{"id":11496,"date":"2012-09-01T00:00:03","date_gmt":"2012-08-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11496"},"modified":"2022-07-26T14:12:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:19","slug":"anarchoa-invasion-im-dorf-eindrucke-aus-st-imier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/anarchoa-invasion-im-dorf-eindrucke-aus-st-imier\/","title":{"rendered":"Anarcho\/a-Invasion im Dorf: Eindr\u00fccke aus St. Imier"},"content":{"rendered":"<p>Die AnarchistInnen waren zur 140. Jubil\u00e4umsfeier der Gr\u00fcndung                 der &#8222;Internationalen Arbeiter-Assoziation&#8220; (IAA) 1872 (nach dem                 Bruch zwischen Marx und Bakunin in der I. Internationale) gekommen.               <\/p>\n<p>Doch fremd waren den BewohnerInnen die f\u00fcr meinen Geschmack noch                 immer zu einheitlich Schwarzgekleideten keineswegs: Der Anarchismus                 geh\u00f6rt zum Teil ihrer Dorfgeschichte, die IAA wurde 1872 schlie\u00dflich                 im hiesigen Rathaus gegr\u00fcndet. Kein Wunder also, dass wir AnarchistInnen                 von D\u00f6rflerInnen freundlich gegr\u00fc\u00dft oder uns beim Utensilienkauf                 in Gesch\u00e4ften (etwa den typisch schweizerischen Stromstecker-Adapter                 f\u00fcr die Steckdosen) &#8222;ein sch\u00f6nes Treffen noch&#8220; gew\u00fcnscht wurde.                 Wenn ich da an die DorfbewohnerInnen meines bayrischen Geburtsortes                 denke&#8230;<\/p>\n<p>Das Programm war inhaltlich vielf\u00e4ltig, mit Vortr\u00e4gen zu historischen                 oder \u00f6kologischen Themen, mit morgendlichen separaten oder gemischten                 Treffen zum Anarchafeminismus oder etwa Workshops zum Zivilen                 Ungehorsam oder zur Situation der AnarchistInnen in bestimmten                 Staaten (z.B. Griechenland, Wei\u00dfrussland oder Brasilien). <\/p>\n<p>Doch f\u00fcr den Ansturm der Massen war die Anzahl der Angebote insgesamt                 viel zu klein. So gab es lange Schlangen und ungeheure \u00dcberf\u00fcllung                 in den fast f\u00fcr jedes Thema zu kleinen R\u00e4umen. Wenn dann noch                 die \u00dcbersetzung in mehrere Sprachen nicht im Vorhinein gut vorbereitet                 war oder nicht klappte, oder wenn beim ersten Diskussionsbeitrag                 zu einem ebenso langen Co-Referat angesetzt wurde, konnte es schon                 geschehen, dass es zu Wutausbr\u00fcchen, Verlassen des Saales oder                 spontanen Arbeitsgruppen im Freien kam. <\/p>\n<p>Schnell entstanden die \u00fcblichen Probleme \u00fcber patriarchalisches                 Rollen- und Redeverhalten. Anarchistische Feministinnen klebten                 vor dem Anlaufpunkt, dem Espace Noir, dem ehemaligen Gewerkschaftshaus                 der anarchistischen Uhrmacher-Handwerker, einen Aushang, der zur                 Gender-R\u00fccksicht durch Moderation, alternierendes Sprechen von                 Frauen und M\u00e4nnern oder zum Recht auf Abbruch eines Statements                 durch die deutliche Formung eines gro\u00dfen G mittels den H\u00e4nden                 aufforderte.<\/p>\n<p>Trotz allem war die Stimmung pr\u00e4chtig. In den Veranstaltungen,                 die ich miterlebte, bestand eine sehr gute Mischung aus Jung und                 Alt, auch ein sehr gro\u00dfes Interesse Jugendlicher an historischen                 Themen &#8211; viele schrieben die Thesen der Vortr\u00e4ge mit. Bei den                 Diskussionen zeigte sich gleichzeitig auch eine gro\u00dfe Informiertheit                 am Thema und sogar die M\u00f6glichkeit, detaillierter zu werden, tiefer                 zu dringen und manche libert\u00e4re Interpretationen mit vielen zu                 teilen, f\u00fcr die man\/frau in der publizistischen \u00d6ffentlichkeit                 doch lange Zeit einsam stritt und nur sporadisch positive R\u00fcckmeldung                 aus dem internationalen anarchistischen Milieu bekam.<\/p>\n<p>Marianne Enckell vom anarchistischen Dokumentationsarchiv CIRA                 aus Lausanne machte an verschiedenen Tagen in wechselnden Sprachen                 einen gut besuchten Rundgang zu historischen St\u00e4tten in St. Imier.<\/p>\n<p>Die insgesamt vier Tage dauernde internationale libert\u00e4re Buchmesse                 war st\u00e4ndige Gespr\u00e4chsgelegenheit und sehr gut besucht (besonders                 gro\u00dfes Interesse bestand beim GWR-Stand am Seidman-Buch &#8222;Gegen                 die Arbeit&#8220;). <\/p>\n<p>So manche \u00dcberraschung konnte ich erleben, etwa als ich einen                 D\u00f6rfler, Sven, kennen und sch\u00e4tzen lernte, der vor vielen Jahren                 als Jugendlicher in der Kneipe des Espace Noir ausgeschenkt hatte.                 Damals h\u00f6rte er Punk und ist heute S\u00e4nger klassischer Arien, kennt                 fast alle Welt im Dorf, aber blieb seinen libert\u00e4ren Ideen treu                 &#8211; schon durch famili\u00e4re Herkunft aus einer vormaligen ketzerischen                 Wiedert\u00e4ufertradition, die in dieser Gegend der Schweiz sehr verbreitet                 ist.<\/p>\n<p>Wo so wenig Reibungspunkte zwischen &#8222;InvasorInnen&#8220; und \u00f6rtlicher                 Bev\u00f6lkerung bestand, musste f\u00fcr jene, die mit weniger Feier- und                 Diskussionsbedarf, sondern eher mit einer Art Aktions\u00fcberhang                 angereist waren, das Konfliktpotential erst noch gesucht werden.                 Und innerhalb der eigenen Reihen wurde es dann auch gefunden.                 Obwohl mehrere vegane Volxk\u00fcchen f\u00fcr das leibliche Wohl aller                 TeilnehmerInnen sorgten (mit sp\u00fcrbarem Grummeln mir bekannter                 \u00e4lterer AnarchistInnen, die dann im Gasthof Steak essen gingen),                 hatte sich im hinteren Hof des Espace Noir eine Wurstbraterei                 eines \u00f6rtlichen migrantischen Grillstandbetetreibers am Abend                 etabliert. Diese wurde am vorletzten Abend von VeganerInnen angegangen.                 Mit k\u00f6rperlichem Einsatz und fest eingehakt formierten sich diese                 zu einem Blockadering um seinen Wurststand, verlasen in dramatischem                 Ton eine Erkl\u00e4rung und sch\u00fctteten mehrmals Wasser auf seinen gl\u00fchenden                 Rost, was durchaus aggressiv und gef\u00e4hrlich wurde.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam es zum Handgemenge, bei dem einige \u00e4ltere Fleich                 essende Anarchisten die anarchistischen VeganerInnen als &#8222;Faschisten&#8220;                 bezeichneten: auch wieder daneben. <\/p>\n<p>Obwohl selbst Veganer, sehe ich hier aber doch eine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig                 harte Aktion gegen einen \u00f6rtlichen Menschen durchgef\u00fchrt, der                 nun wirklich nicht zur Speerspitze der Fleischindustrie geh\u00f6rt                 &#8211; wo es ein einfacher Infoflyer oder ein Versuch eines argumentativen                 Gespr\u00e4chs doch auch getan h\u00e4tte. Hier brach sich m.E. ein oft                 beobachtbares Ph\u00e4nomen der Veganszene Bahn, n\u00e4mlich die Unf\u00e4higkeit,                 die eigenen Aktionen entsprechend einer differenzierten Analyse                 dosieren zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Wenn es jemand in St. Imier gab, der nach diesem Treffen von                 AnarchistInnen die Schnauze voll hatte, dann wohl dieser Kollege,                 der zum Espace Noir gute Beziehungen pflegte. Und er wird sicher                 der Letzte sein, der durch diese Aktion vom Veganismus \u00fcberzeugt                 werden konnte. <\/p>\n<p>Die wirklichen Gegner m\u00fcssen durch direkte gewaltfreie Aktionen                 bek\u00e4mpft werden. Innerhalb der eigenen Reihen reichen gute Argumente!                 Denn trotz allem ist der Veganismus innerhalb der anarchistischen                 Bewegung nahezu unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Und die hat an                 Argumenten, Ideen und Theorien in fast jedem gesellschaftlichen                 Bereich, das zeigte dieses einmalige und leider zu kurze transnationale                 Treffen, zuhauf!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die AnarchistInnen waren zur 140. Jubil\u00e4umsfeier der Gr\u00fcndung der &#8222;Internationalen Arbeiter-Assoziation&#8220; (IAA) 1872 (nach dem Bruch zwischen Marx und Bakunin in der I. Internationale) gekommen. 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