{"id":11486,"date":"2012-09-01T00:00:34","date_gmt":"2012-08-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11486"},"modified":"2012-11-20T20:05:34","modified_gmt":"2012-11-20T18:05:34","slug":"zukunftstechnologie-ohne-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/zukunftstechnologie-ohne-zukunft\/","title":{"rendered":"&#8222;Zukunftstechnologie&#8220; ohne Zukunft"},"content":{"rendered":"<h3>Welt<\/h3>\n<p>Es sind vor allem Raps, Soja und Mais vom amerikanischen Kontinent,                 die weit \u00fcber die H\u00e4lfte des globalen Gentech-Anbaus ausmachen,                 wobei der Gro\u00dfteil mit 69 Millionen Hektar in den USA liegt. Dass                 Raps- und Soja\u00f6l dem Diesel und Ethanol aus Mais dem Benzin zugesetzt                 werden, um &#8222;Bio-Kraftstoff&#8220; herzustellen, treibt auch die Agrogentechnik                 an.<\/p>\n<p>Den zweiten gro\u00dfen Absatzmarkt der transgenen Ernte in Amerika                 macht das Tierfutter f\u00fcr die industrialisierte Landwirtschaft                 aus. Es sind die politischen Rahmenbedingungen, die diese Riesenm\u00e4rkte                 schaffen, und speziell die Vorgaben der USA, wo die Gentechnik-Industrie                 &#8211; namentlich Monsanto &#8211; das politische System durchdringt. <\/p>\n<p>Widerstandslos wird diese Entwicklung auf dem Kontinent nicht                 hingenommen, zumal auch die Sch\u00e4den aufgrund des Ausma\u00dfes zunehmend                 offenbar werden. So wurden Auskreuzungen festgestellt und in den                 letzten Jahren mehren sich Berichte \u00fcber &#8222;Super-Unkr\u00e4uter&#8220; in                 den transgenen Monokulturen des Kontinents, denen durch das verwendete                 Gift nicht mehr beizukommen ist und gegen die mehr Pestizide eingesetzt                 werden als zuvor.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es inzwischen mehrere Untersuchungen \u00fcber                 Sch\u00e4digung von Mensch und Tier durch den Gentech-Anbau und\/oder                 die damit verbundenen Gifte. <\/p>\n<p>Weitere L\u00e4nder in Nordamerika sind Mexiko mit 200.000 Hektar                 und Kanada mit \u00fcber 10 Millionen Hektar, womit die NAFTA also                 komplett vertreten ist. Kanadas Probleme mit transgenem Raps wurden                 durch den erfolgreichen Kampf der Landwirte Percy und Louise Schmeiser                 gegen Monsanto weltweit bekannt, als sie daf\u00fcr den Alternativen                 Nobelpreis erhielten. <\/p>\n<p>In Zentralamerika gibt es nur in Costa Rica und Honduras in geringerem                 Ausma\u00df Gentech-Anbau, doch f\u00fcr S\u00fcdamerika ist es leider einfacher,                 die L\u00e4nder zu nennen, in denen es keinen gibt: Ecuador, Venezuela,                 die benachbarten Kleinstaaten Guyana und Surinam sowie Peru, wo                 seit 2011 ein zehnj\u00e4hriges Moratorium f\u00fcr transgenen Anbau existiert.               <\/p>\n<p>In Brasilien, wo mit \u00fcber 30 Millionen Hektar nach den USA die                 weltweit gr\u00f6\u00dften Fl\u00e4che gentechnisch bebaut wird, hat Monsanto                 in diesem Jahr ein wichtiges Gerichtsverfahren verloren (und Berufung                 eingelegt): im Bundesstaat Rio Grande do Sul hatten Soja-Bauern                 darauf geklagt, das Monsanto-Saatgut wieder verwenden zu d\u00fcrfen                 und nicht nur keine Geb\u00fchren daf\u00fcr zu zahlen, sondern auch f\u00fcr                 vergangene Jahre eine R\u00fcckzahlung zu erhalten, was sich auf eine                 Summe von mehreren Milliarden Euro bel\u00e4uft.<\/p>\n<p>Verglichen mit Amerika sind 18 Millionen Hektar f\u00fcr den bev\u00f6lkerungsreichsten                 Kontinent Asien wenig, zumal \u00fcber die H\u00e4lfte auf Baumwolle in                 Indien entf\u00e4llt. Seit zehn Jahren wird dort Gentech-Baumwolle                 angebaut, mittlerweile auf etwa 90 Prozent der dortigen Baumwollfl\u00e4chen.               <\/p>\n<p>Es sind weniger die gro\u00dfen sozialen und \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den,                 sondern wirtschaftliche \u00dcberlegungen, die die Zentralregierung                 nun zu einem F\u00f6rderstop f\u00fcr (transgene) Export-Baumwolle brachten.               <\/p>\n<p>Zudem werden Gentech-Lebensmittel in Indien gar nicht angebaut,                 f\u00fcr transgene Nahrungsmittel-Importe gilt ab dem kommenden Jahr                 eine Kennzeichnungspflicht und immer mehr Bundesstaaten verbieten                 Freilandversuche. <\/p>\n<p>Ohne die starke indische Bewegung gegen Agrogentechnik, deren                 bekannteste Vertreterin die Tr\u00e4gerin des Alternativen Nobelpreises                 Vandana Shiva ist, w\u00fcrde es diese Entwicklung nicht geben.<\/p>\n<p>Weitere L\u00e4nder in Asien sind die Philippinen und Myanmar mit                 zusammen knapp einer Millionen Hektar. 2,6 Millionen Hektar sind                 es in Pakistan, doch wurde in diesem Jahr f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Baumwolle                 produzierende Provinz Punjab beschlossen, aus wirtschaftlichen                 Erw\u00e4gungen keine Gentech-Baumwollsaat zu akzeptieren. China war                 2011 mit nicht einmal 4 Millionen Hektar dabei und erlaubt dieses                 Jahr keinen Gentech-Anbau, Russland fiel und f\u00e4llt ganz aus.<\/p>\n<p>Australien rangiert mit 0,7 Millionen Hektar unten in der Statistik                 und auch Afrika bleibt mit etwa 2,6 Millionen Hektar in drei L\u00e4ndern                 (\u00c4gypten, Burkina Faso, S\u00fcdafrika) sicher weit hinter den Branchenerwartungen                 zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Und es geht weiter: im westafrikanischen Burkina Faso wurden                 im vergangenen Jahr 300.000 Hektar mit transgener Baumwolle bepflanzt                 &#8211; 70 Prozent der Baumwoll-Anbaufl\u00e4che &#8211; doch wird in diesem Jahr                 fast ausschlie\u00dflich konventionelles Saatgut verwendet, da Ertr\u00e4ge                 und Qualit\u00e4t ausgesprochen schlecht waren.<\/p>\n<p>Insgesamt waren die Signale der AfrikanerInnen gegen\u00fcber der                 Agrogentechnik bisher eher negativ, sei es, weil Exportverluste                 nach Europa bef\u00fcrchtet werden oder weil es ein auf Erfahrung beruhendes                 Misstrauen gegen\u00fcber neuen Technologien aus dem Norden gibt. <\/p>\n<p>Im Laufe der Zeit hat es mehrere Anl\u00e4ufe gegeben, transgenen                 Mais aus den USA in D\u00fcrregebiete Afrikas zu liefern und so den                 Widerstand zu brechen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Sambia solche Lieferungen 2002 strikt abgelehnt hat,                 nahm Kenia das Angebot 2011 unter Auflagen an, so soll beispielsweise                 die Aussaat ausgeschlossen werden. Inzwischen ist auch die Bill                 &#038; Melinda Gates Foundation (teilweise zusammen mit der Rockefeller                 Foundation und der gemeinsamen &#8222;Allianz f\u00fcr eine Gr\u00fcne Revolution                 in Afrika&#8220;) in Sachen Gentech-Mission angetreten, wird aber nicht                 zuletzt wegen ihrer Monsanto-N\u00e4he sehr kritisch gesehen. <\/p>\n<h3>Europa<\/h3>\n<p>In mehreren EU-L\u00e4ndern findet aufgrund von staatlichen Verboten                 gar kein Anbau statt, \u00fcbrig bleibt nur noch die Iberische Halbinsel,                 vor allem Spanien. Dort wurden fast 100.000 Hektar mit transgenem                 Mais bepflanzt, und zur weiteren Steigerung wird nun an einem                 Regelwerk zur Verringerung der Entfernung zu gentechnikfreien                 Feldern gearbeitet. <\/p>\n<p>Bei den Freisetzungen nicht zugelassener Agrogentechnik-Pflanzen                 sieht es \u00e4hnlich aus: es gab im Mai nur 41 neue Antr\u00e4ge &#8211; vor                 drei Jahren waren es noch \u00fcber 100 &#8211; von denen 30 aus Spanien                 kamen. Durch Wikileaks wurde bekannt, welchen Druck die Gentechnik-Industrie                 \u00fcber die US-Botschaft auf die Politik der Regierungsparteien PP                 (aktuell) und PSOE (fr\u00fcher) aus\u00fcbt und wie sehr sich deren Vertreter                 wiederum dort anbiedern und geradezu um Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre                 Position in Br\u00fcssel flehen. <\/p>\n<p>Gleichzeitig verdeutlichen die Wikileaks-Berichte, wie genau                 Protest wahrgenommen und als bedrohlich empfunden wird.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die Gentechnik-Politik der EU uneinheitlich.<\/p>\n<p>Sowohl der Pr\u00e4sident der EU-Kommission als auch der zust\u00e4ndige                 Kommissar sind explizite Bef\u00fcrworter und auch die f\u00fcr die wissenschaftliche                 Bewertung zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde EFSA, deren N\u00e4he zur Agrogentechnik-Industrie                 immer wieder f\u00fcr Schlagzeilen sorgt, gibt grunds\u00e4tzlich positive                 Empfehlungen ab. So bewertete sie vor kurzem drei transgene Maissorten                 positiv, wurde aber \u00fcberraschenderweise vom EU-Kommissar zur neuerlichen                 \u00dcberpr\u00fcfung aufgefordert, so dass zumindest in diesem Jahr nicht                 mit der Mais-Zulassung zu rechnen ist.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb der EU ist die T\u00fcrkei zu nennen, wo Anbau und Produktion                 transgener Lebensmittel verboten sind, der Import von Gentech-Tierfutter                 (Mais und Soja) aber erlaubt wurde. In der ISAAA-Liste taucht                 das Land nicht auf, es gibt also auch keinen Anbau f\u00fcr Zwecke                 au\u00dferhalb der Nahrungsmittelproduktion.<\/p>\n<h3>Deutschland<\/h3>\n<p>Die Auslagerung der BASF-Agrogentechnik aus Europa in die USA                 hat in der Bundesrepublik eine erfreuliche Kettenreaktion ausgel\u00f6st.               <\/p>\n<p>Die Kleinwanzlebener Saatzucht KWS beh\u00e4lt ihre Konstrukte im                 Gew\u00e4chshaus, der transgene Schaugarten im sachsen-anhaltinischen                 \u00dcplingen und das AgroBioTechnikum bei Rostock, ein Zentrum des                 Gentech-Filzes, liegen brach, weil der Haupt-F\u00f6rderer abhanden                 gekommen ist. Es gibt bundesweit erstmals seit Jahren keinen Anbau                 mehr, da die BASF-Kartoffel Amflora vom Konzern aus dem Verkehr                 gezogen wurde und der Monsanto-Mais ohnehin verboten ist. <\/p>\n<p>Auch die Freisetzungen, also die Ausbringung nicht zugelassener                 transgener Pflanzen, sind stark geschrumpft. In diesem Jahr sind                 es drei Freisetzungen auf insgesamt weniger als einem Hektar,                 von denen inzwischen nur noch die H\u00e4lfte steht, nachdem Agrogentechnik-GegnerInnen                 sich der Felder angenommen haben (zum Vergleich: noch vor f\u00fcnf                 Jahren gab es etwa 80 Freisetzungen auf fast 700 Hektar und Anbau                 auf fast 2.700 Hektar). <\/p>\n<p>Zwei der Freisetzungen laufen Ende diesen Jahres aus, die dritte                 ist bis zum 31.10.2013 genehmigt. Unter den gegebenen Umst\u00e4nden                 wird auch diese letzte Freisetzung im kommenden Jahr vermutlich                 nicht stattfinden, und Neuanmeldungen sind eher unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Dagegen gibt es inzwischen gentechnikfreie Regionen auf \u00fcber                 einer Million Hektar mit mehr als 30.000 beteiligten LandwirtInnen                 bundesweit, Tendenz steigend. Dem Europ\u00e4ischen Netzwerk gentechnikfreier                 Regionen geh\u00f6ren 55 europ\u00e4ische Regionen mit mehr als 140 Millionen                 EinwohnerInnen an; Th\u00fcringen ist Mitglied, seit kurzem auch wieder                 Schleswig-Holstein, Baden-W\u00fcrttemberg plant den Eintritt.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Die Gentech-Industrie hat enorme Macht und Ressourcen, die sie                 oft gewinnbringend einsetzen kann, doch auch ihre Probleme nehmen                 zu. <\/p>\n<p>Zum einen ist es der Widerstand, der mit einer Vielfalt von Protestformen                 Erfolge hat, die sich in Meinungsbildung und teilweise politischen                 Entscheidungen umsetzt. <\/p>\n<p>Ohne die ablehnende Haltung der Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde es die gesetzlichen                 Verbote nicht geben, und ohne die Bewegung w\u00e4re der Aufkl\u00e4rungsgrad                 der \u00d6ffentlichkeit wesentlich geringer. <\/p>\n<p>Zum anderen sind es zunehmend wirtschaftliche Gr\u00fcnde, da nun                 oft offenbar wird, wie wenig die Industrie-Werbung mit der Realit\u00e4t                 zu tun hat.<\/p>\n<p>Mancher wird erst durch Schaden klug wie die Baumwollbauern in                 Burkina Faso, andere wie ihre Kollegen im Punjab wehren den Anf\u00e4ngen.               <\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich gibt es noch die unberechenbare Biologie. Die                 Umgebung reagiert nicht immer so, wie die Industrie es gern h\u00e4tte.                 Organismen entwickeln Resistenzen gegen Gifte, die sie t\u00f6ten sollen                 oder reagieren empfindlich, wo das \u00fcberhaupt nicht eingeplant                 war.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus besitzen Pflanzen ein &#8211; bisher nicht einmal ann\u00e4hernd                 verstandenes &#8211; Arsenal an Anpassungsm\u00f6glichkeiten, das auch Reparaturmechanismen                 einschlie\u00dft. So k\u00f6nnen Eigenschaften, die ihnen durch gentechnische                 Manipulation aufgezwungen wurden und zudem keinerlei Vorteil bringen,                 wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Dann ist die profitable Eigenschaft                 ganz pl\u00f6tzlich hin und eine &#8222;gentechnisch optimierte&#8220; Kartoffel                 ist dann zwar noch gentechnisch, aber so optimiert wie andere                 Knollen. <\/p>\n<p>Im kommenden Jahr wird die ISAAA wieder einen neuen Bericht herausbringen,                 aber man kann davon ausgehen, dass hinter der Hochglanz-Fassade                 die Vorstellung vom eigenen Scheitern konkreter wird.<\/p>\n<p>Agrogentechnik ist eben keine Zukunftstechnologie &#8211; ihre Produkte                 sind veraltet, \u00fcberfl\u00fcssig und gef\u00e4hrlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welt Es sind vor allem Raps, Soja und Mais vom amerikanischen Kontinent, die weit \u00fcber die H\u00e4lfte des globalen Gentech-Anbaus ausmachen, wobei der Gro\u00dfteil mit 69 Millionen Hektar in den USA liegt. 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