bruch&#8220; (C.F. Meyer)? <\/p>\n<p>Gewiss, an jedem deutschen und vielen europ\u00e4ischen Orten zeugen                 Vernichtungsst\u00e4tten und Mahnmale. Selbst pfleglich erhalten sind                 sie jedoch von dichtem Moos bewachsen. Und das, was den jungen                 Krippendorff begeistete und begeisterte und also dem \u00e4lteren und                 alten lebendige Substanz und Freude bereitet, was soll da f\u00fcr                 die J\u00fcngeren und Jungen \u201aabfallen&#8216;. Flexibel und mobil getrimmt,                 auch um jederzeit standschaftslos Kurzzeitjobs annehmen zu m\u00fcssen                 &#8211; unserer Generation gro\u00dfe Schuld in den &#8222;fetten Jahren&#8220; nicht                 besser vorgesorgt und gegen des allfressenden Kapitalismus gek\u00e4mpft                 zu haben -, kann man die so Aus- und Eingesetzten schwer enthusiastisch                 von Mund zu Mund beatmen. Nein, als ein anderes Lebens-Reisebuch                 kann man EK nicht lesen (mit Peter Kammerer hat er einst ein ungew\u00f6hnlich                 angelegtes, mehrfach erschienenes \u00fcber Teile Italiens geschrieben).               <\/p>\n<p>Und doch sprechen wenigstens zwei Argumente daf\u00fcr, vom hoffentlich                 immer bleibenden Lesespa\u00df welcher Buchform auch immer zu schweigen.                 Mehrfach zitiert EK eine Einsicht, die er zuerst vom Leipziger                 Historiker Walter Markov in den f\u00fcnfziger Jahren geh\u00f6rt hat. &#8222;Historisch                 ist, was m\u00f6glich war.&#8220; <\/p>\n<p>Sie bedeutet, lese ich sie recht, dass man, aller &#8222;Induktionseselei&#8220;                 (F. Engels) entsagend, sich die Kategorie realer M\u00f6glichkeit kritisch                 und konstruktiv nicht aus Kopf und Hand rauben lassen darf. Das                 gilt historisch, gegenw\u00e4rtig und k\u00fcnftig. Damit sich niemand der                 herrschenden Wirklichkeit und der Wirklichkeit der Herrschaft                 unterwerfe und im Widerstehen, im eigenen Stehen und Gehen, ein                 Leben lang trotz allem eigen bestimmt bleibe, das nicht zuletzt                 kann man in EKs Lebensschule nicht durch Paukerei, sondern habituell                 lernen. <\/p>\n<p>Die Poren von Chancen sind auch heute nicht geschlossen. Man                 muss sie scharf\u00e4ugig erkennen und wahrzunehmen trauen. Ein zweites,                 eng verschlungenes Lernen kommt hinzu. Auch hierzu mag man EKs                 hilfreiche Hand ergreifen. \u00dcberall dort, wo herrschaftliches Bestimmen                 in uns einzudringen in Gefahr ist und uns zum Herrschaftsinstrument                 machen mag, listig unser eigenes Interesse an ihr lispelnd, gilt                 es zu widerstehen. Krippendorffs beste B\u00fccher sind deswegen voll                 der anarchischen Argumente und Stimulanzien. <\/p>\n<p>Seine Lebensf\u00e4den, nicht lehrpenetrant gezogen, k\u00f6nnen an seiner                 Art, sich zu wehren und kurvenreich krippendorffaufrecht zu gehen,                 den uraufkl\u00e4rerischen Mut, sich seinen eigenen Verstand nicht                 wegnehmen zu lassen, sich gleichsam ein autobiographisches Theatererlebnis                 zueigen machen.<\/p>\n<h3>Knoten <\/h3>\n<p>EK hat ihn aus seinen Lebensf\u00e4den nicht gekn\u00fcpft. Dazu bed\u00fcrfte                 es einer F\u00fclle weiterer, von den uns allen weitgehend unbekannten                 knetmasseartigen habituellen Formen zu schweigen, die uns allen                 selbst weitgehend verborgen in den fr\u00fchkindlichen Jahren angelegt                 werden und sich erst sp\u00e4ter kontextgem\u00e4\u00df auspr\u00e4gen. Wie k\u00e4me ich                 dazu, anma\u00dfend das zu verkn\u00fcpfen, was EK lose hintereinander gelegt                 hat, auch wenn er sein &#8222;Ich&#8220; nie versteckt, in einer schon erkenntnistheoretisch                 unm\u00f6glichen Figur, &#8222;sein Selbst gleichsam auszul\u00f6schen&#8220;. Weil                 wir indes, das demonstriert EK \u00fcberzeugend, eben keine irgend                 geschlossene, simpel wie den neuen Pass ausweisbare &#8222;Identit\u00e4t&#8220;                 besitzen &#8211; die Nazis waren zuerst dran, ihn pflichtgem\u00e4\u00df einzuf\u00fchren                 -, uns vielmehr eine teils widerspr\u00fcchlich ambivalente Pluralit\u00e4t                 von Lebensf\u00e4den eigen ist, besitzen wir erwerbend das &#8211; oder beraubt                 -, was wir griechisch einen Charakter nennen, etwas, was eine                 Person ausmacht (im Griechischen \u00fcbrigens unter anderem Zerkl\u00fcftetsein                 meint). <\/p>\n<p>Diese habituellen Berge, T\u00e4ler und Kl\u00fcfte der Person EK, ihrem                 Zusammenhang und Zusammenhalt w\u00fcrde man nur gerecht werden und                 h\u00e4tte auch ich mehr entsprechen k\u00f6nnen, wenn ich die krippendorffsche                 Heimatkunde ausf\u00fchrlicher h\u00e4tte darlegen k\u00f6nnen: aus Eisenach-th\u00fcringerischen                 Elementen, Dresdenbeigabe, Ostsee, Halberstadt, D\u00fcsseldorf, West-                 und Ostberlin, aus langen Jahren in den USA, New York vornehmlich                 und Italien nicht zum geringsten, Bolognapr\u00e4gungen und das fast                 einem anderen Olivenbaum knorrig gleichende sichtweite Haus in                 der N\u00e4he des pr\u00e4chtigen Lucca. An dieser alles andere als auch                 nur nominell vollst\u00e4ndigen Heimatkunde fehlte das Entscheidende,                 unterstriche ich nicht wenigstens in einem kahlen Wort die in                 jeden Lebensfaden und sei es erst hinterher eingewebte Bedeutung                 Eve Slatners, einer aus der Tschechoslowakei nach schlie\u00dflich                 in nach New York emigrierten J\u00fcdin. Schauspielerin und S\u00e4ngerin                 wurde sie, im Schiffbauerdamm kennen gelernt, EKs Frau, die Mutter,                 Gro\u00dfmutter seiner beiden S\u00f6hne Philip und David, ihrerseits in                 Italien gro\u00df geworden und den Enkeln Luca und Rocco. Den Vier                 zuletzt genannten sind die Lebensf\u00e4den gewidmet.<\/p>\n<p>Bevor ich mich jedoch tief- oder flachsinnig vertue, suche ich                 rasch wieder Zuflucht bei dem fast immer zust\u00e4ndigen Goethe. &#8222;Kennst                 Du schon das gro\u00dfe Wort&#8220;, so schrieb er dem Schweizer Physiognomiker:                 &#8222;individuum est ineffabile.&#8220; Frei \u00fcbersetzt: das, was eine Person                 ausmacht, ist nicht auf einen Begriff zu bringen (und darum nicht,                 nicht einmal verfassungssch\u00fctzerisch zu kontrollieren, ein herrschaftliches                 \u00c4rgernis). <\/p>\n<p>Das hei\u00dft in diesem Falle auch: EKs vielf\u00e4ltig bunte und doch                 in seiner Person, sie ausmachend verzwirrte Lebensf\u00e4den, l\u00e4sst                 jede und jeder am besten, mein dringender Rat, durch ihre und                 seine Hand lesegeruhsam und intensiv gleiten. Es macht, trotz                 und wegen allem: Freude.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Allerdings hat das Tuch, das aus diesen F\u00e4den gewebt wurde, eine dominierende Farbe: Es ist ein rotes, und das hei\u00dft ein politisches Tuch.&#8220; (13) &#8222;Greift nur hinein ins volle Menschenleben, wo ihr&#8217;s anpackt, da ist&#8217;s interessant.&#8220; Dieses Goethewort gilt f\u00fcr jedes Menschenleben. 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