{"id":11436,"date":"2012-06-01T00:00:35","date_gmt":"2012-05-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11436"},"modified":"2022-07-26T14:12:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:21","slug":"zur-kritik-der-gewalt-an-tieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/zur-kritik-der-gewalt-an-tieren\/","title":{"rendered":"Zur Kritik der Gewalt an Tieren"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Barbaren greifen sich den Hund, \u2026sie nageln ihn auf einem Tisch fest und zergliedern ihn lebendig, um dir die Gekr\u00f6senerven zu zeigen. Du entdeckst in ihm all dieselben Organe der Empfindung wie sie in Dir vorhanden sind. Antworte mir, Maschinist, hat die Natur in diesem Tier all die Sprungfedern der Empfindung zu dem Zweck eingerichtet, dass es nichts sp\u00fcrt? Hat es Nerven, um unempfindlich zu sein? Glaube doch nicht an einen derart frechen Widerspruch der Natur.&#8220;<\/em> (Voltaire)<\/p>\n<p>Dieses, mit einer eindeutigen Aufforderung betitelte Buch erschien 2010 im Verlag Graswurzelrevolution und beleuchtet f\u00fcnf historische Positionen, die auf anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Weise Gewalt an Tieren verurteilen. Jede der f\u00fcnf Argumentationen wird durch ein kommentiertes Vorwort eingeleitet und in den historischen Kontext eingebettet.<\/p>\n<p>Das Buch entstand aufgrund einer in der Graswurzelrevolution gef\u00fchrten Diskussion , die zeigte, dass die Geschichte der Tierrechtsbewegung nur ungen\u00fcgend bearbeitet ist. Auftakt der Kontroverse war R\u00fcdiger Haudes Artikel &#8222;Anti-Speziesismus? Schmeckt mir nicht!&#8220;, der im Sommer 2009 in der Graswurzelrevolution Nr. 340 erschienen ist.<\/p>\n<h3>&#8222;Das Schlachten beenden!&#8220;<\/h3>\n<p>Das Vorwort von Lou Marin und Johann Bauer gibt eine \u00dcbersicht \u00fcber die in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandene Tierrechtsbewegung, die einen Einfluss auf die heutige vegetarische oder vegane Lebensweise vieler Gruppen hat. Ziel der Auseinandersetzung sei es, einen \u00dcberblick \u00fcber einige der historischen Vorl\u00e4ufer anhand von Texten von Leo Tolstoi, Elise\u00e8 Reclus, Magnus Schwantje, Clara Wichmann und dem ISK zu geben.<\/p>\n<p>Schonungslos beschreibt Tolstoi in seiner detaillierten Schilderung der damals neuen Schlachth\u00e4user das Sterben der Tiere, welche auf angeblich schmerzfreiere Art und Weise get\u00f6tet werden sollen. Er negiert damit die Frage, ob ein tiergerechtes Schlachten m\u00f6glich ist. Beim Lesen stellte sich ein bitterer Nachgeschmack ein aufgrund der Beschreibung der gleichg\u00fcltigen Schlachter.<\/p>\n<p>Es dr\u00e4ngt sich einem f\u00f6rmlich die Frage auf: Ist eine Abstumpfung bez\u00fcglich des nat\u00fcrlichen Mitleids nicht zwangsweise n\u00f6tig, um zu solchen Handlungen f\u00e4hig zu sein?<\/p>\n<p>Der Anarchist und sich selbst als &#8222;L\u00e9gumiste&#8220; (Gem\u00fcseesser) bezeichnende Reclus legt den Schwerpunkt seiner Argumentation auf seine eigenen pers\u00f6nlichen Erfahrungen, genauer auf sein Entsetzen in seiner Kindheit, als er Zeuge der barbarischen Schlachtung eines Schweins wurde.<\/p>\n<p>Mit Fassungslosigkeit betrachtet er das Verhalten der Menschen, die aus Gewohnheit und Erziehung dieses Mitleid &#8222;\u00fcberwinden&#8220; und \u00fcbertr\u00e4gt es auf Greueltaten, zu denen auch Menschen untereinander f\u00e4hig werden: &#8222;&#8230; von der Schlachtung des Ochsen bis zur T\u00f6tung eines Menschen ist es nur ein kleiner Schritt &#8211; besonders dann, wenn der Befehl des Anf\u00fchrers ert\u00f6nt oder der gekr\u00f6nte Meister von weit her gebietet: \u201aLasst keine Gnade walten&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>Der Pazifist Schwantje ist Begr\u00fcnder des Begriffes &#8222;Ehrfurcht vor dem Leben&#8220;, der heutzutage vor allem mit Albert Schweitzer in Verbindung gebracht wird. Um Leid zu vermeiden, war eine seiner zentralen Forderungen ein vegetarisches Leben. Er bringt daf\u00fcr das heute als &#8222;Speziesismus&#8220; bekannte Argument vor.<\/p>\n<p>Clara Wichmann versucht den Tieren eigene Rechte zuzusprechen, die nicht erst von dem Menschen abgeleitet werden m\u00fcssen. Dabei greift sie auch auf religi\u00f6se Argumente zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der gew\u00e4hlte Textausschnitt behandelt die besondere Situation der Haustiere: &#8222;Und all die &#8230; ungeheuren Mi\u00dfst\u00e4nde in der &#8218;Rechts&#8216;-stellung der Haustiere kommen daher, da\u00df man ihnen gegen\u00fcber (wie fr\u00fcher gegen\u00fcber Sklaven und in einem weiteren Sinne auch gegen\u00fcber den Frauen) von der Fiktion ausgeht, sie w\u00e4ren Sachen.&#8220;<\/p>\n<p>Als f\u00fcnfte Position wird der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK) vorgestellt, der zwischen 1926 und 1945 existierte und eine vegetarische Lebensweise aus Gr\u00fcnden der &#8222;Verrohung der menschlichen Sensibilit\u00e4t&#8220; propagierte.<\/p>\n<p>Besonders interessant ist der Abschnitt \u00fcber die Gr\u00fcndung von vegetarischen Gastst\u00e4tten, die zu einer Vernetzungsfunktion im Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurden.<\/p>\n<p>Die Verbindung zwischen einem gewaltfreien Leben unter Menschen und dem Verzicht auf Fleisch als Nahrungsmittel wird deutlich herausgestellt: &#8222;Wer die Forderung der ausbeutungsfreien Gesellschaft ehrlich zu Ende denkt, wird Vegetarier.&#8220;<\/p>\n<p>All den Positionen ist gemeinsam, dass sie das Leid der Tiere ins Zentrum stellen. Beeindruckend ist, dass die Argumente der Autorinnen und Autoren bis heute ihre G\u00fcltigkeit in keiner Weise verloren haben. Das Buch stellt eine hervorragende Erg\u00e4nzung zu der aktuell andauernden Tierrechtsdebatte dar, die sich vor allem um Vertreter wie den umstrittenen Utilitaristen Peter Singer, Tom Regan und die Philosophie der Ehrfurcht von Albert Schweitzer rankt. Dabei wird h\u00e4ufig die lange Geschichte des Vegetarismus au\u00dfer acht gelassen.<\/p>\n<p>Auch wenn das Buch aufgrund seiner ausschlie\u00dflich historischen Positionen vielen Vorw\u00fcrfen, die heutigen Tierrechtlern gemacht werden (wie der im Vorwort erw\u00e4hnte hinkende Holocaust-Vergleich) nichts entgegnen kann, so zeigt es auf eine sehr gut lesbare und informative, sogar spannende Art und Weise die Urspr\u00fcnge der Tierrechtsbewegungen auf. So findet neben der Bearbeitung von eher unbekannten Texten auch der historische Kontext der jeweiligen Zeit Beachtung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Barbaren greifen sich den Hund, \u2026sie nageln ihn auf einem Tisch fest und zergliedern ihn lebendig, um dir die Gekr\u00f6senerven zu zeigen. Du entdeckst in ihm all dieselben Organe der Empfindung wie sie in Dir vorhanden sind. 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