{"id":11483,"date":"2012-09-01T00:00:28","date_gmt":"2012-08-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11483"},"modified":"2022-07-26T13:31:05","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:05","slug":"gegen-die-militarisierung-der-jugend-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/gegen-die-militarisierung-der-jugend-2\/","title":{"rendered":"Gegen die Militarisierung der Jugend"},"content":{"rendered":"<p>Wie in Deutschland wurde die Wehrpflicht seit Ende des Zweiten                 Weltkriegs in vielen anderen Staaten abgeschafft oder ausgesetzt.                 In der europ\u00e4ischen Union herrscht Wehrpflicht nur noch in sechs                 der siebenundzwanzig Mitgliedstaaten (Griechenland, Zypern, \u00d6sterreich,                 Norwegen, Finnland und Estland) und von den gro\u00dfen Nato-Staaten                 h\u00e4lt allein die T\u00fcrkei an der Wehrpflicht fest. <\/p>\n<p>Ohne die M\u00f6glichkeit junge Menschen zum Dienst in ihren Armeen                 zu zwingen, verst\u00e4rken die Staaten ihre Bem\u00fchungen Jugendliche                 f\u00fcr den Milit\u00e4rdienst zu rekrutieren.<\/p>\n<p>In L\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien oder den Vereinigten Staaten ist                 dieser Prozess bereits vollzogen. <\/p>\n<p>In Deutschland steht er bevor. Aufgrund ihrer internationalen                 Zusammensetzung bot die Tagung die M\u00f6glichkeit sich auf diese                 Entwicklung vorzubereiten und von den Erfahrungen anderer anti-militaristischer                 Bewegungen zu lernen. <\/p>\n<p>Zentrales Objekt der milit\u00e4rischen Begierde ist die Schule. So                 hei\u00dft es in der Jugendpolitik des britischen Verteidigungsministerium:                 &#8222;Das Verteidigungsministerium ist an lehrplanm\u00e4\u00dfigen Aktivit\u00e4ten                 als eine weitere Art, Jugendliche als Teil der allgemeinen Jugendpolitik                 des Verteidigungsministeriums zu erreichen, beteiligt. Dieses                 bietet einzigartige und subtile Wege um das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das                 Milit\u00e4r in der breiteren Gesellschaft zu verbessern, insbesondere                 der Werte, Kultur, Traditionen und eines Ethos, die f\u00fcr die Aufrechterhaltung                 milit\u00e4rischer Effektivit\u00e4t unabdingbar sind. Auf eine unmittelbare                 Weise bietet dies M\u00f6glichkeiten, Aufmerksamkeit und Identifikation                 mit dem Milit\u00e4r zu schaffen, und zuletzt ist es ein wirkungsvolles                 Mittel zur Unterst\u00fctzung von Rekrutierung, insbesondere wenn die                 durch lehrplanm\u00e4\u00dfige Aktivit\u00e4ten erworbenen F\u00e4higkeiten einen                 direkten Bezug zu milit\u00e4rischen Anspr\u00fcchen haben&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Zu den subtilen Wegen, um das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Milit\u00e4r zu                 verbessern, geh\u00f6rt z. B. die Pr\u00e4sentation von Waffentechnik. Die                 Identifikation mit dem Milit\u00e4r beginnt in den K\u00f6pfen der britischen                 Verantwortlichen damit, &#8222;dass ein siebenj\u00e4hriger Junge einen Fallschirmspringer                 w\u00e4hrend einer Flugvorf\u00fchrung sieht und denkt: &#8218;Das sieht toll                 aus.&#8216; Ab da versucht die Armee, Interesse durch stetiges Tropf,                 Tropf, Tropf aufzubauen.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rs nutzen dabei den Vorteil, dass ihre Angebote eine                 Abwechslung vom &#8222;lahmen Schulalltag&#8220; darstellen und im Unterschied                 zu anderen Aktivit\u00e4ten z. B. Schulausfl\u00fcgen kostenlos sind, was                 insbesondere in sozial schwachen Regionen ohne ausreichendes Freizeitangebot                 von Bedeutung ist. <\/p>\n<p>Milit\u00e4rische Tugenden werden hierbei auch als Mittel gegen Disziplinlosigkeit                 im Unterricht angepriesen. <\/p>\n<p>In Deutschland bem\u00fcht sich die Bundeswehr ihre Jugendoffiziere                 als ExpertInnen f\u00fcr Frieden und Sicherheit in den Schulunterricht                 einladen zu lassen. Hierbei malen Jugendoffiziere ein Bild der                 Armee ohne ihre h\u00e4sslichen Seiten. <\/p>\n<p>Beim Versuch ihr Soldatsein als normalen Beruf zu pr\u00e4sentieren,                 blenden sie das T\u00f6ten als Kern ihrer Aufgabe gewissenhaft aus.               <\/p>\n<p>Flankiert wird die Bildungsoffensive der Bundeswehr von vielf\u00e4ltigen                 Unterrichtmaterialien, die die Stiftung Jugend und Bildung in                 Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium heraus gibt und                 auf der Internetseite www.frieden-und-sicherheit.de pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Angeboten werden Materialien zu Unterrichtsthemen wie &#8222;Herausforderungen                 f\u00fcr Frieden und Sicherheit&#8220;, &#8222;Bedrohungen im 21. Jahrhundert&#8220;,                 &#8222;B\u00fcndnisse und Organisationen&#8220;, &#8222;Politische Strategien&#8220;, &#8222;Freiwillig                 f\u00fcr Frieden und Sicherheit&#8220;.<\/p>\n<h3>&#8222;Wehrpflicht der Armut&#8220;<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich h\u00e4ngt die Freiwilligkeit junger SoldatInnen von ihrer                 sozio\u00f6konomischen Situation ab und wird mit materiellen Anreizen                 oder Privilegien erkauft. So kommen die neuen Bundeswehrfreiwilligen                 vorwiegend aus dem Osten Deutschlands und den wirtschaftsschwachen                 Regionen im Westen. (ND, 5 Juli 2012). Dementsprechend besitzt                 die Bundeswehr in manchen Arbeits\u00e4mtern, wie in Essen, Hamm und                 Paderborn, eigene B\u00fcros, und f\u00fchrt in fast allen Arbeitsagenturen                 unregelm\u00e4\u00dfig Informations- und Rekrutierungsveranstaltungen durch.<\/p>\n<p>Die &#8222;Wehrpflicht der Armut&#8220; hat auch eine rassistische Komponente.               <\/p>\n<p>In Deutschland interessieren sich \u00fcberproportional viele Aussiedler                 f\u00fcr einen Job beim Milit\u00e4r. <\/p>\n<p>In den USA erhalten ImmigrantInnen, die sich zur Armee melden,                 eine befristete Aufenthaltsgenehmigung mit der Aussicht auf eine                 beschleunigte Gew\u00e4hrung der Staatsb\u00fcrgerschaft. <\/p>\n<p>Die Verbindung von Milit\u00e4r und M\u00e4nnlichkeit ist ein anderer Aspekt,                 der bei der Rekrutierung junger Soldaten eine Rolle spielt. Hierbei                 werden von der Armee &#8222;M\u00e4nnern verschiedene Formen von M\u00e4nnlichkeit                 angeboten: der Soldat, der High-Tech-Waffen abfeuert, der Professionelle,                 der unter schwierigen Bedingungen wichtige Entscheidungen trifft                 und Leben rettet, der sorgende Ersatzvater und Anbieter von Schutz                 und Hilfe, der Tr\u00e4ger vermarktbarer F\u00e4higkeiten und der Typ, der                 erfolgreich in das Schlafzimmer seiner Freundin kommt. ((3))<\/p>\n<p>Die Anwerbung von Frauen betont entsprechend die M\u00f6glichkeit,                 sich in einem M\u00e4nnerjob selbst zu beweisen und seinen Mann gegen\u00fcber                 den Kollegen zu stehen. Der juristisch erzwungene Zugang von Homosexuellen                 zur Armee wird als Offenheit des Milit\u00e4rs verkauft.<\/p>\n<p>Die westlichen Armeen pr\u00e4sentieren sich als gute Armeenn in denen                 Frauen und Homosexuelle dienen d\u00fcrfen, im Gegensatz zum neuen                 Feindbild des islamischen Terroristen.<\/p>\n<p>Neben der Rekrutierung von Nachwuchs besteht ein weiteres Ziel                 der neuen Berufsarmeen darin<\/p>\n<p>Verbundenheit zwischen Bev\u00f6lkerung und Milit\u00e4r zu schaffen. Wovon                 Bundespr\u00e4sidenten nur tr\u00e4umen, wenn sie das &#8222;freundliche Desinteresse&#8220;                 der B\u00fcrger und B\u00fcrgerInnen an &#8222;ihrer&#8220; Bundeswehr beklagen, ist                 in Gro\u00dfbritannien bereits Realit\u00e4t. Britische Medien titulieren                 &#8222;ihre&#8220; Soldaten nur als &#8222;our heros&#8220;.<\/p>\n<h3>Militainment<\/h3>\n<p>Von Bedeutung bei der Beeinflussung Jugendlicher im Sinne des                 Milit\u00e4rs ist schlie\u00dflich auch das Militainment. <\/p>\n<p>Militainment meint die Militarisierung mit Hilfe von Kino-, Fernsehfilmen                 oder Videospielen. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich werden eine Vielzahl von Hollywoodfilmen in Kooperation                 mit der US-Armee produziert. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Actionfilme                 in denen milit\u00e4risches Ger\u00e4t zu sehen ist, dessen Verleih sich                 das Pentagon mit einer entsprechend wohlwollenden Darstellung                 des Milit\u00e4rs verg\u00fcten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In Deutschland war die Bundeswehr 2009 an der Produktion von                 22 Filmen beteiligt. <\/p>\n<p>In modernen Kriegsspielen werden Szenarien wie die Einnahme Teherans                 durch US-amerikanische Truppen und die Verfolgung von islamischen                 Terroristen, die mit zwei Atombomben nach Europa fliehen, oder                 ein Angriff der USA auf Nord-Korea nach oder vor(?)gespielt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die nord-westlichen Industrienationen zunehmend auf Berufsarmeen                 setzen, um ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen in                 der Welt durchzusetzen, findet sich in stark militarisierten L\u00e4ndern                 wie S\u00fcd-Korea, Israel oder der T\u00fcrkei entweder kein oder nur ein                 eingeschr\u00e4nktes Recht auf Kriegsdienstverweigerung. <\/p>\n<p>In dieser Hinsicht war es sehr interessant auf der Tagung KriegsgegnerInnen                 aus Amerika, Afrika, Europa und Asien zu treffen und die Berichte                 \u00fcber die Situation in ihren L\u00e4ndern zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>In S\u00fcd-Korea werden Kriegsdienstverweiger z. B. zu 1 \u00bd Jahren                 Gef\u00e4ngnis verurteilt, wonach sie als Kriminelle gelten und dann                 nicht mehr in den Streitkr\u00e4ften dienen &#8222;d\u00fcrfen&#8220;. Dies trifft vor                 allem Zeugen Jehovas, von denen seit 1950 ungef\u00e4hr 16.000 den                 Kriegsdienst verweigerten und inhaftiert wurden. Am 4. April 2012                 wurde der politische Verweigerer Yoonjong Yoo von der antimilitaristischen                 Gruppe &#8222;World without War&#8220; zu 18 Monaten Haft verurteilt.<\/p>\n<h3>Ergebnisse <\/h3>\n<p>Sehr sinnvoll und nachahmenswert war, dass sich am Sonntagvormittag                 die Arbeitsgruppen mit der konkreten Umsetzung anti-militaristischer                 Aktivit\u00e4ten besch\u00e4ftigten. <\/p>\n<p>So wurde in der Gruppe &#8222;Ausbildung gegen Militarisierung \/ Friedenserziehung&#8220;                 beschlossen, einen Blog ((4))                 einzurichten, um antimilitaristische Quellen zur Friedensarbeit                 in Schulen zu sammeln und weiterzugeben. Hierzu geh\u00f6ren spezifische                 Materialien oder Ressourcen von Interesse, einschlie\u00dflich Erfahrungen,                 die mit dem Gebrauch dieser Materialien in Klassenzimmern gemacht                 wurden, ebenso wie Kontakte zu Vortragenden, die in Schulen gehen                 k\u00f6nnen, wie VeteranInnen oder MigrantInnen aus einer Konfliktregion,                 die als betroffene Personen f\u00fcr Unterrichtsstunden oder auf einer                 geplanten Tour auftreten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Zum Zwecke einer internationalen Zusammenarbeit legt die Arbeitsgruppe                 &#8222;Schule ohne Milit\u00e4r&#8220; eine Datenbank, in der die Zusammenarbeit                 von Milit\u00e4r und Schulen und der Widerstand dagegen in verschiedenen                 L\u00e4ndern dokumentiert wird.<\/p>\n<p>Gerade in Deutschland bietet die f\u00f6derale Struktur der Bildungswesens                 gute Chancen auf erfolgreichen Widerstand, weil es im Ermessen                 jeder einzelnen Schule liegt, ob sie mit der Bundeswehr zusammenarbeitet                 oder nicht. Im Rahmen der Kampagne &#8222;Schulfrei f\u00fcr die Bundeswehr&#8220;                 haben sich bis jetzt sechs deutsche Schulen als milit\u00e4rfrei erkl\u00e4rt.               <\/p>\n<p>Um im &#8222;Krieg der Bilder&#8220; die Marketing- und PR-Strategien zu                 st\u00f6ren, mit denen die Streitkr\u00e4fte versuchen junge Menschen zu                 rekrutieren, hat sich die gleichnamige Arbeitsgruppe zum Ziel                 gesetzt antimilitaristische Zeichnungen, Bilder und Collagen zu                 produzieren und durch soziale Medien und andere Netzwerke unter                 creative commons licensing zu verteilen.<\/p>\n<p>Eine weitere Gruppe plante auf Vorschlag der DFG-VK Hessen eine                 Kampagne zur Verweigerung der Registrierung f\u00fcrs Milit\u00e4r, die                 trotz Aussetzung der Wehrpflicht weiterhin in Deutschland f\u00fcr                 M\u00e4nner und Frauen (!) gilt.<\/p>\n<p>Die letzte AG &#8222;Gegen die Militarisierung der Universit\u00e4ten&#8220; schlie\u00dflich,                 arbeitete an Materialien und Plakaten f\u00fcr die gleichnamige Aktionswoche,                 die in Deutschland vom 24. bis 29. September 2012 stattfinden                 wird. ((5)) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in Deutschland wurde die Wehrpflicht seit Ende des Zweiten Weltkriegs in vielen anderen Staaten abgeschafft oder ausgesetzt. In der europ\u00e4ischen Union herrscht Wehrpflicht nur noch in sechs der siebenundzwanzig Mitgliedstaaten (Griechenland, Zypern, \u00d6sterreich, Norwegen, Finnland und Estland) und von den gro\u00dfen Nato-Staaten h\u00e4lt allein die T\u00fcrkei an der Wehrpflicht fest. 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