{"id":11439,"date":"2012-06-01T00:00:20","date_gmt":"2012-05-31T22:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11439"},"modified":"2022-07-26T14:22:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:30","slug":"die-surrealistische-revolution-worte-zum-uberleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/06\/die-surrealistische-revolution-worte-zum-uberleben\/","title":{"rendered":"Die surrealistische Revolution &#8211; Worte zum \u00dcberleben"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Was ich hier oder andernorts schreibe, wird wohl im Laufe der                 k\u00fcnftigen Jahre nur ein paar Vereinzelte interessieren. Alle 25                 oder 30 Jahre wird man in vertraulichen Ver\u00f6ffentlichungen meinen                 Namen und einige Textausz\u00fcge ausgraben, immer dieselben. Die Kindergedichte                 werden ein wenig l\u00e4nger \u00fcberleben als der Rest. Ich geh\u00f6re zum                 Kapitel begrenzter Neugierde. Doch wird das l\u00e4nger w\u00e4hren als                 so manch zeitgen\u00f6ssisches Geschreibsel.&#8220; ((1))                 Robert Desnos, 8. Februar 1944<\/p>\n<\/p>\n<p>Desnos ahnte richtig. Und dabei erging es ihm \u00e4hnlich wie seinem                 bekannteren Freund und Mitstreiter Jacques Pr\u00e9vert (vgl. GWR 367),                 und auch dem sp\u00e4ter geborenen kongenialen Boris Vian (vgl. GWR                 366), dem dritten im Bunde dieser li(e)bert\u00e4ren Dichter, die der                 mittlerweile fast erblindete 82j\u00e4hrige Jean-Louis Trintignant                 zu rezitieren nicht m\u00fcde wird. Texte wie Vians Chanson &#8222;Le d\u00e9serteur&#8220;,                 Pr\u00e9verts Gedicht &#8222;Le Cancre&#8220; und Desnos&#8216; &#8222;La Fourmis&#8220; sind so                 selbstverst\u00e4ndlich im franz\u00f6sischen Repertoire aufgegangen, dass                 ihre Sprengkraft hinter ihrer Popularit\u00e4t zu verschwinden droht.                 Ein Tiefergraben f\u00f6rdert erstaunliche Sch\u00e4tze zu Tage.<\/p>\n<p>&#8222;Eine achtzehn Meter lange Ameise mit einem Hut auf dem Kopf,                 das gibt es nicht, das gibt es nicht. Eine Ameise, die einen Karren                 zieht, randvoll mit Enten und Pinguinen [\u2026], das gibt es nicht,                 das gibt es nicht. Und &#8211; warum nicht?!&#8220; ((2))               <\/p>\n<p>Was sich so kinderleicht anh\u00f6rt, surrealisiert das Wissen um                 die unvorstellbaren Deportationsz\u00fcge im absurden Bild. Erinnern                 wir uns daran, dass gerade Kinder einen schwellenlosen Zugang                 zum Unbewussten haben, machen wir einen entscheidenden Sprung                 in die Vision des Robert Desnos: &#8222;Mit dem verschleierten hellblauen                 Blick eines \u201awachen Schl\u00e4fers&#8216; [\u2026] geh\u00f6rte er zu denen, die am                 meisten dazu beigetragen haben, dem Surrealismus seine frenetische                 Faszination zu geben.&#8220; ((3))               <\/p>\n<p>Zu allen Praktiken bereit, die einen Zugang zum Unbewussten zu                 \u00f6ffnen versprachen, f\u00f6rderte er in hypnotischen Sitzungen und                 den des &#8222;automatischen&#8220; Schreibens und Malens wahrhaft prophetische                 Texte und Zeichnungen zu Tage &#8211; ins Leere f\u00fchrende Zugschienen,                 Todesahnungen\u2026 <\/p>\n<p>Um eine in der Lebenspraxis direkt ansetzende Revolution, nicht                 um eine verr\u00fcckt-skurrile k\u00fcnstlerische \u00c4sthetik ging es den Dadaisten                 und Surrealisten in dieser Zwischenkriegszeit, in der der wirtschaftspolitische                 Kollaps radikal neue Ans\u00e4tze notwendig und m\u00f6glich machte. Die                 Freiheit zu Terror pervertierende Trag\u00f6die der franz\u00f6sischen Revolution                 hatte Desnos hellsichtig genug gemacht, um sich gegen den Eintritt                 der Surrealistengruppe um Breton in die kommunistische Partei                 Frankreichs zu stellen. <\/p>\n<p>Desnos Revolte f\u00fchrte diesen kommunikationsorientierten Dichter,                 Maler und Journalisten zu Radio und Film &#8211; und in sp\u00e4terer Konsequenz                 zur Widerstandsgruppe &#8222;Agir&#8220;. Als London-Korrespondent ist ihm                 mit zu verdanken, dass England den Bombenvorkehrungen der Nazis                 in der Normandie zuvorkommen konnten. Auf die aktuell gebliebene                 revolution\u00e4re Parole von 1789 &#8222;La libert\u00e9 ou la mort&#8220;\/ &#8222;Freiheit                 oder Tod&#8220; antwortete Desnos 1927 mit seiner Schrift &#8222;La libert\u00e9                 ou l&#8217;amour!&#8220;\/ &#8222;Freiheit oder Liebe!&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr Desnos war das keine Theorie, sondern Lebenspraxis.<\/p>\n<p>Wenn Hilfe und Widerstand anstanden, war Desnos unwiderruflich                 da. Seine zuweilen kindlich-ungest\u00fcme Kompromisslosigkeit hat                 ihn am Ende wom\u00f6glich die letzte \u00dcberlebenschance gekostet. <\/p>\n<p>Am Ende meines Besuchs zeigte mir Jacques Fraenkel ((4))                 einen noch unver\u00f6ffentlichten Brief von Youki, in welchem sie                 das &#8222;peinliche&#8220; Zeugnis eines Kameraden von Desnos zitiert, der                 miterlebte, wie letzterer sich weigerte, in einen der R\u00fccktransportz\u00fcge                 nach Paris zu steigen, denn er wollte seine im Lager geschriebenen                 Werke wiederfinden. Diese hatte er in einer Schokoladenbonbonschachtel                 der Marke &#8222;Marquise de S\u00e9vign\u00e9&#8220; aufbewahrt; die Schachtel war                 verschwunden, wahrscheinlich hatte ein ausgehungerter Kamerad                 gehofft, darin etwas Essbares zu finden. Desnos wurden indessen                 warme Socken geschenkt, die mit Typhus infiziert waren\u2026<\/p>\n<p>Doch hatte sich der hungrige Kamerad nicht ganz geirrt: Robert                 Desnos besa\u00df die Kunst und die Intuition, mit seinen Worten zu                 n\u00e4hren. Jacques Fr. erz\u00e4hlte bewegt, wie er als kleiner j\u00fcdischer                 Junge in den nach Trauer und Gefahr riechenden Verstecken unter                 dem t\u00f6dlichen Schweigen seiner Eltern doppelt zu verhungern drohte.                 Seine Rettung war Robert Desnos. Denn der brachte ihnen gef\u00e4lschte                 Papiere &#8211; und Geschichten, die dem Kind bis zum n\u00e4chsten Rendez-vous                 Stoff zum Tr\u00e4umen schenkten.<\/p>\n<h3>&#8222;J&#8217;\u00e9cris pour donner rendez-vous&#8220; &#8211; &#8222;Ich schreibe, um mich zu                 verabreden.&#8220; <\/h3>\n<p>Als Desnos dann selbst in Gefangenschaft geraten war, setzte                 er in den Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern seinen Kampf                 f\u00fcr Freiheit und Liebe mit der surrealen Energie des Wortes fort.                 Nach kulturellen Vortr\u00e4gen zu Beginn konzentrierte er mit zunehmender                 physischer Schw\u00e4che seine Kraft darauf, die qu\u00e4lenden Tr\u00e4ume seiner                 Kameraden hoffnungsvoll zu deuten und den Leidenden erl\u00f6sende                 Zukunftsphantasien aus den H\u00e4nden zu lesen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was ich hier oder andernorts schreibe, wird wohl im Laufe der k\u00fcnftigen Jahre nur ein paar Vereinzelte interessieren. Alle 25 oder 30 Jahre wird man in vertraulichen Ver\u00f6ffentlichungen meinen Namen und einige Textausz\u00fcge ausgraben, immer dieselben. Die Kindergedichte werden ein wenig l\u00e4nger \u00fcberleben als der Rest. Ich geh\u00f6re zum Kapitel begrenzter Neugierde. 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