{"id":11457,"date":"2012-09-01T00:00:01","date_gmt":"2012-08-31T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11457"},"modified":"2022-07-26T14:12:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:19","slug":"menschenrechtliche-arbeit-die-nicht-in-der-luft-schwebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/menschenrechtliche-arbeit-die-nicht-in-der-luft-schwebt\/","title":{"rendered":"&#8222;Menschenrechtliche Arbeit, die nicht in der Luft schwebt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Wie ist Dein politischer Lebensweg verlaufen? Was waren entscheidende Erlebnisse und Einfl\u00fcsse?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Wolf-Dieter Narr (WDN):<\/em><\/strong> Der politische Lebensweg hat entscheidend damit zu tun [\u2026], dass ich 1937 geboren bin. Im Jahr des Ho\u00dfbach-Protokolls, ein Jahr bevor die Nazis in \u00d6sterreich einmarschiert sind, in dem Jahr wo der Vierjahresplan schon ein Jahr gedauert hat.<\/p>\n<p>Und dass vor allem mein Vater oder meine Eltern &#8211; meine Mutter nicht ausdr\u00fccklich &#8211; Nazis waren. Mein Vater war zur Zeit meiner Geburt schon in den Parteidienst eingetreten und ich selber war dann bis ich acht Jahre alt war &#8211; also bis 1945 &#8211; ein voller kindlicher Nazi.<\/p>\n<p>Ich habe dar\u00fcber in meinem gerade erschienen und mit Dirk Vogelskamp geschriebenen Buch &#8222;Trotzdem: Menschenrechte!&#8220; ((1)) knapp berichtet, rund um einen Abschnitt mit der \u00dcberschrift &#8222;Ich Nazijunge&#8220;, um nicht nur klar zu machen, was mich gepr\u00e4gt hat, sondern auch um die Kritik, die man betreibt, einigerma\u00dfen in Perspektive zu stellen.<\/p>\n<p>Von dieser Grundlage aus wird mein weiteres Leben in starken Ma\u00df dadurch bestimmt, dass ich bei der Reeducation &#8211; also der Erziehung zur Demokratie von den Amerikanern &#8211; voll mitgemacht habe und ich dann in meiner sp\u00e4tpubertierenden Zeit mit 16, 17, 18 Jahren meinen Vater befragte: wie ein Staatsanwalt. Er hat sich dar\u00fcber bei mir beschwert. Ich wusste: Ich habe Recht und er hat Unrecht.<\/p>\n<p>Er hat nicht das gemacht, was viele V\u00e4ter gemacht haben, er hat sich nicht verweigert, sondern im Gegenteil. Er hat mir das Gespr\u00e4ch zugestanden und wir haben tagelang \u00fcber die nationalsozialistische Herrschaft und \u00fcber sein Beteiligtsein gesprochen. [\u2026] Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was f\u00fcr Fragen ich gestellt habe, denn in der Schule haben wir dar\u00fcber nichts geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern, was er im Einzelnen geantwortet hat.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nur, dass er geantwortet hat und zwar nicht wie jemand, der ganz unschuldig oder unbeteiligt war.<\/p>\n<p>Er hat aber auch nicht wie ein &#8222;Ehemaliger&#8220; geantwortet, der nach wie vor genau die gleiche Position vertritt, die er bis 1945 vertreten hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich sind die entscheidenden Effekte von diesen Gespr\u00e4chen nicht die Erinnerungen oder Einzelheiten, sondern dass er mit mir gesprochen hat und dass ich dabei allm\u00e4hlich erkannt habe, dass die Art mit dem Nationalsozialismus und seinen Konsequenzen umzugehen nicht darin besteht, dass man die \u00e4lteren Generationen anklagt, sondern dass es auch mein Problem ist.<\/p>\n<p>Von daher hat der weitere Weg ergeben, dass ich in den 50er-Jahren Pazifist geworden bin. Schlie\u00dflich wurde ich radikaler Demokrat, zun\u00e4chst ganz im Rahmen des Grundgesetzes und mit der Zeit hat sich das dann, wenn man die Demokratie ernst nimmt, unvermeidlicher Weise etwas dar\u00fcber hinausentwickelt. Ich bin deswegen sp\u00e4ter bei verschiedenen Bewerbungen abgelehnt worden, weil ich nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung st\u00fcnde. Das hat mich aber wenig geritzt. [\u2026] Meine Position als Prof. an der FU habe ich nie verloren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter hat eine gewisse Radikalisierung eingesetzt. Ich bin 1969 Mitglied des Sozialistischen B\u00fcros geworden. Dort haben wir dann das Russel-Tribunal 1977\/78 organisiert. Ich habe dabei mitgewirkt. Danach haben wir das Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie gegr\u00fcndet. Auch da galten Grundrechte und Demokratie nicht wie es im Grundgesetz steht als ideelle Normen, die sozial nicht begr\u00fcndet sind, sondern es galt Menschen- und Grundrechte zu verstehen im Sinne des sozialen Zusammenhangs und der sozialen Konsequenzen, das hei\u00dft letztendlich sozialistisch-demokratisch.<\/p>\n<p><strong>GWR: In den 60er-Jahren warst Du Mitglied in der SPD und bist dann ausgetreten. Warum?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>WDN: <\/em><\/strong>Als ich 1963\/64 [\u2026] an die Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg gewechselt bin [\u2026] waren alle meine Freundinnen und Freunde SPDler. Wir sind t\u00e4glich Mittagessen gegangen und dann haben sie mich immer darauf gestupst und ich habe dann \u00fcberlegt, da k\u00f6nntest du ja eigentlich Mitglied werden, aber auch schon mit Vorbehalt. Mir war klar, dass die SPD nicht meine Sache ist.<\/p>\n<p>Ich hatte die gleiche Ansicht wie der Kurt Tucholsky in dem Gedicht &#8222;Machen wir nen kleinen Kompromiss&#8220;. Da geht er vor allem auf die Sozialdemokratie in der Weimarer Republik ein und schildert wie diese Partei die Chancen vers\u00e4umt hat, in dieser Republik zu k\u00e4mpfen, da sie immer wenn es darauf ankam, Kompromisse geschlossen hat.<\/p>\n<p>Es war nicht meine Sache, ich bin aber dort aktiv geworden und wurde Unterbezirksvorsitzender der Jungsozialisten.<\/p>\n<p>Den Wahlkampf 1965 habe ich mitgemacht, obwohl ich da schon skeptisch war. Wie man Wahlk\u00e4mpfe neuerdings so f\u00fchrt: indem man sich auf den Boden gelegt hat, plattgemacht hat, nichts will, au\u00dfer an die Regierung zu kommen. [\u2026] Ich bin dann aus dem Wahlkampfteam rausgegangen, weil mir diese Art von Anh\u00fcndelung an eine modifizierte CDU nicht gefallen hat. Als die SPD 1966 die Gro\u00dfe Koalition mit der CDU gemacht hat, bin ich vollends auf Distanz gegangen und habe Vortr\u00e4ge in der SPD gegen diese Regierungsbeteiligung gehalten. Ich wollte nicht aus der Partei austreten, sondern mich lieber rausschmei\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Da das dann zu lange dauerte, bin ich irgendwann in den 70er Jahren selber ausgetreten. [\u2026]<\/p>\n<p><strong>GWR: Kannst Du zur Gr\u00fcndung des Sozialistischen B\u00fcros (SB) etwas genaueres sagen? Was waren Eure Motivationen das B\u00fcro ins Leben zu rufen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>WDN:<\/em> <\/strong>Ich war bei der Gr\u00fcndung nicht dabei. [\u2026] Ich wurde f\u00fcr mich \u00fcberraschend gefragt, ich wusste gar nicht, dass mein Ruf \u00fcber Konstanz und andere als hochschulpolitische Aktivit\u00e4ten hinaus gereicht hatte. Ich war in der Notstandsdebatte der sogenannten au\u00dferparlamentarischen Opposition dabei. Ich bin dann \u00fcberraschend vom B\u00fcro gefragt worden. Just 1969 bis 1971 war ich jedoch in den USA. Seit 1975 war ich dann aktives Mitglied des SB.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du bist immer noch politisch sehr aktiv. Was sind da deine Hauptanliegen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>WDN: <\/em><\/strong>Ich bin nach wie vor im 1980 nach dem Russell Tribunal gegr\u00fcndeten Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie aktiv, vermittle diese oder jene Anregung und versuche sie umzusetzen.<\/p>\n<p>Ich war vor allem daran beteiligt, die Demonstrationsbeobachtungen zu installieren. Aktivit\u00e4ten gegen die elektronische Gesundheitskarte, gegen die durchgehend restriktive, vorurteilsfundierte Fl\u00fcchtlings- und Asylpolitik geh\u00f6ren dazu und sind zentrale Themen. Insbesondere Frontex und die Art und Weise wie die Bundesrepublik mit Asylsuchenden umgeht &#8211; besonders mit Sinti und Roma &#8211; versuchen wir ohnm\u00e4chtig zu skandalisieren. Jetzt haben Regierungsstellen wieder Leute in den Kosovo abgeschoben.<\/p>\n<p>Das ist auch der Grund, warum ich mich in der Bundesrepublik nicht als fester B\u00fcrger f\u00fchle, sondern als displaced person.<\/p>\n<p>Ich habe einen gro\u00dfen Vorteil: ich bin rechtlich Staatsb\u00fcrger. Man kann mich nicht rausschmei\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich aber in dieser Republik nicht zu Hause. Ich geh\u00f6re nicht zum wertestrotzenden und praktisch magers\u00fcchtigen &#8222;B\u00fcndnis der Demokraten&#8220; oder anderer leicht k\u00e4uflicher Make-Ups.<\/p>\n<p><strong>GWR: Kannst Du auf die Arbeit des Komitees f\u00fcr Grundrechte und Demokratie n\u00e4her eingehen und beschreiben was Ihr an Arbeiten macht?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>WDN<\/em><\/strong><em>: <strong><\/strong><\/em>[\u2026] Uns ist erst im Kampf gegen die Berufsverbote der 70er Jahre, die augenma\u00dflose Hatz gegen die terroristischen Perversionen der RAF u. a. aufgegangen, wie zentral B\u00fcrgerrechte, recht und angemessener verstanden, Menschenrechte sind. Menschenrechte werden bewusst vorstaatlich verstanden, w\u00e4hrend Grundrechte eher staatsgegebene Rechte sind. Was von sich links d\u00fcnkenden Leute leicht untersch\u00e4tzt wird, ist, dass Urteile und eigene Verhaltensweisen einen Bezug auf die Menschenrechte haben sollten; und dass es sich bei Menschenrechten in Theorie und Praxis nicht um normative Zuckerwatte handelt. Deren soziale Bedingungen in einem weiten und auf den Grund gehenden Sinne, m\u00fcssen wahrgenommen werden. [\u2026]<\/p>\n<p>Als das Komitee, 1980, gegr\u00fcndet wurde, haben wir einen Kompromiss geschlossen: Wir wollten lieber &#8222;Menschenrechte und Demokratie&#8220; als Bezeichnung.<\/p>\n<p>Es gab aber doch eine Mehrheit von Linksliberalen dabei, die lieber &#8222;Grundrechte und Demokratie&#8220; haben wollten. Die eher Radikalen sind geblieben und die eher &#8222;systemischen&#8220; Linksliberalen sind \u00fcberwiegend gegangen.<\/p>\n<p>Wir haben teils in Kontinuit\u00e4t zum Sozialistischen B\u00fcro und teils mit neuen Themen menschenrechtliche Politik im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen politischen Programms jeweils ausschnittweise betrieben. Wir haben die Berufsverbote massiv bek\u00e4mpft, haben dann das Demonstrationsrecht als zentralen Bezugspunkt genommen und uns gegen lebenslange Freiheitsstrafen und Zwangseinrichtungen generell eingesetzt. Wir haben vereinbart, dass wir keine Gelder aus staatlichen T\u00f6pfen annehmen. Wir haben uns nur \u00fcber Spenden und Mitgliedsbeitr\u00e4ge finanziert. Das ist bis heute so geblieben, weil das die Unabh\u00e4ngigkeit einer radikalen menschenrechtlichen Arbeit sch\u00fctzt. Dass menschenrechtliche Arbeit, die nicht in der Luft schwebt, sondern mit der \u00d6konomie, mit der Art der sozialen Verteilung, mit durchgehender Teilnahme \u00fcber den engen Flaschenhals sog. Repr\u00e4sentativer Demokratie und dergleichen mehr zu tun hat. F\u00fcr uns ist Freiheit und Gleichheit nicht zuf\u00e4llig zusammen. Gleichheit ist Voraussetzung von Freiheit wie wechselweise. Das geht anders nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie ist Dein politischer Lebensweg verlaufen? Was waren entscheidende Erlebnisse und Einfl\u00fcsse? Wolf-Dieter Narr (WDN): Der politische Lebensweg hat entscheidend damit zu tun [\u2026], dass ich 1937 geboren bin. 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