{"id":11454,"date":"2012-09-01T00:00:34","date_gmt":"2012-08-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11454"},"modified":"2022-07-26T14:22:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:29","slug":"free-pussy-riot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/free-pussy-riot\/","title":{"rendered":"Free Pussy Riot!"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte ist folgende: Eines Tages betraten ein paar junge Frauen eine Kirche in Moskau. Nicht irgendeine Kirche, sondern die gr\u00f6\u00dfte und bedeutendste. An hohen orthodoxen Feiertagen wird sie vom russischen Pr\u00e4sidenten, dem Ministerpr\u00e4sidenten und anderen Halunken besucht. Aber an jenem Tag waren nur ein paar Leute anwesend und es war eigentlich nichts Besonderes los. Die jungen Frauen begannen ein Lied zu singen, oder vielmehr ein Gebet. Es enthielt eine Bitte an Gott (eine weibliche Art Gott, was f\u00fcr die orthodoxe Kultur untypisch ist), Putin rauszuwerfen.<\/p>\n<p>Die Aktion fand im Februar statt, kurz vor den russischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Zweck der Aktion war, gegen Wladimir Putins Versuch, zum dritten Mal Pr\u00e4sident des Landes zu werden, zu protestieren. Tats\u00e4chlich besagt die russische Verfassung, dass niemand mehr als zweimal Pr\u00e4sident werden darf. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Die jungen Frauen nannten sich &#8222;Pussy Riot&#8220; &#8211; eine Punkrockband. Ihr Auftritt in der Kirche dauerte etwa zwei Minuten, dann verschwanden sie wieder. Zun\u00e4chst regte sich niemand weiter auf. Aber als die Medien die Aktion gro\u00df rausbrachten, bekam die Polizei den Befehl, die Frauen zu verhaften und ins Gef\u00e4ngnis zu stecken. Am 17. August wurden sie von einem Moskauer Gericht zu zwei Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p>Es gab eine gro\u00df angelegte, wunderbare Kampagne zur Unterst\u00fctzung von &#8222;Pussy Riot&#8220;.<\/p>\n<p>In Moskau selbst gab es Dutzende Proteste, in anderen St\u00e4dten mehr als f\u00fcnfzig. Viele russische Prominente, bekannte SchriftstellerInnen und K\u00fcnstlerInnen unterzeichneten offene Briefe.<\/p>\n<p>Weltber\u00fchmte MusikerInnen wie Paul McCartney, Sting, die Red Hot Chili Peppers, The Who, Pulp und Bj\u00f6rk beteiligten sich ebenso wie zahlreiche Menschenrechts-, Umwelt- und andere Gruppen. Die Kampagne erfuhr gro\u00dfe Aufmerksamkeit in den Medien. Aber all das fruchtete nichts &#8211; aus einem einfachen Grund: Wladimir Putin ist w\u00fctend. Und wenn der russische Diktator w\u00fctend ist, dann h\u00f6rt er auf niemanden.<\/p>\n<p>Der ganze Fall klingt wie eine Episode aus &#8222;Alice im Wunderland&#8220;, er ist voller Absurdit\u00e4ten und Paranoia. Vielleicht fragt ihr euch, was das russische Gesetz zu Aktionen wie der oben beschriebenen sagt. Die Antwort ist fast zu einfach, um wahr zu sein: Es sagt nichts. In Russland ist das Singen von Liedern nicht strafbar, weder in Kirchen noch anderswo. Auch das Herumlaufen in Kirchen ist nicht verboten. Nat\u00fcrlich kann es sein, dass manchen Leuten diese Art von Aktion nicht gef\u00e4llt. Aber \u00f6ffentliches Missfallen ist noch lange kein Straftatbestand. Zumindest war das in Russland so, bevor Wladimir Putin das Land zum dritten Mal zu regieren begann.<\/p>\n<p>Die Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen im vergangenen Winter und Fr\u00fchjahr waren von den gr\u00f6\u00dften politischen Protesten begleitet, die Russland im 21. Jahrhundert erlebt hat. F\u00fcr Wladimir Putin kam dies einer pers\u00f6nlichen Beleidigung gleich. Wie ein w\u00fctender Schuljunge sinnt er nun auf Rache &#8211; und er nimmt keine R\u00fccksichten.<\/p>\n<p>&#8222;Pussy Riot&#8220; hat sich ausgerechnet in der Kirche gegen Putin ausgesprochen &#8211; der Kirche, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Staatsmacht so vehement unterst\u00fctzt. Ob die jungen Frauen damit gegen ein Gesetz versto\u00dfen haben, ist vollkommen unerheblich. Sie haben Wladimir Putin beleidigt, direkt vor seiner Wiederwahl. Kurz zuvor waren mehrere M\u00e4nner, die am 6. Mai an einer Demonstration der Opposition teilgenommen hatten, verhaftet worden. Und die Polizei verfolgt noch immer Menschen, die Wladimir Putin vor seinem Amtsantritt beleidigt haben.<\/p>\n<p>Vor kurzem wurde ein neues Gesetz verabschiedet. Es richtet sich gegen gemeinn\u00fctzige Organisationen wie zum Beispiel Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, politische Initiativen und WahlbeobachterInnen. Das Gesetz wird mehrere dieser Organisationen zwingen, ihre Arbeit einzustellen, und andere an den Rand des Ruins bringen. Der Grund ist einfach: Diese Organisationen haben die Forderung der Opposition nach fairen Wahlen zu sehr unterst\u00fctzt. Ein weiteres soeben in Kraft getretenes Gesetz sieht Geldstrafen von bis zu 30.000 Dollar f\u00fcr die Teilnahme an der falschen Demonstration vor. &#8222;Falsch&#8220; bedeutet in diesem Fall &#8222;gegen Putin gerichtet&#8220;.<\/p>\n<p>Putins Wut ist inzwischen ma\u00dflos. Ich w\u00e4re nicht \u00fcberrascht, wenn er anfinge, an seinen politischen Widersachern Kannibalismus zu praktizieren. Sehr wahrscheinlich werden wir den Beginn massenhafter Repression erleben. Werden am Ende die Lebenden die Toten beneiden? Einzig die Antwort auf diese Frage ist bislang noch ungewiss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte ist folgende: Eines Tages betraten ein paar junge Frauen eine Kirche in Moskau. 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