{"id":11504,"date":"2012-09-01T00:00:00","date_gmt":"2012-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11504"},"modified":"2022-07-26T14:22:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:29","slug":"das-grab-der-guerrilleros","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/das-grab-der-guerrilleros\/","title":{"rendered":"Das Grab der Guerrilleros"},"content":{"rendered":"<p>Der linksrevolution\u00e4re bewaffnete Kampf der siebziger Jahre war,                 wie der politische Aufbruch des vorherigen Jahrzehnts, ein globales                 Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>&#8222;Er war keine Marginalie&#8220;, schreibt die Sozialforscherin Pilar                 Calveiro, die durch die H\u00f6lle der argentinischen Folterzentren                 ging: &#8222;Die Anwendung von Gewalt wurde quasi zur <i>conditio sine                 qua non<\/i> f\u00fcr die radikalen Bewegungen jener Jahre&#8220;. ((3))               <\/p>\n<p>Die internationalistische Denkweise der sechziger Jahre degenerierte                 nur ein Jahrzehnt sp\u00e4ter (auch) zum Bauplan f\u00fcr milit\u00e4rische Auseinandersetzungen.                 Denn kaum einmal wurden nationale Grenzen in einem solchen Ma\u00dfe                 \u00fcberschritten wie w\u00e4hrend des &#8222;revolution\u00e4ren Kampfes&#8220; der bewaffneten                 Linken und des &#8222;Kriegs gegen der Terrorismus&#8220;, den die Herrschenden                 dekretierten. <\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den gelegentlich hilflosen Versuchen der <i>global                 history<\/i>, f\u00fcr das Jahr 1968 Kausalbeziehungen zwischen unterschiedlichen                 Ereignissen herzustellen, sind solche Verbindungen im Falle der                 siebziger Jahre greifbar und konkret.<\/p>\n<p>Die skandal\u00f6s beg\u00fctigende Politik der Regierung Schmidt-Genscher                 gegen\u00fcber der argentinischen Milit\u00e4rdiktatur (1976-1983) beispielsweise                 l\u00e4sst sich nur begreifen, wenn man bewusst h\u00e4lt, dass zur gleichen                 Zeit, 1977, der sogenannte &#8222;Deutsche Herbst&#8220; eine Terroristenhysterie                 im Lande sch\u00fcrte, in der mancher gegen ein &#8222;blutiges Gro\u00dfreinemachen&#8220;                 gegen Linke nach argentinischem Vorbild nichts einzuwenden hatte.                  ((4)) <\/p>\n<p>Aber auch ganz unmittelbar \u00fcberschritten politischer Terrorismus                 und offener Staatsterror nationale Grenzen: Bewaffnete Widerstandsgruppen                 kooperierten ebenso wie Regierungen und Geheimdienste miteinander,                 sie belieferten sich &#8211; wenn auch in unterschiedlichem Ma\u00dfe &#8211; mit                 Waffen, bildeten einander aus und legitimierten ihr Tun durch                 \u00d6ffentlichkeitsarbeit im In- und Ausland. <\/p>\n<p>Eine globale Perspektive darf freilich nicht dazu f\u00fchren, nationale                 Unterschiede zu vernachl\u00e4ssigen. <\/p>\n<p>In Deutschland wurde der politische Terror der <i>Roten Armee                 Fraktion<\/i> (RAF) zum Vorwand, die politische Kritik der 60er                 Jahre insgesamt zu verwerfen.<\/p>\n<p>Nachdem ein Teil der nicht-parlamentarischen, radikalisierten                 Linken in den 80er Jahren auf diesen Versuch der <i>Geschichtsentsorgung<\/i>                 noch mit einer extrem intoleranten Beharrungsmentalit\u00e4t reagiert                 hatte, hat der gr\u00f6\u00dfte Teil der linken Bewegungen sich mittlerweile                 ebenfalls weitgehend von allen heroisierenden Lesarten des gewaltsamen                 politischen Kampfes verabschiedet. Ganz anders war die Lage dagegen                 bis vor kurzem in Argentinien. <\/p>\n<h3>Im Schatten der <i>Montoneros<\/i>: Der bewaffnete Kampf in Argentinien                 (1970-1977)<\/h3>\n<p>Bewaffnete linksrevolution\u00e4re Gruppen monopolisierten (auch)                 in Argentinien w\u00e4hrend der 70er Jahre die politischen Hoffnungen                 von 1968 mit Gewalt. Der hochtrabende Traum vom revolution\u00e4ren                 B\u00fcndnis der Studierenden- und ArbeiterInnenschaft wurde durch                 die Zunahme des politischen Terrors <i>ad absurdum<\/i> gef\u00fchrt.               <\/p>\n<p>Im Mai 1969 hatten im argentinischen C\u00f3rdoba Studentinnen und                 Studenten und Arbeiterinnen und Arbeiter noch gemeinsam gegen                 die Einf\u00fchrung der Samstagsarbeit demonstriert. ((5))               <\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter war an einen solchen gemeinschaftlichen                 Protest nicht l\u00e4nger zu denken. Die klandestinen Strukturen bewaffneter                 Gruppen isolierten sie von m\u00f6glichen B\u00fcndnispartnern und der sozialen                 Basis, f\u00fcr die sie doch zu k\u00e4mpfen beanspruchten. Die immer brutalere                 Repression des Staates machte ihrerseits die Arbeit anderer politischer                 Gruppen fast unm\u00f6glich. <\/p>\n<p>Im Inneren reproduzierten die Guerillaorganisationen durch ihre                 zunehmende Militarisierung eben jene autorit\u00e4ren Strukturen, die                 sie eigentlich bek\u00e4mpfen wollten. <\/p>\n<p>Die herrschenden Eliten dagegen nahmen die zunehmende Militarisierung                 sozialer Konflikte zum Vorwand, die Gesellschaft mit einer Welle                 brutalster Gewalt zu \u00fcberziehen. Die Verteidigung der Menschenrechte                 interessierte im Grunde keinen der Beteiligten. <\/p>\n<p>Wie auch in anderen L\u00e4ndern der Welt radikalisierten sich in                 Argentinien zu Beginn der 70er Jahre vor allem Teile einer b\u00fcrgerlichen,                 akademisch gebildeten Jugend, deren B\u00fcndnis mit anderen sozialen                 Kr\u00e4ften oft kaum mehr war als eine Erkl\u00e4rung des guten Willens                 und deren Lebenserfahrung sich in Grenzen hielt. <\/p>\n<p>Argentinische Guerillagruppen wie die <i>Fuerzas Revolucionarias                 Armadas<\/i> (FRA) [&#8218;Bewaffnete Revolution\u00e4re Kr\u00e4fte&#8216;] oder der                 trotzkistische <i>Ej\u00e9rcito Revolucionario del Pueblo<\/i> (ERP)                 [&#8218;Revolution\u00e4res Heer des Volkes&#8216;] unterschieden sich kaum von                 anderen bewaffneten, linksrevolution\u00e4ren Gruppen in Lateinamerika,                 Europa oder den USA. Sie orientierten sich an den Schriften Maos                 und Che Guevaras, blickten mit Bewunderung auf die Kubanische                 Revolution und waren der \u00dcberzeugung, nur eine zu allem entschlossene                 &#8222;Avantgarde&#8220; k\u00f6nne den Umsturz herbeif\u00fchren und die &#8222;tr\u00e4gen Massen                 aufr\u00fctteln&#8220;. <\/p>\n<p>Ein genuin argentinisches Ph\u00e4nomen dagegen waren die <i>Montoneros.<\/i>                 Sie waren wesentlich aus der <i>Juventud Peronista<\/i> (JP) [&#8218;Peronistische                 Jugend&#8216;] hervorgegangen, wurden 1970 mit dem Mord an Ex-Diktator                 General Pedro Eugenio Aramburu schlagartig ber\u00fchmt und waren nicht                 nur zahlenm\u00e4\u00dfig die St\u00e4rkste der drei genannten Gruppen. Die <i>Montoneros<\/i>                 vereinten heterogenes, linksradikales Gedankengut mit einer geradezu                 mystischen Verehrung f\u00fcr Juan Domingo Per\u00f3n, den ebenso popul\u00e4ren                 wie populistischen vormaligen Regierungschef Argentiniens. <\/p>\n<p>Vor allem aber galt ihre Liebe dessen verstorbener Frau &#8222;Evita&#8220;,                 die sie in den Stand einer regelrechten Mutter Gottes erhoben.                 &#8222;Evita Montonera&#8220; hie\u00df eine wichtige Zeitschrift der Gruppe, und                 auch bei politischen Graffitis fehlte selten der emphatische Ausruf                 &#8222;Evita!&#8220;, egal, was die Botschaft sonst noch vermitteln sollte.                  ((6)) <\/p>\n<p>Nach Per\u00f3ns Sturz 1955 hatten sich die Positionen innerhalb der                 machtvollen peronistischen Bewegung Argentiniens extrem polarisiert.                 F\u00fcr Linksperonisten bedeutete eine R\u00fcckkehr Per\u00f3ns aus dem spanischen                 Exil den Beginn der Revolution.<\/p>\n<p>Rechtsperonisten erhofften sich eine Stabilisierung des Landes                 und das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der ungeb\u00fchrlichen Linken. <\/p>\n<p>Die Spaltung war so tief, dass, als Per\u00f3n am 20. Juni 1973 tats\u00e4chlich                 kam, Links- und Rechtsperonisten sich blutige Feuergefechte auf                 dem Flughafen <i>Ezeiza<\/i> lieferten, w\u00e4hrend sie auf ihren gemeinsamen                 Helden warteten&#8230; ((7)) <\/p>\n<p>Von Spanien aus hatte Per\u00f3n den bewaffneten Kampf der <i>Montoneros<\/i>                 noch gutgehei\u00dfen und ihm viel Zulauf verschafft.<\/p>\n<p>1970 hatte er verk\u00fcndet: &#8222;Die Diktatur, die unser Vaterland peitscht,                 wird in ihrer Gewalt nicht nachgeben, es sei denn, vor einer noch                 gr\u00f6\u00dferen Gewalt. [&#8230;] Die kommende Revolution muss gewaltt\u00e4tig                 sein&#8220;. ((8)) Nach seiner R\u00fcckkehr                 an die Macht erwartete er jedoch, dass die <i>Montoneros<\/i> ihren                 Kampf einstellen und die konservative Politik seines Regimes st\u00fctzen                 w\u00fcrden. Sie taten es nicht. Eine Serie von \u00dcberf\u00e4llen, Entf\u00fchrungen,                 Attentaten, Morden und Aufstandsversuchen folgte, die die militaristische                 und politische Rechte unter anderem 1973 mit der Gr\u00fcndung der                 Todesschwadron <i>Triple A<\/i> [&#8218;Dreifach A&#8216; f\u00fcr <i>Alianza Anticomunista                 Argentina<\/i>, &#8218;Argentinische Antikommunistische Allianz&#8216;] beantwortete.               <\/p>\n<p>Deren Morde wurden pikanterweise von dem rechtsperonistischen                 Minister f\u00fcr Soziale Wohlfahrt Jos\u00e9 L\u00f3pez Rega koordiniert. <\/p>\n<p>1974 mordete die <i>Triple A<\/i> statistisch gesehen bereits                 alle 19 Stunden. ((9)) Folter                 geh\u00f6rte &#8211; im Gegensatz zu den <i>Montoneros<\/i> &#8211; f\u00fcr sie zum                 t\u00e4glichen Handwerk. Und auch die Praxis des &#8222;Verschwindenlassens&#8220;                 [vgl. GWR 369] begann schon lange vor der Diktatur. Als diese                 am 24. M\u00e4rz 1976 begann, erhoffte sich eine deutliche Mehrheit                 der argentinischen Bev\u00f6lkerung, dass das blutige Chaos von Terror                 und Gegenterror endlich ein Ende nehmen w\u00fcrde. ((10))                 Tats\u00e4chlich jedoch sollte sich der Staatsterrorismus in sieben                 Jahren Diktatur auf ein in Lateinamerika bis dahin nicht gekanntes                 Ma\u00df steigern.<\/p>\n<h3><i>Nada de h\u00e9roes<\/i> [&#8218;Wahrlich keine Helden&#8216;]. Die <i>Montoneros<\/i>                 w\u00e4hrend der Diktatur (1976-1983)<\/h3>\n<p>Verteidiger der Junta rechtfertigen deren ungeheuerliche Verbrechen                 bis heute mit den vermeintlichen Notwendigkeiten des &#8222;Kriegs gegen                 die Subversion&#8220;. Fest steht jedoch, dass bereits 1977 alle bewaffneten                 Guerillagruppen des Landes milit\u00e4risch zerschlagen waren. <\/p>\n<p>Innerhalb kaum eines Jahres verloren 2000 tats\u00e4chliche oder vermeintliche                 <i>Montoneros<\/i> ihr Leben. Der ERP wurde ausgel\u00f6scht. Am 23.                 November 1976 kritisierte der Schriftsteller Rodolfo Walsh, der                 innerhalb der <i>Montoneros<\/i> den Rang eines Majors bekleidete,                 in einem internen Communiqu\u00e9 den wirklichkeitsfernen Triumphalismus                 seiner Gruppe und warnte davor, die eigenen St\u00e4rken hochzuspielen:                 &#8222;Wir m\u00fcssen uns an das halten, was w<i>irklich<\/i> ist, und nicht                 an das, was in den B\u00fcchern steht [&#8230;]. Einer der gro\u00dfen Erfolge                 unseres Feindes war es, den Krieg gegen <i>uns<\/i> f\u00fchren zu k\u00f6nnen,                 und nicht gegen die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Und das ist zu einem                 gro\u00dfen Teil unsere Schuld, weil wir uns mit unserem Ideologismus                 isoliert haben und f\u00fcr wirkliche Menschen keine politischen Vorschl\u00e4ge                 hatten. [&#8230;] Es ist falsch, dass sie [die Milit\u00e4rs, Anm. MB]                 keine Reserven mehr haben und hektisch Truppen von einem Ort zum                 anderen verschieben. Sie setzen uns schwer zu, und brauchen dazu                 nur einen minimalen Bruchteil ihrer Kr\u00e4fte. Sie machen Fortschritte                 sowohl im Politischen als auch im Milit\u00e4rischen. Wir sind in beiden                 Bereichen auf dem R\u00fcckzug. [&#8230;] Wir m\u00fcssen selbstkritischer sein,                 und realistischer&#8220;. ((11))               <\/p>\n<p>Seine Worte stie\u00dfen auf taube Ohren. Die Spitze der <i>Montoneros<\/i>                 war \u00fcberzeugt, dass es gen\u00fcge, eine kleine Gruppe von Aktivisten                 &#8211; einige hundert &#8211; im In- und Ausland kampfbereit zu halten, um                 doch noch den Sieg davonzutragen. <\/p>\n<p>Mit dieser Politik lieferte sie die Mehrheit der eigenen Basis                 im wahrsten Sinne des Wortes den Milit\u00e4rs ans Messer. <\/p>\n<p>1979 befahl der Kommandorat von Havanna aus sogar eine Gegenoffensive                 (!), die zu diesem Zeitpunkt f\u00fcr die beteiligten Aktivistinnen                 und Aktivisten blanker Selbstmord war. <\/p>\n<p>Die Sicherheitsvorkehrungen f\u00fcr die <i>Guerilleros<\/i> waren                 so lax, dass der argentinische Geheimdienst SIDE sie in aller                 Ruhe an den Grenzen erwarten und postwendend in die Folterzentren                 expedieren konnte. <\/p>\n<p>2003 kam es in Argentinien zu einem Prozess gegen die ehemaligen                 Spitzen der <i>Montoneros<\/i>, der kl\u00e4ren sollte, wie ein solcher                 Massenmord an den eigenen Leuten m\u00f6glich gewesen sein konnte.                 Es stellte sich heraus, dass einige Kommandeure mit den Milit\u00e4rs                 konspiriert hatten, um sich selbst zu sch\u00fctzen oder politische                 Vorteile zu erlangen. ((12))               <\/p>\n<p>Der Irrsinn des militarisierten Widerstands war mit H\u00e4nden zu                 greifen. Rodolfo Walsh war bereits 1977 auf offener Stra\u00dfe von                 einem milit\u00e4rischen Greifkommando erschossen worden. Die Geschichte                 der bewaffneten revolution\u00e4ren Linken endete in Argentinien in                 einem See aus Blut.<\/p>\n<h3>Fragen an Lebende und Tote. Die z\u00f6gerliche Aufarbeitung (1983-2003)<\/h3>\n<p>Angesichts der Verbrechen der Junta lie\u00df die kritische Aufarbeitung                 der linksrevolution\u00e4ren Gewalt in Argentinien lange auf sich warten.                 Es war schlie\u00dflich schwierig genug, die Verbrechen der Junta \u00f6ffentlich                 zu machen. <\/p>\n<p>Eine Mitverantwortung der Guerilla an der extremen Gewalt der                 siebziger Jahre stand f\u00fcr \u00dcberlebende und die kritische Linke                 des Landes zun\u00e4chst nicht zur Debatte. <\/p>\n<p>&#8222;W\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur&#8220;, schreibt die argentinische Kultursoziologin                 Beatriz Sarlo, &#8222;konnte man \u00fcber bestimmte Fragen nicht wirklich                 nachdenken. Man \u00fcberdachte sie vorsichtig oder verschob sie auf                 sp\u00e4ter in der Hoffnung, dass die politischen Umst\u00e4nde sich \u00e4ndern                 w\u00fcrden. Die Welt war klar in Freund und Feind getrennt, und unter                 einer Diktatur ist es entscheidend, die \u00dcberzeugung aufrecht zu                 erhalten, dass diese Trennung eindeutig ist. Die Kritik am bewaffneten                 Kampf [&#8230;] erschien auf tragische Weise paradox, wenn die Aktivisten                 gleichzeitig ermordet wurden&#8220;. ((13))               <\/p>\n<p>1984, ein Jahr nach dem Sturz der Diktatur, etablierte sich nach                 der Ver\u00f6ffentlichung des Abschlussberichts der argentinischen                 Wahrheits-Kommission, &#8222;Nunca M\u00e1s&#8220; [&#8218;Nie wieder&#8216;], die sogenannte                 &#8222;Theorie der zwei D\u00e4monen&#8220;, die ebenfalls nicht dazu angetan war,                 eine selbstkritische Aufarbeitung der gewaltsamen Vergangenheit                 seitens der Linken zu f\u00f6rdern. Nach dieser Theorie &#8211; die sich                 auf einen einzigen Satz im Vorwort des Berichts bezog ((14))                 &#8211; hatte sich die argentinische Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend der 70er Jahre                 hilflos zwischen den beiden &#8222;D\u00e4monen&#8220; des Linksradikalismus und                 des Faschismus befunden. Aber ganz davon abgesehen, dass die Bezeichnung                 &#8222;D\u00e4monen&#8220; die damaligen Akteure im Grunde von aller menschlichen                 Gemeinschaft ausschloss, ihnen somit auch keine menschlich nachvollziehbaren                 Handlungsmotivationen mehr zubilligte, suggerierte dieser Erkl\u00e4rungsansatz,                 dass die Kr\u00e4fte des Staates und der Guerilla <i>gleichstark<\/i>                 gewesen seien. <\/p>\n<p>Daf\u00fcr wurde das <i>gros<\/i> der argentinischen Bev\u00f6lkerung freim\u00fctig                 von jeder Verantwortung freigesprochen. <\/p>\n<p>Auf diesen Versuch, die Konsequenzen der j\u00fcngsten Vergangenheit                 im Qualm der H\u00f6lle verschwinden zu lassen, reagierten Menschenrechtsorganisationen                 mit einer Politik, die betonte, auch die tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen                 Mitglieder bewaffneter Gruppen seien Opfer der Diktatur gewesen:                 <i>Opfer<\/i>, und nicht <i>T\u00e4ter<\/i>. Was angesichts des durchschaubaren                 Versuchs der Politik unter den Pr\u00e4sidenten Alfons\u00edn und Menem,                 Links- und Staatsterror gleichzusetzen, nachvollziehbar war, negierte                 wiederum die Tatsache, dass die Opfer der Diktatur bewusst handelnde,                 zum Teil politisch engagierte Menschen gewesen waren. ((15))<\/p>\n<p> \u00dcber lange Jahre hinweg sprach somit auch die kritische Menschenrechtsarbeit                 in Argentinien den Opfern keine eigenst\u00e4ndige, politische Pers\u00f6nlichkeit                 zu. Man konnte demnach schlecht Fragen nach Ihrer Verantwortung                 stellen.<\/p>\n<p>Erst die Ende der 90er Jahre gegr\u00fcndete Organisation der Angeh\u00f6rigen                 von &#8222;Verschwundenen&#8220;, <i>H.I.J.O.S.<\/i>, stellte sich ausdr\u00fccklich                 gegen diese &#8222;zweite Entmenschlichung&#8220; der Toten &#8211; allerdings,                 bemerkenswerter weise, um den Preis einer neuerlichen Idealisierung                 des bewaffneten Kampfes.<\/p>\n<p><i>H.I.J.O.S.<\/i> bezeichnet bis heute pauschal alle Ermordeten                 der Junta als &#8222;Widerstandsk\u00e4mpfer&#8220;, und auch, wenn die Organisation                 ihre kritische Distanz zu den &#8222;Fehlern der Vergangenheit&#8220; immer                 wieder betont, dominieren doch eindeutig Bewunderung und Respekt                 f\u00fcr das Engagement der Elterngeneration. Hinzu kommt, dass mittlerweile                 zahlreiche ehemalige <i>Montoneros<\/i> in einflussreiche Positionen                 der argentinischen Gesellschaft ger\u00fcckt sind. Der Schriftsteller                 und &#8222;Fernsehphilosoph&#8220; Jos\u00e9 Pablo Feinmann ist nur ein besonders                 popul\u00e4res Beispiel. <\/p>\n<p>Als die Regierung Kirchner 2003 an die Macht kam, berief sie                 gezielt Ex-<i>Guerilleros<\/i> auf wichtige Posten. <\/p>\n<p>Oft sind es allerdings, Ehre, wem Ehre geb\u00fchrt, Meinungsf\u00fchrer                 wie Feinmann, die eine kritische Diskussion \u00fcber die politische                 Gewalt der 70er Jahre vorantreiben. ((16))               <\/p>\n<h3>Innere F\u00e4ulnis. Die Rolle der Literatur<\/h3>\n<p>Interessanterweise ist aber vielleicht die argentinische Literatur                 der probateste Spiegel, um zu sehen, wie sich die \u00f6ffentliche                 Wahrnehmung des <i>Guerilleros<\/i> auf Seiten der Linken zu wandeln                 beginnt. <\/p>\n<p>Aus einer selbstlosen, f\u00fcr die gute Sache k\u00e4mpfenden, ewig jungen                 und sch\u00f6nen M\u00e4rtyrerikone wird ein Bild mit deutlich st\u00e4rkeren                 Schwarz- und Graut\u00f6nen. <\/p>\n<p>Es w\u00e4re m\u00f6glich, dass die Literatur bei diesem Wandel sogar eine                 Vorreiterrolle spielt, die kritische Geister wie Beatriz Sarlo                 ihr eigentlich gar nicht mehr zubilligen mochten: &#8222;Alles, was                 man mit etwas Gl\u00fcck beim Schreiben erreichen kann, ist, die \u00fcblichen                 Themen, die allgemein angesagt sind, aus einem anderen Blickwinkel                 zu betrachten [&#8230;]&#8220;. ((17))               <\/p>\n<p>Dabei waren Diktatur und politische Gewalt jahrzehntelang alles                 andere als &#8222;g\u00e4ngige Themen&#8220; in der argentinische Literatur. Jos\u00e9                 Pablo Feinmann hat anschaulich geschildert, wie gro\u00df der Widerwillen                 der schriftstellerischen Intelligenz im Argentinien der 80er und                 fr\u00fchen 90er Jahre war, sich einem Thema wie den <i>desaparecidos                 <\/i>[&#8218;Verschwundenen&#8216;] zuzuwenden. <\/p>\n<p>Diejenigen, die es doch taten, wurden \u00f6ffentlich als &#8222;inescrupuloso&#8220;                 [&#8217;schamlos&#8216;] beschimpft, getrieben einzig von ihrem Wunsch, mit                 einem grausigen Thema Figur zu machen. Oder man bezeichnete sie                 als <i>referencialistas<\/i>, also Dichter, die die Literatur in                 den Dienst der Politik zu stellen versuchten. Oder man brandmarkte                 sie als moralvergessene Opportunisten, die nur alte Wunden aufrei\u00dfen                 wollten. ((18)) <\/p>\n<p>Zu einem Zeitpunkt, da, so Feinmann, praktisch die gesamte Welt                 Argentinien mit den Schrecken der Juntaverbrechen identifizierte,                 seien diese Verbrechen im Land selbst kein Thema gewesen &#8211; auch                 nicht in der Literatur. So tief habe der Widerwille gesessen,                 dass in Literatenkreisen sogar eine despektierliche Bezeichnung                 f\u00fcr allzu gro\u00dfes k\u00fcnstlerisches Interesse am Thema der Verschwundenen                 zirkulierte: &#8222;[la] desaparedolog\u00eda&#8220; [etwa: &#8218;Die Verschwundologie&#8216;].<\/p>\n<p>Heroisierung der Opfer war unter diesen Umst\u00e4nden in den wenigen                 literarischen Werken zum Thema kaum verwunderlich. Noch 1998 lies                 Elsa Osorio in ihrem Roman &#8222;Mein Name ist Luz&#8220; ihre Protagonistin                 lediglich ein paar knappe Bemerkungen zur linksradikalen Gewalt                 machen, die im Gesamtkontext des Werkes fast untergehen. Luz,                 eine junge Frau Anfang 20, ist ein unter der Diktatur geraubtes                 Kind und auf der Suche nach ihrer eigenen Geschichte. <\/p>\n<p>Ihre leiblichen Eltern Liliana und Carlos waren am bewaffneten                 Kampf beteiligt. Liliana wird auf offener Stra\u00dfe erschossen, Carlos                 verl\u00e4sst das Land. Seine leibliche Tochter zu finden bem\u00fcht er                 sich allerdings nie. <\/p>\n<p>Als sich beide in Madrid schlie\u00dflich doch treffen, legt Osorio                 Carlos einige S\u00e4tze in den Mund &#8211; sozialchauvinistisch, engstirnig,                 ideologisch verbr\u00e4mt &#8211; die immerhin ein erstes Fragezeichen hinter                 das Heldenbild der ehemaligen K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer setzen.                 Auch Lilianas Gewaltbereitschaft kommt im Roman durchaus zur Sprache.                 Sie wird allerdings eher abseitig behandelt, denn es dominiert                 &#8211; mit Recht &#8211; noch die Darstellung eines unendlich viel gewaltt\u00e4tigeren                 Regimes. ((19)) <\/p>\n<p>Osorios leicht s\u00fc\u00dfliche, erinnerungsdidaktische Fiktion war (noch)                 kein ernsthafter Versuch der Aufarbeitung. Die fiktionalen Fragen                 an ehemalige K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer sollten in den Folgejahren                 allerdings sp\u00fcrbar unbequemer werden. <\/p>\n<p>Ein bemerkenswertes Beispiel hierf\u00fcr ist der Roman &#8222;Das Kaninchenhaus&#8220;                 der argentinischen Exil-Autorin Laura Alcoba. Erz\u00e4hlt wird aus                 der Perspektive eines Kindes, das von seinen Eltern zur\u00fcckgelassen                 wird, damit sie sich dem bewaffneten Kampf anschlie\u00dfen k\u00f6nnen.                 Das titelgebende Kaninchenhaus wird zum Schutzraum f\u00fcr die Tr\u00e4ume                 des Kindes, das nicht verstehen kann, warum es keine Eltern haben                 darf. ((20)) <\/p>\n<p>Kaum ein anderer Autor jedoch hat die kritische Auseinandersetzung                 mit der eigenen Vergangenheit so vehement herbeigeschrieben wie                 der Ex-<i>Montonero<\/i> Mart\u00edn Caparr\u00f3s mit seinem Roman &#8222;Wir                 haben uns geirrt&#8220;. <a name=\"21\"><\/a>((21)) <\/p>\n<p>Sein Werk \u00e4hnelt \u00fcber weite Strecken einem zornigen Pamphlet.                 Protagonist Carlos ist ein verbitterter Altlinker, m\u00f6glicherweise                 ein Ex-<i>Montonero<\/i>, und ein Muster an Lebens\u00fcberdruss. Er                 kann sich nicht einmal aufraffen, Nachforschungen \u00fcber das Schicksal                 seiner unter der Diktatur ermordeten, schwangeren Frau anzustellen.                 Er verweigert jede Erinnerung, die Konsequenzen haben m\u00fcsste.                 Stattdessen versucht er, sie zu zerreden. Und wei\u00df das auch genau:                 &#8222;Wir sind ja so feige: Wir glauben, das Wort k\u00f6nne uns erl\u00f6sen.                 Wir denken, es gen\u00fcge, bestimmte Dinge zu sagen, und schon st\u00fcnden                 wir \u00fcber ihnen. Die Stra\u00dfe ist voller Schlagl\u00f6cher, und ein Schild                 warnt &#8218;Vorsicht, Stra\u00dfensch\u00e4den&#8216;; der Belag wird dadurch nicht                 besser, aber keiner kann behaupten, man habe es ihm nicht gesagt&#8220;.                  ((22)) <\/p>\n<p>Die siebziger Jahre sind f\u00fcr Carlos eine Zeit wehm\u00fctigen Andenkens,                 seine eigentliche &#8222;Lebenszeit&#8220;. Gelegentliche kritische Fragen,                 die er sich im Stillen zu seinen Handlungen und seiner Verantwortung                 stellt, kratzen das idyllische Bild zwar an, d\u00fcrfen es aber keinesfalls                 zerst\u00f6ren. Die leblose, starre Erinnerung an &#8222;fr\u00fcher&#8220; ist f\u00fcr                 Carlos die Rechtfertigung seiner Unt\u00e4tigkeit in der Gegenwart                 und die Ursache seiner sozialen L\u00e4hmung. Ein verheerendes Detail                 in Carlos&#8216; Leben wird im Roman zu einem besonders drastischen                 Sinnbild f\u00fcr eine Generation, die sich wie schiffbr\u00fcchig an die                 Planke ihrer pseudoheroischen Vergangenheit klammert: Carlos verfault                 innerlich! Eine widerlich stinkende, unerkl\u00e4rliche, schwarze Substanz                 rinnt ihm aus den Eingeweiden und bringt ihn schlie\u00dflich dazu,                 doch noch t\u00e4tig zu werden, ehe es mit ihm zuende geht.<\/p>\n<h3>Zuletzt&#8230;<\/h3>\n<p>Eine wesentliche Vorbedingung f\u00fcr die kritische Auseinandersetzung                 mit der linksradikalen Gewalt in Argentinien war die neuerliche                 Strafverfolgung der Diktaturverbrechen und ein gesellschaftliches                 Klima, das ein Schweigen \u00fcber diese Verbrechen nicht l\u00e4nger zul\u00e4sst.               <\/p>\n<p>Ein Teil der kritisch-literarischen Intelligenz scheint nun nicht                 l\u00e4nger bereit zu sein, mit Blick auf die linksradikalen bewaffneten                 Gruppen der 70er Jahre weiter <i>Motivationen<\/i> vor tats\u00e4chlichen                 <i>Handlungen<\/i> gehen zu lassen. Denn wohl kaum jemals hat der                 Zweck die Mittel so wenig geheiligt wie im bewaffneten Kampf der                 70er Jahre. Das Prestige, das die emanzipatorischen Ziele der                 <i>Montoneros<\/i> (und anderer) in Argentinien bis heute genie\u00dfen,                 erkl\u00e4rt sich nicht zuletzt aus der blutgierigen, stupiden und                 ignoranten Dumpfheit ihrer politischen Gegnerinnen und Gegner.               <\/p>\n<p>Die Tatsache, dass die Verbrechen der Junta zu den gro\u00dfen Menschheitsverbrechen                 des 20. Jahrhunderts z\u00e4hlen, reicht in Argentinien aber nicht                 mehr aus, um eine Diskussion \u00fcber die Verantwortung der bewaffneten                 Linken an der grausigen Apotheose der Gewalt der 70er Jahre zu                 verweigern. Denn extreme Gewalt dieser Art entsteht nicht aus                 dem Nichts. Sie hat immer einen &#8222;Vorlauf&#8220;.<\/p>\n<p>Auch die bewaffnete Linke trug dazu bei, dass Gewalt in Argentinien                 zu einer Allt\u00e4glichkeit wurde, dass politische Meinungsverschiedenheiten                 mit der Waffe ausgetragen wurden und alternative Formen gesellschaftlicher                 Ver\u00e4nderungen immer weniger m\u00f6glich waren. Es wird interessant                 sein zu beobachten, wie sich der &#8222;Kampf um die Erinnerung&#8220; an                 die <i>Montoneros<\/i>, den <i>ERP<\/i> oder den <i>FRA<\/i> weiter                 entwickelt. M\u00f6glicherweise werden noch einige Romane wie &#8222;Das                 Kaninchenhaus&#8220; oder &#8222;Wir haben uns geirrt&#8220; geschrieben werden                 m\u00fcssen, damit der durch die politische Kultur Lateinamerikas geisternde                 <i>Guerillero<\/i> endlich Ruhe finden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der linksrevolution\u00e4re bewaffnete Kampf der siebziger Jahre war, wie der politische Aufbruch des vorherigen Jahrzehnts, ein globales Ph\u00e4nomen. &#8222;Er war keine Marginalie&#8220;, schreibt die Sozialforscherin Pilar Calveiro, die durch die H\u00f6lle der argentinischen Folterzentren ging: &#8222;Die Anwendung von Gewalt wurde quasi zur conditio sine qua non f\u00fcr die radikalen Bewegungen jener Jahre&#8220;. 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