{"id":11493,"date":"2012-09-01T00:00:40","date_gmt":"2012-08-31T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11493"},"modified":"2022-07-26T14:22:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:29","slug":"explosiv-wie-malville","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/explosiv-wie-malville\/","title":{"rendered":"Explosiv wie Malville"},"content":{"rendered":"<p>Das 350 EinwohnerInnen-Dorf Le Chefresne ist bekannt geworden,                 weil es sich vom Stromnetzunternehmen RTE nicht kaufen lie\u00df und                 gegen den Bau einer Hochspannungstrasse \u00e0 zwei mal 400.000 Volt                 k\u00e4mpft. 197.518 Euro bot RTE an. <\/p>\n<p>Das ist der Jahreshaushalt der Kommune. Damit soll f\u00fcr die Hochspannungsleitung                 (HSL) Akzeptanz geschaffen werden. 46 Gemeinden sprachen sich                 zu Beginn gegen die neue Hochspannungsleitung aus. Heute sind                 es nur noch vier. Der Widerstand wurde &#8222;gekauft&#8220; sagen viele.                 Das ist keine neue Taktik der Atommafia. <\/p>\n<p>AKW-Standorte oder auch die Gegend um Bure (geplantes Atomm\u00fcllendlager                 in Lothringen) wurden in \u00e4hnlicher Art und Weise &#8222;konvertiert&#8220;.                 Doch tot ist der Widerstand in der Normandie nicht &#8211; im Gegenteil.                 Seit Beginn der Bauarbeiten Ende 2011 hat er sich auf die Baustellen                 verlagert. Dabei ger\u00e4t &#8222;das Ganze&#8220;, n\u00e4mlich die Atom- und Energiepolitik                 nicht aus dem Blickfeld.<\/p>\n<p>Ich habe die Widerstandstage im Juni zum Anlass genommen, mir                 ein pers\u00f6nliches Bild von der Situation zu machen. Zur\u00fcck komme                 ich begeistert und schockiert, voller Hoffnung und w\u00fctend zugleich.<\/p>\n<p>Unterwegs war ich mit Schreibblock, Diktafon und Fotoapparat                 &#8211; Schwimmbrille und Mundschutz geh\u00f6rten bei der Demonstration                 am 24. Juni auch dazu. Denn mein Presseausweis h\u00e4tte mich vor                 der Polizeigewalt nicht sch\u00fctzen k\u00f6nnen!<\/p>\n<h3>Das Widerstandscamp in Montabot<\/h3>\n<p>Sorge, das Camp nicht zu finden, brauchen sich die BesucherInnen                 nicht machen. Der Hubschrauber im Tiefflug zeigte wo es hin geht.                 An etlichen Stra\u00dfenkreuzungen standen schwerbewaffnete Menschen                 in Uniform, die meinen Ausweis sehen wollten. Das war die Milit\u00e4rpolizei.                 Wer Atomkraft sagt, sagt auch Polizeistaat. Der Schock war nach                 20 Stunden Zugreise gro\u00df, die Anspannung sofort zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>PressevertreterInnen waren auf dem Camp unerw\u00fcnscht. Das sorgte                 f\u00fcr Diskussionen, denn ein Anliegen war ja auch, Inhalte des Antiatomkampfes                 nach Au\u00dfen zu tragen. Es herrschte aber Misstrauen der Presse                 gegen\u00fcber. Und die Angst vor Repression. Erst wenige Tage vorher                 waren drei AktivistInnen f\u00fcr einen Tag in Gewahrsam genommen worden.                 Ihr Vergehen?<\/p>\n<p>Sie haben anl\u00e4sslich der Demonstrationen gegen den letzten Gorleben-Castor                 in Valognes mit der Presse geredet und werden f\u00fcr die &#8222;unerlaubte                 bewaffnete Zusammenrottung&#8220; und Sachbesch\u00e4digungen an der Bahnanlage                 (mit)verantwortlich gemacht. <\/p>\n<p>Ich schloss mich &#8222;Altermedia&#8220; an, der Berichtserstattung aus                 der AktivistInnen-Perspektive. Altermedia achtet auf Anonymit\u00e4t.                 Es hat mit dem Nazi-Internetportal &#8222;altermedia&#8220; nichts zu tun,                 sondern ist eine Wortsch\u00f6pfung der alternativen Szene in Frankreich                 und steht f\u00fcr alternative Medien, selbstgemacht, selbstbestimmt,                 in Abgrenzung zum Mainstream. <\/p>\n<p>Ca. 400 Menschen hatten ihr Zelt aufgeschlagen. Die Workshops                 waren gut besucht.<\/p>\n<p>EinwohnerInnen kamen auch vorbei. Die Einheimischen beleuchteten                 die Geschichte der Atompolitik in der Normandie. <\/p>\n<p>Es ging gleich nach dem Krieg mit der milit\u00e4rischen Nutzung der                 Atomkraft los. Die \u00d6kobewegung hat es dann schwer gehabt. Bei                 ihrem Entstehen waren bereits Tatsachen geschaffen worden.<\/p>\n<p>Landwirte erz\u00e4hlten von ihren Problemen mit den bestehenden Hochspannungsleitungen.<\/p>\n<p>In der Normandie gibt es bereits zwei Leitungen. Verringerte                 Milchproduktion, pl\u00f6tzlicher Tod bei vielen Tieren sind die Folge.                 In solchen F\u00e4llen bieten das Stromnetzunternehmen RTE, die Landwirtschaftskammer                 und das Landwirtschaftsministerium Geld. In den Vertr\u00e4gen steht                 dann, dass \u00fcber dessen Inhalt niemand unterrichtet werden darf,                 ohne dass dies schriftlich von den Parteien genehmigt wird. Wer                 sein Schweigen bricht, muss das Geld zur\u00fcck zahlen. Eine effektive                 Art, die Auswirkungen der Hochspannungsleitung zu verstecken.               <\/p>\n<p>Ein Bauer erkl\u00e4rte, die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung um die                 Trasse habe immerhin ein paar Betroffene dazu gebracht, das Tabu                 zu brechen. Das feuchte Klima und der eisenreiche Boden beg\u00fcnstigen                 Streustrom. Das wird als Ursache f\u00fcr die Probleme angesehen. Gesicherte                 Erkenntnisse gibt es aber nicht. <\/p>\n<p>Dass es denn TeilnehmerInnen ums Ganze ging, zeigte sich bei                 einem gut besuchten Workshop um internationale Energie-Gro\u00dfprojekte.                 Angelpunkt war die so genannte europ\u00e4ische Stromautobahn. Von                 der Normandie, \u00fcber Spanien und &#8222;Desertec&#8220; nach Deutschland. Die                 Normandie produziert bereits 300% ihres eigenen Stromverbrauchs!                 Ein neues AKW befindet sich im Bau; ein riesiges Gezeitenkraftwerk                 ist in Planung. Als ich die Situation in Deutschland schilderte,                 die neuen Kohlekraftwerke und den geplanten Bau von neuen Hochspannungsleitungen                 erw\u00e4hnte, wurde die Br\u00fccke zur &#8222;Europ\u00e4ischen Stromautobahn&#8220; geschlagen.                 Der gemeinsame Nenner der genannten Projekte ist der Zentralismus                 und ihre Durchsetzung \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschen hinweg. Energiewende                 ja, aber dezentral! Dar\u00fcber waren sich alle Beteiligten einig.<\/p>\n<h3>Aktion und Explosion am 24. Juni<\/h3>\n<p>&#8222;Wer hat noch keine Schwimmbrille? Wo ist das Augensp\u00fclmittel                 hin? Wer hat Atemschutzmasken \u00fcbrig?&#8220; Die Polizeipr\u00e4senz um das                 Camp lie\u00df bef\u00fcrchten, dass diese Ausr\u00fcstung ben\u00f6tigt wird. <\/p>\n<p>Es sollte an diesem verregneten Tag zwei Demonstrationsz\u00fcge geben.                 Eine ruhige Demo mit Kind und Kegel und eine &#8222;offensive&#8220; Demonstration                 mit einer geplanten Stra\u00dfenblockade. Die DemonstrantInnen waren                 dementsprechend mit Schutzbrillen, Masken und Gegenst\u00e4nden zum                 Barrikadebau ausger\u00fcstet. Barrikaden geh\u00f6ren in Frankreich regelm\u00e4\u00dfig                 zu einer Demonstration dazu. Sitzblockaden werden von der Polizei                 mit Tr\u00e4nengas angegriffen. <\/p>\n<p>Die &#8222;Divergenz-Aktionen&#8220; sollten die Logistik der Polizei beeintr\u00e4chtigen.                 Nur so h\u00e4tten sich andere dem Objekt des Protestes n\u00e4hern k\u00f6nnen:                 den Strommasten.<\/p>\n<p>So weit kam es an diesem Sonntag nicht. Die &#8222;ruhige Demonstration&#8220;                 wurde nach wenigen Hundert Metern mit Tr\u00e4nengas angegriffen und                 musste den R\u00fcckzug antreten.<\/p>\n<p>Der &#8222;offensiven&#8220; Demonstration erging es nicht viel anders &#8211;                 trotz Ausr\u00fcstung, die mir in der Situation wie eine Ritterr\u00fcstung                 aus dem Mittelalter vorkam.<\/p>\n<p>Die Polizei griff nach Hundert Meter ohne Vorwarnung an. Der                 schmale Waldweg wurde den DemonstrantInnen zum Verh\u00e4ngnis. Bereits                 beim ersten Angriff gab es Schwerverletzte. Ein Teil der DemonstrantInnen                 wich in ein Feld aus. Die Verletzten wurden versorgt.<\/p>\n<p>Doch selbst auf die Sanit\u00e4terInnen, die sich um die Verletzten                 k\u00fcmmerten, schoss die Polizei. Eine Praxis die selbst in einer                 Kriegssituation als Verbrechen gegen die Menschheit gilt.<\/p>\n<p>Innerhalb einer halben Stunde wurden ca. 25 Menschen verletzt.                 Die meisten durch die Splittergranaten. Eine Frau wurde von 15                 Splitterteilen am ganzen K\u00f6rper (Brust und Vagina inklusive) verletzt.                 Ein Splitterteil wurde im Krankenhaus entfernt, weil ein Nerv                 durchgeschnitten wurde &#8211; was ihr Schwierigkeiten bei der Steuerung                 ihrer Finger bereitet. <\/p>\n<p>&#8222;In unserer sch\u00f6nen Demokratie darf mit Kriegswaffen auf die                 Bev\u00f6lkerung geschossen werden&#8220;, erkl\u00e4rten die DemonstrantInnen                 sp\u00e4ter. <\/p>\n<p>Zwei Personen wurden am Auge schwer verletzt. Einen Demonstranten                 traf eine Granate am Kopf, ihm bleibt an einem Auge nur noch 1\/20                 der Sehf\u00e4higkeit. Er wurde bewusstlos zum Camp zur\u00fcck gebracht,                 der Krankenwagen wurde \u00fcber eine halbe Stunde von der Polizei                 in Campn\u00e4he festgehalten. Ein zweiter Krankenwagen erreichte nie                 sein Ziel. Die anderen Verletzten mussten auf eigene Faust mit                 FreundInnen zum Krankenhaus. Was keine einfache Sache war, die                 Polizei hatte Sperren um die Krankenh\u00e4user eingerichtet, um an                 die Identit\u00e4t der Verletzten zu kommen.<\/p>\n<h3>Der Tag nach dem Schock<\/h3>\n<p>&#8222;Es hat mich an Malville erinnert; das war das Aus der Antiatombewegung&#8220;,                 erkl\u00e4rte mir ein etwa 60j\u00e4hriger Aktivist.<\/p>\n<p>Malville steht f\u00fcr den schnellen Br\u00fcter Superphoenix und den                 Tod von Vital Michalon 1977. Eine Splittergranate traf damals                 Vital Michalon auf Brusth\u00f6he, kurz darauf starb er, offiziell                 an einem Herzinfarkt. Mehre Demonstranten verloren eine Hand oder                 einen Fu\u00df, als die Granaten explodierten. Genau solche Granaten                 setzte die Polizei in Montabot ein: Bei der Explosion dieser Granante                 ist eine extrem laute Detonation zu h\u00f6ren (160 Dezibel), Gummigeschosse                 sowie Splitterteile aus Metall verteilen sich. Eine Explosion                 am Boden macht einen Krater von einigen Zentimeter. Die Splitterteile                 der Granate k\u00f6nnen Menschen treffen und sich mehrere Zentimeter                 durch das Fleisch in den K\u00f6rper fressen.<\/p>\n<p>Malville war f\u00fcr viele Menschen ein Schock. Viele resignierten.                 Es wurde nach &#8222;Schuldigen&#8220;, nach &#8222;Erkl\u00e4rungen&#8220; gesucht. Eine Spaltung                 der Antiatombewegung war die Folge. Zwischen &#8222;guten&#8220; und &#8222;b\u00f6sen&#8220;                 DemonstrantInnen, zwischen &#8222;militanten&#8220; und &#8222;gewaltfreien&#8220;. <\/p>\n<p>Genau diese Schw\u00e4chung wollte der Staat erreichen. Es war das                 Ende einer Massenbewegung (mit wenigen Ausnahmen in der Zeit danach),                 die von der Staatsgewalt niederschlagen wurde und sich dann selbst                 zerfleischte.<\/p>\n<p>Wie es sich in der Normandie nun, nach der Wende vom 24. Juni                 entwickeln wird, ist ungewiss. Es f\u00fchlte sich an diesem Tag besonders                 seltsam an. Die Geschichte war nicht weit &#8211; damit ist Malville                 gemeint.<\/p>\n<p>Die Bewegung in ihrer Vielfalt muss sich zun\u00e4chst mit sich selbst                 besch\u00e4ftigen und einen gemeinsamen Weg finden. Die Nachbereitung                 hat bereits angefangen.<\/p>\n<p>Ihre bittere Entt\u00e4uschung formulierten zahlreiche AnwohnerInnen.                 &#8222;In der Presse ist nur die Rede von Chaoten, das war ein Fehler,                 den Journalisten den Zutritt zum Camp zu verbieten. Die haben                 nur die Bilder der Auseinandersetzung mit der Polizei!&#8220; <\/p>\n<p>Der Schock bringt Unterschiede zu Tage. Die einen lehnen das                 ganze System ab, die anderen engagieren sich allgemein gegen die                 Atomkraft, andere st\u00f6rt es nur weil es den eigenen Garten betrifft.<\/p>\n<p>Was den Widerst\u00e4ndigen am meisten zu schaffen macht sind Ohnmachtgef\u00fchle.                 Die Explosion vom 24. Juni war eine Folge der Entwicklungen seit                 Baubeginn im November. <\/p>\n<p>Der Staat steigert die Intensit\u00e4t der Repressionsma\u00dfnahmen: Festnahmen,                 Hausdurchsuchungen, Hubschrauber im Tiefflug \u00fcber die H\u00e4user zur                 Tages- und Nachtzeit und nun der Einsatz von Splittergranaten                 bei Demonstrationen &#8211; dazu war es vorher noch nicht gekommen.                 Bei den EinwohnerInnen liegen die Nerven blank. <\/p>\n<p>Die Anspannung, auch innerhalb der Bewegung, muss aus dieser                 Perspektive betrachtet werden. &#8222;Der Staat reagiert mit dieser                 Gewalt, weil wir einfach zu gut sind&#8220;, schmunzelt ein Aktivist.                 Er h\u00e4lt eine 21 Seiten lange einstweilige Anordnung in der Hand.                 Das Stromnetzunternehmen RTE untersagt ihm, sich einem Strommast                 zu n\u00e4hern. Pro Versto\u00df und angefangener Stunde muss er 2000 Euro                 zahlen. Begr\u00fcndet wird dies mit den \u00fcber 60 Sabotageaktionen an                 Masten oder Baustellenmaterial seit Beginn der Bauarbeiten. <\/p>\n<p>Polizeibekannte Menschen haben diese Verf\u00fcgung vor den Aktionstagen                 von Polizisten pers\u00f6nlich ausgeh\u00e4ndigt bekommen. Die Liste ist                 nicht einmal vollst\u00e4ndig, erkl\u00e4rt ein anderer Aktivist mit gl\u00e4nzenden                 Augen. \u00dcber 60 Sabotageaktionen und es wurde keiner erwischt &#8211;                 bei der Polizei liegen die Nerven auch blank. <\/p>\n<p>Das ist nicht zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Streit und Anspannung \u00fcberwiegen an diesem Tag. Werden die Sabotageaktionen                 aber erw\u00e4hnt, gibt es viel Gel\u00e4chter. Ein Grund zu denken, dass                 es weiter gehen wird. Ihr Ziel haben die Menschen nicht aus den                 Augen verloren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 350 EinwohnerInnen-Dorf Le Chefresne ist bekannt geworden, weil es sich vom Stromnetzunternehmen RTE nicht kaufen lie\u00df und gegen den Bau einer Hochspannungstrasse \u00e0 zwei mal 400.000 Volt k\u00e4mpft. 197.518 Euro bot RTE an. Das ist der Jahreshaushalt der Kommune. 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