{"id":11478,"date":"2012-09-01T00:00:50","date_gmt":"2012-08-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11478"},"modified":"2022-07-26T14:12:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:19","slug":"parteileiche-hofft-auf-frisches-bewegungsblut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/parteileiche-hofft-auf-frisches-bewegungsblut\/","title":{"rendered":"Parteileiche hofft auf frisches Bewegungsblut"},"content":{"rendered":"<p>Das demonstrativ zur Schau gestellte Selbstverst\u00e4ndnis einer                 an solidarischen Werten orientierten Partei wurde durch selbsts\u00fcchtige                 Streitereien des F\u00fchrungspersonals so offensichtlich konterkariert,                 dass es dem Wahlvolk nicht mehr als lebendige Debattenkultur verkauft                 werden konnte. <\/p>\n<p>Wenn ein eitler M\u00f6chtegern-Napoleon gar die Aufstellung eines                 Gegenkandidaten f\u00fcr den Parteivorsitz unterbinden will, dann bekommt                 eine Diskussion mit dieser Partei \u00fcber basisdemokratische Ans\u00e4tze                 eine ganz eigene, surreale Note. <\/p>\n<p>Der (inzwischen ehemalige) Chefredakteur der Tageszeitung &#8222;Neues                 Deutschland&#8220; (ND), J\u00fcrgen Reents, flehte die Delegierten des Parteitages                 auf der Titelseite mit der Schlagzeile geradezu an, mit dem feindseligen                 Machtgeschacher aufzuh\u00f6ren: &#8222;Ihr seid nicht nur f\u00fcr Euch da!&#8220;                  ((1))<\/p>\n<p>Altbackene Propagandaslogans im NRW-Wahlkampf wie &#8222;Preise runter,                 L\u00f6hne rauf&#8220; erinnern an l\u00e4ngst vergangene DKP-Zeiten und bescheren                 fast schon wieder \u00e4hnliche Ergebnisse wie damals. Wie die Probleme                 eines prek\u00e4ren Lebens und von Hartz IV praktisch von den Betroffenen                 durch Aktionen und zivilen Ungehorsam angegangen werden k\u00f6nnten,                 dazu lebt die \u00fcbergro\u00dfe Zahl der Mitglieder der Linkspartei nichts                 vor. Sie hat sich von ihrer urspr\u00fcnglichen Klientel deutlich entfremdet.                 Dieses Feld beackert jetzt die &#8222;f\u00fcrsorgliche&#8220; SPD mit Landesmutti                 Kraft.<\/p>\n<p>Wie reagiert die Partei auf solch alarmierende Entwicklungen?                 &#8211; Ausgerechnet mit einem hochgehaltenen Schild des letzten Aufgebots                 &#8222;Ich werde Genosse&#8220; auf der Titelseite des neuen Hochglanz-Mitgliedermagazins                 &#8222;die linke!&#8220;. <\/p>\n<p>Einem von einer Werbeagentur produzierten gef\u00e4lligen Erbauungsblatt                 mit Kochrezepten f\u00fcr rote Tomatensuppe!<\/p>\n<p>Arno Kl\u00f6nne hat in der pazifistischen Zweiwochenschrift <i>Ossietzky<\/i>                 in einem Artikel mit der bezeichnenden \u00dcberschrift &#8222;Eine Partei                 zum abgew\u00f6hnen&#8220; geschrieben: &#8222;Sie wird sich, wenn sie Bedeutung                 gewinnen will, von unten her neu erfinden m\u00fcssen. Das ist dringend                 zu w\u00fcnschen.&#8220; ((2)) <\/p>\n<p>Auch &#8222;Bewegungsunternehmer&#8220; Peter Grottian versucht trotz aller                 Kritik an dieser Partei in einem offenen Brief an die neuen Vorsitzenden                 Kipping und Riexinger dieser geradezu libert\u00e4re Inhalte unterzujubeln,                 um sie damit v\u00f6llig umzupolen: &#8222;Alex Demirovic, der uns nahestehende                 unerm\u00fcdliche sozialwissenschaftliche Analytiker hat auf einem                 Rosa-Luxemburg-Symposium eine vorz\u00fcgliche, aber f\u00fcr uns alle unbequeme                 Perspektive f\u00fcr die Linke entworfen: Relativierung der Staatsfixierung                 und der Beteiligung an der repr\u00e4sentativen Demokratie &#8211; und hin                 zu einer Partei der B\u00fcrgermacht von unten. Damit w\u00e4ren erhebliche                 Konsequenzen verbunden, die man der Partei in ihrem derzeitigen                 Zustand schwer zutrauen mag.&#8220; ((3))                 &#8211; In der Tat! <\/p>\n<p>Erst jetzt, wo die Partei am Boden liegt, werden auf etwas breiterer                 Basis von beunruhigten Funktion\u00e4ren und ihr Nahestehenden neue                 Kooperationsformen von Partei und Bewegungen als Rettungsanker                 diskutiert. Erst jetzt sollen schnell neue Politikformen praktisch                 ausprobiert werden. <\/p>\n<p>Das ist sehr parteiegoistisch gedacht, um den eigenen Verein                 wom\u00f6glich auf Kosten Anderer zu retten. Und nat\u00fcrlich illusorisch,                 wenn man sich die Zusammensetzung der Mitgliedschaft etwas genauer                 ansieht. Ein echter Neuanfang mit einem Personenkreis, der die                 letzten 30 bis 40 Jahre durch das wenig emanzipatorische Politikverst\u00e4ndnis                 von Parteien (SPD, SED, PDS, DKP), sektiererischer Zirkel oder                 DGB-Gewerkschaften gepr\u00e4gt wurde und dieses in der neuen Partei                 weiterhin praktiziert, ist ziemlich unwahrscheinlich. <\/p>\n<p>Diese zahllosen Multifunktion\u00e4re, die mit der vielen Arbeit in                 Ratsfraktionen, Bezirksvertretungen, Aussch\u00fcssen und in den Parteigremien                 ohnehin schon \u00fcberfordert sind, sollen jetzt eine v\u00f6llig neue                 aktionsorientierte Bewegungspartei kreieren?<\/p>\n<p>Das parteinahe ND versucht bereits seit Jahren dem bieder-dr\u00f6gen                 Politikstil der Partei durch eine bemerkenswert vielseitige Berichterstattung                 langsam zu ver\u00e4ndern. In ihrer Mittwochsausgabe bietet sie Bewegungen                 auf ihrer APO-Seite ein Forum an. Freitags werden unter Betrieb                 &#038; Gewerkschaft sogar AnarchosyndikalistInnen und militante Fabrikbesetzungen                 nicht verschwiegen. <\/p>\n<p>Das Feuilleton bespricht B\u00fccher aus dem Verlag Graswurzelrevolution                 freundlich-ausf\u00fchrlich. Jede Wochenendausgabe maltr\u00e4tiert den                 erstarrten Parteiapparat auf zwei ganzen Seiten mit der Pr\u00e4sentation                 von gegl\u00fcckten Anarcho-Experimenten aus der ganzen Welt. <\/p>\n<p>Bei den ausf\u00fchrlichen Berichten \u00fcber Anti-Atom-Aktionen lockt                 fr\u00f6hlich das GWR-Eichh\u00f6rnchen \u00fcber den Baumkronen mit &#8222;Hallo,                 ihr k\u00f6nnt ruhig mitmachen!&#8220; Und zu guter Letzt gibt es dienstags                 auf der Seite &#8222;Gesund leben&#8220; Artikel \u00fcber die Vorteile der fleischarmen                 Vollwertkost. An mundgerecht pr\u00e4sentierten alternativen Vorschl\u00e4gen                 aus dem eigenen Blatt herrscht also kein Mangel.<\/p>\n<p>Doch nach Vollzug der abendlichen Sitzungsrituale futtern die                 hungrigen Parteimitglieder v\u00f6llig unbeirrt in den aufgesuchten                 Gasth\u00e4usern die Schnitzelparade oder die D\u00f6ner-Speisekarte rauf                 und runter und sagen: &#8222;Unser ehemaliges Zentralorgan hat uns gar                 nichts mehr vorzuschreiben!&#8220; Und weiter geht&#8217;s im alten Trott.               <\/p>\n<h3>Muss man \u00fcber den Absturz einer Partei mit solch lernunwilligen                 und erfahrungsresistenten Mitgliedern traurig sein?<\/h3>\n<p>In ihren internen Diskussionen ist immer wieder betont worden,                 dass die bisher &#8222;vernachl\u00e4ssigten&#8220; Strukturen der Partei verst\u00e4rkt                 werden sollen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versuchen sie, von den Erfolgen der Basisbewegungen                 zu profitieren. Sie wollen Parteiaufbau, wir AnarchistInnen aus                 guten Gr\u00fcnden Parteiabbau. Als MitarbeiterInnen in B\u00fcrger- und                 Basisinitiativen haben wir seit Jahrzehnten die Erfahrung gemacht,                 dass es besser ist, wenn Initiativen eine deutliche Distanz zu                 Parteien aufrecht erhalten. <\/p>\n<p>Nur hierdurch k\u00f6nnen m\u00f6glichst viele bisher Abseits stehende                 \u00fcber alle Partei- und Milieugrenzen hinweg motiviert werden, sich                 f\u00fcr ein bestimmtes Anliegen einzusetzen. Sobald ein Auftrag an                 eine Partei delegiert wird, geht&#8217;s mit der Bewegung und der Durchsetzung                 der Inhalte bergab.<\/p>\n<h3>Die Bundestagswahl 2013 wirft schon jetzt ihre Schatten voraus               <\/h3>\n<p>In dramatischen Appellen wird diese Partei im Vorfeld den Untergang                 des linken Abendlandes heraufbeschw\u00f6ren, falls sie scheitert.                 Und verst\u00e4rkt Unterst\u00fctzung von den Bewegungen einfordern. Wir                 sollten sie nicht gew\u00e4hren. Von allem, was uns wichtig ist, geht                 nichts unter, was nicht schon l\u00e4ngst bei dieser Partei den Bach                 runtergegangen ist. Wir sollten allerdings nicht wie begossene                 Pudel widerspruchslos das kommende Wahlkampftheater \u00fcber uns ergehen                 lassen, sondern unsere Parteien- und Parlamentarismuskritik, unsere                 Erfahrungen und die Darstellung unserer Teilerfolge bei au\u00dferparlamentarischen                 Aktionen fr\u00fchzeitig und offensiv in hoher Auflage als GWR-Extrablatt                 in den \u00f6ffentlichen Raum einbringen. <\/p>\n<p>Und damit ausnahmsweise einmal direkt f\u00fcr uns selbst werben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das demonstrativ zur Schau gestellte Selbstverst\u00e4ndnis einer an solidarischen Werten orientierten Partei wurde durch selbsts\u00fcchtige Streitereien des F\u00fchrungspersonals so offensichtlich konterkariert, dass es dem Wahlvolk nicht mehr als lebendige Debattenkultur verkauft werden konnte. 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